Lektion 37 oder Die Spaltlichtwesen

Tyrrin Hexenkater und die Regularien der Spaltlichtpost
Nun, ein bisschen eigenartig war es schon. Sie redeten und redeten. Dabei war im Grunde gar niemand zu sehen.

Außerdem machten mich diese wandelnden Unschärfen langsam aber sicher duselig im Kopf. Ich hatte den jähen Eindruck, dass, sobald eines von ihnen das Wort ergriff, es mindestens genau hinter meinem Rücken stand, weshalb ich mich natürlich dorthin umwandte. Auf Dauer ein echter Teufelskreis. Aber wie schon gesagt, zu sehen war deshalb noch lange nichts.

Bis gerade eben war ich ehrlich sogar noch der festen Überzeugung gewesen, dass ich mich lediglich mit A-Ber unterhielt. Allerdings hatte ich nicht bemerkt, wie ich längst zum wiederholten Mal das Zentrum des allgemeinen Interesses avanciert war. Gut, genaugenommen hatte ich gegen ein gesundes Maß an Aufmerksamkeit nichts einzuwenden. Nur, das gegenwärtige Thema der unermüdlich voranschreitenden Gespräche – und ja, ich bin mir sicher, dass es weit mehr als nur eines waren – gefiel mir nicht.

„Wir haben Regularien für so etwas. Jawohl, sehr klare, eindeutige Regularien.“

„Aber nicht für so etwas.“

„Es hat recht. Einen solchen Vorfall hatten wir bisher nicht. Demzufolge wäre das mit den Regularien ...“

„Wir hatten sehr wohl gewisse Vorfälle, bei denen die Regularien auf die gleiche Art gebrochen wurden. Die Strafe dafür ist eindeutig.“

„Trotzdem gibt es ein Problem.“

„Ach ja, und welches?“

„Normalerweise sitzt die Ursache für den Regularienverstoß nicht hier. – Bei uns ...“

Die Spaltlichtwesen schwiegen.

„Ich bin keine Ursache“, nutzte ich diesen Moment zur allgemeinen Aufklärung.

„Ach, bist du nicht?“ Ich erkannte A-Bers Stimme. „Der Verstoß geschah während einer Postleistung, ausschließlich angedacht für dich und sonst für niemand anderen. Du warst da als es geschah. – Klingt das für dich nicht nach einer Ursache, die durchaus in dir begründet liegen könnte?“

„Ich wollte von Wen-N wissen, wo Old Lady ist“, sprach ich ungeachtet der vorangegangenen Ausführung.

„Du bist sehr jung, nicht wahr?“, fragte die Stimme, die vorhin vor all den versammelten Spaltlichtern dieses eigenartige Lied gesungen hatte.

„Oder einfältig“, räumte ein weiteres Stimmchen ein. „Weder das eine noch das andere schützen es vor der regulariengemäß angedachten Strafe ...“

„Die wir aber gar nicht haben“, meinte A-Ber. „Un-D hat recht, das Tyrrin ist noch jung.“ Das Spaltlicht machte eine kurze Pause und ich wurde das Gefühl nicht los, dass es mich eingehend betrachtete. „Schön. Womöglich ist es auch einfältig. – Wenn man es allerdings im Hinblick auf seine Artgenossen beurteilt ...“

„Einfältigkeit ist nicht das Gleiche wie etwas nicht zu wissen“, unterbrach Un-D A-Bers Gerede und wandte sich – zumindest meiner Ahnung nach – an mich. „Du weißt gar nicht, worum es geht, ist es nicht so? – Woher solltest du auch. In der Welt, aus der du stammst, redet man nicht über uns.“ Das Spaltlicht kicherte. „So sind die Soliden. Sie reden dann und wann recht viel, aber lange nicht mit jedem. – Ein Glück für unseresgleichen.“

„Ich ... Äh ... Ich verstehe?“, meinte ich.

„Hervorragend!“, frohlockte Un-D, „Dann können wir endlich ...“

„Nein, nein nein. Er versteht doch nichts.“ Ich kannte diese Stimme. „Rein gar nichts versteht er.“

„Ob-Gleich!“, rief ich erfreut, schließlich doch etwas Bekanntes an diesem fremden Ort entdeckt zu haben, und tigerte auf der Suche nach dem vertrauten Anblick einmal um mich selbst herum. Dann fiel mir auf, dass ich weder Ob-Gleich noch dessen Gesicht jemals gesehen hatte.

„Ob-Gleich ...?“, fragte ich nun verunsichert.

