Lektion 21 oder Der Kontakt in der Kiste

Ich warf einen prüfenden Blick hinter den samtig schimmernden Vorhang in das innere des Würfelkastens. Bis auf Dunkelheit war da nichts.

Riva hatte mich unter zahlreichen Beteuerungen und einigen Minuten des Zuredens auf den Tisch gehoben, an welchem der gezeichnete Menschenmann gesessen hatte. Dann war sie fortgegangen, weil sie das Licht zum Erlöschen bringen wollte. Geduldiges Warten kam mir im Moment jedoch ganz bestimmt nicht in den Sinn. Also nutzte ich die Gelegenheit, um mir einen Überblick zu verschaffen. Besonders spektakulär war dieser allerdings nicht.

Ein mechanisches Knack schallte durch den Saal. Das permanente Surren, welches ihn die ganze Zeit zusammen mit dem Licht erfüllt hatte, ebbte ab. Es wurde dunkel.

Trotzdem steckte ich weiterhin mit meinem Kopf in dieser Regalkiste, rechts und links an den Seiten von dem nun mattschwarzen Soff des Vorhangs flankiert und mein Hinterteil mit allem Zubehör aufrecht auf der Tischplatte davor. Meines Erachtens nach lag das größere Risiko eindeutig in diesem Kasten und ich war mir bereits in sofern sicher, dass ich hinter mir vorerst nichts Gefährlicheres vermuten brauchte.

Entgegen meiner Hoffnung passierte bis auf noch mehr Dunkelheit aber erst einmal nichts. Dieses Möbelstück war und blieb gänzlich unbeeindruckend.

In einiger Entfernung tappten rasche Schritte durch das Zimmer. Riva, wie ich vermutete. Mit ihr näherte sich ein ungestümes Flackern, welches sein oranges Leuchten durch meine Beine hindurch in den Kasten warf. Auch daran war nichts weiter besonderes. Riva hatte sich eine Kerze angezündet, um ihren Weg zu mir besser finden zu können.

„Hier ist nichts!“, rief ich mit unverkennbarer Enttäuschung und zog meine Kopf aus dem Kasten.

„Du musst einen Mommend warden?“, erwiderte die bleiche Menschenfrau und stellte ihre Kerzenlichtvorrichtung neben mich auf den Tisch. Dann nahm sie dort Platz, wo der Gezeichnete vorhin gesessen hatte.

„Und jetzt?“, drängelte ich bestimmt aber höflich und aufrecht neben der Kiste sitzend.

Riva räusperte sich und tippelte unruhig mit ihren dürren Fingern teils in der Luft, teils auf der Tischplatte umher. Sie sah aus, als wolle sie etwas anpacken, ohne zu wissen, worum es sich dabei handeln sollte.

„Ich habbe das bisherr noch nichd selbst gemachd ...“

„Aber du hast gesagt ...!“, fiel ich ihr bestürzt ins Wort.

„Einen Mommend, sagde ich!“

Ich geduldete mich widerwillig.

Mit leichten Fingern zupfte Riva an dem dunklen Vorhang bis er dem Innenraum des Würfelkastens abdeckte.

„Dunkel ist ser gutt“, überlegte sie leise und drückte mit zwei Fingern das Licht der Kerze aus, die mit einen kurzen Zischlaut protestierte. Danach verfiel die Menschenfrau in ein kaum hörbares Flüstern, welches gerademal das Geräusch der erlöschenden Kerze übertönte.

„Und Rue ist ebben so wichdig. – Ah ... und ...“

Ich konnte noch nicht so gut sehen, weil sich meine Augen erst an die veränderten Umstände gewöhnten. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass Riva sich verdächtig ratlos in dem Zimmer umblickte.

„Suchst du etwas?“, erkundigte ich mich ihre Lautstärke imitierend, nachdem sie selbst seit einer gefühlten Ewigkeit schon keinen Ton von sich gegeben hatte.

