Lektion 22 oder Retour

„Oh, ich denke, wir kennen uns noch nicht. Ich bin übrigens Pichel.“


Weder ich noch Riva schenkten diesem Geräusch nur das kleinste bisschen Beachtung. Ich für meinen Teil hatte längst aufgehört zu zählen zum wievielten Mal sich diese Endlosschleife wiederholte. Und Riva hatte für ihren Teil begriffen, dass es keinen Unterschied machte, wenn sie mich ständig danach fragte, ob Pichel denn schon wieder von vorn begonnen hätte, oder eben nicht. Bereits nach dem zweiten Mal hatte ich ihr nämlich von meiner Vermutung im Hinblick auf Glasfenster, Pichels höchst wahrscheinlicher Angewohnheit dagegen zu laufen und seinem Unvermögen, sich kaum mehr als seinen Namen zu merken, berichtet. Riva hatte daraufhin ernst genickt und „Ich verstehhe“ gesagt. Ich wiederum hatte dies zum Anlass genommen, jede weitere Erklärung und Mutmaßung zu unterlassen. Old Lady hatte mich diesbezüglich hervorragend erzogen und das wollte ich so gut es irgend ging in Ehren halten.

„Das ist aber ein sonderbarer Ort hier“, plapperte Pichel.

Riva und ich hatten ihn in einem kleinen engen Zimmer, welches mich stark an Brunerts Behausung in der Burschenschaft erinnerte, aufgelesen. Überall diese kalten, glatten, weißen und mit blauen Schlieren markierten Täfelchen, die dort die Wand und sogar den Fußboden übersäten. Was dachten sich die Menschen nur bei derart unbehaglich gestalteten Behausungen?

Nichtsdestotrotz hatte Riva mir sofort widersprochen, als ich ihr meinen Entschluss, bis Wen-Ns Ankunft hier zu verweilen, verkündet hatte. Stattdessen hatte sie mir gegenüber eine alte Pappschachtel, die etwa zweimal so groß war wie ich, in den Himmel hinauf gelobt, bis sie schließlich mich und Pichel dort hinein gesetzt und uns großzügig mit einer muffigen und zähen Stoffdecke ummantelt und damit quasi völlig bewegungsunfähig verpackt hatte. Ich stellte fest, dass auch die Schachtel etwas Muffiges an sich hatte. Sie roch nach diesen Büchern, von denen es in diesen Räumen anscheinend beachtlich viele gab. Wenigstens hatte dieses Ding keinen Deckel, sodass ich neben Pichel auch die umliegenden Räumlichkeiten besehen konnte, während Riva diese mit uns beiden auf dem Arm durchquerte.

Irgendwann fragte mich die Menschenfrau, wo genau ich denn nun wohnte, weshalb unser Gespräch, das gelegentlich von einem „Wir kennen uns noch nicht, mein Name ist übrigens Pichel.“ unterbrochen wurde, letztendlich auf Karel fiel. Ich nutzte diese Gelegenheit, um seine zumeist geradezu eigentümlichen Verhaltensweisen, wie Bücher, das Nicht-richtig-sprechen-Können und diesen Hut, welcher seit einiger Zeit fehlte, aufzuzeigen. Riva bestätigte mir, dass sie wüsste, von wem ich redete, und sie versicherte mir, dass sie mich und Pichel zu ihm bringen würde. An haargenau dieser Stelle unserer Unterhaltung machte ich ihr wiederholt deutlich, dass ich die zwei Tage bis zu Wen-Ns Erscheinen auch bei ihr verweilen könnte. Aber sie blieb eisern und verwies mich auf Pichel, welcher ebenfalls nach hause musste ...

Ich beließ es fürs Erste dabei, behielt mir jedoch vor, Riva – sobald wir Pichel bei Karel abgeliefert haben würden – vor vollendete Tatsachen zustellen und weder ihre so besonders heißgeliebte Schachtel noch die muffelige Decke freizugeben, bis sie mich wieder mit zu sich genommen hatte und mit mir auf Wen-N wartete. Jawohl, wenn ich es wollte, konnte ich verdammt hartnäckig sein.
Inzwischen waren wir über einen engen dunklen Treppenaufgang ins Freie gelangt. Diese eigentlich grünen aber zu dieser Tageszeit grauen Buschgewächse und so erkannte ich sofort. Ich war ein gutes Stück beeindruckt, wie achtsam Riva sich verhielt. Eigentlich benahm sie sich ruhig und gab sich gekonnt unauffällig. Andererseits blickte sie von Zeit zu Zeit vergewissernd um sich und zog sich mit der freien Hand ihre Kleidung – besonders rund um ihren Kopf zurecht.

