Lektion 28 oder Eine oder noch mehr Fragen

Ich wurde wach, als Karel schnarchte. Aber noch ehe ich wieder so recht bei mir war, stellte ich fest: 

Ich war nicht durch Karels Schnarchen wach geworden.

Und da hörte ich es. Ganz leise und an und für sich nicht einmal ein Geräusch ...


„Tyyyyyrrinnn!!!“

„Wen-N!“ Ich sprang hastig auf, womit ich auch Riva, Joscha und Karel, der vor Schreck glatt zur Seite und damit quasi umfiel, in die Gegenwart zurück zitierte.

Ich hetzte los und stürzte noch etwas taumelig auf den Tisch hinauf zur Kiste, zögerte einen Moment – hielt das dann für unsinnig – und steckte meinen Kopf hinein.

„Wen-N!“, frohlockte ich.

„Sei gegrüßt, Tyrrin“, empfing das Wesen mich in leicht verschreckter Haltung.

Hinter mir hörte ich, wie sich die Menschen aufrappelten und allmählich um die Kiste einfanden. Doch – und auch da war ich mir sicher – für das, was ich wollte, brauchte ich sie nicht.

Voller Erwartung sah ich in die kleine schimmernde Gestalt, deren Konturen sich nur durch die unsteten Verzerrungen der Dunkelheit ausmachen ließen, an. Und gleichermaßen gewann ich den Eindruck, dass sie mich ebenso aufmerksam betrachtete.

„Wen-N“, sprach ich das unwirkliche Wesen an, „weißt du nun wo Old Lady ist?“

Das Stimmchen kicherte hell und leicht vergnügt, doch kaum wahrnehmbar, ja beinahe lautlos leise.

„Ruhig, ruhig, Kater Tyrrin“, sagte es dann sicher und mit frechem Stolz auf sein soeben angehäuftes Wissen, „Ich habe mit jemandem Gesprochen, der ganz genau weiß, dass Old Lady schon lang nicht mehr in Redberg ist. – Hilft dir das weiter?“

„Nun, ja ...“, räumte ich bedächtig ein. „Ich denke ... schon ...“

„Oh, nein, das hilft dir ganz und gar und ganz bestimmt nicht ...“, fiepte Wen-N enttäuscht und von sich selbst entrüstet. „Ich hätte mir denken können, dass du das schon weißt. – Ach nein, Ob-Gleich wird mich wieder maßregeln, wenn es davon erfährt ... Aber, oh, ich weiß etwas ... Ich frage ihn noch einmal, aber dieses Mal stelle ich mehr als eine Frage ...“

„Ist Ob-Gleich bei dir?“, unterbrach Joscha Wen-Ns Geplapper sacht.

„Wer ist da?“, zuckte das Wesen scheu zusammen.

„Mein Name ist Joscha von Hegenberg.“

Ich hörte hinter mir – oder viel mehr hinter dem Vorhang etwas, dass mich an ein Gerangel, also ein sehr, sehr langsames Gerangel erinnerte.

„Oh, verstehe. Wir kennen uns aber schon“, flüsterte Wen-N vergnügt.

„Kannst du mir sagen, ob Ob-Gleich bei dir ist?“, wiederholte mein Assistent seine Frage – und mich beschlich erneut dieses ungute Gefühl ...

„Nein, Ob-Gleich ist nicht hier“, informierte Wen-N nicht ohne Stolz. „Aber ich kann es holen gehen ...“

„Nein! Danke, das ist nicht nötig“, rief Joscha sorgsam und wahrscheinlich aus der Befürchtung heraus, dass Wen-N womöglich wieder plötzlich verschwinden könnte. „Doch dürfte ich stattdessen dir eine Frage stellen, Wen-N? – Das heißt, wenn es dir nichts ausmacht und du es gestattest, Tyrrin.“

„Ich denke ...“, überlegte ich, „es macht mir nichts aus.“

„Danke, Tyrrin.“ Joscha klang erleichtert.

