Lektion 29 oder Warum Mensch einen Tisch vertuscht

Ich war aufgebracht. Jawohl, sowas von aufgebracht. Nervös und vor Hilflosigkeit beinahe aufgelöst stapfte ich in diesem bizarren Zimmer mit den großen dunklen Holzwänden umher.

Wen-N war fort und dieses Mal gänzlich aus meiner Reichweite entwichen. Doch viel schlimmer war für mich, dass damit das Wiedersehen mit Old Lady in noch größere Ferne rückte.

Da half des auch nicht, dass Karel mir mit unsicher ausgestreckten Armen und sorgenvoller Miene hinterher dackelte. Ich nahm an, dass er sich jede Mühe gab, mich trotzt aller Widrigkeiten doch noch zu beruhigen. Mein – wahrscheinlich sehr bald eher nicht mehr – Assistent war, was dies betraf nämlich absolut keine große Hilfe. Die ganze Zeit stand er nur da und faselte etwas von einer Uhrenschau und davon, dass er auch dafür meine Hilfe brauchte.

Ja, und wo steckte eigentlich Riva?!

Als das große helle Licht ohne jede Vorwarnung mit seinem geladen knackenden Summen angesprungen war, hatte von der bleichen Menschenfrau jede Spur gefehlt. Sogar Joscha und Karel war ihr plötzliches Verschwinden aufgefallen ...

„Mir doch egal! Ich will nicht zu dieser Uhrenschau!“, krakeelte ich dem unbeholfenen Zugriff Karels ausweichend, „Ich will mit Wen-N reden und wissen, wo Old Lady ist!“

„Die Uhrenschau ist eine internationale Veranstaltung und es werden Menschen aus vielen Ländern und der ganzen Welt da sein.“ Mein sich auf strenger Bewährung befindlicher Assistent kniete sich nieder, um besser mit mir reden zu können.

Ich schlug vor Karel einen neuerlichen Haken und umrundete ihn zur Hälfte.

„Eventuell weiß einer von ihnen, wo Old Lady sich gerade aufhält oder wenigstens wo sie sein könnte. Mit etwas Glück hat jemand sie in seinen fernen Heimat gesehen oder dort sogar mit ihr gesprochen.“

„Ja, wirklich ...?“ Ich blickte Joscha flehend an und meine aufgeregter Trab verlangsamte sich.
Hinter mir bemerkte ich, wie auch Karel sein Tempo reduzierte und – um genau zu sein – regelrecht innehielt.

„E-erzähle ihm k-keinen Unsinn“, fuhr er Joscha an, der sogleich beschwichtigend die Hände hob.

„Wenn sie in den – richtigen – Kreisen verkehrt, wär das gar nicht mal so unwahrscheinlich“, rechtfertigte sich dieser unter Verwendung seiner eigentümlich amüsierten Spitzfindigkeit.

„Old Lady ist in keinen Kreisen!“, widersprach ich lautstark und derart von meiner Ansicht überzeugt, dass ich gar nicht bemerkte, in welcher Gefahr ich mich auf einmal wähnte.

Gerade noch rechtzeitig wich ich Riva aus, die mich im Eifer ihres persönlichen Gefechts über den Haufen gelaufen hätte. Mit einer nahezu wütenden Energie und einer langen, an einem Ende leicht gebogenen und spitz verzweigten Stange aus Metall stürmte sie ungebremst auf den Tisch und die mit dem Vorhang bewährte Würfelkiste zu.

Doch dann ging es sehr schnell. Ich sah noch, wie Riva ausholte und mit besagter Stange sowie mit wildem Zorn und aller Kraft auf die besagte Kiste einschlug. Aber kaum hatte das Metall das dunkel glänzende Holz berührt, hörte ich ein lautes, hartes PANG! - nur kam dieses eindeutig von oben und ertönte hinter mir. Und damit nicht genug. Wie selbst von einem Schlag getroffen flog Riva rückwärtig auf Karel zu. Aber die Stange, die sie in ihren Händen hielt ... Sie fehlte.