„Nichd so ganz“, raunte Riva unentschlossen. „Wirr müssen Kondakd aufnemmen. Ich weis nurr nichd, auf welche Weise ich dabbeivorgehhen soll. Di Herren habben sich immer so geheimnisvoll. Bessonders wenn si sich beobachded fülen.“

„Ich verstehe ...“, meinte ich langsam, wobei ich mir die ein oder andere eigenwillige Ausprägung menschlichen Verhaltens, welche von den mir bekannten Mitmenschen an den Tag gelegt wurde, durch den Kopf gehen ließ. „Menschen klopfen gerne, wenn sie mit anderen Menschen sprechen wollen“, schlug ich vor. „Vielleicht solltest du auch mal Klopfen.“

„An einen Vorhang?“, hielt Riva dagegen. „Wi soll ich an einen Vorhang klopfen?“

„Es war nur ein Vorschlag ...“, murmelte ich eingeschnappt. „Du bist diejenige, die gesagt hat, sie wisse, wie ich mit Wen-N sprechen kann. Ich versuche nur zu helfen.“

„Andererseids ...“, nuschelte sie. „Auf demm Hols villeichd ...“ Ich vernahm, wie sie mit der flachen Hand über die ebene Tischfläche strich. Zunehmend musste ich annehmen, dass sie meinen Vorwurf ohne Weiteres und schlichtweg überhört hatte.

„Nein“, konstatierte sie dann doch. „Dise Herren klopfen dabbei nichd an. Es muss edwas anderes sein. Irgend ein Seichen ...“

„WEN-N? Bist du da, Wen-N?“, rief ich kurzentschlossen in das tiefschwarze Dunkel hinter dem Vorhang. Jawohl, hinter dem Vorhang. Ich hatte meinen Kopf wieder in den regalartigen Würfelkasten gesteckt, welcher im Übrigen zwischenzeitlich nicht interessanter geworden war.

„Tyrrin!“, schrie Riva in gekreischtem Flüsterton. „Nichd so laud.“

Ich zog meinen Kopf wieder aus dem Kasten.

„Da ist niemand drin. Und Wen-N ist da erst recht nicht.“

„Du musst leiser sprechen, Tyrrin. Sonst wird es gar nichd funkdioniren.“ In Anbetracht der Art, wie sie sprach, machte Riva auf mich den Eindruck, als habe sie ihre Hände beschwichtigend erhoben. Der grauschwarze Schemen, den sie in der Dunkelheit des Zimmers abbildete, reichte fast an mich heran und wedelte mir mit dem Teil, der mir wohl am nächsten war, in einer wogenden Auf- und Abbewegung und böigen Luftzügen entgegen.

„Aber wie soll uns dieser Jemand, der vorhin da war und jetzt nicht mehr da ist, hören, wenn wir nur flüstern?“

Jetzt hatte ich sie. Und ich hatte recht.

„Di Herren ruffen auch nichd, wenn si mid inen sprechen“, trotzte Riva meiner Gewissheit.

„Wen-N?!“, holte ich zum Gegenschlag aus. Natürlich mit dem Kopf hinter dem Vorhang. „Wehen-N! Wo bist du, Wen-N?!“

Die Menschenfrau packte mich, riss mich hoch und presste mich etwas in ihrer Sprechweise murmelnd an ihren Oberkörper.

„Was soll das?“, protestierte ich. Doch sie hatte nur einen Zischlaut für mich übrig und legte eine Hand auf meinen Kopf. Offenbar hatte sie dazugelernt. Denn ihr Griff war alles andere als fest, ja regelrecht behutsam. Trotzdem war er sehr bestimmt und sorgte dafür, dass ich ihrem – wenn auch nicht offen ausgesprochenen – Wunsch nachkam und mich ruhig verhielt.

„Wen-N ist nicht hier.“

Ich spürte, wie der Atem der Menschenfrau stockte.

„Wen-N?“, rief ich in verhaltenem Ton und freudig erregt, diesen Namen endlich auch von der Stimme eines anderen zuhören.

