Lektion 14 oder
Schwarz und schwärzer

Liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, wie so viele es in ihrer zarten Kindheit sind, war auch ich in der meinen voller Neugier, unangefochtener Gewissheit und dem Unwissen, dass ich weder etwas von angewandter Physik, Trägheitsgesetzen noch von den einzelnen Wechselwirkungen, die beim unkontrollierten Öffnen und Schließen einer Tür eine Rolle spielten, wusste.

Jedenfalls war die Tür hinter mir jetzt zu. Und ich meine so richtig zu, wie es sich gehörte. Das Einzige, was aller wiederhergestellter Normalität zum Trotz noch nicht stimmte, war die unumstößliche Tatsache, dass ich nicht auf der Seite der Tür saß, auf welcher ich der Ordnung halber sitzen sollte. Stattdessen hockte ich mit schmerzendem Hinterteil im Dunkeln, wo ein gewisser Jemand ständig Dinge wie „Huch, wo bin ich hier? Das kenne ich noch gar nicht.“ sagte. Da ich aber, wie bereits angesprochen, von dieser Sache mit der Tür und ihrer eigenwilligen Physik nichts ahnte, vermutete ich also erst einmal das Schlimmste.

Die Schatten, sie kamen. Oder viel schlimmer noch: Die Schatten waren längst da und wollten mich allen Ernstes holen!


„Nein, das ist ja ulkig ...“


Ich presste mich rittlings an die Tür. Unmittelbar in die Ecke zwischen Türblatt und Laibung, wo sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach am ehesten wieder auftun und mich hoffentlich in ein besser ausgeleuchtetes Zimmer lassen würde, als ich es nun in seiner ganzen stillen Düsternis hier vor mir hatte.


„Wie komisch das hier riecht ...“


Ich verharrte – mehr hockend als kauernd – auf meinen Hinterläufen, während ich meine Vorderpfoten zu jeder Gegenwehr bereit erhoben hatte.


„Hatschi!“


Dieses Schatten- oder Finsterdings sollte ruhig herkommen und mal nachsehen, was es hier erwartete. Möglich, dass es mich aus meinem eigenen Zimmer geworfen hatte. Gut und schön. Aber es sollte ja nicht glauben, dass ich mir so etwas gefallen ließ.


„Huch, was ist das? Das ist ja interessant.“


Ich lauerte, wartete ab, bereitete mich vor auf das Unbekannte – worin auch immer das bestehen mochte.


„Es schnuppert hier so eigenartig ...“


Dass Pichel dabei so ruhig bleiben konnte ... Ich war nicht weit davon entfernt, ihn um seinen Segen der stets wiederkehrenden Unwissenheit zu beneiden. Hätte ich in dem Haus des Barstadl-Manns nur diesen gefräßigen Schatten nicht entdeckt ... Womöglich wäre ich genauso unbekümmert in dieser Dunkelheit umhergestreift, wie es mein vergesslicher Artgenosse gerade so genüsslich tat. Nun ja, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich nicht immer dieselbe Eigenartigkeit aufs Neue entdeckt hätte ...

Woran genau hatte dieser Kater da hinten denn nun schon wieder einen Narren gefressen?

Ich beobachtete, wie sich eine kleine dunkle Halbkugel, die sich durch ihre markant satte Schwärze von dem sonst eher farblosen Schwarzgrau des langen Korridors unterschied, ein paar Meter weiter an einer tischähnlichen Vorrichtung mit vier parallel untereinander angeordneten Platten zu schaffen machte – und zwischen die erste und zweite Platte von unten kroch. Andererseits erinnerte mich dieses Gestell auch sehr an dieses monumentale Holzgebilde, welches bis zum Rand angefüllt mit Papier, Papierähnlichem und Büchern nahezu eine ganze Wand in dem Zimmer einnahm, das ich mir mit Karel teilte. Trotzdem, es war weder dasselbe noch das Gleiche, denn es war daran noch etwas anderes.


„Ha-ha-tschiii!“


Die kleine schwarze Halbkugel erzitterte. Ja, sie schüttelte sich richtig, was durch ein leichtes und sehr feines Klappern kaum hörbar untermalt wurde.