„Wenn das so ist,habe ich natürlich auch nichts dagegen“, meinte Wen-N sichtlich froh, etwas Richtiges getan zu haben – oder wenigsten auf dem besten Weg zu sein, eben dies jetzt endlich bald zu tun. „Frage, was du fragen möchtest – Joscha, richtig?“

„Richtig“, erwiderte mein Assistent, „Weißt du, Wen-N ... Auf der Uhrenschau morgen – nein, ich meine schon heute – wird etwas geschehen. Es ist etwas, dass mit dem Grauen Weiher von Redberg und den Delegierten aus Marktland zu tun hat. Es wird verdeckt und unterschwellig im Rahmen einer Veranstaltung stattfinden. Verstehst du, was ich meine, Wen-N?“

„Ja, ich verstehe, ghichi! – Du klingst fast genauso wie der eine von der Schar“, plapperte Wen-N fröhlich, „Na schön, eigentlich klingst du gar nicht so wie er. Er spricht und betont auf eine völlig andere Weise. Aber eure Worte klingen beinahe wie aus einem Munde. – Bist du etwa auch von dieser Schar?“

Hinter mir passierte etwas, obwohl genaugenommen geschah so richtig eigentlich nichts. Und trotzdem, ich wusste, dass in eben diesem Augenblick etwas unsagbar Wichtiges passierte. Dabei hatte ich – jedenfalls noch – keine blasse Ahnung, dass diese Entwicklung nicht nur für mich bereits in naher Zukunft eine regelrecht ungehörige Tragweite annehmen würde. Liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, dass hier war ein Moment, der – so tief im Dunkel und ungreifbar verborgen er auch vonstatten ging – in meinem Leben eine Weiche stellte ...

Von all dem nichts oder bestenfalls Unklares erahnend, riss ich meinen Kopf aus dem Kasten hervor, sodass der dunkle Vorhang nur so flatterte.

Joscha stand unweit vor dem Tisch und hatte sich dicht zu mir und Wen-N herabgebeugt. Außerdem entdeckte ich hinter ihm zwei Schemen, die ich Riva und Karel zuordnete. Ihre jeweilige Haltung wirkte in dem Schwarzgrau der Finsternis allerdings reichlich eigentümlich. Beide machten den Eindruck, als hätten sie gerade erst in ihrer jeweiligen Bewegung innegehalten, die sich eindeutig auf Joscha zu beziehen schien. Darauf deuteten jedenfalls ihre in seine Richtung ausgestreckten Arme hin. Doch trotz ihrer ungenauen Zeichnung, welche die Dunkelheit ihren Konturen verlieh, erkannte ich an Karel diese für ihn so überaus beredte Sorge und an Riva ein befürwortendes Interesse. Sie beide warteten auf etwas ... Ja, auf etwas, das Joscha sogleich tun würde.

Obwohl ich es in der Lichtlosigkeit nicht sehen konnte, sagten mir meine Sinne, dass er mich einen Moment betrachtete. Ich nahm an, dass Joscha nachdachte. Jedoch hatte ich keinen Schimmer, was es hier nachzudenken gab.

„Ja“, antwortete er mit einem leisen, leisen Zittern in der Stimme. „Ja, Wen-N, ich bin von dieser Schar.“

Auch wenn ich nicht wusste, was dies zu bedeuten hatte, wusste ich sofort, dass das, was Joscha sagte, nicht die Wahrheit war.

„Oh, dann bist du morgen Mittag also auch dabei, um die zwei anderen zu beehren?“ Wen-N betonte das letzte Wort auf bedeutungsschwangere Weise.

„Morgen Mittag?“, wiederholte Joscha leise.

