Lektion 13 oder
Pichel

Ich machte mich groß. Ja genau, und zwar so richtig groß und meine Ohren spitz, den Rücken krumm. Ich sträubte das Fell vom Nacken bis zur Schwanzspitze, neigte bedächtig meinen Kopf ...

Auf keinen Fall. So etwas Dreistes würde ich mir nicht gefallen lassen ...

Der Hexenkater verteidigt sein Revier! >.<

Oh, ja. Und derart beachtungswürdig wie meine gegenwärtige Erscheinung war, würde er es sich nicht einmal im Traum einfallen lassen, mich nur noch ein einziges weiteres Mal herauszufordern.

Obwohl. Es gab da eine Kleinigkeit, die ich bisher nicht bedacht hatte. So groß und furchteinflößend wie ich war, passte ich nun nicht mehr durch das Loch. Zumindest nicht ohne irgendwie verdreht und ungelenk aus meiner Kiste heraus und auf die Fensterbank zu stolpern, wo ich mir doch tatsächlich vor lauter Mächtigkeit selbst auf den Schwanz trat und direkt gegen die große durchsichtige Scheibe, die mich gewöhnlich vom Rest der großen weiten Welt zu trennen pflegte, polterte.

„Du musst aufpassen. Diese großen, unsichtbaren Wände sind über all“, tönte es von meinem Platz auf mich herab. „Sie sind immer genau da, wo man sie nie erwartet. In der Tat, wahrlich so was von hinterhältig diese Dinger und keineswegs zu unterschätzen.“

Dort hoch oben auf der von mir ausdrücklich und mit großer Mühe annektierten Plattform mit dem mir liebsten Schmusestoffbezug saß ein junger schwarzer Kater mit kurzem glatten Fell und einer weißen Zeichnung auf der Stirn, die über seinen Augen ein gleichseitiges Dreieck mit nach oben gerichteter Spitze bildete.

„Du sitzt auf meinem Platz!“ Umgehend rappelte ich mich auf und nahm wieder meine ehrfurchtgebietende Haltung ein. Außerdem hatte ich nun ausreichend Platz, um auch meine kräftige Schulter präsentabel nach vorn zu schieben, achtsam meinen Kopf zu neigen und blitzartig ausschlagend mit meinem Schwanz zu zucken.

„Hörst du nicht? Das ist mein Platz. Und mein Katzenbaum. Und mein Zimmer. So, damit du's weißt.“

„Und ich habe mich schon gefragt, wo ich hier gelandet bin ...“

„Wie auch immer. Ich sagte, du weißt es jetzt und damit weißt du's. Das hier ist alles meins und du hast hier nichts zu suchen. – Nun geh endlich da runter. Du sitzt ja immer noch auf meinem Platz!“

„Du hast es wirklich schön hier.“ Der kleine schwarze Kater setzte sich auf und ließ einen viel zu verzückten Blick über mein Zimmer schweifen.

„Mach, dass du da herunter kommst“, unterbrach ich seine Nachforschung.

„Wir kennen uns noch nicht.“ Neugierig sprang mein Artgenosse auf die nächst tiefere Sitzplatte, worauf ich meine drohende Körperhaltung noch einmal um ein paar Nuancen bekräftigte.

„Wollen wir Freunde sein? Mein Name ist Pichel.“

„Was willst du hier?“, rief ich und zuckte kräftig mit der Rute.

„Hm ... Jetzt wo du es sagst ...“, überlegte Pichel. „Das habe ich mich auch schon gefragt.“

Ich putzte mich rasch an meinem rechten Vorderlauf.

„Ich weiß noch, dass da eine Kiste war ... Oh, so eine wie die da!“ Pichel hatte den Taschenkorb entdeckt, den Rommi vorhin hier vergessen hatte.

Geistesgegenwärtig wie ich war, nutzte ich diese Ablenkung, um auf das nächstgelegene Podest zu springen, welches direkt unter demjenigen lag, auf welchem mein Rivale hockte. Sofort machte ich mich daran, zielsicher nach ihm zu langen. Wenn ich doch nur ein bisschen größer gewesen wäre ...

„Oh, was tust du da? Das sieht spaßig aus.“ Offenkundig verkannte Pichel den Ernst seiner prekären Lage. Er hüpfte munter umher, wackelte verspielt mit seinem Kopf und tippte keck nach meinen Pfoten, mit denen ich mich an seiner Platte abstützte. Ich zuckte zurück, als ich das Gleichgewicht zu verlieren drohte, weshalb Pichel vor lauter Aufregung eine spontane Runde um sich selber drehte und sich schließlich auf eine emsige Jagd nach seiner Schwanzspitze machte.

