Lektion 23 oder Gastfreundschaft

Ich wusste nicht, was es da zu lachen gab. Das war meine Leberwurst!


Nachdem er mir diese Leckerei serviert und mich damit zugegebenermaßen erfolgreich von meinem misslungenen Abgang mit Riva abgelenkt hatte, hatte mir mein Assistent plötzlich etwas von Gastfreundschaft erzählt. Aber nicht mit mir: Ich ignorierte Pichel. Zumindest bis er – ich hoffe für ihn – unbeabsichtigt mit seiner Pfote in meine Futterschale langte und zu meinem blanken Entsetzen einen beachtlichen Klecks der sämig würzigen Fleischpaste herausfischte. Und dann – aufgrund seiner schwachen Gedächtnisleistung, wie ich schwerlichst für ihn annehme – wiederholte er doch tatsächlich diesen ungehörigen Vorgang immer wieder!

Nix da! Irgendwann hatte sogar meine Geduld ein Ende. „Huch, wir kennen uns noch nicht.“ hin, 

„Ich bin übrigens Pichel.“ her. Wenn es aber auf einmal nur noch „Uiihh! Was hast du da? Das sieht ja lecker aus!“ hieß, hatte ich jawohl jedes Recht mein Revier mit Nachdruck zu verteidigen.

Ich knurrte kehlig – wofür es in diesem speziellen Zusammenhang nebenbei bemerkt kein Wort in der Menschensprache gibt, das auch nur im Entferntesten für eine Übersetzung taugt, ohne wenigstens die Hälfte von euch zum Weinen zu bringen. In der Tat, in Katzenkreisen konnte es unter Umständen ausgesprochen ruppig zugehen, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Jungen und Mädchen. Trotzdem beharrte ich auf meinen zweifelsohne gerechtfertigten Standpunkt – und knurrte.

Joscha fand dies offenbar so lustig, dass er sich verhalten kichernd über Pichel und mich amüsierte. Das Gleiche traf auf Lafenne zu, die ihrem Bruder reichlich unaufmerksam dabei half, die junge Menschenfrau, die Pichel in mein Heim geschmuggelt hatte, auf die große weiche Liegefläche zu verfrachten. Wie es den Anschein hatte, war ausgerechnet Karel der Einzige, der meine schier unmögliche Lage verstand oder wenigstens den nötigen Anstand wahrte, sich nicht an meinem Leiden zu erfreuen. Er wirkte sogar deutlich besorgter als sonst. Andererseits war das auch kein Wunder, bei dem ganzen Trubel, der hier vorherrschte. Wie ich meinen Mitbewohner einschätzte, wollte er ebenfalls wie ich vor all diesem Besuch nur endlich seine Ruhe haben und nicht, dass sich dieser auf Dauer bei uns einnistete.

Ich gebe zu, es war schon ein wenig schade darum. Doch um weitere Verluste zu vermeiden, blieb mir nichts anderes übrig. Ich schlang so viel Leberwurst hinunter, wie ich mir trotz Pichels Eingreifen sichern konnte, und entschied mich diesen Leckerbissen später zu genießen. Selbst dieses flaue Gefühl in meinem Bauch, welches zunehmend unangenehmer wurde, je mehr und je hastiger ich die Paste zu mir nahm, beachtete ich nicht weiter.

„Ha! Karel, ich glaube dein Kater hat einen neuen Rekord aufgestellt!“, rief Joscha hellauf begeistert, sobald ich mit argwöhnischem Blick auf den viel zu neugierigen Pichel die letzten Leberwurstschlieren aus meiner Schale schleckte.

„Ist sie immer noch nicht wieder bei Sinnen?“, erkundigte sich mein Assistent sichtlich enttäuscht, da niemand seine Feststellung angemessen würdigte.

Ich ließ von der jetzt eindeutig von allem Essbarem befreiten Schale ab und bedachte Pichel mit einem erhabenen sowie satten und zufriedenen Grinsen, als dieser sich gierig über das leere Gefäß hermachte. Wahrscheinlich leckte er nur um mich zu ärgern trotzdem noch einmal über die glatte 
Oberfläche, wo er wohl eine Nachlässigkeit meinerseits vermutete.

Doch dann sah er mich an, ungetrübt und unvoreingenommen wie immer und senkte seinen Blick erneut zur Schale.

„Oh, das duftet aber lecker hier.“ Anschließend leckte er das Gefäß noch einmal ab und in mir reifte die vage Ahnung, dass Pichel nun wohl eine geraume Weile beschäftigt sein würde. Denn kaum war er mit diesem Vorgang durch, begann er prompt wieder aufs Neue. Er sah erst mich und dann die Schale an – und so weiter und so fort.

