Lektion 17 oder
Menschen und das Licht

Was tat dieser Mensch bloß da?

Er war allein – oder wenigsten der Einzige von seinesgleichen – in diesem Zimmer. Das konnte ich von dort aus, wo ich hockte, klar deutlich und wahrnehmen. Ich sah den leichten und in dem dunklen Raum kaum erkennbaren Umriss des Menschenmannes, hörte, wie er atmete und nahezu unmerklich leise sprach, und witterte seine arttypische Spur. Es stellte sich also die Frage: Wer war es, der ihm dort direkt vor meiner Nase antwortete – und das, ohne weder sichtbar noch mit einer Fährte wahrnehmbar zu sein?


Oder war dies wieder einmal eine dieser menschlichen Eigenarten, wie die mit diesen Büchern und den angeblich darin aufbewahrten Geschichten?

Menschen und besonders mein Mitbewohner Karel sowie junge Menschenfrauen im Allgemeinen hatten ja von Natur aus so manche Merkwürdigkeit an sich, an die ich mich nach einiger Zeit notgedrungen hatte gewöhnen müssen. Dieses besondere Exemplar der Gattung Mensch gleich vor mir in dem Zimmer schien meine bisherigen Erfahrungen allerdings noch einmal auf eine sehr individuelle Weise zu bereichern. Denn für gewöhnlich bestanden Menschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Licht.

Vor allem Karel zeigte sich da immer wieder besonders eigen. Die Sache mit diesen Kerzen, die er sich immer öfter und gefühlt auch immer länger am Abend und bis in die Nacht hinein ansteckte, war da nur das neuste Beispiel, mit dem ich mich tagtäglich herumzuschlagen hatte. Lediglich anschneiden will ich an dieser Stelle, wie ausnahmslos hilfsbedürftig Karel stets war, wenn er sich doch einmal ein wenig durch eine Dunkelheit bewegte, in welcher sich jenes Finsterdings zweifelsohne einen schweren Sonnenbrand geholt hätte. Gelegentlich war diese Angewohnheit von ihm sogar dermaßen zum Kopfschütteln, dass es mir nicht einmal Freude machte, ihn des Nachts zu einem gepflegten Duell auf Leben und Tod herauszufordern, wenn er mal wieder die ganze Nacht verpennte, dann doch aufwachte, aufstand und für ein paar Minuten aus dem Zimmer verschwand. Natürlich juckte es mir jedes Mal in den Klauen, ihm mit allen Konsequenzen aufzulauern und endlich die Herrschaft des Zimmers ganz allein für mich zu übernehmen. Aber das wäre zu einfach gewesen. Und das war wiederum der einzige Grund, weshalb dieser Mensch noch so unbehelligt unter uns weilte. – Na schön. Es lag an diesem Grund und vermutlich auch ein wenig daran, dass ich tagsüber für solche Schnippchen schlichtweg zu müde war und mich unter Umständen ein bisschen zu bereitwillig von einer vollen Schüssel mit Fleisch und Leberwurst zu einer gnädigeren Stimmung überreden ließ. Aber ich schweife ab.

Warum aber war dieser Menschenmann so erpicht darauf, hier im Dunkeln herumzusitzen und sich mit etwas zu unterhalten, das von meinem Standpunkt aus nur bedingt vorhanden war?

Ich musste näher heran. Natürlich langsam, mit größter Vorsicht und so lautlos, wie es nur wir Katzen können – wenn wir es denn wirklich wollen. Ich war nicht sonderlich scharf darauf, von dem Menschenmann entdeckt zu werden. Meine Intuition riet mir mit Nachdruck davon ab. Außerdem wusste ich im Moment noch weitaus weniger über sein vermeintlich anwesendes Gegenüber. Beispielsweise hatte ich keine Ahnung, ob es Katzen mochte – und diese Art von Mögen eventuell so verstand, dass sie einen durchsichtigen Behälter und eine Horde Hutmenschen beinhaltete ...

Oh ja. Ich hatte in meinem kurzen Leben schon eine Menge dazugelernt. Achtsamkeit und Vorsicht waren das oberste Gebot. Also schlich ich in einem großräumigen Bogen um den Menschenmann und den Tisch, an dem er saß, herum und beobachtete das Geschehen aus der sicheren Ferne. Da dies jedoch nichts an meinem geringen Verständnis für die gegenwärtige Situation änderte und mich eine Wand – diesmal sogar eine richtige und nicht eine von diesen aus Holz – zum Umdenken nötigte, beschloss ich dann, mich an besagter Wand entlang dem Menschenmann zu nähern.

Und endlich. Je dichter ich herankam, desto eher schnappte ich den ein oder anderen Fetzen dieses eigentümlichen Gespräches auf.


„... wird der Andrang groß genug sein, um für Ablenkung von unserem Anliegen zu sorgen“, flüsterte der Menschenmann sachlich und monoton.

Stille folgte, aber andererseits auch wieder nicht. Denn der Mensch sprach so, als gäbe er eine Antwort.

