Lektion 26 oder Das Zwinkern in der Tasse

„Hier! Da habt ihr euren Tee! – Was ist ... Was habt ihr denn?“

Lafenne hatte sich ganz offenkundig auf eine gehörige Standpauke für uns eingerichtet und die meiste Zeit während des Wasseraufsetzens und Tischdeckens genutzt, um sich minutiös für diesen Wortschwall bei unserer Ankunft vorzubereiten. Allerdings hatte sie wohl nicht damit gerechnet, dass ihr dieses Bedürfnis bei unserem Anblick so schnell abhanden kommen würde ...

Tyrrin Hexenkater und das zwinkern in der Tasse

„Erheheme ...“, räusperte sie sich verlegen. „Ich habe Tee gemacht.“

„Danke“, sagte Riva ruhig.

Joscha und Karel beschränkten sich auf ein mehr oder weniger notiznehmendes Nicken und nahmen zusammen mit den beiden Menschenfrauen an dem kleinen Tisch, der einen Großteil des mit diesen glatten und glänzenden Täfelchen ausgeschmückten Zimmers ausfüllte, Platz. Ich folgte diesem Beispiel, indem ich von Karels Schulter hinunter auf die Tischplatte zwischen diese mit einer leicht dampfenden und duftenden Flüssigkeit gefüllten Gefäße sprang, wobei ich diesen jedoch keine besondere Beachtung schenkte.

„Ja, was ... Was ist denn nun?“, drängte Lafenne. „Habt ihr diese Kräuterfrau gefunden?“

„Sie heißt Old Lady“, korrigierte ich.

„D-da war ein G-geist“, stammelte Karel langsam und merklich verunsicherter als sonst.

„Was denn? Nein, ist sie etwa tot?!“, schlussfolgerte Lafenne gleichermaßen schockiert wie fasziniert.

„Old Lady ist nicht tot!“, rief ich und sprang so hastig auf, dass das Gefäß vor Karel unruhig schwankte.

„Schon gut“, meinte Lafenne gleich kleinlaut.

„Gennau gennommen warren es soggar swei Geister“, warf Riva ein und führte eines dieser Gefäße – ja eine sogenannte Tasse – vorsichtig an ihren Mund.

„Ach ja?“ In Lafennes Bemerkung schwang nun mehr Unglauben als aufrichtiges Interesse mit.

„Und ganz genau genommen, waren das nicht einmal Geister“, murmelte Joscha nachdenklich. Seit wir nach Ob-Gleichs Verschwinden diesen Regalkasten auf dem Tisch verlassen hatten, machte er einen zunehmend verdrosseneren Eindruck. Ihm war anzusehen, dass in seinem Kopf mehr vonstatten ging, als man von außen anzunehmen vermochte. Etwas wühlte ihn auf, und das sogar noch mehr als in jenem Moment, als er Riva kurz nach unserer Ankunft im Magazin diese eine Frage gestellt hatte.

„Das waren Spaltlichter“, erklärte er schließlich.

„Spaltlichter?“, wiederholte Lafenne.

„Dord wo ich herkomme, nennd man si Dussgeiste. Odder wi ir in euren Worden saggen würded: Duschelgeister.“

„Aber sie haben doch gesagt, dass ihre Name Wen-N und Ob-Gleich seien“, berichtigte ich.

„Trotzdem sind sie beide Spaltlichter“, meinte Joscha Rivas Einwand außer Acht lassend. „Man sagt, dass sie in den dunklen Ecken unserer Welt leben und uns von dort aus beobachten. Niemand weiß, wann diese Wesen damit angefangen haben, seit wann es sie gibt oder wie sie aussehen. Sie sind derart scheu, dass nur wenige wissen, dass es sie überhaupt gibt. Dennoch ist es irgendwann jemandem gelungen, mit ihnen eine Vereinbarung zu schließen. So heißt es jedenfalls. Und man sagt, dass sie seitdem Tag für Tag und Nacht für Nacht im Stillen und Geheimen Botschaften übermitteln ...“

„W-woher weißt d-du das alles?“

Joscha griff nach seiner feinen weißen Dampf absondernden Tasse, drehte sie langsam in seiner Hand, wodurch sich auch die Flüssigkeit darin träge schwankend bewegte.