„Oh, das duftet aber lecker hier.“

Ich entschied mich, einmal nachzusehen, was die vier Menschen unterdessen machten. Vielleicht war jetzt der eine oder die andere bereit, mich bei Riva vorbeizubringen. Für einen besseren Überblick – und um eventuelle Besitzansprüche Pichels vorsorglich zu unterbinden – setzte ich mich auf die oberste Platte meines Spiel- und Kratzbaumes.

Rommi , die junge Menschenfrau, welcher ich mein Pichel-Problem überhaupt erst zu verdanken hatte, lag ausgestreckt und reglos auf der großen Bettfläche, die Karel sonst über Nacht für sich beanspruchte. Karel selbst stand ziemlich ratlos daneben. Ja, es war nicht angenehm, wenn plötzlich jemand kam und sich auf deinen Stammplatz pflanzte ...

Lafenne saß unmittelbar an Rommis Seite – ebenfalls auf dem Bett. Joscha stand etwas abseits und hatte die Hände in den Taschen seiner Kleidung vergraben. Ähnlich wie ich beobachtete er das Geschehen mit abwartender Neugier.

„Was ist mit ihr?“, fragte ich – zugegeben, nicht ganz unbesorgt. „Müssen sie und Pichel jetzt hier bleiben?“

Joscha schnaubte leise bei dem vergeblichen Versuch sein Lachen zu unterdrücken.

„N-nein“, beruhigte Karel mich verunsichert. „W-wir bringen Sie n-nach hause, s-sobald sie wach ist.“

„Aber versuch bis dahin besser deinen Mund zu halten“, ergänzte Lafenne ernst.

„Meinst du, sie verkraftet die Existenz einer sprechenden Katze nicht?“ Auch wenn Joschas Worte mir erst nur wie eine Erkundigung erschienen, schwang, sofern ich genauer darüber nachdachte, eine bissige Spitzfindigkeit darin mit. Lafenne schien diese ebenso zu bemerken.

„Soll sie, wenn sie wieder aufwacht, erneut in Ohnmacht fallen?“, erwiderte sie nach kurzem Zögern, aber dafür scharf.

„Beim zweiten Mal, kann es nicht viel schlimmer werden, als beim ersten“, meinte Joscha trocken.

„Lass Rommi ja raus aus deinen perfiden Spielchen, Joscha von Hegenberg!“ Lafenne rückte sich in eine aufrechtere Position und durchbohrte meinen Assistenten mit einem eisigkalten Blick, vor dem ich nur den Hut ziehen konnte.

„F-fenni, was ist s-so schlimm daran, w-wenn sie von T-tyrrins ... B-befähigung weiß?“

Karel zuckte verschreckt zusammen und trat einen Schritt zurück, als Lafennes bohrende Aufmerksamkeit plötzlich auf ihm landete.

„Jawohl! Was ist so schlimm daran?!“, wollte ich es jetzt auch mal wissen, wurde aber sehr schnell kleinlaut, „Bringe ich sie dadurch in Gefahr? So, wie Old Lady?“

Ich bemerkte sofort, wie Lafenne mich ansah und machte mich auf ihre Reaktion gefasst. Allerdings gestaltete sie sich diesmal anders als erwartet. Zwar holte sie erkennbar aus und nahm einen energischen Atemzug, ließ diesen dann jedoch im Zuge eines sanften Seufzens ungenutzt entgleiten. Reumütig sah sie zu mir auf.

„Nein, natürlich ist daran nichts schlimm – oder gefährlich“, sprach sie reumütig. „Es ist nur ...“ Sie brach mitten im Satz ab.

„Sie möchte nicht, dass Rommi entdeckt, dass sie mit deiner Hilfe bei dem Damenlehrgang schummelt“, antwortete Joscha an ihrer Stelle.

„W-was?“

Die junge Frau betrachtete Joscha mit einem zerknirschten Ausdruck, hüllte sich allerdings in Schweigen.

„Meine Cousine hat daran ebenfalls teilnehmen müssen“, erklärte Joscha. „Die Mädchen sollen sich darin mit Katzen anfreunden und ein sogenanntes ideales Vertrauensverhältnis aufbauen. Das soll wohl auch in den unterschiedlichen Lebenslagen einer weltgewandten Dame helfen.“ Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Das Ziel ist es jedenfalls, die Katze so gut zu verstehen und von ihr so gut verstanden zu werden, dass diese das Mädchen aus freien Stücken begleitet.“ Joscha setze ein spitzbübisches Grinsen auf. „Mit einem Kater, der von Haus aus sprechen kann, ist dies natürlich erheblich leichter zu bewerkstelligen.“

Lafenne rollte mit den Augen – und mein Kletterbaum geriet in eine eigenwillige Bewegung, die von frechen kleinen Zupfgeräuschen untermalt wurde. Ehe ich begriff, wie mir geschah, ertönte es dann auch bereits ...