„Nein, wir sind alleine“, sagte er, wenn auch nun eine deutliche Nuance leiser. „Dafür habe ich Sorge getragen und Riva würde ...“

Ein zischend knisterndes Geräusch unterbrach ihn. Es war der Jemand, der mit dem Menschen redete.

„Entschuldigt“, sagte der Mann gleichmäßig und beinahe ohne hörbaren Laut, sodass mir seine folgenden Worte entgingen.


Ich setzte meinen Weg hin zu dieser Unterhaltung fort, geradewegs voran im Schutz der Wand. Dort wo ich mich befand, erfuhr ich schlicht zu wenig. Allerdings kam umkehren oder abwarten für mich weit weniger in Frage. Meine Intuition versprach mir, dass ich auf dem rechten Wege war – obwohl ich keine Ahnung hatte, wohin dieser Weg mich führen würde.


„... nach Plan läuft, erwartet unser Bote die Nachricht auf den Temporalsymposium. Die alte Tracht wird ihn kennzeichnen und er wird eine Empfehlung parat haben, wenn er nach Emailzifferblättern gefragt wird.“


Ich schlich an den Tisch heran.


„Und du meinst wahrhaftig, dass sie das verstehen?“, erkundigte sich ein Stimmchen, klein und dünn, viel leiser als ein Flüstern, aber hörbar zweifelnd.

„Wir haben uns auf diese Form der Konversation verständigt“, sprach der Menschenmann kalt und ruhig.

„Ihr Menschen erscheint mir von Mal zu Mal eigenartiger“, erwiderte das Stimmchen. Seine Art des Sprechens erinnerte mich sehr an meine erste Unterhaltung mit Wen-N. Trotzdem war mir klar, dass es sich bei diesem Stimmchen keineswegs um Wen-N handeln konnte. Es verfügte über eine völlig andere Art sich auszudrücken.


Immer noch war ich zu weit weg ...


„Die Zeiten werden komplexer“, sagte der Mensch in wohlüberlegtem Flüsterton.

„Anders gesagt, ihr traut uns nicht.“ Das Stimmchen klang ernüchtert.


Ich schlich an der Tischseite, die von der Wand wegführte ein kurzes Stück weiter. Zwischen den Tischbeinen hatte man eine große Holzplatte eingezogen, welche den Tisch, wenn man es nicht besser wusste, von der Seite wie eine dieser zahlreichen Holzwände im Raum erscheinen ließ. Nur unten, knapp über dem Boden hatte man einen Spalt gelassen, durch den ich einen ungewissen Blick auf die Füße des Menschenmannes erhaschen konnte ... Nein, hier kam ich nicht weiter – geschweige denn näher an das, was mich tatsächlich interessierte, heran.


„So kann und will ich es nicht sagen ...“, widersprach der Menschenmann sortiert, aber direkt.

„Nicht so laut“, wies ihn das Stimmchen jäh zurecht.

„Bitte verzeiht“, verfiel der Mann erneut ins beinah Geräuschlose. Jedoch kam er nicht dazu, sich genauer zu erklären.

„Wir sind es, die feste Regeln haben und uns an diese zu halten pflegen“, schimpfte das Stimmchen – sofern man bei dieser winzigen Lautstärke überhaupt davon sprechen konnte. „Immer ist es dasselbe mit euch Menschen. Zu inkonsequent, die Fehler bei sich selbst zu suchen, aber sie stattdessen auf die Unscheinbaren abwälzen.“


Das Stimmchen kam von oben. Von oben auf dem Tisch. Aber einfach dort hinauf springen? Das stand nun beileibe nicht zur Debatte. Doch hinter dem Tisch, gleich an der Wand – da war ein Spalt. Schmal und dunkel, jedoch durch und durch verheißungsvoll. Das war zumindest meine Ahnung.
Ich zwängte mich hinein. – Der Spalt war wirklich etwas eng ...


„Doch was rege ich mich überhaupt auf“, meinte das Stimmchen auf seine flüsternd zischelnde Weise. „Sag schon, was du sonst zu sagen hast, Mensch.“

„Natürlich“, stimmte der Menschenmann präzise zu. „Wie Ihr es möchtet.“ Er räusperte sich verhalten. „Das Abkommen.“

Ich hörte, wie über mir in Papier geblättert wurde, dann schob – ich nehme an der Mensch – es über den Tisch in meine Richtung.

„Bitte sehr. Zur immateriellen Übertragung.“

„Das ist eine grauenvolle Handschrift“, beschwerte sich das Stimmchen nach einer kleinen Weile „Was heißt das hier im ersten Satz unter Punkt drei? ... gibt sich die Gemeinschaft abgebissen?“

„Das bedeutet aufgeschlossen“, verbesserte der Menschenmann präzise.

