Lektion 18 oder
Wie Kater Mensch sortiert

Das Licht bewegte sich um den Tisch und erhellte den Eingang, den ich in diese Misere genommen hatte. Je heller es wurde, desto mehr verspannte ich mich und desto unmöglicher wurde es mir, mich aus diesem Klammergriff von Wand und Tisch zu lösen.

„Das darf doch nicht wahr sein“, hörte ich den Menschenmann sagen, als er mich – so nehme ich es an – entdeckte, worauf ich im Gegenzug genau das tat, was ich in dieser Lage als das einzig Richtige erachtete.

Ich zog die Ohren straff zurück, die Nase kraus, zuckte heftig mit der Rute, stäubte meinen Pelz – soweit ich es hier im Spalt vermochte – und fauchte geifernd was das Zeug hielt.

„Riva!“, rief der Menschenmann.

Oh ja, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, wie es den Anschein hatte, war ich wahrhaft so was von zum Fürchten.


„Riva, kommen Sie her.“ Der Mann sprang auf und mit ihm sein Licht. „Und machen Sie die große Beleuchtung an.“

Ich trippelte unbeweglich auf der Stelle. Doch dieser Befreiungsversuch führte lediglich dazu, dass ich noch fester in der Klemme steckte.

Der Menschenmann kniete erneut vor dem Spalteingang nieder. Er war diesmal ein Stück dichter herangerückt und schien mich zu beobachten.

Ich beantwortete sein Benehmen indem ich kehlig knurrte und es mit einem giftigen Fauchen nachdrücklich untermalte. Zwar konnte ich sein Gesicht aufgrund der Dunkelheit und des deshalb umso grelleren Kerzenlichtes nicht erkennen, doch der Rhythmus, in welchem dieser Mensch atmete, weckte in mir ein Unbehagen – um nicht zu sagen eine jähe Alarmbereitschaft. Es war so eine konzentrierte und ruhige Atmung, deren Bedeutung ich aus eigener Erfahrung nur zu gut kannte. Dieser Menschenmann lauerte auf etwas.

Plötzlich lag ein Brummen in der Luft – tief und schrill zugleich. Dann ein leises Knacken. Noch eins. Und noch eins.

Ich knurrte und ich fauchte ein weiteres Mal, mehr um mich selbst zu beruhigen, als um dem Menschenmann oder dem, was immer dieses unangenehme Geräusch hervorbrachte, etwas entgegenzusetzen.

Das Brummen und Knacken schwoll an – und es tat dies schnell. Dann, als dieses vereinzelte Knacken in ein durchgehendes Knistern überwechselte, erhellte sich das Zimmer in gelbstichigem Licht – natürlich mit Ausnahme des Ortes, an welchem ich aktuell meine Zeit zubrachte. Hier hinter dem Tisch wurde es im besten Fall ein wenig schummrig. Nichtsdestotrotz änderte dies ebenfalls nichts daran, dass ich hier feststeckte. Auch dieses Brummen ebbte lediglich ein bisschen ab. Das eigenartige Knacken war von nun an zwar ausgeblieben, trotzdem war weiterhin etwas da das sich wie eine unsichtbar Spannung in der Luft anfühlte.

Der einzige – mehr oder minder – Vorteil, der mir durch diese plötzliche Beleuchtung zugute kam, war allerdings, dass ich nun mehr von dem Menschenmann erkannte und somit endlich sah, mit wem ich es zu tun hatte. Und ich muss einräumen, eine besonders spektakuläre Erscheinung bot er nicht, wie er da vor dem Spalteingang kauerte. Dennoch betrachtete er mich mit ein kalten und ungerührten Interesse, welches ich mir schon von seiner Art zu sprechen hätte ausmalen können. Darüber hinaus lag sein dunkles Haar irgendwie eng an seinem Kopf und gab so ein eigentümliches feuchtes Glänzen von sich. Und was sollte das mit dieser merkwürdigen dunklen Zeichnung in seinem Gesicht? Ich persönlich hegte ja die Vermutung, dass sie offenbar für eine räumliche Trennung von Mund und Nase sorgte. Warum sie ähnlich eigentümlich feucht glänzte wie das Haar auf seinem Kopf, vermochte ich mir jedoch nicht zu erklären.

Meine Gedanken kreisten in Anbetracht der gegenwärtigen Anspannung um nahezu alles Mögliche. Aber ich kam nicht umhin bei diesem Anblick an die Hüte dieser Hutmenschen zu denken. Auf der anderen Seite erinnerte er mich ebenfalls an die Frau ohne Gesicht, die mir auf meinem kürzlichen Ausflug mit Lafenne bereits zum zweiten Mal über den Weg gelaufen war.