Mein Blick wanderte sogleich hinauf und eben dorthin, wo ich das laut krachende Geräusch verordnete. Ja, und da fand ich sie, die etwa armlange Metallstange, die sich fast bis zur Hälfte und der Länge nach in das massive Holz dieser raumgreifenden braunschwarzen Wände geschlagen hatte. Die hellen Späne und Splitter klafften wie eine frisch gerissene Wunde aus dem sonst so stoischen Gebilde – und ich spürte, das in diesem Raum soeben etwas Besonderes geschehen war. Etwas, das sowohl in Räumen als auch draußen im Freien normalerweise nicht passierte.

Karel stöhnte, als er sich unter Rivas Rücken wiederfand. Die bleiche Menschenfrau allerdings murmelte eine Reihe von kurzen, knappen und an scharfe Knacklaute erinnernden Wörtern, die ich nicht verstand und – so wie sie klangen – in meinem zarten Alter auch besser nicht verstehen sollte.
Doch dann hörte ich Joscha sehr leise etwas sagen ...

„Ein Schutzbann.“

„Ein was?“, merkte ich auf.

„Das ist ein Sauber, der denn Kasten schüdsd“, erklärte Riva mit zusammen gebissenen Zähnen, während sie sich keuchend wieder aufrappelte. „Er soll Unbefuggde davvon abhalden, di Schniddstelle su besseidiggen.“

„Also, man könnte nicht behaupten, dass er nicht funktioniert“, schlussfolgerte Joscha und ergriff das aus dem gesplitternten Holz ragende Ende der Metallstange. „Verdammt nochmal“, knurrte er, als er erfolglos daran zerrte. Er stützte sich mit einem Bein an der intakten Wand darunter ab, um eine bessere Hebelwirkung zu erzeugen. „Das Ding sitzt fest.“

„W-waren das die Sp-plaltlichter?“, erkundigte sich Karel, den Blick sorgenvoll auf das kräftezehrende Schauspiel und die eher unfreiwillige Vereinigung von Metall und Holz gerichtet.

„Nein, di Dussgeiste machen so edwas nichd.“ Riva legt ihre Hand abtastend auf den unversehrten Kasten, den sie eben noch hatte demolieren wollen. „Nichd ein Kradser“, stellte sie fest. „Nein, das stammd eindeudig von Menschenhand. Und von einer ser rabbiaden noch dasu.“

„Meinst du, da war ein böser Zauberer am Werk?“ Ich war rasch auf den Tisch gesprungen und vergewisserte mich, dass die Menschenfrau ja nichts übersehen hatte. Immerhin kannte ich mich dank Old Ladys zahlloser Geschichten bestens in derartigen Dingen aus. „Müssen wir jetzt mit dem Angriff eines wütenden und Feuer speienden Drachen rechnen, der uns allesamt mit Haut und Haar verschlingen will?“, erkundigte ich mich abgeklärt und innerlich auf alles gefasst, was immer uns sogleich ereilen würde. Oh ja, ich wusste sehr wohl, wovon hier die Rede war.

M-müssen w-w-wir?!

Riva lachte.

„Ich denke nichd, dass es soweid kommen wird.“

„Ich verstehe“, meinte ich – zugegebenermaßen ein klein wenig enttäuscht. So einen richtigen Drachen hätte ich nämlich schon einmal gern gesehen – nur vielleicht nicht ganz so hungrig, wütend oder wild mit Feuer um sich spuckend ...

Priaaach! Brumps!!!

Endlich hatte Joscha die Metallstange aus der Wand gelöst und saß nun von dem Ruck und seiner Kraft ganz überwältigt – aber mit dem Werkzeug in den Händen – auf dem Boden.

„Ich hab ihn ... es ... sie“, meinte er leicht mitgenommen und betrachtete erkennbar ratlos den eigenwilligen Gegenstand, den ihm seine Mühe soeben eingebracht hatte. „Was ist das eigentlich für ein Ding?“

„Eine Spurrrichde“, sagte Riva knapp, als sei dies mehr als offensichtlich. Als sie unserer fragenden Gesichter gewahr wurde, fügte sie unter Begleitung eines leisen Seufzens hinzu, „Damid sorgd man dafürr, dass di Buchwaggen widder auf di Schine kommen, wenn si mall aus der Spurr geraden sind. – So wi neulich, als Tyrrin und sein Freund in der Buchwaggenanlagge alles durcheinander gebrachd hadden.“