Ich beobachtete dieses Treiben mit nüchterner Zurückhaltung.

„Was tust du da?“, erkundigte ich mich, nachdem besagte Schwanzspitze ein paar gute dutzend Runden erfolgreich dem flinken Griff des jungen Katers entgangen war. Pichels aufgeweckter Art sei Dank, hielt er sogleich inne und beäugte mich mit einer Neugier, als habe er mich eben erst entdeckt.

„Oh, wir kennen uns noch nicht“, sagte er. „Wollen wir Freunde sein?“

Ich musterte ihn argwöhnisch, während meine Rute sich mit lauernder Ruhe bewegte. Mir kam mein Erlebnis von neulich in den Sinn. Diese Erfahrung in diesem merkwürdigen Zimmer mit meinen nicht minder bizarren Artgenossen. Und mir fielen diese eigenartigen Bemerkungen aus dem Taschenkorb auf dem Nachbartisch wieder ein.

„Kann es sein, dass du ziemlich vergesslich bist?“, brachte ich meine Vermutung zur Sprache.

„Mein Name ist Pichel. – Oh, sag mal, wohnst du hier?“ Er ließ schon wieder diesen überaus verzückten Blick durch mein Zimmer und über meine Sachen schweifen.

„Mein Name ist Tyrrin und ja, ich wohne hier und alles hier ist meins. Du sitzt auf meinem Kratzbaum, also mach gefälligst, dass du da weg ...“

„Schau mal!“, rief der Kater mit abgelenktem Interesse für die große weite Welt hinter dem Fenster. „Unglaublich, was da alles ... Ha, da bewegt sich etwas ...“

Plonk!

Schmerzlich mitfühlend verzog ich das Gesicht. Pichel war mit voller Wucht gegen die Glasscheibe des Fensters gesprungen.

„Geht es dir gut?“, erkundigte ich mich, als mein Artgenosse benommen auf dem Fensterbrett entlang torkelte.

„Oh je ...“, krächzte Pichel. „Wo kam die denn her ...?“

„Das ist ein Fenster“, erklärte ich aus einem mir unklaren Bedürfnis der Rechtfertigung heraus.

„Uh ...“ Pichel schüttelte sich. Erst den Kopf und dann den Rest, um anschließend ein paar unbeholfene Schritte zurück zu watscheln. „Es ist fürchterlich, wenn diese unsichtbaren Wände aus dem Nichts auftauchen.“

„Vielleicht solltest du dir merken, wo sie sich befinden“, schlug ich von meiner leicht erhöhten Position auf der Kratzbaumplatte vor. Nun, da die Verhältnisse sich in diesem Zimmer langsam aber sicher wieder der Normalität annäherten, hielt ich es für angemessen mich dem fremden Kater gegenüber ein kleines bisschen gnädiger zu geben.

„Ich habe ein gutes Gedächtnis“, bestätigte Pichel und begutachtete das Fenster oder – wie ich ja eher vermutete – das Fensterglas mit gehörigem Argwohn.

„Es sind diese Wände ... Immer tauchen sie auf, sobald ich etwas Neues entdeckt habe.“

Ich hörte dem Kater zu, hatte aber Schwierigkeiten ihm zu folgen. Jedoch war ich felsenfest davon überzeugt, dass der Fehler in Sachen Verständnis nicht im Geringsten bei mir lag. Immerhin war es Pichel, der mich mit seinem nächsten Argument in eben dieser Annahme bestätigte.

„Wir kennen uns noch nicht“, sprach er in der unumstößlichen Ansicht, dass dies schon wieder unsere erstmalige Begegnung sei. „Wollen wir Freunde sein?“

Doch bevor er mir die Zeit ließ, mit einem unschlüssigen Ohrenzucken und einer angemessenen Antwort zu reagieren, hatte Pichel sich schon anderweitig umgesehen und war auf die freie Sitzplatte über mir gesprungen ...

Was hatte ich mir nur bei dieser Unachtsamkeit gedacht?!