„Ich bin hier drüben“, schnarrte es ungnädig.

„Ob-Gleich!“, wandte ich mich jetzt bewusst der Stimme zu. „Hast du Wen-N gesehen – äh ... oder so?“, ergänzte ich in Anbetracht der hier offenbar nicht immer vorhandenen Sichtbarkeit von Dingen, Wesen und Personen.

„Wir entscheiden hier im Augenblick über die Strafe deines Vergehens“, protestierte ein Stimmchen irgendwo in der durchscheinend verzerrten Gruppe. „Also lenke gefälligst nicht vom Thema ab.“

„Nicht doch“, widersprach Un-D, „Zunächst müssen wir uns um das richtige Verständnis bemühen.“

„Meinst du, wir haben so viel Zeit?“, wandte A-Ber ein. „Ich finde, es ist wirklich einfältig.“

„Doch, doch, wir haben soeben gespeist und bis zur nächsten Mahlzeit ist noch mehr als genug Zeit. – Der Umgang mit den Jungen erfordert stets Geduld, ist jedoch umso fruchtbarer je großzügiger man diese gewährt.“

„Er ist keine Jungseele“, sagte Ob-Gleich harsch.

„Trotzdem begreift und tut es Dinge, die es nicht begreifen und nicht tun sollte.“ Aus A-Bers Bemerkung meinte ich eine wankelmütig abwägende Neugier herauszuhören.

„Das denke ich auch“, stimmte Un-D geduldig zu. Dennoch regte sich in mir eine Art tief bohrendes Gefühl.

„Was ist es, das ich nicht tun oder begreifen sollte?“, machte ich meinem Unmut laut und trotzig Luft. Es behagte mir nicht, wie die Spaltlichter gleichzeitig mit mir und über mich redeten.

„Sagen wir einfach“, erklärte A-Ber, „wenn du so wärst, wie du sein solltest, wärst du nicht hier bei uns und würdest mit Sicherheit nicht derart viele Fragen stellen oder Wünsche äußern.“

Ich blickte unschlüssig dort hin, wo ich das unscheinbare Wesen unter den Seinen vermutete.

„Das muss nichts Schlechtes sein“, redete Un-D zuversichtlich auf mich ein.

„Vorausgesetzt es kommt zu keinem Vorfall“, ergänzte Ob-Gleich verdrossen.

„Eines nach dem anderen“, wies Un-D es umgehend zurecht, worauf sich das fürsorgliche Scheinwesen noch einmal an mich wandte, „Dort, wo du herkommst, nennt man uns Spaltlichter, wie?“

Ich nickte.

„Wohl an“, fuhr Un-D fort und ich entdeckte, wie sich seine Farbe änderte und Stück für Stück – wie während seines Geschichtenliedes – eine unbestimmte Struktur erkennen ließ. „Dann werde ich der Einfachheit halber bei dieser Bezeichnung bleiben. – So denn ... Wie mache ich doch gleich weiter ...?“

„Nu-N hat erwähnt, eine Briske hätte dich versehentlich in unsere Welt gelassen“, sprang A-Ber stellvertredend ein.

„Sie wollte mich zurück und ganz und gar woanders hinschicken“, beschwerte ich mich mit empörtem Nachdruck.

„In der Tat ... immer diese Brisken ...“, fühlte irgendwo ein Stimmchen mit mir mit und seufzte.

„Aber du verstehst“, fuhr A-Ber fort, „dass es die Brisken sind, die von hier aus die Verbindung zu deiner Welt herstellen?“

„Ich denke, ich verstehe das“, meinte ich.

„Gut. – Die Brisken sind außerdem unsere Verbindung zu anderen Welten?“

„Was sind das für Welten?“, erkundigte ich mich.

„Das ist jetzt unwichtig“, blockte A-Ber meine Frage ab.

„Wenn du möchtest, erzähle ich dir das später“, warf Un-D leise und nur an mich gerichtet ein, worauf – wie ich zu bemerken glaubte – A-Ber es eines höchst mürrischen Blickes würdigte und sich durch eine vage Farbveränderung von den anderen kaum sichtbaren Wesen abzeichnete.

„Wir Spaltlichter leben von dem, was wir erfahren“, übernahm Un-D kurzerhand die Unterweisung. „Wir ernähren uns von Wissen, Eindrücken, Gefühlen – und ganz besonders lieben wir Geschichten. – Magst du auch Geschichten?“

Ich überlegte. „Wenn es nicht diese mit den Büchern sind ... – Aber es müssen Drachen drin sein. Gute Geschichten haben immer einen Drachen drin.“

„Unfug“, sagte Ob-Gleich und ein zustimmendes Raunen murmelte durch die Gruppe unscheinbarer Wesen.

