Lektion 27 oder Plus minus

Also, ich wollte ja nicht pingelig sein, aber ...


„Sollte Wen-N nicht längst da sein?“, fragte ich mit unruhigem Blick in Richtung des mit Vorhang versehenen Würfelkastens. Mittlerweile hatte ich aufgehört nachzusehen, ob Wen-N bereits zugegen war, und auch meine drei menschlichen Begleiter hatten erheblich an aufmerksamer Haltung eingebüßt. Also saßen wir nun allesamt auf dem Fußboden, ein Stück von dem Ort des verabredeten Geschehens abgerückt. Die Menschen hatten sich mehr oder minder bequem anmutend an die dunklen Holzwände gelehnt – und ich bemerkte auch, wie Karel allmählich wegzunicken begann.

Wie typisch das doch wieder einmal für ihn war ... Kaum war es nur ein bisschen düsterlich, legte er sich hin, machte die Augen zu und – ich war mir sicher, dass es auch bis dahin nicht lange dauern würde – schnarchte. Heute passierte das alles zur Abwechslung tatsächlich sogar einmal im Sitzen.

„Ob-Gleich hat gesagt, dass wir uns auf plus minus zwei Stunden Terminverschiebung einrichten sollen“, meinte Joscha in der Dunkelheit. Auch ihm war eine gewisse Müdigkeit anzumerken. „Wir warten gerade mal die erste Viertelstunde dieses Zeitfensters, sodass uns noch gut dreidreiviertel Stunden zum Abwarten verbleiben.“

„Dreidreiviertel Stunden?“, merkte ich auf, „Eben waren es doch nur zwei!“

Ja, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, das Rechnen war mir bis dato alles andere als geläufig und mir lediglich als reiner Unsinn im Sinne der anderen menschlichen Angewohnheiten erschienen. Dennoch begriff ich sehr wohl, dass drei-und-was-auch-immer mehr als zwei waren. Oh nein, und beschummeln ließ ich mich in dieser Hinsicht ganz gewiss nicht.

„Zwei plus zwei“, sagte Joscha bedächtig, „das macht vier ...“

„Aber eben hieß es doch noch was mit minus und mit drei!“, protestierte ich.

Joscha seufzte.

„Lass in“, raunte Riva und mein Assistent beherzigte ihren Rat, indem er aufhörte sich aus seiner Ungereimtheit herauszureden.

„Wen-N wird sich schon blicken lassen, wenn es an der Zeit dafür ist“, meinte er schließlich, „Zumindest sofern man in seinem Fall blicken lassen reden kann ...“

„Si lassen sich ni blicken“, entgegnete Riva, „selbst bei uns seigen si sich nurr denn Wennigsten und dann höchstens in verdeckder Gestald, wi hir hinder einem Vorhang, einer Wand aus Papir oder jennseids einer Ecke.“

„Ich dachte, Wen-N sei einer von euch Menschen“, sagte ich, „Aber kleiner und weniger gut zu sehen. Doch dann war da ja immer diese Dunkelheit und ich war mir damit irgendwann nicht mehr so sicher ...“

Riva kicherte leise.

„Da lösst ein kleiner Kadder di Geheimnisse, mid dennen sich di Menschen seid Begginn ires Erinnerns vergebblich beschäfdiggen, und keiner ist da, der dis zu schädsen weis.“

„W-warum bist du e-eigentlich hier, Riva? – W-wenn ich f-fragen darf?“

„Ich dachte du schläfst schon?“, merkte Joscha auf.

„Ich auch“, pflichtete ich meinem Assistenten bei.

Aber weder Karel noch Riva nahmen irgendeinen Bezug auf unseren Einwand.

„Du darfst fraggen“, sagte Riva sanft und ich gewann den Eindruck, dass sie in der vagen Dunkelheit, die uns alle ruhig umgab, leise für sich lächelte. „Es war mirr nichd möglich, noch länger in meiner Heimadd su bleiben.“

„Der Bürgerkrieg von Mondlech, richtig?“, ergänzte Joscha begreifend. „Ich habe in einer Vorlesung davon gehört. Die Angehörigen der vier Volksparteien hatten vor über zwei Dekaden ihre Dispute im politischen Diskurs beigelegt und stattdessen jeweils mit Säbel und Söldner mobil gemacht. Es heißt, dass es einen Vorfall gab und ganze Land jetzt in Schutt und Asche liegt, sodass es nun völlig unbewohnbar sei.“

„Ich kamm kurs suvor hir her nach Enmark“, bestätigte Riva, „Das warr vor fünfsen Jaren. Wirr hadden geradde di Middreihe erreichd, als sich diser Vorfall – wi du es nennst – ereignede. Taggelang warr es su sehhen, su hörren und su spürren. Soggar midden in demm Hochgebbirge.“ Ihre Stimme hatte einen eigenartig rauen Ton mit einer tiefen Schwere angenommen. „Wirr warren so erleichderd, als wirr an der Schwarsen Breide ankammen. Wirr dadden alles nurr Erdenkliche, um uns ein kleines Bod su kaufen, welches uns alle nur aufnemen konnde, indemm wirr auf Wasser und Vorräde versichdeden. – Ich weis nichd, ob wirr nurr su ungedduldig gewessen warren oder ob uns einfach nurr das Glück endsaggde. Abber kurs vor der enmärkischen Küstenstadd Illmeer wurden wirr von einem Sturm übberraschd, wo wirr di ganse Nachd an Breddern geklammerd im winderkalden Wasser driben. Erst am Morgen wurden di, di von uns noch lebbden, von einem Fischerbod aufgelessen.“ Sie seufzte. „Und ein par Tage nachdem wirr in Illmeer endmärkischen Bodden erreichd hadden, wurde ich nach Redberg geschickd.“

„D-das klingt n-nach einer g-g-grauenhaften Reise“, schluckte Karel.