„Eine Buchwagenanlage?“, wiederholte ich ahnungslos und drängte mich dazu, mir von jedem Tag etwas ins Gedächtnis zu rufen, das zu diesem Begriff in etwa passen mochte. Ich erinnerte mich an diesen dunklen Schacht mit den vielen muffigen Büchern, dann dieses plötzliche Licht und einen fiesen erstickenden Qualm, der mich und Pichel einiges an Nerven gekostet hatte und nun – da ich genauer darüber nachsann – eine sehr verdächtige Ähnlichkeit mit den Auswirkungen der Anwesenheit eines Drachen aufzeigte. Aber eine Buchwagenanlage ...

Riva rollte verdrossen mit ihren großen hellen Augen. Dann nahm sie Joscha die Metallstange ab und legte sich diese so in die Hand, dass sie das Werkzeug an seinem langen massiven Ende umfasste.

„Wirr müssen uns beeilen“, sagte sie und schlug die Spurrichte mit ihrem in zwei dünne Spitzen verzweigten Teil neben mir in das bisher unversehrte Holz der Tischplatte.

„Was soll das!“, brüllte ich. Vor Schreck war ich hinter dem Würfelkasten in Sicherheit gesprungen und bedachte Riva nun mit einem strafenden Blick des Missfallens. Doch entweder machte sie das mit Absicht oder sie bekam davon wirklich gar nichts mit.

Wieder strich sie prüfend mit ihren Fingern über das Holz, dieses Mal jedoch über dasjenige der Tischoberfläche. Ich entdeckte zwei kleine unscheinbare Einkerbungen im Furnier, die eben ganz sicher noch nicht dort gewesen waren.

„Diser Deil ist nichd geschüdsd“, stellte die Menschenfrau mit gefasster Ruhe fest. „Abber das Maderiall ist su massiv und wirr habben wedder di Seid noch di Middel, mid unserem Gerädd hir ansusedsen.“

„Soll das heißen, du wusstest gar nicht, ob dir das Ding nicht wieder um die Ohren fliegt?!“ Joscha sprang auf. „Was, verdammt nochmal, bezweckst du damit überhaupt? – Wenn wir den Grauen Weiher auf unser Treiben hier aufmerksam machen wollten, dann haben wir es jetzt offiziell geschafft. Allein dieses Loch in dem Archivschrank ist schon nicht zu übersehen.“

„Du ... ir habd es immer noch nichd begriffen.“ Riva sah erst Joscha und schließlich Karel einen Moment lang an.

„W-was denn?“

„Es sted nichd sur Debadde, ob der Weiher auf uns aufmerksamm wird, sondern nurr wann er seine Jaggd auf uns eröffned.“ Sie wandte sich erneut dem Tisch zu. „Die Dussgeisde habben Reggeln. Reggeln, an dennen si ser hängen und di si dahher stedds befolgen. Dasu gehhörd auch, dass Melden einer Störrung. Sum Beispil wenn eine Nachrichd an einen unbefuggden Dridden übbermiddeld wird.“

Die beiden jungen Menschenmänner und auch ich betrachteten Riva mit aufmerkamem Interesse. Diese erwiderte darauf etwas in ihrer für mich unbekannten Sprache und seufzte.

Wirr sind di unbefuggden Dridden, welche die Dussgeiste demm Grauen Weiher melden werden.“

„A ... O-oh ...“, meinte Karel.

„Ist das schlimm?“, erkundigte ich mich, nicht recht in der Lage, die Bedeutung dieser Situation zu erschließen.