„Oh, das ist aber ein interessanter Ort hier!“ Das waren ganz eindeutig nicht die Menschen.

„Pichel ...?“, ertönte es müde von dem Bett.

„Rommi!“, rief Lafenne behutsam und ergriff die Hand der jungen Menschenfrau.


Ich hingegen war zunächst schwer damit beschäftigt für geordnete Verhältnisse zu sorgen.

„Geh da runter! Das ist meins! Alles meins!“

Pichel saß bereits auf der untersten Sitzplatte und zeigte deutliche Ambitionen, auf die nächsthöhere Ebene zu springen. Und Dank meiner klaren Wortmeldung entdeckte er schließlich auch mich.

„Hallo, wir kennen uns noch nicht!“, rief er voller Unschuld zu mir hoch. „Wollen wir Freunde sein? Ich bin übrigens Pichel.“

„Geh da runter! Das ist meins!“, schallte ich ihm entgegen. „Hörst du nicht? Das ist alles meins!“


„Was ist geschehen?“, fragte Rommi benommen.

„Du bist plötzlich in Ohnmacht gefallen“, sagte Lafenne. „Wann hast du zum letzten Mal etwas gegessen? – Ich sag‘s doch immer: Diese Schlankheitskuren sind der reinste Unsinn. Also, wirklich.“


„Ich hab gesagt, du sollst da runter gehen!“


„Wo ist Pichel?“ Die junge Frau hatte sich aufgesetzt und schaute sich nach Orientierung suchend in dem Zimmer um. Ihr Gesicht nahm eine peinlich berührte Miene an, als sie die beiden Menschenmänner entdeckte. „Oh. Es tut mir leid. Ich wollte euch keine Umstände bereiten.“

„Alles gut, Rommi.“ Lafenne legte ihr die Hand auf die Schulter. „Pichel ist wohlauf und freundet sich mit Tyrrin an.“

„Tyrrin ...?“


„So, jetzt hört es aber auf!“, rief ich von oben zu dem hartnäckigen Eindringling herab, der inzwischen nur noch zwei Etagen unter der meinen verweilte.

„Oh, wie spannend das hier ist ...“


„Komm, Rommi, Wir bringen dich und Pichel nach hause“, überhörte Lafenne Rommis Frage nach mir und half ihr von der Liegefläche. „Kümmert ihr euch um den Kater?“

„Da war diese dünne, blasse Frau – mit diesen großen, fremden Augen ...“


„Was fällt dir überhaupt ein?“, beschwerte ich mich und langte mit ausgestrecktem Arm nach dem schwarzen Kater, der nicht enden wollend, Freundschaft mit mir schließen wollte.

„Ist ja gut, ihr zwei“, mischte Joscha sich in unser Gerangel ein. „Genug gespielt für heute. Pichel muss jetzt nach hause.“

„Hoppla, was ist jetzt?!“, piepste Pichel, als mein Assistent ihn von meinem Spiel- und Spaßbaum pflückte und ich ihm ein großzügiges „Da hast du es! Geschieht dir recht!“ hinterher schnaubte.
Joscha entsorgte Pichel in diesen Taschenkorb, in welchem ihn die beiden Menschenfrauen hinterrücks in mein Revier geschleust hatten.

Unterdessen halfen Lafenne und Karel der ähnlich wie Pichel dahin plappernden Frau in Richtung Zimmertür.

Es war nur Joscha, der mir, kurz bevor sie alle aufbrachen, noch etwas Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Pichel samt Kiste in der Hand beugte er sich zu mir vor.

„Erzählst du mir, wie du die Frau, die dich hier hergebracht hat, kennengelernt hast? Und was ihr in der Bibliothek gemacht habt?“, flüsterte er.

Ich nickte.

„Joscha, jetzt komm schon!“, rief Lafenne kurz angebunden.

„Sofort“, erwiderte er, wandte sich zuvor aber noch ein weiteres Mal an mich. „Danke dir. – Ach, und macht es dir was aus, wenn ich dich und Karel übermorgen in die Bibliothek begleite?“

Ich schüttelte den Kopf und spürte, wie mich plötzlich eine angenehme Erleichterung ergriff. Kaum auszudenken, was mir bevorgestanden hätte, wenn ich allein mit Karel aufgebrochen wäre. – Welch gute Wahl ich doch mit meinem Assistenten getroffen hatte ...

Joscha lächelte dankbar. Und – kam es mir nur so vor oder entdeckte ich darin eine Spur von Sorge und Beklommenheit?

Mehr Gelegenheit, seine Miene zu studieren, bekam ich nicht. Denn kaum hatte er meine Geste mit der seinen erwidert, war er mit den anderen drei Menschen bereits aus dem Zimmer geeilt. Die Tür fiel fest ins Schloss – und ich blieb mit mir alleine.

>> weiter mit Lektion 24 (Band 2) >>

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