Lektion 19 oder
Katzen sprechen nicht

Ich biss zu.


Was hätte ich sonst auch machen sollen? Meine Klauen kamen durch den dicken dunkelgrünen Stoff ihrer Kleidung nicht hindurch und, egal wie ich mich wand, ohne Weiteres kam ich aus Griff der bleichen Menschenfrau nicht frei. – Jedenfalls bis mir einer ihrer dürren Finger vor die Nase rutschte ...

So fest ich es nur konnte, schlug ich meine Zähne in ihr blasses Fleisch hinein.

Sie schrie auf, löste ihre Umklammerung indem sie ihre Hand weg zog und schleuderte mich – da ich mich derart verbissen hatte – unsanft auf den Boden.

Ich landete noch gerade so auf meinen Pfoten.

„Das dutt weh!“, schrie die blasse Menschenfrau mir hinterher.

„Du hast angefangen!“, erwiderte ich nicht weniger lautstark – und sah unumwunden zu, dass ich mein Heil in dem Spalt zwischen der Wand und dem Tisch suchte. Eben noch rechtzeitig. Denn die Menschenfrau sprang mir bereits ungewöhnlich behände nach. Wäre meine Lage nicht so überaus prekär gewesen, wie sie gerade war, hätte mir ihr Tempo und ihre Beweglichkeit, die ich von den sonst eher trägen Menschen in der Form gar nicht kannte, einiges zu denken gegeben. Aber dazu war keine Zeit. Stattdessen zwängte ich mich wieder dort hinein, wohin diese Menschenfrau vorerst einmal nicht gelangen konnte.

Mein Plan ging auf.

„Komm da raus!“, zischte sie.

„Nein!“ Ich hatte ihr meinen Hintern zugewandt und schickte mich an, den Spalt ein gutes Stück entlang zu kriechen, bis ich von den zwei Eingängen zu meinem Versteck gleichermaßen entfernt war. Ein weiser Entschluss, wie es sich sogleich zeigte.

Die bleiche Menschenfrau schimpfte etwas in ihrer kehlig knackenden Sprechweise und langte mit einer ihrer Hände in den Zwischenraum hinein. Zu ihrem Pech war ich bereits weit genug gekrochen, um von dieser ihrer Handlungen unbehelligt zu bleiben. Trotzdem hatte ich mit dem, was sie sogleich als nächstes tat, in der Form nicht gerechnet.

Sie erhob sich. Ich sah nicht, was sie machte, denn ich stand immer noch mit dem Rücken zu ihr und wollte nicht allein aus reiner Neugier den Fehler begehen, den ich erst vorhin begangen hatte. Auf eine neuerliche Runde im Schwitzkasten von Wand und Möbelstück konnte ich gut und gerne verzichten. – Jawohl, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, ich räume ein, in dieser Hinsicht hatte ich sehr klare Vorstellungen.

„Lass mich in Ruhe!“, rief ich in der kurzzeitigen Ungewissheit, was sogleich passieren würde.
Ein unerbittliches Beben rüttelte durch den Tisch. Kräftig, roh und zweifelsohne wütend. Ich presste mich, sofern es die Enge zuließ, an die Wand, um den Kontakt meines Körpers mit dem Tisch zu unterbinden. Ich hörte, wie die Menschenfrau ächzende Geräusche von sich gab. – Interessanterweise passierte ansonsten nichts.

Wieder gab die Menschenfrau ein paar zischend fluchende Laute von sich und dieses Beben hörte auf. Nur noch ein letzter, heftiger Ruck durchfuhr das Mobiliar mit einem lauten Poltern und in einer – wie mir schien – diesmal tieferen Bewegungsrichtung. Aber dann ... Nichts mehr.

Inzwischen war ich zu der Mitte meines Unterschlupfes vorgedrungen. Über mir sah ich den dunklen, beinahe schwarzen Schattenwurf dieser eigentümlichen Regalkiste, die ich von draußen auf dem Tisch gesehen hatte. Hinter mir nahm ich wahr, wie sich die bleiche Menschenfrau wiederum vor den engen Spalteingang hockte.

„Geh weg!“, rief ich, den Hals unbequem verdreht nach hinten. „Ich will nichts mit dir zu schaffen haben! Also bleib besser weg und komm nicht wieder!“

Die bleiche Menschenfrau schnaufte und gab einige ungehalten murmelnde Geräusche von sich. Dann stand sie auf und machte sich daran den Tisch zu umrunden.

Ich regte mich nicht. Vor Anspannung war mein Pelz wieder ganz kraus geworden. Meine Klauen waren bereit, die Krallen auszufahren. Diese Unbestimmtheit der kommenden Ereignisse ließ meine Sinne wacher werden, als sie es bis hier hin je in meinem Leben gewesen waren.

Dann saß sie da. Vor mir. Ruhig. Am voraus gelegenen Eingang des Spalts und beobachtete mich mit ihren großen hellen Augen. Anders als der gezeichnete Menschenmann lag es ihr jedoch fern zu lauern. Ihr Blick war eisig, kalkulierend, aufmerksam und das unterschwellige Lächeln, welches mich dermaßen bereitwillig auf sie hatte hereinfallen lassen, war lediglich eine karge Erinnerung und nicht einmal als ein leiser Schatten auf ihrem Gesicht zugegen.

Ich gab ein dunkel grollendes Knurren von mir und unterstrich es mit einem Fauchen.

„Was willst du von mirr?“, entgegnete sie tonlos mit ihrer Stimme.

