Lektion 34 oder Weg nach anderswo

„Hinterher!“, rief eine ferne Stimme. Genau genommen die Stimme eines Menschenmannes, wenn mich nicht alles täuschte. „Haltet ihn auf, bevor er in den Saal gelangt.“

„Da sind noch mehr von ihnen!“


Ich wusste nicht mehr, wie es geschehen war, doch so gut wie alles tat mir weh.

„Karel, Karel“, hörte ich Joscha flüstern, „Kannst du aufstehen? Schnell?“

Warum war es hier so nass? Und wonach stank es nur so plötzlich hier? Dieser furchtbar süßlich eiserne Geruch, den ich schon einmal ...

„T-t-tyrrin?“, stöhnte Karel. Ich vernahm, wie er sich unweit von mir aufsetzte.


„Das darf doch nicht wahr sein!“, tönte ein herrischer Menschenmann von oben.


Es gelang mir trotz des Dröhnens in meinem Kopf und des für mein Empfinden viel zu hellen Lichtes die Augen aufzuschlagen. Wir – Karel, Joscha und ich – saßen, lagen beziehungsweise hockten unten am Fuß der Treppe. Nur sah dieser jetzt völlig anders aus als noch vor wenigen Sekunden. Ich bemerkte, dass ich mit meinen Vorderpfoten in einer dunkelroten Pfütze stand, die sich unbehaglich warm anfühlte und langsam auf dem Boden ausbreitete. Weit mehr Bedenken weckte in mir jedoch das ungesund ins Graue schlagende Gesicht jenes Menschenmannes, der sich nur einige Augenblicke zuvor etwas schneller als wir durch den überfüllten Vorraum gedrängt hatte und jetzt in einer ungelenken Pose zwischen meinem Begleitern und mir rittlings und mit dem Kopf nach unten teils auf der Treppe und teils auf dem sich rot färbenden Boden lag.

„Helft mir“, sagte der Mann so leise, dass nur ich aber offenbar auch mein Assistent und Karel es vernahmen.

„Karel“, zischte Joscha, worauf mein Mitbewohner mit einem heftigen Ruck zusammenzuckte und ihn – wenn auch etwas abwesend – ansah.

„S-s-s-sein A-a-a-a-arm ...“ Dann blickte er wieder auf den fremden Mann herab. Und ich machte das Gleiche.

Erschrocken sprang ich einen Satz zurück, als ich realisierte, was es mit dieser warmen roten Lache auf sich hatte. Denn dieser so plötzlich von oben herab gefallene Menschenmann ... Ihm fehlte der jetzt rechte Arm, wenn nicht sogar ein Teil von seiner rechten Schulter! Ja, und eben dort, wo diese Sachen hingehörten, klaffte nun in seiner ausgefransten Oberkleidung ein großes, nasses rotes Loch.
„Ich ... Ich will sofort hier weg!“, rief ich und hechtete in die Richtung, wo ich die letzte Tür vermutete. Wirr und verzweifelt um mich blickend fand ich sie in exakt dem gleichen Zustand, in dem wir sie verlassen hatten.


„Joscha, bist du das?“, fragte jemand von oben die Treppe hinab.


„Karel. – Karel, hör mir zu.“ Joscha packte den Angesprochenen mit festem Griff an der Schulter und schüttelte ihn mit einem kräftigen Ruck. „Karel, wir müssen sofort hier raus. Und wir müssen diesen Mann ...“ Er deutete auf den Verletzen. „Wir müssen ihn von hier weg bringen. – Karel, verstehst du mich?“

„J-ja ...“, bestätigte Karel langsam.


„Ist ... Ist das etwa der Mutwill?“, tönte es erneut von oben. Doch dann setzten schon die schweren Schritte ein, mit denen die sich am Kopf der Treppe sammelnden Personen die Stufen hinunter polterten.


„Ich will hier raus!“, brüllte ich stattdessen wie am Spieß und kratze rasend vor Panik an der Tür, dass sich jeder meiner Pfotenhiebe tief mit dünnen Linien in das Holz grub und darauf zugleich feuchte rote Schlieren hinterließ.