„Ein nichd halb so grauenhafdes Schicksall, wi das derjennigen, di in Mondlech gebliben sind.“

„Wo sind die anderen, mit denen du gereist bist?“, fragte ich. „Sind sie auch so wie du?“

„Wurdet ihr nach all dem etwa auch noch getrennt und auf verschiedene Städte verteilt?“ Joscha klang zwar ruhig, aber auch irgendwie aufgebracht.

„Es gibbt si nichd mer, Tyrrin“, sagte Riva leise, „Abber es stimmd. Si warren wi ich und sahhen so änlich aus wi ich. Wenn es das ist, was du meinst.“

„Doch, das meinte ich“, sprach ich merklich unsicher im Hinblick auf den ersten Teil ihrer Antwort. „Was bedeutet das: Es gibt sie nicht mehr?“

„Vile von inen sind auf unserer Reise gestorben, in denn Bergen der Middreihe odder auf See“, sprach Riva geduldig, „Di anderen starben kurs nach unserer Ankunfd in Endmark an denn Folgen der Reise. Di Übberfard und di langen Endberungen habben si krank gemachd. Selbst di Ärsde in Illmeer konnden inen nichd helfen.“

„Sie starben …?“, wiederholte ich, nichts so ganz in der Lage dieses Wort an eine Bedeutung zu knüpfen. Natürlich wusste ich, was dieses Wort bedeutet. In den vielen Geschichten, die Old Lady mir und meinen Geschwistern erzählt hatte, starb des öfteren jemand, weil er entweder sehr alt oder sehr töricht war oder es zweifellos verdiente. Aber mir wollte so gar nicht in den Sinn, wie man auf einer Reise oder sogar an ihren Folgen – was immer das nun wieder bedeutete – sterben konnte. Reisen waren dazu da, um etwas in der großen weiten Welt zu erledigen und – nach Möglichkeit pünktlich zum Abendessen – wieder wohlbehalten zuhause anzukommen. Und von so etwas wie Folgen war da niemals je die Rede gewesen.

Gut, ich erinnerte mich selbstverständlich daran, dass auch einige meiner Reisen oder Ausflüge durchaus ziemlich anstrengend gewesen waren. Doch ich hätte nicht einmal im Traum daran gedacht, dabei zu sterben, um dann – wie Riva es ausdrückte – nicht mehr zu sein. Und da fiel es mir mit Schrecken ein ... Was, wenn Old Lady nicht mehr wäre?!

„D-das tut mir leid f-für dich“, sprach Karel mit ehrlicher Anteilnahme.

„Mir auch“, ergänzte ich kleinlaut.

„Was haben sie gemacht, nachdem sie dich in Redberg aufgenommen haben“, wechselte Joscha jedoch das Thema. Er zeigte immer noch diese leise aufgebrachte Ruhe. „Der Arbeitsdienst hier ist doch bestimmt nicht deinem eigenen Wunsch entsprungen, oder?“ Er sagte dies für meinen Geschmack eine Spur zu belustigt. Ja, nahezu zynisch. Mich beschlich das Gefühl, dass Riva einer sehr ähnlichen Auffassung war, denn sie schwieg erst einen Moment, bevor sie auf meinem Assistenten einging.

„Es kommd gans auf di Absichd an.“ Es gelang mir nicht, ihren Ton zu deuten. „Drodsdem kann ich mirr middlerweile besseres vorstellen, als hir eingesperrd su sein.“

„Du bist hier eingesperrt?“, meldete ich mich verständnislos zu Wort. „Aber du kannst doch nach draußen gehen! Und in alle diese Zimmer!“

„Mann kann in vilerlei Hinsichd eingesperrd sein, Tyrrin“, widersprach sie. „Im Kleinen, wi im Grosen. In vilen Räumen ... Einem gansen Haus ...“

„Oder im Geiste.“ Joscha seufzte leidig, worauf Riva verhalten auflachte.

„... odder im Geiste“, wiederholte sie, „Ledsderes ist aller Warscheinlichkeid nach wol di häufiggste Form des Eingesperrdseins. – Nurr merken es di eingesperrden Menschen nichd.“

„Ich verstehe“, sagte ich rasch, da diese Erklärung wieder einmal auf eine von diesen menschlichen Eigenheiten hinauslief, die mir weder sinnvoll noch plausibel erschienen.

„W-warum siehst du n-nicht noch einmal nach, o-ob Wen-N schon da ist?“, schlug Karel überraschen geistesgegenwärtig vor. Und ja, tatsächlich! Beinahe hätte ich durch dieses Geplauder das mit Abstand Wichtigste an diesem Abend aus den Augen verloren.

„Wen-N?!“, rief ich – schon mal vorsorglich vom Boden aus, falls Wen-N bereits ungeduldig auf mich wartete und sich just in diesem Moment dazu entscheiden wollte, damit aufzuhören. „Wehehen-N!“

„Du sollst doch nichd herumbrüllen!“, maßregelte Riva mich. Doch da stand ich auch schon auf dem Tisch und reckte meinen Kopf durch den Vorhang in die Würfelkiste.

„Wen-N ist immer noch nicht da!“, stellte ich zum wiederholten Male mit Bestürzung fest und wandte mich langsam meinen menschlichen Begleitern zu.

„Damit bleiben uns mit etwas Glück also noch etwa dreieinviertel Stunden, die wir uns hier gedulden dürfen“, meinte mein Assistent, kaum dass ich bei ihnen war. Und er lag schon wieder falsch mit seinem Zahlenwesen ...

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