Lektion 20 oder Riva

„Bitte endschuldige, ich wollde dich nichd erschrecken.“ Riva blickte leicht verlegen und etwas beschämt auf ihre Finger. Einer von ihnen war mit einer rostig roten Farbe beschmiert.

„Ich dachte, du wärrest jemmand anderes odder von jemmand anderem geschickd worden“, fuhr sie fort. „Ich habbe schonn vil erlebbd. Dord, wo ich herrkomme, auf demm Wegg hir herr und ebbenso hir in Reddberg.“



„Ach ja?“, meinte ich unbestimmt, da ich nicht so recht begriff, wovon sie redete. Andere Orte, Wege ... Liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, das waren Dinge oder viel mehr Begrifflichkeiten, deren Bedeutung mir zu jener Zeit nur sehr vage bewusst waren.

„Dort, wo du herkommst ... Ist das sehr weit weg?“, erkundigte ich mich. „Musstest du etwa sogar Fahrradfahren?“

Insbesondere die letzten Worte sprach ich mit großem Mitgefühl. Immerhin kannte ich die fürchterlichen Umstände dieser äußerst gewöhnungsbedürftigen Tortur des Reisens. Es war mir nicht möglich zu sagen, weshalb das so war, aber jetzt in dieser Situation erschien mir Anteilnahme durch und durch angebracht.

Riva hingegen war diesbezüglich offenbar einer anderen Auffassung. Vollkommen verständnislos gaffte sie mich mit ihren übergroßen Augen an. Ehe ich allerdings etwas zu meiner Rechtfertigung vorbringen konnte, brach sie in schallendes Gelächter aus, krümmte sich vor scheinbar unerträglich Schmerzen den Bauch haltend nach vorn und wälzte sich sowohl keuchend wie auch nach Atem ringend auf dem Boden.

Aus Sorge und schierer Hilflosigkeit vergaß ich glatt mein Bedürfnis nach Sicherheit und eilte aus dem Spalt hervor, um nach der bleichen Menschenfrau zu sehen.

Sie entdeckte mich und hielt inne, ihrer Länge nach auf dem Boden ausgestreckt. Auch ich bemerkte, wo ich mich hier eigentlich befand und wen ich hier unabhängig von jeder noch so faszinierenden Verhaltensweise vor mir hatte. Zum wiederholten Weglaufen in den Spalt hinein, kam ich jedoch nicht. Zuvor stob aus Riva eine weitere Lachsalve hervor und ich vergaß doch glatt, dass ich soeben hatte die Flucht ergreifen wollen. Ich hatte es ja schon einige Male erlebt, dass Menschen, mit denen ich gesprochen hatte, von einem Augenblick zum nächsten umfielen. Old Lady war da keine Ausnahme gewesen. Aber so eine Reaktion ...

Ich blickte mich kurz um und prüfte, ob mein Unterschlupf im Ernstfall immer noch dort verweilte, wo ich ihn zurückgelassen hatte, wandte mich wieder Riva zu und wartete geduldig ab, bis sie sich nach zwei neuerlichen und laut losprustenden Lachanfällen gefangen hatte. Sie setzte sich auf und gluckste noch einige Male, wobei sie sich ihre Hand vor den schmalen Mund hielt und sich anschließend etwas Feuchtigkeit aus den großen Augen wischte.

„Bitte verseih“, sprach sie dann ein wenig heiser. „Das war unhöfflich von mirr.“

Ich nickte diplomatisch.

„Und um auf deine Fragge surück su kommen.“ Sie räusperte sich. „Radfarren war keine der Reisemöglichkeiden, die ich auf demm Wegg hir herr genudst habbe. Abber ja, Mondland ist von hir so weid weg. So weid weg, dass ich ville Monnade fürr die Reise brauchde. Und nochmals ja, es war keine angenemme Reise.“

„Viele Monate“, flüsterte ich für mich, da ich mit diesem Maß nichts Genaues anzufangen wusste. Es klang nach so viel mehr als Minuten, Stunden, Tagen oder gar Wochen, deren Bedeutung mir aus dem Zusammenleben mit den Menschen bereits einigermaßen geläufig waren – auch wenn mich diese ominösen Wochenenden jedes Mal aufs Neue kalt erwischten. Aber Monate ... Dafür fehlte mir im Augenblick jede Vorstellung. Es klang nach viel Zeit, die verstreichen musste. Und so wie Riva sprach, war diese nicht sonderlich angenehm gewesen.