Karel und Joscha hatten dem verletzten Mann – so gut es in dieser Lage ging – unter die Arme beziehungsweise um die Taille gegriffen und hoben ihn unter schwerem Stöhnen von den Stufen auf.

Unweit hinter ihnen stürmten die anderen Menschen von oben auf sie herab und ich meinte zu erkennen, wie sich Joscha hastig in die Jackentasche griff und die zwei milchigen Kugeln, die Riva ihm vor unserem Aufbruch gegeben hatte, hervorzog ...

Doch da! Dann endlich passierte es, dass sich das widerspenstige Holz unter meinem beständigen Schlagenden in Bewegung setzte. Zögernd aber unweigerlich öffnete jemand in dem großen Raum die Tür und damit eine Spalt direkt vor meiner Nase.

Ich hetzte los, ab durch die Beine des verdutzten Menschenmannes, der mir soeben meinen Weg bereitet hatte.

Nein, rein gar nichts hielt mich noch in dieser grauenvollen Treppenkammer. Lieber sprang ich im Zickzack an den zahllosen Schuhen und Stiefeln vorbei, die sich bei meinem Einfall völlig unsortiert vor mir in Bewegung setzten.

Joscha und Karel waren – den schmerzlich stöhnenden Mann zwischen sich – nur wenige Schritte hinter mir und hatten den engen Raum noch gerade rechtzeitig verlassen. Denn ihnen wiederum folgte nicht – wie zu erwarten – die aufgebrachte Menschengruppe, sondern dieser beißend erstickende weiße Qualm, der mir und Pichel erst vor wenigen Tagen, als wir versehentlich in diesem grellen Bücherzimmer mit den fahrenden Regalen gelandet waren, einen gehörigen Schreck fürs Leben eingejagt hatte. Keine Ahnung, was im Augenblick hinter mir auf der Treppe geschah, aber ich war froh nicht dort zu sein, um womöglich Genaueres zu erfahren.

„Was ist passiert?“, rief irgendwo der Besitzer eines dieser inzwischen sichtlich aufgeregten Schuh- und Stiefelpaare. Es dauerte kaum länger als einen Atemzug, bis auch sie die Situation erfassten und sich schleunigst auf den Weg zum Ausgang machten. – Wer war ich, dass ich ihnen dies verübeln wollte?

Nichtsdestotrotz war ich längst wenige Meter vor der Tür, ehe die eng gedrängten Menschenmänner vollends in Bewegung gerieten und das Gespann meiner – nun – drei Begleiter mit sich rissen. Es war laut – bei weitem lauter als während der vorherigen Unterhaltungen und Gespräche – und die ohnehin schon schlechte Luft verwandelte sich zusehends in einen ungenießbaren Dunst, der allen Anwesenden in Nase, Hals und Augen brannte.

Weder klar bei meinen Sinnen noch in Gedanken ließ ich all das hinter mir und raste noch vor den ersten Menschen in das nächste Zimmer, wo uns – eigentlich vor gar nicht allzu langer Zeit – der alte Mann in Schwarz in Empfang genommen hatte. Im Augenblick jedoch war von diesem verhängnisvollen Personalmenschen weit und breit nichts zu sehen. Andererseits hatte ich auch nicht den Wunsch nach ihm zu suchen. Ich wollte schlicht und einfach raus. Ohne Sinn und Verstand raus aus diesem Temporalsymposium. Raus aus diesem verschachtelten Eingangsvorzimmer. Raus aus diesem tickenden und klickenden und ratternden und knatternden ...