„Hm ... mit viel Fantasie ...“, murmelte das Stimmchen. „Ihr wisst schon, dass es viel einfacher wäre, den Zettel versiegelt mit einem eurer Menschendienste zu übermitteln? Die auf der anderen Seite schreiben sich nämlich auch nur auf, was ich ihnen Wort für Wort erzähle.“

Der Menschenmann holte Luft, um etwas diplomatisch Formuliertes zu erörtern.

„Ja, ja, ich weiß“, mischte sich das Stimmchen vorzeitig ein, „Ihr traut nicht nur uns nicht, sondern auch sonst niemandem. – Als ob sich jemals wer für eure Machenschaften interessieren würde. Wenn Menschen eines sind, dann andauernd mit sich selbst beschäftigt. Regen sich lieber über die zu nasse oder die zu sonnige Wetterlage auf, die ihnen vermeintlich an ihr schwer verdientes Wochenende will. Da bleibt doch kein freier Gedanke, um sich mit eurer geheimen internationalen Politik zu befassen. Im Ernst. Das, was ihr treibt, sind doch nur Machtspielchen, die mit dem praktischen Leben eurer Gattung nichts zu tun haben und im besten Fall dafür sorgen, dass ihr euch ein Stück wichtig fühlt. Aber nach solchen Dingen fragt mich ja keiner ... Und was soll das hier heißen? Redberg verbricht Pfotenspiele? Bei Punkt sieben im letzten Satz.“

Verspricht Potenziale“, stellte der Menschenmann in aller Ruhe richtig.

„Du kannst den Text tatsächlich auswendig? – Was für eine Zeitverschwendung.“


Das was dort mit dem Menschen sprach, war jetzt unmittelbar über mir. Doch als ich nach oben sah, erblickte ich nur schwarz. Ich richtete mich auf und zog mich mit den Pfoten an der Holzplatte der Tischrückseite und dem Rücken zur Wand nach oben, bis ich auf meinen lang gestreckten Hinterbeinen stand. Mit meinen Vorderpfoten tastete ich mich weiter vor, um zu prüfen, ob ich mich dort irgendwo hochziehen konnte und damit endlich dichter an das Geschehen gelangte.


„Das vierte Wort in der zweiten Zeile von Punkt zehn?“, wisperte das Stimmchen ungnädig. „Ist das überhaupt ein Wort?“

„Eegerwiel“, sprach der Menschenmann bedächtig und ohne sich jäh von den Bemerkungen des Stimmchens beirren zulassen.


Etwas löste sich unter meiner Pfote. Es war seicht und fein – und landete auf meiner Nase ...


„Das ist ein Eigenname“, erklärte der Mensch. „Den Empfängern ist bereits Näheres ...“

Hatschi!

„Ich wusste, dass wir nicht alleine sind!“, zischte das Stimmchen, so laut es in seiner zaghaften Tonart nur konnte. Dann veränderte sich etwas. Das tiefe Schwarz über mir, wurde zu einem schlichten Schwarz. Es verlor plötzlich an Tiefe.

Der Menschenmann sprang auf und stieß dabei polternd seinen Stuhl zu Boden, der dort mit einem ohrenbetäubenden Krachen selbst die letzte Stille in diesem großen Raum zerbersten ließ. Der Mann fluchte leise, ging ein oder zwei Schritte vor dem Tisch umher, beugte sich dann jedoch noch einmal über diesen und flüsterte nahezu unhörbar: „Seid Ihr noch da?“

Aber das Stimmchen antwortete nicht.

Jetzt fluchte der Menschenmann in gewohnter Weise, also lauter.

Ich hingegen hatte genug damit zu tun, mir dieses fragwürdige Kitzelfädchen von der Nase abzuschütteln. Ich nieste noch einige Male, bis es mir wieder gelang, ungehindert Luft zu holen. Just in diesem Moment flackerte das schummerige Licht der Kerze auf. Zwar befand ich mich weiterhin im sicheren Dunkel, bemerkte jedoch, dass dort, wo ich hinter diesen Tisch gekrochen war, beziehungsweise dort, wo ich hinter ihm hätte hervor kriechen können, der Schutz der Dunkelheit ganz und gar verschwunden war.

Und noch eins fiel mir auf. Das Licht wanderte. Nach unten. Anscheinend suchte der Menschenmann nach etwas unter dem Tisch. Da entdeckte ich, wie sich meine beiden Hinterläufe, auf denen ich hier so aufrecht stand, auf einmal ebenfalls erhellten. Die Rückwand des Tisches reichte wie auch dessen Seitenwände nicht bis auf den Boden – und gab somit meine ungeschützten Hinterbeine dem Licht des Menschenmannes preis.

„Was in aller Welt ...?“, hörte ich ihn ungläubig und mit gepresster Wut in seiner Stimme sagen.

Mich hingegen durchfuhr ein hastiger Bewegungsdrang, der von meinem Körper, jedem Muskel und jeder Sehne die sofortige Flucht von diesem Ort verlangte. Aber bei eben diesem Verlangen blieb es auch. Ich steckte nämlich fest.

>> weiter mit Lektion 18 (Band 2) >>

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