„In unserer Familienbibliothek lagern ein paar Bücher, die mit Sicherheit nicht einmal in diesem Magazin zu finden sind.“

Aber da, auf einmal ... Es war weiß – oder ganz einfach nur hell, aber es guckte mich klar und deutlich an. Ja, nein, es zwinkerte mich an. – Gleich eben dort in dieser Tasse!

„Si sind hir sulande wirklich kaum bekannd“, pflichtete Riva meinem Assistenten bei. Sie klang nachdenklich, lachte dann aber heiter auf. „Kein Wunder, dass dise Männer glauben, dass si mid irer Hilfe gehheime Boddschafden ausdauschen können.“

Joscha hielt mit der wahllos wendenden Bewegung seiner Tasse inne, aber die Flüssigkeit darin wie auch dieses helle Zwinkern dachten nicht im Traum daran, dieser Ruhe gleich zu folgen. Jedenfalls nicht sofort und wenn dann nur mit größtem Unwillen, wie ich aus der zunehmend langsamer werdenden Regungen schloss.

„K-kennt man d-diese Wesen etwa b-bei euch?“

„Es handeld sich haupdsächlich um Geschichden, di wirr uns berreids von Kindesbeinen an ersälen“, sprach Riva. „Abber wirr wissen ebbenso, von einniggen wenniggen, di mid denn Dussgeiste und anderen Wessen der kleinen Welden in Verbindung stehhen.“

„D-darf ich f-fragen, w-woher du stammst?“ Obwohl Karel seine Sprache wie gewohnt gebrauchte, entdeckte ich in seiner Stimme etwas für seine Verhältnisse ungewohnt Zielstrebiges. – Und versah ich mich, oder zwinkerte dieser helle Punkt – ja, dieses Auge, will ich sagen – in Joschas Gefäß mit einem mal besonders unwirsch und regelrecht unruhig, ja gar nervös und dreist, meine ich!

Von dieser Unverblümtheit glatt gefesselt merkte ich erst durch ein heftiges Zwicken hinten an meinem Hals, dass ich mich an jener Stelle energisch mit meiner Hinterpfote kratze. Natürlich hörte ich sofort auf damit und sah mich um, ob mich einer der Menschen beobachtet hatte.
Riva lächelte – allem Anschein nach jedoch nicht über mich.

„Sagd dirr Mondlech edwas?“

„Oh, das ist doch eines dieser vormechanischen Entwicklungsländer jenseits der Mittreihe“, ergriff Lafenne das Wort, nicht ohne einen gewissen Stolz, mal über etwas Bescheid zu wissen.

„Fürr gewönlich verwenden di Dellegirden aus Enmark denn Ausdruck Draddidionnsreggionn“, sagte Riva gelassen und doch mit einer klaren Spur angespannter Ironie. „Dennoch erklärrd dise Beseichnung, weshalb si mid denn Verdreddern aus Mondlech redden, wi si redden.“

„Was soll das nun wieder bedeuten“, erwiderte Lafenne scharf. Ihre Hand auf der Tischplatte hatte sich zur Faust geballt.

„F-f-f-fenni ...“

„Was willst du sagen? Nun, da du hier bist und von unserer Gastfreundschaft, unserer Aufgeschlossenheit und nicht zu vergessen von unserem Fortschritt profitierst?“ Lafenne stand auf und brachte den ganzen Tisch gefährlich ins Wanken, sodass ich intuitiv meine Krallen in das Holz der Platte schlug. Und dann wieder dieses Zwinkern! Jetzt heftiger denn je und mit einer Selbstsicherheit ... Doch offenbar war nicht nur mir diese eigenwillige Kontaktaufnahme aufgefallen, denn auch mein Assistent betrachtete dieses höchst ominöse Treiben mit einem festen Blick.

„Sogar unsere Rechtsstaatlichkeit gewähren wir dir hier, aber du ... Lass mich los, Karel!“

Riva aber blieb ruhig und bedachte die aufgebrachte Menschenfrau mit einer Mischung aus Zynismus, Argwohn und kaltem Mitleid.