„Ich weiß, wo wir sind“, sagte ich in die meines Empfindens nach mittlerweile leicht peinlich berührte Stille. Selbst Pichel hielt es anscheinend für unangebracht, diese durch seinen stetig neu aufkeimenden Entdeckungsdrang zu unterbrechen.

„Nichd redden“, flüsterte Riva knapp. „Ich dürfde gar nichd hir sein. Das ist eine meiner Auflaggen, dammid ich in der Bibliedek arbeiden kann.“

Obwohl ich weder so genau wusste, was Auflagen oder eine Bibliothek waren, ließ ich Riva ihren Willen und übte mich in wohlmeinender Geduld. Menschen meinten andauernd, dass sie besonders wichtige Gründe für das hätten, was sie taten. Diese waren für mich zwar nicht immer nachvollziehbar, trotzdem war es in der Regel die bessere Entscheidung, dies vorerst zu tolerieren. So wusste ich wenigstens woran ich war und ich hatte schließlich ja noch meine Pläne für die Rückreise, zu welcher ich die bleiche Menschenfrau im Gegenzug zu nötigen gedachte. Ich nahm mit vor, Riva nach ihren Gründen zu fragen, sobald wir wieder bei ihr waren und etwas Ruhe hatten.

„Nummer Fünfundswansig. – Es muss hir sein“, murmelte Riva, bevor sie mit uns in eines dieser düsteren Hausgemäuer mit viereckigen gelben Leuchtfeldern eindrang.

Kaum klappte hinter uns die große Tür schwer knarrend ins Schloss, wusste ich auch schon, wo wir waren. Ich kannte diesen Korridor und ich kannte diese Stufen, die Riva behutsam hinaufstieg, um in einen weiteren Korridor zu gelangen, den ich – und vielleicht auch Pichel, wenn sein Gedächtnis denn stabiler gewesen wäre – sogar noch einen winzigen Deut besser kannte.

„Miez, miez? Huhu! – HUHU!“

Diese Stimme. Sie kam gedämpft von vorn. Auch sie kannte ich, obwohl sie mir dennoch nicht all zu vertraut war. Wie es schien, hatte sie ebenso in Riva etwas ausgelöst. Ich stellte fest, dass sie nur leicht ihre Richtung änderte – und auf eine bestimmte dieser Türen, welche den ganzen Korridor seiner Länge nach flankierten, zusteuerte.

„T-t-t- ...“

„TYRRIN! – Himmel, Karel, tu endlich mal was dagegen!“

Eindeutig. Das waren Karel und Lafenne. Daran gab es keinen Zweifel. Und da war noch etwas ...

„Sei vorsichtig“, warnte ich Riva leise. „Bestimmt wirft sie gleich wieder mit Schuhen oder steckt uns in ihre Tasche.“

Die bleiche Menschenfrau durchfuhr ein jäher Ruck. Allerdings nicht aus Furcht oder Sorge, wie ich den Eindruck hatte. Nein, ganz und gar nicht. Sie unterdrückte wieder so ein Lachen! Das schloss ich aus dem verschluckten Glucksen, das ihre schließlich doch entrang.

„Du musst dich zusammenreißen!“, mahnte ich in Sorge, dass ihr wiederholt die Kontrolle über ihren eigenen Körper zu entgleiten drohte. So etwas konnte ich jetzt beileibe nicht gebrauchen. Ich brauchte Riva in einer zuverlässigen Verfassung. Derart in diese muffige Decke eingewickelt und dann auch noch mit Pichel zusammen in dieser Schachtel verstaut konnte es nicht gut gehen. Wie sollte ich da bitte anfliegenden Schuhen und Taschen ausweichen?

Mit größter Mühe wand ich mich gerade frei genug, sodass ich mich zu Riva umdrehen und sie mit einem maßregelnden und zur Disziplin aufrufenden Blick bedenken konnte. Allerdings beachtete sie mich nur einen kaum merklichen Augenblick, bevor sie wieder sehr schnell und irgendwie gezwungen nach vorne sah. Außerdem merkte ich ihr erneut diese unregelmäßig ruckende Atmung an. Aber dann fasste sie sich.

„Endschuldigge“, presste Riva hervor. Dabei wagte sie es nicht, mich auch nur für einen kurzen Moment anzusehen. „Demmnach sind wir hir also richdig“, ergänzte sie nach einer Weile und mit einem breiten Grinsen, welches ich mir nicht recht erklären konnte.

