Lektion 16 oder
Licht ist nicht alles

„Csne vreje ...“, sagte jemand heiser. Kein Schimmer, was das zu bedeuten hatte. Ich war – wie auch Pichel – damit beschäftigt, mich unter einem offensichtlich sehr anhänglichen Haufen von Büchern hervor zu wühlen. Und kaum war mir dies gelungen, hatte ich sofort ganz andere Interessen.

Es roch nach Feuer. Außerdem wollte dieses eiserne Krachen und Kreischen partout kein bisschen nachlassen. Trotzdem war das noch lange nicht das Schlimmste. Denn anstatt heiß aufzulodern und einen rußigen Qualm abzusondern, zersprang etwas klirrend auf dem Boden und läutete damit eine frostige Kälte ein, die in einer weißen Wolke aufstob und uns die Luft zum Atmen raubte.

„Pichel ...“, keuchte ich meinem schwarzweißen Artgenossen zu. Trotz der vernebelten Sichtverhältnisse konnte ich ihn noch recht gut sehen. Allerdings vermutete ich, dass er mich in all der Aufregung mal wieder nicht erkannte. Dennoch war er geistesgegenwärtig genug zu bemerken, dass unsere Ziele sehr nah beieinander lagen. Er verstand, was ich ihm mit meinem flehentlichen Blick zu verstehen geben wollte. Wie auf Kommando rannten wir beide los. Erstmal in Richtung des vermeintlichen Nachvorns.

Wir hasteten vorbei an diesen unverständlichen Worten, die zwischenzeitlich durch ein gereiztes Husten unterbrochen wurden, im Großen und Ganzen aber nicht abrissen.

Eben noch im rechten Moment bemerkte ich, dass sich uns etwas in dem Dunst entgegenstellte ...

Ich sprang – und landete auf dem Zwischenboden eines Büchertischs, nur diesmal ohne Bücher.

„Was für ein fürchterlicher Ort!“, hörte ich Pichel in leicht gedämpfter Weise quieken. Er war nicht mehr neben mir.

„Pichel?“, hustete ich.

„Wer ... Urchu! Wer ist da?“

Ich sah mich um. Kein Pichel weit und breit. Aber konnte es sein ...?

Ich eilte zu der Kante des Zwischenbodens, auf dem ich saß, blickte hinab und stellte fest, dass ich mich auf der untersten Platte befand. Im Unterschied zu mir saß Pichel genau darunter, zu ebener Erde und schaute mich mit großen angsterfüllten Augen an. Erst beim zweiten Hinsehen viel mir auf, dass er zwischen zwei parallelen Linien hockte.

Ich sprang zu ihm hinunter. Diese Linien gaben diesen muffig öligen Geruch von sich, den ich schon vorhin im Dunkeln wahrgenommen hatte. Außerdem bestanden sie aus Metall, oder besser aus vielen einzelnen Metallplättchen und -teilchen, die zusammen ein höchst eigenartiges Band ergaben.

„Ich will hier weg ...“, jammerte Pichel.

„Hier geht‘s nicht weiter“, erwiderte ich mit eindringlichem Blick auf die massive Wand hinter dem Büchertisch. Doch in einer anderen Richtung ...

„Folge mir“, presste ich mit erstickter Stimme hervor. Denn neben dem Büchertisch ohne Bücher standen entlang dieser zwei Linien noch weitere dieser fragwürdigen Transportmittel, was mich prompt dazu veranlasste, etwas zu tun, was ich schon einmal in dieser Art getan hatte. Ich eilte – gefolgt von dem verängstigten und ahnungslosen Pichel – von Büchertisch zu Büchertisch, dieses Mal nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich mich nicht durch sondern unter sie hindurch bewegte.
Wir mussten hier weg. Natürlich war mir wohl bewusst, dass wir mit dem Licht hier, obwohl es eigentlich total vernebelt war, das bekommen hatten, worauf wir während unserer Reise auf dem Büchertisch gewartet hatten. Und ich wollte auch nicht maßlos oder undankbar dieser Fügung gegenüber erscheinen, aber noch mehr als Licht mochte ich meine Luft zum Atmen!

Wieder eine Wand.

Diese unverständlichen Worte schimpften – zumindest vermittelten sie den Eindruck, dass sie dieses taten – und husteten weiterhin. Was immer diese Geräusche machte ... Mir kam es vor, als wären wir nochmals an ihm vorbei gelaufen. Der weiße dichte Nebel raubte uns fortwährend die Atemluft. Wenigsten hatte dieses schreiende Kreischen und Reißen schon einmal aufgehört.

Ich warf einen raschen Blick zu Pichel, der mich furchtsam, aber erwartungsvoll betrachtete.