„Wenn demm warhafdig so seien sollde, beddanke ich mich besser“, räumte sie dann tonlos ein. „Und ich denke, fürr denn heudigen Abbend solldest du besser gehhen.“

„Ach ja?“, protestierte Lafenne lautstark, „Ich lasse dich bestimmt nicht mit diesen zwei Hohlköpfen allein!“

Da! Schon wieder! Eben noch etwas ruhiger werdend, brach es sich jetzt erneut seine ungestüme Bahn und direkt in meine Aufmerksamkeit hinein. Was wollte dieses Zwinkern nur von mir? Und was hatte es überhaupt in diesem Gefäß mit all der dunkelbraunen und Dampf absondernden Flüssigkeit verloren?

„I-ich d-denke, d-dass heute n-nicht mehr v-viel passieren wird. W-wir warten n-nur noch b-bis T-tyrrin seine A-antwort erhalten hat u-und werden dann a-auch aufbrechen.“ Karel hatte eine Hand auf die bebende Schulter seiner Schwester gelegt. „V-vielleicht ist es s-so besser für dich. I-ich meine, w-wenn du j-jetzt gehst.“

Lafenne schenkte ihrem Bruder einen langen und sowohl ernsten wie auch besorgten Blick.

„Es ist nicht gut, jemandem in Gefangenschaft zu vertrauen, Karel“, sprach sie und betrachtete jeden der Anwesenden mit einem schwer zu deutenden und – wie ich fand – ahnenden Ausdruck.

„K-komm, i-ich bringe dich zum F-fenster.“ Karel ergriff ihre Hand, um sie sanft mit sich aus dem Raum zu geleiten. Doch Lafenne widerstand noch einen Augenblick.

„Du bist undankbar“, wandte sie sich noch ein letztes Mal an Riva, um dann endlich ihrem Bruder nachzugeben.


Sie waren fort. Und ich war nun mit Joscha und Riva alleine. Aber da war auch noch dieses Zwinkern. Weiterhin schwamm und zwinkerte es frech und eindringlich in dieser Tasse in den Händen meines Assistenten umher. Ich stellte fest, dass das dunkle Wasser darin inzwischen gar nicht mehr so sehr dampfte und weniger von seinem sehr duftigen Geruch absonderte. Ob das diesem Zwinkern nicht behagte? Immerhin wurde sein Benehmen mit jeder Minute, die verstrich, unsteter und gerade zu willkürlich.

Mich beschlich ein unguter Gedanke. War dieses Zwinkern vielleicht ein Freund von diesem Finsterdings?

„In der Dad, es ist nichd immer ein Leichdes mid der Dankbarkeid“, meinte Riva und nippte gleichgültig an ihrer Tasse. Und als hätte dies in ihr etwas bewirkt, wurde ihr ohnehin sehr geradliniger Ton noch eine Sequenz direkter. „Da fälld mirr ein ... Ich habbe meinen Deil unserer Abmachung berreisds erfülld, junger von Heggenberg. Sagge mir: Wi sted es um deine Erkenndlichkeid?“

Joscha allerdings schien die bleiche Menschenfrau gar nicht richtig wahrzunehmen. Ähnlich wie bei mir, hing seine Aufmerksamkeit gänzlich an diesem jetzt wild und schier unbändig zwinkerndem hellen Auge, das auf der inzwischen sogar kleine Wellen schlagenden Flüssigkeit der Tasse tanzte. Nein, dass konnte kein gutes Zeichen sein. Diese Situation erinnerte mich mehr und mehr an dieses alles verschlingende Finsterdings. Das Zwinkern zog ihn zunehmend in seinen Bann ...

Ja, und ich ... Ich handelte.

„Nein, was zum …?!“

Eine dampfende Salve braunen Wassers schwappte mir in einem breiten Schwall über die Pfoten.

„Aua! Das ist ja heiß!“

Wumpl! Klank! Plirrrr!!!

„Das ist heiß, heiß, heiß!!!“, schrie ich und sprang ziellos und nach Kühlung suchend auf dem Tisch umher.

„Ja, nein, was machst du da?“, rief mein Assistent beide Hände hoch erhoben, wohingegen Riva erst handelte und dann das Wort ergriff. Genauer gesagt, ergriff sie erstmal mich, erzählte dann etwas von „brauchen kaldes Wasser“ und schleuderte mich in einen Holzbottich, in welchem mich eben dieses erwartete.

Joscha war derjenige, der mich zum Glück sogleich aus diesen Fluten rettete und wiederum an Riva weiterreichte, die mich behutsam in einem geräumigen Stück Stoff auffing und umgehend kräftig abrubbelte.