„Geschichten mit Drachen neigen oft dazu, recht spannend zu sein.“ Un-D kicherte. „Es steckt sehr viel Kraft in einer guten Geschichte, weißt du? Je besser sie ist, desto besser schmeckt sie uns. – Obwohl Geschmäcker zweifelsohne sehr unterschiedlich sein können.“

„U-nD will darauf hinaus, dass einige von uns in deine und die anderen Welten reisen, um mehr und vor allem neue Geschichten zu erfahren.“ Hätten die Spaltlichter eine Gestalt ähnlich derjenigen der Menschen gehabt, hätte ich A-Ber jetzt vermutlich verschlagen grinsen sehen. „Am einfachsten kommen die Geschichten zustande, indem wir Botschaften von einem Absender an einen Adressaten übermitteln.“

„Botschaften, die vertraulich und geheim und nur für ihren jeweils angedachten Adressaten bestimmt sind“, betonte Ob-Gleich.

„Ja, Botschaften, die sich eben aus diesem Grunde besonders spannend gestalten“, fügte Un-D hinzu.

„Oder Botschaften voller Liebe und Zuneigung und Romantik ...“, schwärmte ein Spaltlichtwesen unweit hinter mir.

„Nicht zu vergessen die pikanten Feinheiten oder Anzüglichkeiten ... Ghihihi ...“, kicherte ein anderes.

„Trotzdem sind und bleiben sie geheim“, wiederholte Ob-Gleich beharrlich. „Das ist die oberste Prämisse für das Postprinzip. Eine Botschaft darf nur zu ihrem Adressaten gelangen und niemandem sonst! Wir Übermittler spinnen daraus zwar unsere Geschichten für die Heimatseelchen, aber alles andere würde das Vertrauen in uns und unsere Fähigkeiten erschüttern. – Eben dieses Vertrauen haben Wen-N, du und dein Menschbegleiter gebrochen. Ihr habt euch eine Botschaft angeeignet, die ihr euch nicht hättet aneignen dürfen!“

„Aber Wen-N hat doch gar nicht so viel über Old Lady gesagt“, widersprach ich.

„Davon spricht es nicht, Tyrrin“, sagte ein einst vergnügtes und nun bedauernswertes Stimmchen neben mir. „Ob-Gleich meint unser Gespräch, welches du, ich und der Mensch geführt haben.“
Ich sah mich um – und sah Wen-N. Ja, und dieses Mal meine ich wirklich im Sinne von sehen und erkennen.

Es hatte tatsächlich eine Form. Keine besonders neue Form. Es handelte sich nämlich um die doch recht menschenähnliche Gestalt, die es schon bei unserer ersten Begegnung gezeigt hatte. Trotzdem. Die Farbe dieses Spaltlichts war jetzt eine völlig andere. Mal abgesehen davon, dass es zuvor gar keine Farbe gehabt hatte – oder bestenfalls eine, die sich in den dunklen Ecken, in welchen ich es gesehen hatte, nicht sonderlich von der Umgebung abgehoben hatte. Jetzt zeigte sich Wen-N in einem von dünnen dunkelgrünen und verwundenen Linien durchzogenem Schwarz.

„Wen-N ...“

Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie sich rings um mich her auch die anderen Spaltlichter in gleicher Weise verdunkelten, zudem gaben sie sich ungewöhnlich still ...

„Es tut mir leid, dass ich die Regularien der Post gebrochen habe“, sprach Wen-N in bedrückter Demut. „Ich habe unbedacht gehandelt und ich möchte mich entschuldigen, dass ich dich, Tyrrin, und deine Begleiter auf diese Weise in Schwierigkeiten gebrach habe ...“

„Ich hatte ja gesagt, dass es für den übermittelnden Postdienst nicht bereit ist“, sagte Ob-Gleich.

„Hätte besser noch im Beobachtungsdienst bleiben sollen“, pflichtete ihm eines der anderen 
Spaltlichter bei.

„Es gibt gute Gründe für die Regularien.“

„Aber wie soll eines die Regularien verinnerlichen, wenn es sich kaum, dass es durch die Brisken reisen darf, in einer Gestalt verschließt?“

„Das ist nicht richtig.“

„Ein wahres Wort. Eine solche Entwicklung ist noch niemals gut gegangen.“

„Es ist doch nur krank“, stellte plötzlich Un-D sich fürsorgend den Vorwürfen entgegen, „Bemerkt ihr das denn nicht?“

Ein Tuscheln und zischendes Raunen zwitscherte durch die Spaltlichterwesen um mich her. Ihre Farbe begann sich aufzuhellen, jedoch in ganz unterschiedlichen Nuancen. Einige wurden sogar wieder völlig farblos.