Moment mal. Ich wurde mir plötzlich gewahr, dass dieser langgezogene Raum keinesfalls so schwarz, von Schatten durchströmt und finster war, wie ich es im ersten schreckhaften Augenblick wahrgenommen hatte. Wie bereits viele Male zuvor, hatten sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt, sodass dieses vorhin noch derart bedrohliche Schwarz nun weit weniger schwarz und damit weit weniger bedrohlich erschien. Jetzt kam es unverkennbar einem schwärzlich angegrauten Zwielicht gleich, das seine zart zurückhaltende Leuchtkraft durch ein unscheinbares Fenster ganz am Ende des Korridors bezog, welches dem letzten Licht des ausklingenden Tages einen flüchtigen Blick in dieses Zimmer gewährte. Und wahrhaft flüchtig, ja, das war es auch. Das Licht verströmte deutlich weniger Helligkeit, als es in Karels und meinem gemeinsamen Zimmer der Fall gewesen war. Trotzdem. Ich hielt es für sehr möglich, dass dieses schwarzgrau melierte Zwielicht für das alles verschlingende Finsterdings vielleicht doch ein beträchtliches bisschen zu undunkel war. Auch die Tatsache, dass Pichel dermaßen arglos hier umher spazierte und seinen immer gleichen Erkundungen nachging ...

Ja, das war es: Pichel! Mir kam ein großartiger Gedanke.

Ein Paar flüchtig schimmernder Punkte sah mich aus der kleinen schwarzen Halbkugel und dem Spalt zwischen den beiden waagerechten Platten heraus an, als hätten sie meinen Gedanken laut vernommen. Ich fühlte mich bestätigt, während ich beobachtete wie sich Pichel mit seinem pechschwarzen Pelz in dem Dunkel, das bei genauerem Hinsehen gar nicht so dunkel war, wie ein Schatten abzeichnete. Allein das kleine weiße Dreieck auf seiner Stirn und seine das wenige Zwielicht reflektierenden Augen hoben sich von der satten Schwärze ab. – Also, wenn etwas zuerst von einem grausigen und ewig hungrigen Finsterdings unauffällig geholt wurde, dann doch wohl eher ...

Ich fühlte mich von einem Moment zum nächsten sicher. Ich begrüßte es sogar ein bisschen, dass ich aus der Ferne das bekannte „Oh, wir kennen uns noch nicht. Wollen wir Freunde sein?“ vernahm.

Tja. Ich beschloss vorerst nicht davon auszugehen, dass sich die Tür zu meinem Zimmer bald für mich oder gar Pichel öffnen würde, und befand dies für eine ausgezeichnete Gelegenheit, mir endlich mal einen Eindruck davon zu verschaffen, was Pichel dort die ganze Zeit so intensiv beschäftigte. Immerhin war er bisher noch nicht einmal gegen das einzige Fenster in diesem langen weiten Raum gelaufen – und das wollte bei diesem speziellen Genossen meiner eigenen Art wahrhaftig etwas heißen.

Ich gab meine abwehrende Haltung auf und schlich bedächtig, aber zielstrebig zu der gegenüberliegenden Wand des Korridors, an zwei ebenfalls geschlossenen Türen vorbei – nachdem ich an jeder kurz geschnuppert und je eine andere menschliche Spur an ihnen aufgenommen hatte – und gelangte schließlich zu Pichel und diesen eigenartigen Tisch-oder-auch-nicht-Tisch.

Eigenartig. Das war genau das richtige Wort für dieses Ding. Aus einem mir nicht ersichtlichen Grund hatte sich jemand nämlich die Mühe gemacht und dieses an einen Tisch erinnernde Werkstück aus matt glänzendem Material – ich vermute mal Metall – auf insgesamt vier dicke Scheiben zustellen. Nein, nicht so dass die Scheiben lagen und diesem Gebilde dadurch eine bessere Standfestigkeit geboten hätten. Tatsächlich standen diese Scheiben hochkant und berührten dadurch selbst kaum den Boden, auf welchem die gesamte Konstruktion eigentlich hätte ruhen sollen. Stabil und solide sah bei bestem Willen anders aus.

„Ich bin übrigens Pichel“, tönte es von etwas weiter über mir.

„Mein Name ist Tyrrin“, erwiderte ich, mich um etwas zweckdienliche Höflichkeit bemühend. „Was ist das hier?“

„Wie? Oh!“ Der schwarze Kater sah sich überrascht in der näheren Umgebung um. „Gute Frage. Das habe ich ja noch gar nicht gesehen ...“ Dann sah er mich an. „Wo sind wir hier? Ist das dein Zuhause?“

„Hier?“, rief ich leicht schockiert. „Das hier ist der Flur.“

„Oh, der Flur ...“ Mein Artgenosse nickte. „Was ist der Flur?“

„Ja, also ... nun ...“ Ich kam ins Stocken. „Der Flur ist ein langes Zimmer vor dem richtigen Zimmer, denke ich.“

„Oh, ein Zimmer vor dem Zimmer also ...“ Pichel nickte noch einmal. „Zimmer ...“

„Was ist das hier für ein Tisch?“, wechselte ich das Thema, bevor mir Pichel mit einer weiteren fragwürdigen Frage zuvor kam. „Was ist daran so spannend?“

„Spannend?“, horchte Pichel auf und drehte sich um, wahrscheinlich um sein näheres Umfeld noch einmal – beziehungsweise zum neuerlichen ersten Mal – genauer unter die Lupe zu nehmen. „Nun, es ist ...“, begann Pichel seinen Satz, wurde dann jedoch sogleich von etwas abgelenkt und kroch tiefer zwischen die beiden unteren Tischplatten, sodass ich ihn aus den Augen verlor.