Natürlich setzte ich mich sogleich zur Wehr und schlug alles, was ich an Krallen und Zähnen hatte in den dicken Stoff hinein. Riva allerdings quittierte das nur mit einem geschäftigen „Hald still, ich will dich drocken kriggen.“, weshalb mir nichts weiter übrig blieb, als mich meinem Schicksal zu fügen.

„Warum hast du das überhaupt gemacht?“, fragte Joscha das erste Mal seit Längerem wieder aufmerksam und nicht abwesend den eigenen Gedanken nachhängend.

„Da war ein Zwinkern!“, rechtfertige ich mich irgendwo aus diesem stetig rubbelden Tuch heraus. „Da, in dem Wasser! Es war hell und es hat fürchterlich gezwinkert! Ich hab‘s genau gesehen!“

„Ein Swinkern ...?“, wiederholte Riva nachdenklich.

„Wenn ich es doch sage!“

Joscha lachte gutmütig. „Das war eine Reflexion“, erklärte er, „Eine Spiegelung von dem Licht der Deckenbeleuchtung.“

„Aber es hat gezwinkert!“, beharrte ich. „Und zwar so richtig!“

„Das kommt vor, wenn man die Tasse mit dem Tee in der Hand hält“, sagte Joscha. Mittlerweile hatte auch er sich so ein Tuch besorgt und womit er erst über den Tisch und anschließend den Boden wischte. „Daran ist nichts besonderes.“

„Das haben du und Karel über Wen-N auch gesagt“, entgegnete ich endlich wieder und sogar halbwegs trocken freigelegt.

Mein Assistent hob seine freie Hand und wollte etwas sagen, rollte dann aber lieber mit den Augen und seufzte. Ich beobachtete, wie seine Hand sich wieder senkte und auf einmal etwas anderes geschah, das ich nicht so recht nachvollziehen konnte. Aber ich sah sehr wohl, dass es etwas an dem Ausdruck in seinen Augen veränderte.

„Ich glaube auch nichd, dass du in disem Fall mid einer weideren bessonderen Begeggnung rechnen musst, Tyrrin“, meinte Riva, während sie mir mit dem Stofftuch nun von unten den Bauch und alles, was dort sonst noch so war, trocken rieb. Ehrlich gesagt, war ich von dieser Art des Vorgehens nicht wenig irritiert.

„Du, sag mal,Tyrrin ...“ Joscha sah mich eigenwillig an.

Ich blickte zu ihm zurück und schwieg. Mir fiel nichts Rechtes ein, was ich ihm darauf hätte erwidern sollen. Auch Riva wirkte abgelenkt, da sie mein Fell mit einem Mal weniger energisch traktierte.

„Wen-N scheint besonders viel herum zu kommen“, fuhr Joscha fort. Doch dann zögerte er. „Meinst du, du kannst Wen-N um einen Gefallen für mich bitten?“

Mein Assistent lächelte. Allerdings gab die Eindringlichkeit, mit welcher er mir begegnete, mehr und mehr zu denken. Andererseits ... Was konnte es Schaden, noch einen Gefallen und bestimmt auch die eine oder andere Leberwurst in der Hinterhand zu haben? Und wer weiß, was erst noch passieren mochte, wenn wir endlich eine Spur von Old Lady gefunden hatten?

„Ich denke schon“, gab ich Joschas Bitte nach, worauf dieser ehrlich und dankbar über das ganze Gesicht strahlte. Das ließ auch mich nicht völlig unberührt, weshalb ich schließlich doch froh war, ihm diesen Gefallen zu erweisen.

Riva hingegen hatte nun gänzlich aufgehört, mich trocken zu reiben – und das obwohl ich nachweislich immer noch so eine klamme Feuchtigkeit im Fell verspürte.

Ich hob den Kopf und sah sie an, um sie darauf hinzuweisen. Doch da bemerkte ich, dass sie Joscha beiläufig aber eingehend beobachtete.

„Was wird das, Joscha von Heggenberg?“, raunte sie leise und gerade laut genug, dass ich ihre Worte hören konnte. Nur denke ich, dass diese weniger für mich, als vielmehr für sie selbst oder gar niemanden gedacht waren.

Kommentare