Da! Ich konnte es schon hören! Offenbar war der Lärm aus dem großen vollen Zimmer bis zu dem roten Menschenmann und damit bis vor die von ihm bewachte Eingangstür gedrungen. Ähnlich wie aus den anderen Türen, die links und rechts von dem mit hohen Tischen und Pflanzen verstellten Vorraum abgingen und aus welchen die neugierigen Gesichter weiterer fremder Menschenmänner schauten, warf auch der rote Mann einen ernsten Blick diesen Raum. Aber sollte er nur glotzen und warten bis auch ihn die giftig weißen Schwaden ereilten. Ich stattdessen nutze nur die Gunst der Stunde und flüchtete durch die wegen seiner Neugier offen stehende Tür dem lauter werdenden Ticken und Klackern entgegen.

In der riesigen Halle angelangt hastete ich wie der Teufel unter den Tischen sowie zwischen Kisten und Kartons hindurch, über Bänke, Bänder und allerlei lärmendes Zeug hinweg und an nicht enden wollenden Karawanen von Menschen vorbei, die von dem Geschehen hinter dem zweiten Eingang scheinbar noch nicht das Geringste ahnten. Doch auch das scherte mich nicht. Denn ich wusste Bescheid, wusste, wo ich nicht sein wollte, und wusste, dass ich hier schleunigst raus und weiter musste. Weiter an diesem ersten Eingang vorbei, an welchem Joscha, Karel und ich heute eine Ewigkeit lang angestanden hatten. Weiter an der wohl sortiert stehenden Menschenreihe vorbei, die immer noch auf ihren Einlass durch den ersten Eingang wartete. Weiter hinaus auf den freien Platz, der sich vor diesem riesigen Gebäude erstreckte und auf welchem sich eigenartig gleich gekleidete Menschenmänner und Menschenfrauen in dunkelgrünen Hosen und Hemden einfanden, um sich in Reihen oder strukturierten Gruppen zu postierten. Weiter in eine dieser Straßen, die ich schon kannte oder auch nicht. Weiter, vorbei an weiteren Gebäuden und Straßenzügen, die mir mehr oder weniger bekannt vorkamen. Weiter, herum um diese Toilettenhäuser, in denen man auch etwas zu Essen bekam. Weiter, weiter, weiter und weiter vorüber an diesem Schild und dieser Tür ...

Nein ...

Ich blieb stehen.

Hier nicht weiter ...

Ich kannte dieses Schild nur vage, dafür jedoch diese Tür umso genauer – wenn auch von ihrer anderen Seite.

Jawohl, ich durfte das Wichtigste nicht aus den Augen verlieren, es nicht vergessen. Ich wollte, nein, ich musste doch Old Lady finden oder wenigstens einen Hinweis, wo sie war oder ob es ihr gut ging.

Nun stand ich vor Old Ladys ehemaligem Haus. Das Haus, in dem ich auf diese Welt gekommen war. Das Haus, in welchem dieser Barstadl-Mannes jetzt lebte. Das Haus, in dem ich Wen-N zum ersten Mal begegnet war – und diesem alles verschlingenden Finsterdings ...

Doch dann geschah es, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Jungen und Mädchen. Ich hatte auf einmal einen derart klaren Moment, wie man ihn nicht oft in seinem Leben hat, aber in welchem man von jetzt auf gleich versteht, wie sich die verschiedensten Dinge ohne Zusammenhang zusammenfügen.

Ja, dieses Finsterdings. Diese ziehende Kraft in der Dunkelheit, die ich ja nicht nur einmal, sondern bereits zweimal und an jeweils verschiedenen Orten erfahren hatte. Genau genommen an Orten, an denen Wen-N sowohl zu verschwinden als auch aufzutauchen pflegte. Da war einmal dieser merkwürdige Kasten in diesem Büchermagazin gewesen, wo ich neben Wen-N auch Ob-Gleich in der vergangenen Nacht begegnet war. Und da war diese eine düstere Nische irgendwo jenseits dieser Tür ...

Genau, das musste der Weg sein! Oder mindestens, ja mindestens mein nächster Schritt auf meinem Weg zu Old Lady!