„Hier entlang“, keuchte ich und rannte in die eine Richtung, aus welcher wir nicht gekommen waren und die uns nicht mit einer Wand verstellt wurde. Wir huschten unter dem bücherlosen Büchertischen hervor, eilten durch den trocken kalten Dunst ...

„Wise diiii ...“

... und durch zwei Beine mit Schuhen hindurch, die – eindeutig – einem Menschen gehörten.

Da! Rechts vor uns!

Ein schallendes, laut schepperndes Klingeln flog uns plötzlich um die Ohren. Trotzdem gelang es mir mit reichlich Mühe, mich zu konzentrieren. Ich bog scharf rechts ab, dorthin, wo der stickige Nebel sich lichtete – oder vermutlich sogar abzog.

Eine weitere Wand ...

Aber jetzt waren wir mitten auf einem Korridor! Und eben dieser Korridor hatte eine offene Tür weit rechts von uns an seinem Ende.

„Komm mit!“, brüllte ich atemlos zu Pichel, bemüht dieses schrille Bimmeln zu übertönen. Pichel hatte die Ohren angelegt, nickte mir aber um Eile flehend zu.

Also wieder scharf nach. Raus aus der dunstigen Stickwolke.

In den Augenwinkeln sah ich noch, wie Pichel mir folgte – und wie sich hinter ihm eine menschliche Gestalt in fremden Worten fluchend und laut keuchend aus der Wolke löste. Sie war uns auf den Fersen.

Ich rannte schneller – und entdeckte, dass es nicht nur hinter uns ein beachtliches Problem auf uns abgesehen hatte. Die Tür vor uns, sie schob sich stetig, aber sehr zielstrebig zu und damit direkt in unseren Fluchtweg. Darüber hinaus war sie mit dieser Angewohnheit nicht allein. Auch die anderen Türen seitlich an den langen Wänden des Korridors hatten begonnen sich zu schließen. Die zwei Türen rechts von uns waren von vornherein nur einen Spalt breit offen gewesen und krachten gerade – natürlich maßlos von dem Läuten übertönt – ins Schloss. Und je länger ich auf die Tür zu unserem weiteren Fluchtweg zusteuerte, desto klarer wurde mir, dass wir sie in unserem Tempo nie erreichen würden, bevor sie selbst ihr Ziel erreicht hatte. Doch dann ...

Mein Blick fiel auf die einzige Tür links von uns. Sie schob sich zu, vor ein ungewisses Dunkel. – Warum zum Kuckuck musste immer alles Dunkel sein?! – Dennoch war genau dorthin der Weg noch offen und dank der Nähe auch erreichbar.

„Wir müssen hier lang, Pichel!“, rief ich und schlug ohne abzuwarten einen Haken. Ich schlüpfte durch den immer kleiner werdenden Spalt, wandte mich zu Pichel um ...

Wrumps!

Pichel war schon wieder weg. Und jetzt saß ich allein im Dunkeln.

Wenn nur dieses nervenzerfetzende Bimmeln nicht gewesen wäre ... Wie sollte ich unter diesen Bedingungen nur ein einzigen klaren Gedanken fassen? Was für ein grausiger Ort war das hier?

Tawapp. Tapp. Tapp. ...

Das waren Schritte. Von einem Menschen. Und sie stammten eindeutig aus diesem Zimmer.

Ich ging in Deckung, was so viel hieß, dass ich mich schleunigst von der Tür entfernte und hoffte trotz all des Radaus in eine andere Richtung zu laufen als in diejenige, aus welcher die Menschenschritte kamen. Das Zimmer musste riesig sein ... Doch dann fand ich etwas. Es war eine breite, mächtige Wand aus Holz, hinter die ich erst mal vorsorglich in Deckung ging, um zu sehen, was als Nächstes passieren würde.

Mit eiligen Schritten näherte sich der Mensch aus diesem Zimmer, irgendwo von der mir gegenüberliegenden Seite her. Er hielt an der Tür, drückte ihren Hebel nach unten und begann, als nichts weiter geschah, energisch gegen die Tür zu schlagen.

„Was ist das für ein Lärm da draußen? Machen Sie die Tür auf!“ Der – seiner Stimme nach zu urteilen – Menschenmann, war redlich bemüht, das Klingeln zu übertönen. „Warum ist die Tür verschlossen? Ich bitte um Erklärung.“ Er rief und schlug noch einige Male auf die Tür ein, obwohl diese nun wirklich gar nichts für all das, was hier passierte, konnte. Ein Glück für sie, dass der Lärm irgendwann plötzlich abbrach und nur wenig später ein vertrautes „Hallo, ich bin Pichel. Wollen wir Freunde sein?“ von draußen ertönte.