„Warum hast du diesen langen Weg dann auf dich genommen?“, fragte ich.
Sie seufzte.

„Glaub mirr, es wärre mirr liber gewessen, dies Reise nichd zu machen“, sprach sie. „Abber es kann passirren, dass die eigene Heimad su gefärlich wird, um dord noch mer als einen Dag su bleiben. – Kannst du das verstehen?“

„Ich weiß nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Hn.“ Riva dachte nach. „Stell dirr vor, dass du von Old Lady fordsihen müsstest, weil dirr odder ir dort ser bald edwas Schlimmes sustossen könnde ...“

Hatte sie das eben wahrhaftig gesagt? Ich betrachtete die bleiche Menschenfrau mit wachem Blick und eine kalte beißende Unruhe stieg in meinem Nacken auf.

„Woher weißt du davon?“, sprach ich ernst und rückte mit meinem Hinterleib ein Stück zurück, wobei ich eine leicht geduckte Haltung einnahm.

„Wie meinen?“, sagte Riva überrascht.

„Woher weißt du, dass ich nicht mehr bei Old Lady lebe?“ Ich sprang auf. „Und woher weißt du, dass du sie in Gefahr ist?!“

Jetzt rutschte auch Riva ein Stück zurück und saß durch diese rasche Bewegung wieder in der Hocke.

„Das wusste ich nichd“, erwiderte sie darum bemüht, ihre Hände möglichst unbewegt zu lassen. „Ich habbe leddiglich ein Geddankenspiel angenommen. Nurr eine Vermudung.“

Sie war mir gegenüber aufrichtig. Mein Gefühl sagte mir, dass es so war. Trotzdem hatte ich größte Mühe, mich zu fassen. Jedes ihrer Worte ergab Sinn, eröffnete mir jedoch eine Sicht auf einige Sachverhalte, auf welche ich in dieser Art selbst niemals gekommen wäre. Eben das war es, was mir die meiste Angst machte. Jetzt erst begriff ich, dass Old Lady wahrscheinlich nicht nur verschwunden, sondern in ernsthafter Gefahr war. Warum sonst hätte sie mich einem Menschen überlassen, der dann und wann einen Hut trug und die Sprache seiner eigenen Gemeinschaft bestenfalls eingeschränkt beherrschte. Bestimmt hatte Old Lady nur gewollt, dass ich nicht in die Gefahr geriet, in welcher sie sich damals selbst bereits befunden hatte.

„Ich muss zu Old Lady“, rief ich und tappte etwas ziellos auf der Stelle. „So schnell wie möglich.“
Mein unruhiger Blick fiel auf die erkennbar verwirrt dreinblickende Riva.

„Weißt du, wo ich Old Lady finden kann?!“

Die bleiche Menschenfrau hob langsam aber abwehrend die Hände, sodass ihre glatten Handflächen in meine Richtung zeigten.

„Es dud mirr leid, doch ich kenne deine Old Lady nichd.“

„Aber wie soll ich sie dann finden?!“, fuhr ich Riva ungehalten an. „Könnte sie nicht dort sein, wo du hergekommen bist ...?!“

„Ich weis es nichd, kleiner Tyrrin.“ Sie sprach ruhig und senkte zögernd ihre Arme. „Jeddoch will ich hoffen, dass sie einen anderen Ord gefunden had, an demm sie sich bestimmd sicher aufhalden kann.“

„Aber Old Lady ist in Gefahr!“, quiekte ich aufgebracht. „Ich kann sie doch nicht alleine lassen!“
Riva holte Luft, als wenn sie etwas sagen wollte. Allerdings entschied sie sich dies sein zu lassen und streckte eine ihrer Hände nach mir aus. Langsam und mit zurückhaltender Vorsicht. Dennoch war ich nicht im Stande ihre Geste des Mitgefühls als diejenige, die sie war, zu deuten.