„Lass mich rein!“, brüllte ich mit neu gefasstem Mut und zu allem nötigen entschlossen. Dementsprechend lautstark kratzte und klopfe ich mit beiden Vorderpfoten an der unschuldigen Tür des Hauses. „Ich will sofort hier rein! Ich muss Old Lady finden und will unbedingt mit Wen-N sprechen!“

Es dauerte einige Zeit, bis die von mir erhoffte Reaktion dann endlich eintrat. Doch es dauerte lange genug, um die Aufmerksamkeit einiger vorbeiziehender Menschen zu erregen, von denen die meisten entweder in verstocktes Stottern gerieten oder ohne großes Vorgeplänkel um fielen. Nachdem irgendwann der sechste Passant unter dem irritierten Gestammel seiner Begleiterin schließlich einer spontanen Ohnmacht erlegen war, bekam ich dann auch meinen Willen.

Die Tür gab langsam unter meinen emsig kratzenden Pfoten nach ...

„Ja? ... Ahäm ... Huch!“

„Ich will erst Wen-N und dann Old Lady finden!“

Zugegeben, ich hatte weder die Lust noch die Zeit für menschliche Höflichkeiten und war schneller an dem Barstadl-Mann vorbeigehuscht, als dieser den Türspalt auf ein für sich ausreichendes Maß geöffnet hatte und damit freie Sicht auf mein versehentlich angerichtetes Publikum bekam. Tatsächlich war ich in diesem Augenblick längst hinter der muffigen und erdig riechenden Wand aus Kisten und Kartons verschwunden.

Akribisch wanderte ich still und auf samtig leisen Sohlen den schmalen dunklen Pfad entlang, auf dem sich Wen-N mir zum ersten Mal gezeigt hatte. Doch dann hörte ich, wie sich die Tür wieder schloss.

„Ähm ... Äh ... Ist da jemand?“, sagte der Barstadl-Mann gedehnt. Etwas klickte auf eine mechanische Art und Weise, als wenn Metall in Metall einmal um sich selbst rotierte. „Katze? Bist du das?“

Ich aber schenkte seinen Worten keine weitere Beachtung. Die Stelle, die ich suchte, konnte nicht mehr sehr weit sein.

„Na ... Na schön, wie du willst ...“, rief der Menschenmann verunsichert. Und plötzlich hörte ich, wie er sich – genau wie einst Joscha und Karel – daran zu schaffen machte, die mich schützende Wand Kiste für Kiste und Karton für Karton – nicht gerade leise – abzutragen.

Ich schlich schleunigst voran, jetzt deutlich behutsamer als zuvor, damit der Barstadl-Mann ja nicht auf die Idee kam, dort nach mir zu suchen, wo ich wirklich war. Und schließlich – da vernahm ich es. Weder ein Geräusch, noch etwas Sichtbares. Es war lediglich dieses Gefühl ... Ein sanftes aber bestimmtes Ziehen ...

Da war sie, diese dunkle Nische zwischen den Kisten. Viel schwärzer als jedes andere Schwarz, dass ich je gesehen hatte. Das Finsterdings.

Oder – wie ich nun zu vermuten wagte – die Tür zu Wen-N und anderswo.

„Ich ... erhem ... will dir nichts tun ...“, hörte ich den Barstadl-Mann noch wie aus weiter Ferne rufen. Aber mein Entschluss war bereits gefasst.

Nur noch ein einziges Mal atmete ich tief durch und setzte dann bedächtig eine Pfote in das Schwarz hinein. Sogleich bemerkte ich, wie mich etwas nach vorne zog und ich sachte in die Tiefe absackte. Ich setzte meine zweite Pfote nach und hielt mich selbst zur Ruhe an. Tiefer und tiefer. Ich spürte die Gegenwart dieser einsaugenden Dunkelheit und setzte langsam meine beiden Hinterläufe in diese geheimnisvolle Kraft hinein.

Kaum hatte meine vierte Pfote das alles erfassende Finsterdings berührt, war es einfach nur noch schwarz und still – bis ich ein silbrig graues Schimmern sah und mich etwas keuchend voller Mühe durch sich durch zwängte.

Schon gewusst? ^_^

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