„Verseihen Sie, Herr Bibliodeksratt“, sagte eine andere Stimme von derselben Seite der Tür. „Es gab einen Swischenfall in der Buchwaggenanlagge und der Allarm wurde ausgelösst.“ Im ersten Moment klang es nach der Stimme einer Menschenfrau. Jedoch hörte sich ihre Art zu sprechen eigenartig an. Also nicht auf die Art eigenartig, wie Karel des Öfteren ja redete. Diese Form der Eigenartigkeit erinnerte mich mehr daran, wie Old Lady in meine jungen Tagen mit dem Young Gentleman geredet hatte. Trotzdem war die Art, wie diese Frau sprach, noch einmal anders.

„Riva?“, rief der Menschenmann wiederholt die Tür an. „Ist jetzt alles in Ordnung?“ In seinem Ton sprach etwas mit, das keine Worte brauchte. Es war wie eine Spannung, auf welche hin mein Instinkt mich ausdrücklich zur Vorsicht ermahnte.

Offenkundig hatte die Frau auf der anderen Seite diese Spannung auch vernommen. Es dauerte einen kurzen, aber sehr realen Moment des Zögerns, bis sie auf den Menschenmann merklich gelassen reagierte.

„Ja, Herr Bibliodeksratt. Es ist widder alles in Ordnung.“

„Verstehe. Ich habe zu tun“, sagte der Mann tonlos und verschwand dorthin ins Zimmer, woher er meiner Vermutung nach auch gekommen sein musste.

Vor der Tür hörte ich ein leises geschafftes Seufzen, dann ein sanftes Klick-Klack, das unmittelbar aus diesem Handhebel in der Tür zu kommen schien. Nichts weiter passierte – zumindest galt dies für hier drinnen.

„Oh, das ist aber ein interessanter Ort hier. Ein bisschen stickig vielleicht ... Sag mal, wohnst du hier?“

Pichel.

Die Stimme der Frau erwiderte darauf ein paar trockene, aber – soweit ich das zu beurteilen vermochte – gute Worte, die ich nicht kannte. Wie es aussah, war Pichel vorerst in Sicherheit. Wahrscheinlich bei hellem Licht, halbwegs guter Luft und einem Menschen, dem auf alle Fälle weniger Tücke zuzutrauen war, als demjenigen, mit dem ich mir nun die Gesellschaft in diesem Zimmer teilte.

Sollte ich zur Tür gehen und die Menschenfrau bitten, mich heraus ins Licht zu lassen?
Nein ... Es war wieder mein Instinkt, der sich zu Wort meldete. Da war etwas mit diesem Menschenmann ...

Ich war nicht im Stande zu sagen, was an ihm meine Aufmerksamkeit derart fesselte. Es war nicht mehr als eine Ahnung.

Also folgte ich seiner Spur durch das an sich noch ziemlich seichte Dunkel, an der Tür vorbei und einen Spalier zwischen zwei weiteren von diesen massiven Holzwänden entlang. Das ganze Zimmer schien sich durch eine ganze Reihe von ihnen in mehrere schmale Gänge zu unterteilen. Wozu das gut sein sollte, war mir ziemlich schleierhaft. Zu alledem lag in diesem Raum neben dem Aroma von altem Holz ebenfalls der von Papier, das schon sehr lange hier liegen musste, in der Luft. Und ich rede nicht von Büchern, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen. Jawohl, denn Bücher rochen auch nach dem, in was das Papier einst zusammengefasst worden war. In dieser trockenen Luft lag jedoch ausschließlich der Duft von alten Papieren – und dem eisenschweren Hauch von Tinte.

Nach einigen Metern bemerkte ich, dass ich wieder einmal einem Schimmern folgte. Dieses Mal schimmerte es sogar mehr oder minder gleichmäßig. Als ich näher kam, erkannte ich es als dieses Leuchten, das auch Karel gelegentlich in der Nacht benutzte, um über seinen Büchern und Papieren zu brüten. Es war so ein kleines Feuer an einem Wachsstab. Eine Kerze nannten die Menschen so etwas für gewöhnlich.

Der fremde Menschenmann saß an einem Tisch und auf einem Stuhl, in der gleichen Weise, wie es Karel ständig tat. Und er machte dort etwas ...

Ich blieb stehen und beobachtete, horchte, witterte. Dann ganz plötzlich machte der Menschenmann seine Kerze aus. Von jetzt auf gleich war es stockfinster. Der Mann begann zu flüstern. Viel leiser als es die Menschen sonst taten. Und schließlich – flüsterte jemand anderes zurück.

>> weiter mit Lektion 17 (Band 2) >>

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Kommentare

  1. und schon wieder diese Spannung wie es weiter geht.... oh, ich halte das kaum aus....

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    1. Wir sind stets bemüht die Langeweile fernzuhalten ^.~

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