Wenn es Menschen und Hutmenschen gab, bestand dann nicht vielleicht auch die Möglichkeit, dass es ebenfalls eine besondere Sorte von Menschen gab, die eine solche Zeichnung im Gesicht trug? Eventuell gab es ja genauso weitere Menschenfrauen, die mit einem aufgemalten Gesicht herumliefen!

Ich hörte das entfernte Klappen einer Tür und die eiligen Schritte eines Menschen.

„Riva, hier hinten“, rief der Gezeichnete präzise. Ich hatte der Einfachheit halber beschlossen, seine Sorte auf diese Weise zu benennen. Erst einmal nur für mich, schließlich wusste ich nicht, wie sich das über kurz oder lang mit den Menschensorten entwickeln würde. Irgendwie musste ich schließlich den Überblick behalten.

„Jawohl, Herr Bibliodeksratt“, antwortete die Frauenstimme von vorhin aus sich verringernder Distanz. „Herr Bibliodeksratt?“ Die Menschenfrau war stehen geblieben. Nun aus der Nähe hatte ihre Stimme etwas Raues an sich, das ich von ihresgleichen bisher so noch nicht vernommen hatte.

Der undurchsichtige Blick des Gezeichneten wie auch sein Gesicht wandten sich von mir ab.

„Was genau war das für ein Zwischenfall in der Buchwagenanlage?“

„Es sind Bücher von denn Waggen gefallen, Herr Bibliodeksratt“, erklärte die Menschenfrau in ihrer fremd anmutenden Sprechweise. „Sie habben die Getten blockierd und sich under demm Druck endsünded. Ich habbe versuchd, denn Brand aufsuhalden ...“

„Kennen Sie die Ursache?“, unterbrach sie der Gezeichnete.

Die Menschenfrau schwieg einen Moment.

„Es war eine Kadse, Herr Bibliodeksratt. Sie muss mid einem der Waggen ...“

„Wie es den Anschein hat, war es mehr als nur eine“, schnitt der Gezeichnete ihr zum wiederholten Mal das Wort ab. „Riva, kümmern Sie sich um das Problem. Ich habe den Eindruck, als habe sich dieses hinter dem Schreibtisch eingeklemmt und sei zudem nicht bereit, sich in seiner Wehrhaftigkeit zu zügeln.“ Gleich über mir hörte ich das Rascheln von Papier. „Ich werde meine Arbeit morgen Abend fortführen und benötige dafür absolute Ruhe. Sorgen Sie dafür, dass dies morgen uneingeschränkt der Fall ist. Wenn nötig pausieren Sie einen Tag mit der Buchannahme. Haben Sie verstanden?“

„Ja, Herr Bibliodeksratt“, bestätigte die Frau halblaut aber deutlich.

Ich hörte, wie sich die Schritte des Gezeichneten entfernten und nach einer kurzen Weile eine Tür öffnete und zugezogen wurde. An meiner beengenden Situation hatte sich hingegen wieder einmal nichts geändert. Zu tief saß mir die Anspannung der Aufregung in den Knochen und hinderte meine Muskeln und Sehnen daran sich auch nur ein bisschen aus ihrer Starre zu lösen. Denn durchgestanden hatte ich das, was mir hier widerfuhr noch lange nicht. Zwar war der Gezeichnete jetzt fort, allerdings hatte ich immer noch keine blasse Ahnung, wohin sein flüchtiger Gesprächspartner verschwunden war. Und dessen für mich bisher völlig ungeklärte Beweggründe hatte ich ja schon erwähnt. Damit nicht genug, vernahm ich jetzt, wie sich die Menschenfrau dem Tisch beziehungsweise sehr zielgerichtet seiner Rückseite näherte. Also eben jenem Teil des Möbelstücks, welcher mich unentwegt in seinen Fängen hielt.

Ich sah, wie sich ihr Schatten an die Wand vor den Eingang zu meinem Unglück warf, und bereitete mich darauf vor, mit allen mir möglichen Mitteln meinen Standpunkt zu vertreten. Längst war mein Fell neuerlich gesträubt, die Ohren scharf zurückgelegt und meine anscheinende Körpergröße um ein beträchtliches Maß erweitert. – Ja, versucht das mal unter diesen Umständen! Doch was ich dann sah, traf mich völlig unvorbereitet.

„Csne vedde ...“

Das Gesicht, welches dort zu mir sprach, sah nicht aus, als wäre seine Besitzerin eine Menschenfrau. Es war blass. Beinahe transparent. Ihre Augen waren mindestens doppelt so groß, wie ich es bei Menschen sonst gewohnt war, und beherrschten regelrecht die darunter liegenden Züge, die dennoch wie ein bleiches Felsmassiv dagegen hielten. Und dieser Mund erst ...

Nun – er lächelte.