„Habe ich morgen gesagt?“, plapperte Wen-N aufs Neue los und war wieder fast der Panik nahe. „Oh nein, Ob-Gleich wird mich rügen, wenn es davon erfährt. – Ich meine natürlich heute. Ja, heute Mittag nach eurer Zeit. – Bitte verzeiht. Es ist schwierig mit all den Zeiten und den Sprachen. Bitte erzählt Ob-Gleich davon nichts.“

„Nein, das werden wir nicht. – Oder Tyrrin?“ Joscha lachte sanft.

„Nein, ich denke nicht“, meinte ich mit unsicherem Blick auf den Vorhang und die Kiste, in welcher Wen-N sich von außen völlig uneinsehbar aufhielt.

„Sag, Wen-N“, fuhr Joscha freundlich fort, „In meinem Fall ist mein Gedächtnis nicht das Beste. Und wenn mein – Kollege – von der Schar davon erführe, würde auch er mich ohne Frage rügen. – Sag, könntest du mir in Erinnerung rufen, wo genau wir sie heute auf der Uhrenschau beehren ...?“

„Wie?“, quiekte Wen-N erleichtert und bereitwillig zugleich. „Ja, sehr wohl weiß ich das und ganz bestimmt werde ich dein Geheimnis gleichermaßen nicht an deinen Kollegen verraten. Ja, nein, das werde ich nicht!“

„Das ist sehr großzügig von dir, Wen-N.“

Ich bemerkte, wie Karel wieder in seine Bewegung fand, von Riva jedoch sogleich an deren Ausführung gehindert wurde. Ihre Schemen sahen aus, als würden sie einander eng umarmen. – Nun ja, oder vielleicht sah dieses Schattenbild unter Umständen doch eher danach aus, dass die eine den anderen gegen seinen ausdrücklichen Willen umklammerte …

„Es hatte ganz bestimmt etwas mit kleiner – oder doch feiner ...? – Aber mit Mechanik hatte diese Veranstaltung auf jeden Fall etwas zu tun. Ja, Mechanik und Zeit und weißt du ...“

„Was fällt dir ein?!“, fauchte es plötzlich schallend leise aus dem Kasten, „Was denkst du dir, hier und jetzt mit ihm ausgerechnet über das zu reden?!“

„O-o-ob-Gleich ...“

„Nie wieder, hörst du? Nimmermehr, niemals und nicht noch einmal! Du kennst die Regularien!“

„Nein, aber ich bin doch noch nicht ...“

Dann hörten ich nichts mehr.

Ein kalter stechender Schauer raste mir vom Nacken in die Schwanzspitze, als mir ein Gedanke kam.

„Wen-N?“, rief ich ungeachtet meiner Lautstärke und hastete in die Kiste hinein. „Wen-N!“

Doch da war nichts als schwarz – tiefes Schwarz und so ein ziehendes Gefühl.

„Wen-N kommt nicht mehr“, hörte ich Ob-Gleichs giftiges Stimmchen aus einer unbestimmten Ferne vor mir flüstern. Ich spürte wie etwas aus eben dieser Richtung herankroch, träge ausholte und mühsam nach mir langte ...

Das Finsterdings!

Ich machte eine Satz zurück, aus dem Kasten heraus und landete unmittelbar vor Joscha auf den Tisch.

„Wen-N ist weg!“, rief ich panisch, „Und Wen-N kommt nicht wieder? Aber es muss doch noch Old Lady finden!“

„T-t-tyrrin“, seufzte Karel, sobald Rivas Giff sich von ihm löste.

„Was ... Was machen wir denn jetzt?“, bemerkte ich völlig aufgeregt und rastlos.

Auf meinen Assistenten traf dies jedoch und ganz offenkundig in wahrhaft keiner Weise zu.

„Liegt das nicht auf der Hand, Tyrrin“, meinte Joscha auf eine befremdliche Art beflügelt, „Wir gehen zu der Uhrenschau.“

>> weiter geht's am 4. August 2017 mit Lektion 29 (Band 2) >>

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