Wir sahen uns einen Moment lang an. Aug in Aug.

„Lass mich in Ruhe“, sagte ich.

„Das kann ich nichd.“

„Dann lass mich gehen“, entschied ich. „Ich will nicht hier bleiben.“

„Was bist du?“, überhörte sie meinen Vorschlag. „Ein Wandelwessen? Ein Geist? Eine künstliche Gestald?“

Ich betrachtete sie aufmerksam, während ich überlegte.

„Ich weiß nicht ...“

„Kadsen sprechen nichd“, belehrte mich die bleiche Menschenfrau.

Wieder sah ich sie eine kleine Weile an, unschlüssig, was ich ihr darauf antworten sollte.

„Ach, ja?“, meinte ich zögernd. „Das ... tut mir leid?“

In dem Gesicht der Menschenfrau passierte etwas. Tatsächlich war es nicht viel und eigentlich auch kaum zu bemerken. Doch der harte Ausdruck in ihren ohnehin schon sehr kantigen Zügen erschien nun ein winziges bisschen weicher und ein noch winzigeres bisschen weniger kalt.

„Warum bist du hir?“ Ihre Stimme klang unverändert.

„Pichel ist schuld“, schoss es aus mir wie aus der Pistole.

In dem Gesicht der Menschenfrau zeigte sich etwas Fragendes.

„Was ist ein Pichel?“

„Hast du ihn vorhin im Korridor nicht gesehen?“, meinte ich merklich überrascht. „Er ist ziemlich sonderlich. Ständig vergisst er nämlich alles und tut dann auch noch so unschuldig ...“

„Oh“, unterbrach mich die Menschenfrau. „Pichel!“

Da! Ein Lächeln, klein und fein, aber wieder rasch verschwunden. Denn nun beäugte sie mich misstrauisch.

„Ist Pichel so wie du?“

„Wer? Pichel?!“, rief ich durch und durch entrüstet. „Nein, Pichel ist weder so wie ich noch bin ich so wie er. Er kann ja gerade mal seinen eigenen Namen behalten!“ Ich schnaufte herablassend. „Pichel so wie ich ... Wer weiß, was ihm geschehen wäre, hätte ich nicht auf ihn aufgepasst.“

„Ich meine, kann er auch sprechen?“

„Mit Menschen?“ Ich stutzte und überlegte kurz. „Also, mir hat er nichts in dieser Art erzählt.“

„Das soll heisen, ihr Kadsen redded auch undereinander?“, mutmaßte die bleiche Menschenfrau mit einem seltsam aufmerksamen Gesichtsausdruck, der ihre großen hellen Augen regelrecht aufleuchten ließ.

„Ist das etwas, das wir auch nicht machen dürfen?“, fragte ich ob dieses Anblicks ein Stück verunsichert.

„Ah, oh!“, merkte sie auf, wobei sie ihre Ernsthaftigkeit und Kälte für einen Moment gänzlich verlor. „So meinde ich das nichd. – Gans bestimmd darf jeddes Wessen, welches das Bedürfnis danach verspürrt, sich mit seinesgleichen underhalden. Ich wusste nurr nicht, dass Kadsen so edwas wirklich dunn.“

„Warum?“, wollte ich sogleich wissen. Ohne es bewusst wahrzunehmen entspannte ich mich, je länger diese Unterhaltung andauerte. Ich war neugierig geworden. Und weil ich mich im Schutz der Einrichtung in Sicherheit wiegte, setzte ich mich schließlich und betrachtete die eigenartige – und deshalb umso faszinierendere – Menschenfrau.

„Wie soll ich es ausdrücken ...?“ Auch sie machte von Minute zu Minute einen gelasseneren Eindruck. Inzwischen hatte sie sich mehr sitzend als hockend an die Wand gelehnt und eine bequemere Position eingenommen. „Soweit ich weis, gehen die meisten Menschen davon aus, dass Kadsen und Diere übberhaupt nurr ser ruddimendärr mideinander kommunisieren. Nurr durch Mimmik und Gesstik und one Syndax, Semmandik odder sonst eine loggische Sprache ...“

„Ich verstehe“, kürzte ich ihre immer befremdlicher klingende Ausführung ab.
Schon wieder betrachtete sie mich einen schweigsamen Moment, geduldig und nicht weniger fasziniert von mir, wie ich es von ihr war.

„Sagge kleiner Kadder“, sprach sie letztendlich tief und sanft. „Wie heist du und wo kommst du herr?“

„Mein Name ist Tyrrin ...“, sagte ich und begann erst nach dem ich diese Worte ausgesprochen hatte, genauer über die ihren und besonders ihre zweite Frage nachzudenken. „ ... und ich komme von Old Lady ...“

„Old Lady?“, wiederholte die blasse Menschenfrau, als habe sie nicht damit gerechnet.

„Wie ist dein Name?“, stellte ich die mir liebevoll eingebläute Gegenfrage – und fügte in angemessener Weise eine weitere und mir völlig neue Erkundigung hinzu. „Und wo kommst du her?“

Die Menschenfrau lachte, tat dann aber bereitwillig, was sich für ihresgleichen gehörte.

„Ich bin Riva, Riva Mari. Und ich komme aus Mondlech.“

„Oh, das ist aber ein – interessanter Name“, erwiderte ich, wie es Old Lady mich gelehrt hatte. Die passende Antwort auf die Bekanntgabe einer Herkunft hatte sie mir zu jener Zeit allerdings nicht verraten.

>> weiter mit Lektion 20 (Band 2) >>

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