„Nein, wo sind sie denn?“, sprach die Stimme der jungen Menschenfrau, die Pichel in mein Revier verfrachtet hatte, jenseits dieser einen Tür.

„Der Erdboden wird sie schon nicht verschluckt haben.“ Joscha. „Sieh mal unter dem Bett nach.“

„Ja, Karel, hör‘ auf den Jungen von der Burschenschaft der Katzenquäler“, pflichtete Lafenne ihm in einem eigenartigen Singsan bei. „Er weiß genau, wie man kleinen ungezogenen Kätzchen auf die Schliche kommt.“

„Burschenschaft der was?“

„Rede nicht so voreilig über Dinge, von denen du nicht viel mehr als Gerüchte weißt“, sprach Joscha ernst und eine bedächtige Spur leiser.

Wir standen inzwischen unmittelbar vor der Tür, die mich einst so unwirsch auf den dunklen Korridor gesetzt hatte und uns nun von der Unterhaltung zwischen den vier Menschen trennte. Doch anstelle sich durch ein Klopfen oder ein vergleichbares Gebaren bemerkbar zu machen, schien Riva diesem Gespräch lieber zuhören zu wollen.

„E-er ist nicht m-mehr in d-der Burschenschaft“, pflichtete Karel Joscha bei.

Lafenne schnaubte.

„Wenn das so ist, sollten wir besser dort vorbeischauen und mal nachfragen, ob ihnen versehentlich zwei kleine Katzen ins Gulasch gefallen sind.“

„Was denn? Du glaubst nicht im Ernst, dass wir die essen?“ Joscha klang jetzt maßgeblich verstört.

„HIIIER HER, PICHEl, PICHEL, PICHEL!“, tönte die andere Menschenfrau gezwungen und so schrill, dass es mir in den Ohren klingelte.

„Ich bin hier!“, quiekte Pichel jäh zurück. Natürlich, Menschensprache oder nicht, sein Name war das Einzige, was er in seinem Kopf behalten konnte. „Die Stimme kenne ich! Ich bin hier! Ich bin hier!“

Jenseits der Tür herrschte sofort Stille.

Auch Riva rührte sich kein Stück. Um ehrlich zu sein, wirkte sie gewissermaßen, als habe man sie auf frischer Tat ertappt.

„H-habt ihr d-das auch gehört?“

„Das kam von draußen“, meinte Joscha.

Wie als ob es sich ohnehin nicht vermeiden ließ, atmete Riva einmal tief durch und tat, was die menschliche Sitte ihr abverlangte. Sie klopfte.

„Jetzt wird es gruselig.“ Das war wieder Joscha.

„Steh hier nicht so herum und mach gefälligst auf, Karel“, zischte Lafenne.

Ein Mensch tappte mit zögerlichen Schritten zur Tür, welche sich sogleich langsam öffnete und einen gedämpften Lichtschein auf uns warf.

„J-j-ja?“ Missmutig und ausnahmslos mit dem Schlimmsten rechnend lugte Karel aus dem Spalt hervor. Ich witterte den mir wohlbekannten Geruch unseres gemeinsamen Zimmers – und ... Bemerkte ich da einen zarten Hauch von Leberwurst?

„Kann ich davon ausgehhen, dass dise swei su euch gehörren?“ Riva hob Pichel und mich in den Lichtschein.

„T-t-t-t-tyrrin!“

Die Tür riss auf – zu unserem wie auch Karels Schrecken.

„Pichel?! Pichel, bist du auch ... – JIEK!“ Die junge Menschenfrau schrie auf und tippelte mit weit aufgerissenen Augen zurück. Dann wurde sie sich offenbar gewahr, was sie da eigentlich machte „Ojemine, das tut mir leid.“ Sie schluckte. „Ich bin Rommi Licherstudt. Vielen Dank, dass du Pichel gefunden und wieder zu uns gebracht hast.“

„Halb so wild, du bist nichd di Erste, der das passird.“ Riva hatte einen gleichgültigen Ton in ihrer Stimme. „Ich bin Riva Mari.“

„I-ich d-danke dir e-ebenso“, stammelte Karel und stellte sich mit großer Mühe vor. Genau wie bei Rommi lag in seinem Ausdruck etwas Befremdetes. Das Gleiche galt für Joscha und Lafenne, welche ich hinter der jungen Menschenfrau entdeckte. Pichel oder ich schienen allerdings nicht die Ursache für dieses Benehmen zu sein. Es war Riva, die ihre Aufmerksamkeit derart fesselte. Warum das so war, konnte ich mir jedoch nicht zusammen reimen.