„Das ist ja äußerst spannend hier.“

„Geh da runter. Das ist meins!“

„Wohnst du hier?“

War ich bis eben noch gnädig gewesen, so hatte ich nun von meiner Höflichkeit genug. Ich musste mir nur noch überlegen, wie ich wieder Herr der Lage und meines Kratzbaumes werden konnte, da mein bisheriges Vorgehen hier allem Anschein nach nicht zum erhofften Erfolg führte. Und das musste schnell passieren, weil sich Pichel bereits auf diese mir inzwischen wohlbekannte Weise umsah, die als nächsten Schritt wahrscheinlich die Planung seines Einzugs beinhaltete. Also dachte ich nach ... Kam zu einer Möglichkeit ... Zugegeben, vielleicht etwas zu drastisch ... Aber unter diesen außergewöhnlichen Umständen ... Warum eigentlich nicht ...?

„Schau mal! Da ... da ist ein ... da ist was draußen ...“

Ich sah unauffällig hinweisend zum Fenster.

„Ach, wirklich?“, folgte Pichel meiner Blickrichtung, worauf sich schon nach kürzester Zeit sein Gesicht mit einem abenteuerlustigen Ausdruck erhellte.

Klack.

Sowohl Pichel als auch meine Wenigkeit wirbelten herum. Hinter uns. Das Geräusch war neu, wenn auch mir in seiner Gänze nicht ganz unbekannt.

„Was war das?“, flüsterte Pichel. Sein schwarzer Pelz stand ihm wild zu Berge – und, um ehrlich zu sein, sah ich selbst nicht wirklich besser aus.

Wir horchten. Wir sahen hin. Aber da war nichts anders als sonst. Nichts weiter als das Zimmer mit Fußboden, reichlich Wand, ein paar Möbeln, Büchern und der Tür. Kein Hinweis auf etwas, das ohne Weiteres ein Klack von sich gegeben hätte. Doch je länger ich darüber nachdachte und dieses bewohnte Stillleben in Augenschein nahm, desto eher wurde mir gewahr, dass es nicht ganz so reglos war, wie es ein kurzzeitiger Eindruck eventuell vermuten ließ. Das Licht im Raum war weniger geworden. Hatte nur ich dieses Gefühl oder war es möglich, dass die Schatten von Tag zu Tag früher mit der Nacht hereinbrachen, seitdem mich dieses Finsterdings in Old Ladys ehemaligen Räumen angegriffen hatte? War so etwas möglich?

„Oh, das ist aber spannend hier!“ Pichel war wieder am Anfang seines nicht ganz richtig ablaufenden Verhaltensmusters. Mir war nicht klar, ob er etwas davon ahnte oder tatsächlich in dem Segen der immer wiederkehrenden Unwissenheit lebte. Jedenfalls schien irgendetwas in seinem Kopf nicht ganz rund zu laufen. Hätte ich eine Vermutung anstellen müssen, woher dieses Verhalten rührte, wäre mein nächster Gedanke gewesen, dass dies mit Pichels Vorliebe gegen unsichtbare Wände – beziehungsweise Fenster – zu laufen einhergehen musste. Aber wie es der Zufall wollte – liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen – widmete ich meine volle Aufmerksamkeit just in diesem Moment den sich mit dem Abend ausdehnenden Schatten. Besonders diese recht filigrane Silhouette aus mehreren parallelen und waagerechten Linien und Formen gab mir zu denken. Was waren das für halbkugelige Gebilde mit je zwei zuckenden Spitzen, die sich dort teils auf der Zimmerwand, teils auf dem Fußboden abzeichneten?

Hach, wo waren nur die Menschen und ihre kokelnden Lichtquellen, wenn man sie mal brauchte?

„Wir kennen uns noch nicht. Wollen wir Freunde sein?“

„Kannst du nicht bei der Sache bleiben?“, fuhr ich Pichel an. Mich beschäftigten gerade existenziellere Fragen, als seine so gut wie nicht vorhandene Gedächtnisleistung.

„Dort hinten hat es Klack gemacht“, erklärte ich, nachdem ich Pichels leicht entrückte Miene bemerkt hatte.

Klack?“

„Jawohl.“

„Oh, das ist bestimmt sehr merkwürdig“, schlussfolgerte er und schaute in die Richtung, in welcher ich selbst gerade mit meinen Blicken forschte.

„Bist du sicher, dass da etwas Klack gemacht hat?“, fragte er nach einer stillen Weile.

„Das bin ich“, bestätigte ich mit bedeutungsschwerer Stimme, ohne etwas an meiner Lauerstellung zu verändern. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Pichel mich für einen Moment taxierte – und dann in die Schatten sprang.

„Bist du verrückt geworden?“, kreischte ich ihm hinterher.