„Nichtsdestotrotz hat es einen rüden Verstoß begangen“, gab A-Ber zu bedenken. „Die Regularien sehen dafür einen Ausschluss von allen weltenfremden Diensten vor.“

„Aber so kann es nicht hier bleiben!“, rief ein Stimmchen beinahe entsetzt, „Was ist, wenn seine Gestalt zum Beispiel wird? Was, wenn die Jungseelchen ihre freimütige Aufgeschlossenheit verlieren?!“

„Das ist keineswegs gesetzt ...“, wandte Un-D nachsichtig ein, wurde jedoch von A-Ber unterbrochen.

„Gleichermaßen ist es keineswegs gesetzt, wo sich ein aus dem Dienst gebanntes Spaltlicht aufzuhalten hat, wenn der Ausschluss aus dem weltenfremden Dienst vollzogen wird.“

„Meinst du etwa ...“, schlussfolgerte ein Stimmchen aus der Gruppe – nicht ohne zweifelndes Bedenken.

„Bevor es aber dazu kommt“, räumte A-Ber sachlich ein und begann sich mit seiner schwer zu deutenden Art neuerlich an mich zu richten, obwohl es in der Tat gar nicht mit mir, sondern all den andern sprach, „müssen wir die Form gemäß der Regularien bewahren. Erst einmal sehen diese nämlich vor, dass – unter gewöhnlichen Bedingungen – der Absender und der Adressat über den Verstoß und die Namen der unerlaubt informierten Dritten benachrichtigt werden. Inwieweit ist das bereits geschehen?“

„Den Absender konnte ich bereits in Kenntnis setzen“, berichtet Ob-Gleich unumwunden. „Der Adressat jedoch war bis jetzt nicht wieder zu erreichen. Allerdings könnte – bedenken wir den Inhalt der mitgeteilten Botschaft – durchaus die Möglichkeit bestehen, dass er unter gewissen Umständen nie wieder für uns erreichbar sein wird.“

„Ein Glück für die unerlaubt informierten Dritten“, murmelte ein Stimmchen unwirsch.

„So besagen es die Regularien“, bestätigte A-Ber. „Sollen die Soliden selbst über die Bestrafung ihresgleichen richten, wie es in solchen Fällen üblich ist. – Deshalb schlage ich euch vor, dass wir das Tyrrin unbehelligt zu den seinen zurückschicken.“

Ein zustimmendes Murmeln summte durch die Spaltlichtwesen – worauf ein bedächtiger Moment des Schweigens folgte.

„Was nun Wen-N anbelangt ...“ A-Ber entrang sich ein leises Seufzen. „Zur Strafe wird es in die nächstbeste fremde Welt entsendet, wo es aus dem Dienst entlassen und bis zum Ende bleiben wird.“ Das Spaltlicht machte eine bedeutungsvolle Pause. „Stimmt ihr dem zu?“

„Einverstanden.“

„Einverstanden.“

„Einverstanden.“

Das befürwortende Gemurmel der Spaltlichtwesen ging mit einem zunehmenden Verlust der letzten Farbigkeit einher. Allein Wen-N wandelte sich nur in eine Art grünstichig meliertes Grau.

„Wen-N, wie lautet deine Antwort?“, erkundigte sich Un-D, welches nur schwerlich in der Lage war, seine eigene Wehmut zu verbergen.

„Ich bin ebenfalls einverstanden“, flüsterte es.

Mich zu fragen, hatte man bis hier hin allerdings voll und ganz vergessen.

„Aber Wen-N wollte mir doch helfen und Old Lady finden!“, rief ich kurzerhand. „Wie soll es das machen, wenn es sonst wo hin ist, wohin Old Lady niemals gehen würde?“

Ja, genau – und da! Da sah ich es schon wieder – obwohl, so richtig sah ich es natürlich ja gar nicht. Dennoch wusste ich – rein aus Instinkt – dass es wirklich und wahrhaftig da war, nein, dass es da sein musste. A-Ber lächelte. Jawohl, es lächelte, als habe es längs haushoch gewonnen. Doch wusste ich nicht welches Spiel. Stattdessen sagt es nur leise: „Gar nicht.“

Schon gewusst? ^_^

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