Lektion 15 oder
Durch‘s Dunkel tritt mit Vorsicht

Klick und Klick.

Es quietschte leise. Ja, und wir bewegten uns – oder viel mehr dieser Tisch, auf dem wir saßen. Etwas an dem Licht veränderte sich, aber ich vermochte nicht so recht zu sagen, was es war. Etwas schleifte dumpf aneinander, so wie Holz an Holz, dachte ich. Es machte gierig Schnapp! Und dann ging es nur noch abwärts, rasend schnell und in das finsterste Schwarz hinein, das ich je gesehen habe.

Mit dem Hexenkater geht es abwärts!

Ratter. Ratter. Ratter. Abwärts ... Klack. Klack. Ratter Ratter. Tief in die Dunkelheit hinab ...

„Wo bin ich hier?!“, quietschte Pichel zweifelsohne nicht weit weg von mir.

Ratter. Ratter. Abwärts durch die Finsternis ...

Ich sah weder meinen Artgenossen noch sonst irgendetwas. Nicht einmal meine eigene Nase konnte ich erkennen!

Das Finsterdings hatte uns verschlungen, so jung und unschuldig wie wir waren. Ganz und gar mit Haut und Haaren.

Ratter. Ratter. Klack. Klack.

Dieser ölig muffige Geruch ... Beinah wie im Haus des Barstadl-Mannes, das einst Old Lady und meine Familie bewohnt hatten. – Aber da war nicht nur dieser muffige Geruch.

Knatter. Knatter. Takkatakkata ...

Ein Ruck durchfuhr mich, das, worauf ich noch immer zu hocken glaubte, und – dem wehleidigen Kreischen nach zu urteilen – auch Pichel.

Ratatatek. Ratatatek ...

Wir bewegten uns weiter, aber nicht mehr abwärts – und bedeutend langsamer. Sehen tat ich natürlich nach wie vor nichts, stattdessen war da fortwährend dieser muffige Geruch ... Einerseits der von Öl und Metall ... und andererseits derjenige von etwas Altem, einst Lebendigem und sehr Trockenem, ja viel mehr Staubigem ... Es roch nach Büchern!

Ratatatek. Ratatatek ...

Warum sollte so ein Finsterdings denn diese muffigen Bücher verschlingen? – Schön, einzeln genommen waren diese Papierseiten, sofern nichts besseres zugegen war, vielleicht schon ein kleines bisschen als amüsant zu betrachten. Aber in dieser klobigen Zusammenkunft ...?

Wenn meine Sinne mich nicht täuschten, nahm dieser muffige Geruch der Bücher zu allem Überfluss noch zu, je weiter wir uns durch die Dunkelheit bewegten.

Ratatatek. Ratatatek ...

Unter etwas Leckerem, stellte ich mir trotzdem etwas anderes vor ...

Ratatatek. Ratatatek ...

Nein. Das hier war nicht das Werk von diesem Finsterdings. Der Kontakt mit ihm und seiner ganz besonderen Art der Dunkelheit hatte sich anders angefühlt, wie ein Ziehen und ein Gezogenwerden. Das, was uns gerade widerfuhr, hatte da weit mehr von einer Tasche oder besser noch von Radfahren.

Ratatatek. Ratatatek ...

Und in der Ferne: Ratatatek. Ratatatek ...

Auch ein ganzes Ende weiter vor uns: Ratatatek. Ratatatek ...

Gleich neben mir jedoch: „Wo bin ich hier? Ich will hier nicht sein! Das gefällt mir nicht!“ Das war auf alle Fälle Pichel.

Was auch hier geschehen mochte, geschah nicht allein mit uns. Oder zutreffender gesagt, es geschah nicht allein mit unserem merkwürdigen Tisch voller Bücher.

Ratatatek. Ratatatek ... Klack-klick. Klack-klick.

Wieder hielten wir kurz an.

Klack ... Klack ... Klack ... Klack ...

Dann bewegten wir uns weiter, eben fort auf gleichbleibender Höhe. Aber wir hatten die Richtung geändert und reisten nun noch langsamer – direkt auf ein schummeriges Blinken zu.