„Ich sagte, Wen-N ist nicht hier!“, antwortete die leise Stimme unwirsch.

„Wer sprichd da?“ Es war Riva, die diese Frage stellte. Sie ließ mich los, sodass ich vor der Regalkiste auf dem Tisch landete. Aber ich hütete mich, meinen Kopf noch einmal dort hinein zu stecken. Ich hatte diese Stimme – oder viel mehr dieses Stimmchen – klar vernommen. Und was immer diese Worte verlauten ließ, war jetzt jedenfalls dort in dieser Kiste, wo bis eben nachweislich noch nichts gewesen war.

„Wer zuerst spricht, sagt zuerst seinen Namen“, wisperte das Stimmchen. „So lauten die Vorschriften, die euereins längst kennen sollte. Immer ist es dasselbe mit euch vom Weiher. Reizt meine Geduld nur bis zu ihrem Ende ...“

„Wir sind nichd vom Grauen Weiher“, unterbrach Riva das Stimmchen. Sie stupste mich sanft von hinten an. „Tyrrin, du musst dich vorstellen.“

Ich nickte ihrem schattigen Schemen zu.

„Mein Name ist Tyrrin“, gehorchte ich. „Und wie ist dein Name?“

„Nicht vom Weiher, wie?“ Das Stimmchen lachte gehässig. „Nein, wenn diese selbstgefälligen Menschen das wüssten ...“

„Bitte verrate uns nicht“, bat Riva rasch.

„Nein, nein“, murmelte das Stimmchen. „Es gibt keine Vorschriften, welche euch die Nutzung dieser Verbindung untersagen. Regeln sind Regeln. Und diese besagen lediglich, dass Unterhaltungen im Einzelnen als streng vertraulich zu behandeln sind. Es ist nicht mein Problem, dass angeblich geheime Informationsübermittlungswege weniger geheim sind als ihre Nutzer bei Zeiten annehmen.“ Das Stimmchen kicherte noch einmal zynisch, räusperte sich dann aber sortierend. „Es freut mich dich kennenzulernen, Tyrrin. – Wie lautet der Name deiner Begleiterin?“

Riva legte umgehend ihre Hand auf meinen Rücken und nahm mir die Beantwortung der Frage ab.

„Wer suerst sprichd, stelld sich suerst vor“, wiederholte sie die Losung, die das Stimmchen uns soeben vorgetragen hatte. Dieses gab darauf ein kaum hörbares Seufzen von sich.

„Ich bin Ob-Gleich“, raunte es anerkennend. „Ich habe schon lange keine Unterhaltung mehr mit jemandem aus Mondlech geführt. Eigentlich schade, wo ich jetzt darüber nachdenke ...“

„Mein Namme ist Riva Mari“, kam Riva ihrer Verpflichtung nach.

„Ja, wahrhaft bedauerlich. Gute Manieren und Pflichtgefühl weiß man heutzutage vielerorts einfach nicht genug zu schätzen. Aber lassen wir das Reden über die guten alten Zeiten. Welchen Dienst kann ich euch beiden erweisen.“

Riva nahm ihre Hand von meinem Rücken.

„Erklärre dein Anligen, Tyrrin“, sagte sie sanft.

„Ich möchte mit Wen-N sprechen“, meinte ich.

„Wen-N ist nicht hier, wie du bereits weißt.“

„Wi können wirr mid Wen-N in Verbindung dreden?“, half mir Riva.

„Ihr?“ Ob-Gleich schnaubte. „Gar nicht.“

„Gibt es denn keine Möglichkeit mit Wen-N zu sprechen?“, rief ich leise.

„Nicht hier und nicht heute.“

Ich hörte, wie Riva nach Luft schnappte, um etwas zu erwidern. Doch ich war schneller.