„Ja, das ist es“, meldete Joscha sich zu Wort. „Sollten die Spaltlichter uns dem Weiher melden, sind wir weder in Redberg noch irgendwo sonst in Enmark vor ihm sicher.“ Sein Ton wurde leiser und verbitterte sich. „Das wäre nicht das erste Mal.“

„Schönn, dass wirr uns einig sind“, nickte Riva und klopfte tatendurstig mit dem gespaltenen Ende der Spurrichte in ihre freie Hand. „Wirr müssen di Verbindung zwischen denn Dussgeiste und demm Weiher underbrechen. Der Kondakdkasten lässt sich nichd serstörren, der Disch ist su massiv, um in su serleggen, und auch sonst beweggd das Ding sich nichd ...“

„D-das kommt, w-weil der T-tisch in den B-boden eingelassen ist.“ Karel saß immer noch ziemlich genau dort, wo er seit Rivas Sturz gelandet war. Von der Tischfläche aus sah ich, wie er an der Stelle, wo der Tisch die Holzbretter des Bodens berührte, entlang tastete. „D-die Bänke in den Hörsälen w-werden ähnlich an ihrer P-position fixiert. U-unter den Dielen müsste v-von dem Tisch m-mehrere Holzbalken im r-rechten Winkel abgehen.“

„Ach wirklich?“ Riva beugte sich entsprechend vor. So geübt, als würde sie dies ständig machen, stach sie zielsicher mit den Spitzen ihrer Spurrichte in die dünne Linie, die sich zwischen dem Tisch und dem mit Brettern belegten Boden abzeichnete. Nicht nur zu meiner Verwunderung verschwanden die beiden filigranen Metallenden ein beachtliches Stück in dieser unscheinbaren Lücke.

„Wi raffinirt ...“ Die Menschenfrau lächelte sehr angetan. „Wi immer nichd unklug dise Reddberger.“

„Hast du schon einmal nachgesehen, ob der Tisch und der Kasten nicht auch an der Wand montiert wurden?“, merkte Joscha an, der den Tisch nun von der anderen Seite begutachtete und seinen Kopf eng an die Wand drückte, um einen Blick hinter der Kasten zu werfen.

„Keine Sorge, es gibbd dord keine Verbindung“, erwiderte Riva, die nun den ziemlich überrumpelten Karel zur Seite drängte und die Spurrichte mit zunehmender Kraft in den winzigen Spalt drückte. „Das verhinderd der Schudsbann, der nach der Mondage der Kondakdvorrichdung am Disch auf ir Maderiall geleggd wurde.“

Ein leichter Ruck ging durch den Tisch, als sich die dünne Verkleidung des Fußboden mit einem gehässigen knarzen löste und so etwas wie einen schmucklosen, kantigen Holzfuß, welcher nahtlos in das Tischbein überging, entblößte.

„Und du meinst wirklich, dass es etwas bringt, wenn wir diese Kiste und alles, was sonst noch so daran hängt – entführen?“ Kritisch griff Joscha an den Tisch und rüttelte daran, wovon ich selbst jedoch nur wenig merkte. „Genauso gut, könnte der Weiher eine neue Kiste nehmen und sein Treiben eben dort fortsetzen, wo er aufgehört hat.“

Riva sah zu ihm auf, obwohl sie sich bereits an der Fußbodenverkleidung rund um das nächste Tischbein zu schaffen machte.

„Di Dussgeiste leggen ire Sugänge su unserer Weld nichd an bestimmden Orden an, Joscha. – Si binden si an gewisse Geggenstände, welche nebben demm Schuds vor demm Gesehhenwerden noch andere Vorraussedsungen erfüllen müssen. Es heisd, dass eine blosse Wand aus Lem odder eine Höle aus blankem Gestein sich zum Beispil nichd fürr eine Verbindung eigne.“

„Wir verschaffen uns durch das hier also lediglich etwas Zeit, bis der Graue Weiher einen angemessenen Ersatz gefunden hat, um mit den Spaltlichtern wieder in Kontakt zu treten“, schlussfolgerte Joscha.

Wieder durchfuhr ein verhaltener Ruck den an sich recht stabilen Tisch und wieder ertönte dieses Knarzen.

„Das war dise Seide.“ Riva erhob sich. „Jedsd noch di swei auf der anderen und dann ...“

„D-du sag mal, Riva“, machte plötzlich Karel sich bemerkbar. Er kauerte immer noch auf dem Boden, nur hielt er nun offenbar einen respektvollen Sicherheitsabstand zum restlichhen Geschehen ein. „I-ich meine, das der T-tisch schon irgendwie sch-schwer anmutet. U-und was machen wir eigentlich mit ihm, w-wenn wir ihn v-vom B-b-boden gelöst haben?“

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