Na gut. Das Wort Blinken kam vielleicht doch eher einer Übertreibung gleich. Bei längerem Beobachten war das Blinken nämlich nur ein Schimmern, dass in sehr gemächlichem Hin und Wieder sowie äußerst unstet zwischen Schimmern und Nicht-Schimmern wechselte. Um genau zu sein, schimmerte es die meiste Zeit gar nicht. Und wenn doch, schimmerte es im besten Fall nur ganz kurz auf, worauf wiederum das Dunkel in bekannter Weise um sich langte.

Nichtsdestotrotz bewegten wir uns geradewegs darauf zu. Schön langsam und gleichmäßig.

Klack ... Klack ... Klack ...

„Wo bin ich denn hier?“, fragte Pichel in seiner gewohnt arglosen Neugier. Die kürzliche Angst und den Schrecken hatte er schon längst vergessen.

„Ich weiß es auch nicht“, antwortete ich, da ich gerade nichts wirklich Besseres zu tun hatte.

„Wer spricht da?!“, schrak Pichel auf.

„Ich bin es, Tyrrin.“

„Was ist ein Tyrrin?“

„Ich bin so ein Tyrrin, wie du ein Pichel bist. Verstehst du? So ein Tyrrin bin ich.“

„Hm. Ja, ich denke, ich verstehe es. – Ich bin übrigens Pichel.“

„Das weiß ich.“

„Oh. Du hast recht.“

„Sage ich doch.“

Klack ... Klack ... Klack ...

„Es ist so dunkel hier“, bemerkte Pichel seine vorangegangene Unruhe wiederfindend. „Was für ein sonderbarer Ort ...“

„Das ist wahr“, stimmte ich ihm zu. „Aber es könnte viel schlimmer sein. – Zum Beispiel könnten wir in einer Tasche sitzen.“

Klack ... Klack ... Klack ... Deng!

Wir standen still.

„Was ist denn nun?“, hörte ich Pichel sagen und auch mir ging diese Frage durch den Kopf.
Es war ausnahmslos stockfinster. Aber ein immer strenger werdender Geruch von Büchern hing in der unbewegten Luft.

Klack ... Klack ... Klack ... Klack ...

Etwas näherte sich von hinten, vermutlich auf genau die Weise, auf welche wir auch hier her gekommen waren. Es wurde lauter.

Klack ... Klack ... Klack ... Deng!

Den merkwürdigen Tisch, auf dem wir saßen, durchzuckte ein leichter Ruck. Genug, um für Pichel in sein Muster zurückzufallen.

„Hoppla! Nein, wo bin ich denn hier?“, rief er. „Das ist ja alles ganz finster.“

Diesmal verspürte ich allerdings keine Lust genauer auf ihn einzugehen. Stattdessen verhielt ich mich ruhig – und wartete ab, ob Pichel mich bemerkte, bevor seine Gedächtnisleistung erneut die Segel strich. Da sonst nichts weiter passierte, war dies ausnahmslos das Spannendste, was mir in dieser Lage einfiel. Tatsächlich wurde es sogar erstrecht spannend, als sich ein paar leise Pfotentritte an mir vorbei schlichen, einen Moment innehielten und behutsam in unsere ursprüngliche Reiserichtung weiter tapsten.

„Wie muffig das hier riecht ...“, murmelte Pichel.

Plonk.

„Huch. Wo kam das her?“

Moment mal. Ich horchte auf.

Plonk. Wump kratenk.

„Nein, und schon wieder ...“

Was trieb dieser Kater da?! Und wo zum Kuckuck stolzierte er da eigentlich umher? Dieser metallene Büchertisch war zwar ohne Frage merkwürdig, aber auch nun wieder nicht so groß, dass er ...

Ja, natürlich! Ich richtete mich auf, um Pichel zu folgen. Denn war nicht ich es gewesen, der herausgefunden hatte, dass unser Tisch hier nicht der einzige war? Das musste es sein.

Ein neuerliches und entfernteres Klack-Klack-Klack-Deng! bestätigte mich in spontan in meiner Annahme. Vielleicht war mein vergesslicher Artgenosse ohne es zu ahnen sogar drauf und dran einen Weg aus dieser eigenartigen Dunkelheit herauszufinden. Dieses gelegentliche Schimmern kam mir in den Sinn. Hatten wir vor dem plötzlichen Stillstand unserer Fahrt nicht wortwörtlich Licht gesehen? Seit seinem letzten Erscheinen war bereits eine beträchtliche Weile vergangen. Das Schimmern ließ sich diesmal sehr viel Zeit, was andersherum jedoch bedeutete, dass es sicher nicht mehr all zu lange auf sich warten lassen würde.