„Wann dann? Und wo dann?!“

„Gemach, kleiner Tyrrin.“ Ob-Gleich lachte selbstgefällig. „Nicht morgen. Aber übermorgen. Und dann hier zu dieser Zeit. Nicht eher, nicht später.“

„Ist das eine Vereinbarrung?“, fragte Riva sachlich. Offenbar gefiel es ihr genauso wenig wie mir, wie diese gesichtslose Stimme mit uns redete.

„Das ist es“, bestätigte Ob-Gleich.

„Was müssen wirr als Geggenleistung dunn?“

Obwohl ich dieses Wesen nicht sehen konnte, wusste ich, dass es breit grinste.

„Nicht doch“, sagte das Stimmchen. „Ihr habt längst mehr als genug getan, um euch diesen Dienst zu verdienen. Trotzdem. Wäret ihr so gütig, mir eine weitere Frage zu beantworten.“

Wieder legte Riva mir ihre schmale Hand auf den Rücken.

„Es kommd gans auf di Fragge an.“

„Schön“, stimmte Ob-Gleich geduldig zu. „Warum wollt ihr ausgerechnet mit Wen-N sprechen? Es gilt nicht als besonders zuverlässig und ich wüsste keinen Grund, warum ich euch nicht zur Hand gehen sollte.“

„Wirr möchden im und nur im eine Fragge stellen“, antwortete Riva.

„Nein, wirklich?“ Das Stimmchen klang enttäuscht. „Das nennst du eine Antwort, Riva Mari? – Tyrrin?“ Ob-Gleich sprach meinen Namen länger aus, als ich es für angebracht hielt. „Wie antwortest du auf meine Frage?“

Ich wandte mich zu Riva um, sodass sich ihre Hand von mir löste. Der Schemen ihrer Gestalt blieb ansonsten jedoch regungslos. Also gehorchte ich.

„Ich will von Wen-N wissen, wo Old Lady ist. Ich glaube, es kennt sie und weiß, wo sie sich aufhält.“

„Das hat schon mehr von einer Antwort“, lobte mich das Stimmchen „Bestimmt könnte ich etwas damit anfangen, wenn ich mehr darüber wüsste. Aber belassen wir es dabei. – Ich werde dafür sorgen, dass Wen-N rechtzeitig hier ist, wenn ihr es in zwei Tagen zu sprechen wünscht.“

„Danke dir“, sagte Riva und tippte mich sacht mir einer Fingerspitze an.

„Genau, danke dir“, plapperte ich.

Und dann war Ruhe. Sogar für eine ganze Weile, da weder Riva noch ich einen Laut von uns gaben. Das galt auch für ...

„Ob-Gleich?“, erkundigte ich mich, was an der allgemein um uns vorherrschenden Stille nur kurz etwas änderte.

„Oh-Gleiheich?!“, rief ich nun lauter.

„Ich vermudde es ist ford ...“, meinte Riva.

Ich prüfte das, indem ich meinen Kopf durch den Vorhang in den Regalkasten steckte.

„Hier ist niemand“, sprach ich in die Finsternis. „Glaube ich ...“

Hinter mir ertönte ein ratschendes Geräusch, dann ein heißes Auflodern. Ein unruhiges gelboranges Licht fiel durch meine Pfoten in den Kasten.

„Nein, hier ist wirklich niemand“, konstatierte ich meinen Unmut nicht verbergend.

„Dise Wessen sind von Nadurr aus ser eigen“, meinte Riva. „Abber si sind gleichwol ser bedacht auf ire Reggullarrien. Du kannst dich darrauf verlassen. Si dunn, was si dirr susaggen.“

Ich zog meinen Kopf aus dem Dunkel und schenkte der blassen Menschenschfrau einen prüfenden Blick.

„In zwei Tagen werde ich mit Wen-N sprechen?“

„Richdig.“

„Gut, wenn das so ist ...“ Ich setzte mich aufrecht vor ihr hin und neigte meinen Kopf zur Seite. „Was machen wir so lange?“

>> weiter mit Lektion 22 (Band 2) >>

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