Aus Reflex wollte ich wieder mit dem Fauchen und furchteinflößendem Knurren beginnen. Doch dann entdeckte ich, dass die Augen dieser blassen Menschenfrau ebenfalls lächelten. Es war ein geduldiges Lächeln mit einer Spur von Zynismus, aber im Großen und Ganzen freundlich.

Doch. So entschied ich schließlich. Wenn man sich etwas Zeit nahm und diese Frau einen ruhigen Moment betrachtete, konnte man sie dem Volk der Menschen schon irgendwo zuordnen. Ihre hellblauen Augen mochten etwas größer sein, waren allerdings durch und durch menschlich. Sobald ich Karel mit ihr verglich, wurde mir dies besonders deutlich. Die kurzen braungrauen Haare auf dem Kopf waren den seinen bis auf die Farbe sogar ein gutes Stück ähnlicher. Schön, vielleicht waren sie tatsächlich noch eine Pfotenbreite kürzer, aber sonst ...

Obwohl. Ihre Art erinnerte mich wiederum an jemand ganz anderen …

„Wsne malnme dej ...“, raunte sie. Ihre Stimme war für eine Frau recht tief, aber ihr Ton klang sehr vertraut. Natürlich kannte weder sie mich noch ich sie. Außerdem verstand ich kein Wort von dem, was sie sagte. Aber es war gerade das, was meinen Instinkt aus der Reserve lockte. Er riet meinen Gliedern ihre Spannung aufzugeben, sodass es mir endlich gelang, mich aus dem Griff des Spalts zu lösen. Und wie leicht es war! Meine Vorderpfoten setzten hintereinander auf dem Boden auf. Meine Hinterläufe dagegen waren von der unnatürlichen Haltung geradezu steif geworden. Mein Rücken schmerzte. Aber das hielt mich nicht auf. Mit verhaltener Neugier begann ich, auf die bleiche Menschenfrau zuzutapsen, während diese mich sowohl gutmütig als auch ernst beobachtete.

Ja, das war es. An Old Lady erinnerte sie mich. Äußerlich ähnelte sie ihr in keinster Weise. Ganz anders ihre Art sich zu geben ...

Ich zwängte mich aus dem Spalt heraus und sah die eigenartig bleiche Frau mit erwartungsvollen Augen an.

Sie erwiderte meinen Blick und hob mich mit ihrer drahtig dürren Hand vom Boden auf. Sie strich mir übers Fell und setzte mich schließlich mit größter Vorsicht in ihre Armbeuge, welche – wie beinah ihr ganzer Körper – mit einem dunkelgrünen und sowohl festem als auch dickem Stoff bedeckt war, der sich ihr locker über die dünnen Glieder legte und ihr dadurch Bewegungsfreiheit bot. Unterdessen ließ mein Blick nicht von ihrem ab. Das änderte sich, sobald sie sich erhob und sich mir dadurch zum ersten mal die Oberfläche des Tisches offenbarte, an welchem der Gezeichnete noch vor wenigen Minuten mit jemandem gesprochen hatte. Das Möbelstück selbst war nicht viel beeindruckender als das artverwandte Exemplar, dass ich aus Karels und meinem Zimmer kannte. Hier gab es nicht einmal Papier, das wahllos herumlag und – wenn man nicht aufpasste – leise vor sich hin raschelte. Stattdessen stand darauf so ein eigenartiger Aufbau, ähnlich einem kleinen Regal, mit gleichlangen Kannten und einem schwarzen, leicht schimmerndem Tuch vor der Seite, die in das Zimmer zeigte. Die gegenüberliegende Seite der Kiste drängte sich fast nahtlos an die Wand und überragte damit den Tisch eben dort, wo ich mich in dem Spalt verfangen hatte.

An diesem Würfelkasten war etwas. Das sah ich. Das spürte ich. – Umso aufgebrachter war ich, als sich die bleiche Menschenfrau einfach so davon abwandte, um – wie ich vermute – ohne meine Zustimmung das Zimmer zu verlassen.

„Nein, noch nicht! Ich will das sehen!“, rief ich, kam aber nicht dazu, ihr anschließend aus dem Arm zu springen.

Ihr Griff um mich war steif und fest, kaum dass ich diese Worte ausgesprochen hatte.

„Was bist du?“ Sie sprach kalt, tief und mit etwas in der Stimme, das mir den ganzen Pelz zu Berge stehen ließ. Doch das war noch nicht alles. Ich merkte, wie sich ihre dürren Finger über mir zusammen zogen und mir langsam aber sicher die Luft abdrückten.

>> weiter mit Lektion 19 (Band 2) >>

Schon gewusst? ^_^

Den ersten Band des Tyrrin Hexenkater-Abenteuers "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^

Kommentare