Ich eilte voran zu dem Büchertisch, auf dem Pichel sich befinden musste ... Ich trat direkt ins Leere.
Zu meinem glückseligen Unglück fand ich besagten Tisch jedoch sogleich, indem ich mit meinem Kopf und einem hirnzerschmetternden Plonk! auf diesen knallte.

„Wer ist da?!“ Pichel sprang in lauter Panik auf. Zumindest klang das nahegelegene Plonk-Donk! danach, dass er eben dieses tat und aufgrund der niedrigen Zwischenraumhöhe gegen die obere Metallplatte prallte.

Ich hingegen war in einen Spalt getreten, der klein, aber trotz der Dunkelheit wahrhaftig zwischen den beiden Büchertischen klaffte. Zur Freude meiner eigenen Gesundheit war er nicht all zu groß, sodass ich meine Lektion zwar schmerzhaft, jedoch ohne den Absturz in eine unbekannte Tiefe erlernen durfte: Durch‘s Dunkel tritt mit Vorsicht. So heißt es doch in manchen Kreisen.

Jeden falls rappelte ich mich mit laut brummendem Schädel auf und zog meine Pfote aus dem Spalt hervor.

„Pichel?“, fragte ich ins Dunkel, worauf ein klägliches „Wo bin ich hier?“ ertönte.

„Pichel, ich bin es, Tyrrin.“ Aufgrund des zunehmenden Zeitdrucks bis zum Wiederauftauchen des Schimmerns nahm ich ihm die anstehenden Fragen gleich vorweg. „Ich weiß nicht, wo wir sind. Aber wenn wir uns beeilen und diesen Büchertischen folgen, finden wir bestimmt einen Ort, an dem wir mehr sehen können.“

„Tyrrin ...?“, wiederholte Pichel etwas langsam.

„Ja, das bin ich und jetzt komm“, drängte ich, obwohl ich weder ihn noch etwas anderes in dieser unerbittlichen Finsternis erblicken konnte.

„In Ordnung“, erwiderte Pichel noch immer merklich benommen. Aber es beruhigte mich, als sein etwas unstetes Tapsen rasch zu einem gleichmäßigen Tritt wurde und wir uns Stück für Stück, von Büchertisch zu Büchertisch nach vorn bewegten. Geradewegs dorthin, wo meiner Vermutung nach bereits sehr bald wieder dieses Schimmern in Erscheinung treten musste.

Plonk ... Plonk. Wump kratenk!

„Huch?“

„Das sind nur Bücher.“

„Bücher ...?“

Plonk.

„Los, lass uns weiter!“

Jawohl, nun wusste ich auch, was Pichel vor meinem kleinen Unfall auf dem anderen Büchertisch getrieben hatte. Denn jetzt machten wir es beide, als wir uns unseren Weg durch diese mit Büchern zugepflasterten Tischegebilde bahnten. Bei der Frage Die Bücher oder wir? hatte ich nämlich ganz klare Prioritäten. Außerdem machte es nach all der Aufregung sogar ein bisschen Spaß, diese dicken Pergamentschinken laut krachend in die finstere Tiefe zu rempeln, dass es nur so polterte.

Plonk. Plonk. Wump kratenk!

Und schließlich kam der Augenblick, auf den ich bereits lauerte.

„Schau, Pichel! Da ist es. Los! Schnell! Jetzt!“

Plonk. Wump kratenk!

Vor uns, kaum mehr als einen Tisch entfernt tat sich endlich das Schimmern auf. Nur war es von hier aus gar kein Schimmern mehr, sondern einfach hell. Zu hell, um nach dieser Finsternis etwas darin sehen zu können. Trotzdem stürzten Pichel und ich ohne zu zögern darauflos, hinein in den letzten Büchertisch, der sich sogar wie auf Befehl mit einem lauten Knattern in Bewegung setzte. Bevor wir mit ihm die Tür zur Helligkeit passierten, hielt er jedoch plötzlich unter hartem Krachen an, kippte voran und schleuderte uns samt seiner Bücher gefolgt von einem blanken Kreischen und wütendem Reißen in das grelle Licht hinein.

>> weiter mit Lektion 16 (Band 2) >>

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