„Pichel?“

Es kam keine Antwort.

Das Finsterdings!, schoss es mir sofort durch den Kopf. Doch ich riss mich zusammen. Ich konnte weiterhin viel zu viel erkennen, als dass so ein Finsterdings sich hier auch nur ansatzweise hätte heimisch fühlen oder gar nach mir langen können. Meine Augen waren mittlerweile sogar so gut an dieses Zwielicht gewöhnt, dass ich die zahlreichen Türen, welche die Wände der Korridors gleichmäßig säumten, klar erkennen konnte. An dem einen Ende erspähte ich neben dem leidlich für so etwas wie Helligkeit sorgenden Fenster zudem diese gitterartig diagonale Gestaltung, die, wie ich von meinen Reisen bei Tageslicht wusste, zu diesen vielen Stufen gehörte.

Diesen eigenartigen Tisch allerdings ... Den gab es, so weit ich sah nur einmal. Außerdem schien er vor noch einer weiteren Tür zu stehen. Nur war diese bald um die Hälfte niedriger und sah zudem anders als die vielzähligen Türen aus. Für mich war gerade das ein Grund mehr, mich intensiver mit diesem ominösen Tisch zu befassen. Und weil weit und breit keinerlei Gefahr in Sicht war, sprang ich zu Pichel auf die unterste Tischplatte, die sich bis dahin einen ordentlichen Satz über mir befunden hatte. Das metallene Gestell geriet in leichte Bewegung, als ich auf ihm landete. Das matte Material war kalt an meinen Pfoten, aber so glatt und hart, wie ich es von Karels Holztisch bisher nicht kannte. Aber kaum hatte ich den Rest von mir hinauf gehievt verstand auch, was Pichel vorhin gemeint hatte.

„Uh, ist das muffig hier ...“, bemerkte ich. Doch im Unterschied zu Pichel war mir dieser Geruch nicht unbekannt. „Das sind Bücher“, stellte ich fest, als ich die dicken und weniger dicken Papierbündel oder zumindest deren schemenhafte Konturen erkannte. Eines war besonders mächtig und füllte beinahe den ganzen Abstand zwischen den beiden übereinander liegenden Platten aus. Drei deutlich dünnere Bücher waren aufeinander gestapelt und ein mitteldickes Exemplar befand sich gleich neben dem umfangreichen.

Na schön. An Büchern war nichts falsch, wenn auch nicht viel Neues. – Es sei denn, man hieß Pichel ...

„Bücher?“, hörte ich die schwarze Halbkugel neben mir sagen. „Was sind denn Bücher?“

„Das sind zusammengebundene Papierstapel, welche die Menschen mit ganz vielen kleinen Symbolen und Zeichen versehen haben“, erläuterte ich in voller Überzeugung. „Die Menschen nennen so etwas Geschichten. Und manchmal geht es in diesen Geschichten auch um Drachen, aber nicht immer.“

„Oh, dass es so etwas gibt ...“, staunte Pichel. „Ich bin übrigens Pichel. Wir kennen uns noch nicht. Wollen wir Freunde sein?“

„Still!“, hielt ich ihn mit lautem Flüstern an. Ich hatte etwas gehört – und, da er meiner schroffen Anweisung unwissender Weise Folge leistete, Pichel offensichtlich auch.

Es war ein leises Rasseln und ein gleichmäßiges Rattern und ein dumpfes Schleifen.

„Was ist das hier?“, raute Pichel in unguter Ahnung neben mir.

„Scht!“, zischte ich. Und dann erinnerte ich mich daran, dass ich solch ein Rattern und Knattern vor gar nicht all zu langer Zeit schon einmal vernommen hatte.

„Bleib liegen, mach dich ganz klein und rühr dich nicht vom Fleck“, wies ich meinen Artgenossen an. Denn eben dies hatte mit bei unserer ersten Begegnung auch Wen-N geraten, als mir dieses verölte, klappernde Metallding in Old Ladys ehemaligem Zimmer auf den Fersen gewesen war.

Da, so ein Luftzug ...


Aber woher hätte ich denn wissen sollen, dass ausgerechnet dieses Vorgehen in unserer speziellen Lage alles andere als eine gute Lösung war?!

>> weiter mit Lektion 15 (Band 2) >>

Schon gewusst? ^_^

Den ersten Band des Tyrrin Hexenkater-Abenteuers "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^

Kommentare