Völlig mit meiner Hilflosigkeit überfordert schlug ich ihre dünnen Finger weg, fauchte und hastete in den mir wohl vertrauten Spalt zurück.

„Nichd doch!“, hörte ich Riva in meinem Rücken rufen, kümmerte mich aber nicht weiter darum. Ich war ganz woanders mit meinen Gedanken. Ich brauchte Ruhe und musste überlegen. Menschen waren mir dabei bisher allerdings keine besondere Hilfe gewesen. Viel zu schnell taten sie meine Suche nach Old Lady als zu unbedeutend ab.

„Tyrrin!“, rief Riva. Sie saß wieder vor dem Spalt und ich in seiner Mitte. „Tyrrin, gibd es nichd doch jemmanden, denn du kennst und der wissen könnde, wo du Old Lady finden kannst?“

„Nur jemanden, den ich nicht mehr finden kann!“, blaffte ich unwirsch zurück.

„Wer ist das?“, erkundigte sich Riva mein Benehmen großzügig tolerierend.

„Wen-N!“, antwortete ich bockig und kauerte mich missmutig zwischen Wand und Tisch zusammen. Ich musste einen klaren Gedanken fassen und wollte ausschließlich meine Ruhe haben. Aber Riva ließ mir diese nicht.

„Wo bist du Wen-N sum ledsden Mall begeggned?“

„In Old Ladys ehemaligen Zimmer“, murrte ich.

„Wo da?“

Ich schwieg. Ich wollte nicht mehr reden. Was sollte diese Menschenfrau auch machen? Schließlich war ich selbst längst dort gewesen – in dem neuen Zimmer des Barstadlmannes – und hatte nur dieses aufdringliche Finsterdings gefunden. Ich brauchte nicht noch einen Menschen, der glaubte, dass ich Angst im Dunkeln hatte.

„Wo da?“, bohrte Riva nach. „Tyrrin!“

„Na, im Schatten“, giftete ich in der Hoffnung, ihr damit Genüge zu tun und endlich einen Moment für mich zu bekommen.

„War es ein bessonders düssterer Schadden?“

„Ja doch!“

„Wenn demm erlich so ist, Tyrrin ...“ Riva redete besonnen und in dieser sorglosen Weise, wie ich sie schon so häufig vernommen hatte, nachdem ich meine bedenken geäußert hatte. Obwohl. Blieb mir denn etwas anderes übrig, als sie weitersprechen zu lassen. „... Dann weis ich, wi wirr mid Wen-N Kondakd aufnemmen können.“

Hatte ich die Menschenfrau eben richtig verstanden? Sie wusste ...

Ich wandte mich um. Meine Gedanken waren schnell. Sie rasten so sehr, dass ich aus Versehen äußerst geschmeidig meinen Körper in dem Spalt zu Riva drehte und ohne stecken zu bleiben auf Ausgang zuschlich.

„Tyrrin?“, fragte Riva, die mich in dem Halbdunkel offenbar nicht kommen sah.

„Wie?“, fragte ich, als ich meinen Kopf aus dem Spalt streckte und die Menschenfrau mit einem derart bohrenden Blick empfing, der weder Scherz noch Vagheit duldete.

Riva reagierte mit einem Lächeln, aus dem ein bisschen Selbstzufriedenheit, ein bisschen Erleichterung und eine gehörige Portion Schadenfreude sprach. Dann wies sie ihrem dem Zeigefinger nach oben auf den Tisch.

„Du wolldest doch wissen, wofür diser Kasten mit demm Vorhang ist ...“

>> weiter mit Lektion 21 (Band 2) >>

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