Natürlich wollte ich meinen Rivalen möglichst zeitnah aus meinem Territorium heraus haben. Aber ihn deshalb gleich so einem gierigen Schattenmonster zum Fraß vorwerfen ...?

Doch meine Sorge und mein Entsetzen ließen Pichel völlig ungerührt. Emsig tippelte er über die dunklen Zeichnungen der kommenden Nacht hinweg, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Da ist etwas“, rief mir der kleine schwarze Kater zu und fing an, die Tür an einer gezielten Stelle mit seinen Pfoten zu traktieren.

„Lass das“, bemühte ich mich, ihn von meinem sicheren Posten aus zur Besinnung zu bringen. „Hör auf damit! – Die Schatten! – Das Finsterdings!“

Pichel machte weiter, also beließ ich es dabei. Denn eigentlich war ich ja durchaus ein bisschen neugierig, was mein schwarzpelziger Artgenosse dort so wichtiges gefunden hatte, das meinen ganzen Kratzbaum samt Zimmer mühelos zu einer Unwichtigkeit von größter Bedeutungslosigkeit werden ließ.

„Ja, pass besser ... auf die ... Schatten und ... das alles ... auf ... Weißt du ...?“ Nur zur Sicherheit warnte ich ihn noch einmal schlicht und beiläufig, während ich einen möglichst hell vom Tageslicht bedachten Pfad, der mich über Fensterbrett, Schreibtisch und ein paar ziemlich wackelig aufgetürmte Bücherstapel führte, entlang pirschte und mich mit einem satten Sprung über so ein zwielichtiges Ungetüm hinwegsetzte, um unweit von Pichel auf dem Boden zur Landung aufzusetzen.

„Nun sag schon, was machst du da?“, wollte ich von dem Kater wissen. Aber kaum hatte ich meine Frage ausgesprochen, sah ich Pichel auch schon an, dass dies umsonst gewesen war.

„Hoppla, wir kennen uns noch nicht! Mein Name ist ... Oh, das ist aber unhöflich ...“

Ich kürzte das bekannte Prozedere ab und rempelte Pichel frech zur Seite. Wer weiß, wann ich sonst zu meiner Erklärung gekommen wäre. Die Zeit drängte – oder besser gesagt die Nacht und ihre scheinheiligen Schatten. Deshalb machte ich mir erst einmal selbst ein Bild von dieser vermeintlich so faszinierenden Lage. Und tatsächlich. Sie faszinierte mich.

Es war nur ein sehr, sehr schmaler Spalt. Viel zu klein, um durch ihn hindurch zu schlüpfen, dennoch war er da. Die Tür stand offen.

„Weißt du? Das ist ziemlich spannend hier“, hörte ich Pichel neben mir wie aus der Ferne schnattern. Im Moment hatte ich jedoch keinen Blick dafür. Ich sah einzig und alleine diesen Spalt. Ein Spalt, der mir sagte, dass eine sonst verschlossene Tür, tatsächlich nicht verschlossen war.

Etwas – ja, eine Art uralter Instinkt – erwachte in mir. Hob meine rechte Pfote an. Schob diese in den Spalt, der gerade breit genug war, dass sie hinein passte. Hakte meine Krallen sacht ins Holz. Und zog das Türblatt mit behänder Kraft ins Innere des Zimmers, sodass es seinen weiteren Weg, kaum dass ich losgelassen hatte, alleine fand.

Die Tür war auf – jetzt so richtig. Und sowohl Pichel als auch ich saßen nun vor einem gähnend dunklen Loch, das ich bis zu diesem Augenblick als einen grellen und mit Menschen angefüllten Korridor in Erinnerung behalten hatte. Jetzt allerdings war dort nichts von alledem. Nichts als Schatten und diffuses Zwielicht und einen schummerigen Abglanz, den der Eingang unseres Zimmers in dieses Dunkel warf.

„Oh, wie aufregend, was ist denn das?!“, frohlockte Pichel und galoppierte voller Freude in die Finsternis.

„Nicht doch, komm zurück!“, rief ich ihm hinterher, wobei ich mich gehörig zusammenriss, ihm nicht weiter als bis zur Türschwelle nachzuhechten.

„Nein, so etwas habe ich ja noch nie gesehen“, vernahm ich Pichels Stimme, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Krach!, als mich etwas bretthart in den Rücken schlug und plötzlich alles um mich dunkel wurde.

>> weiter mit Lektion 14 (Band 2) >>

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