„Wo hast du sie gefunden?“ Es war mein Assistent, Joscha, der ausreichend Geistesgegenwart an den Tag legte und die verfahrene Unterhaltung voranbrachte. „Du arbeitest unten in der Bibliothek, nicht war?“

„Richdig.“ Riva übergab Pichel und mich samt Karton an Karel. „Dord habbe ich si enddeckd. Si sind übber einen Buchwaggen in denn Keller des Magasinns gelangd. – Du bist ein Adepd des Weihers?“ Ihre Betonung erhob sich in dem letzten Satz zu einem kalten Scherzen.

„Ich war es. Ja“, bestätigte Joscha geradlinig.

„Ist das so.“ Riva lächelte freudlos.

„Nein, wie seid ihr denn bloß da hin gekommen?!“, staunte Rommi wieder in dieser schrillen Tonlage, während sie Pichel behutsam aus der Decke angelte.

„Oh, ich denke, wir kennen uns!“, fiepte Pichel freudig, wie es kleine Kätzchen gerne machen. „Ich bin Pichel. Bin ich jetzt zu Hause?“

„Fraggd si selbst, wenn ir mer wissen wolld“, erwiderte Riva auf die Frage der jungen Frau, obwohl sie meines Wissens gar nicht angesprochen worden war. „Bei demm Schwarsen sollded ihr jeddoch Sorge draggen, dass er nichd mer so ofd geggen Glass läufd.“

„Glas?“, meldete sich nun auch Lafenne zu Wort.

Rommi dagegen bedachte Riva mit Neugier und Erstaunen.

„Ja, du verstehst sie?“

„Wenn?“, meinte Riva begriffsstutzig.

„Die Katzen!“, jubelte Rommi. „Du ... Dein Volk kann tatsächlich mit Katzen sprechen?“

Riva wollte antworten und sah bereits mit undurchsichtigem Blick zu mir. Da weckte kurzzeitig etwas anderes ihr Interesse. Auch ich sah aus den Augenwinkeln, dass sowohl Karel, als auch Joscha sowie Lafenne sehr gezwungen und hektisch mit dem Kopf schüttelten.

Nachgiebig rollte Riva mit ihren großen hellen Augen und lächelte – für meinen Geschmack – etwas beängstigend.

„So ist es.“

„Unglaublich“, staunte Rommi. „Nein, wenn ich das doch auch nur könnte ...“

„Verständlich“, meinte Riva und richtete ihren Mantel. „Ich muss wider surück. – Kommd in swei Dagen in das Magasinn und bringd denn grauen Kadder mid.“

„D-du meinst Tyrrin?“

Riva nickte zweimal. Einmal um Karels Annahme zu bestätigen. Einmal um sich von den vier Menschen zu verabschieden. Letzteres erkannte ich allerdings erst, als die Zimmertür vor meiner Nase zuklappte und ich mich – schon wieder – auf der falschen Seite wiederfand!

„Nein! Nicht!“, rief ich und wühlte mich aufgeregt aus der Decke. „Ich will doch mitgehen!“

„Nein, Tyrrin, das wirst du nicht?“, widersprach Lafenne.

„Wieso?!“, protestierte ich.

„Weißt du, was Gulasch ist?“ Mahnend hob sie ihren Zeigefinger.

„Nein!“, erwiderte ich grob, worauf die junge Menschenfrau kopfschüttelnd mit den Augen rollte und ihren Zeigefinger sinken ließ.

Joscha lachte.

„Diese Frau ist eine Straftäterin und kein guter Umgang für dich.“ Lafenne beugte sich zu mir vor. „Eben erst hat sie uns dazu angestiftet, übermorgen in die Bibliothek einzubrechen!“

„Bestimmt hat sie ihre Gründe“, witzelte Joscha. „Und warum sollen wir nicht?“

„A-a- ...“, meinte Karel.

Lafenne hingegen schnaufte.

Pichel fiepte eine seiner Standardfragen, als er auf dem Boden landete.

Nur Rommi blieb verschwiegen. Stattdessen starrte sie mich beinah so blass wie Riva und hastig atmend an. Erst als sie ihre Augen schwindend nach oben verdrehte und umfiel, vernahm ich, wie sie leise etwas sagte ...

„Der Kater spricht ...“

>> weiter mit Lektion 23 (Band 2) >>

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