Lektion 12 oder
Gruselgeschichten

„Ich habe dir doch gesagt, dass so etwas passieren würde!“

„A-ach ja?“

Wie so oft seit unserer ersten Begegnung kam Joscha auch heute ohne Vorwarnung mit seiner schwarz bemusterten Papierdecke in unser Zimmer gewedelt und zeigte auf etwas unheimlich Wichtiges, das er soeben darauf entdeckt hatte. Was faszinierte diesen Menschen nur immer wieder so sehr an dieser Decke?

Ich für meinen Teil war mit meinen Gedanken bei weit wichtigeren Dingen. Schlimm genug, dass ich es schon reichlich schwer hatte, meine Suche nach Old Lady fortzusetzen. Aber nun war auch mein einziger halbwegs vernünftiger Anhaltspunkt für diese Suche spurlos verschwunden. Und daran, dass diese schwarze Erscheinung in den dunklen Ecken von Old Ladys ehemaligen Räumen womöglich etwas damit zu tun hatte, wollte ich erst einmal nicht denken. Ob der Barstadl-Mann wusste, was außer ihm in dieser Wohnung hauste?


„Siehst du? Marktland.“

„W-was?“

Joscha breitete seine Papierdecke vor Karel über den Büchern und Papieren aus, mit denen dieser sich schon den ganzen Nachmittag ausgiebig beschäftigte, und deutete energisch auf ein kleines Viereck, das bis zur Gänze mit lauter kleinen Symbolen, wie sie die Menschen auch auf ihren Schildern und in ihren Büchern so liebten, ausgefüllt war.

„D-das ist eine Schau“, bemerkte Karel. „E-eine Schau für Uhren.“

„Ganz. Ge. Nau“, betonte Joscha jede einzelne Silbe mit aller größtem Bedacht.

„J-ja, und?“

Ich beobachtete das Treiben der beiden Menschen nur beiläufig von der hochgelegenen Sitzplatte meines Kletterturmes aus. Viel mehr beschäftigte mich jedoch die Überlegung, ob das, was ich in diesem Schatten gesehen hatte, etwas war, was es nur dort gab, oder ...


„Es werden auch Vertreter aus Marktland dort sein“, bekräftigte Joscha.

„V-vielleicht brauchen sie eine n-neue Uhr“, meinte Karel, worauf Joscha ihn erst ausdruckslos betrachtete und dann abwägend seinen Unterkiefer vorschob.

„Du hast nicht die geringste Ahnung von Politik und Interessenwirtschaft, oder?“

„S-sehr wenig“, gab Karel zu.

„Erinnerst du dich an das, was dieser vermeintliche Geist der Ahnen während deiner Initiierung im Grauen Weiher gesagt hat?“

Karel schüttelte den Kopf.

„Gegenüber Marktland soll Toleranz gewahrt werden. – Das hier ...“ Joscha zeigte auf das graue Papier, das bei seiner Berührung leise knackte. „... hat etwas zu bedeuten.“

„D-dürfen die Marktländer denn s-sonst keine Uhren tragen?“

„Karel, du schaffst mich. Es geht doch nicht um die Uhren“, maßregelte Joscha seinen Kommilitonen. „Es geht um diesen Artikel.“

„A-ach ja?“

„Es ist viel zu unwichtig, um rein gar nichts zu bedeuten.“

„O-oh ...“

„Verstehst du es nicht, Karel?“

„N-nein.“

„Das hier ist ein Aufruf zu einem Treffen zwischen Marktländern und dem Grauen Weiher.“

Eine bedrückte Achtsamkeit sprach zunehmend aus Karels Augen.

„Es liegt geradezu auf der Hand.“ Joscha seufzte, merkte aber sogleich auf. „Tyrrin?“, wandte sich der junge Menschenmann an mich. „Du hast mit dieser Kröte doch gesprochen. Hat sie noch etwas anderes zu dir gesagt, das uns vielleicht Aufschluss geben könnte?“

„Kröte?“, erwachte ich aus meinen Gedanken und Vermutungen über eventuell frei herumlaufende Dunkelheiten.

„Die Kröte, die unter dir in dem Glasbehälter gesessen hat“, half Joscha mir nach. „Hat sie vor oder während der Versammlung etwas zu dir gesagt?“

„Brunert?“ Noch so ein Geschöpf, das aus einem Schatten gekommen war und mir nur sehr wenig Freude bereitet hatte ... „Er hat mir eine sehr merkwürdige Geschichte erzählt – nicht ein Drache kam darin vor ... Und ich glaube, dass er Katzen nicht besonders leiden kann.“

„Verstehe.“ Joscha lächelte enttäuscht. Doch noch gab er nicht auf. „Karel, wir müssen einen Blick auf den Schauplatz dieser Versammlung riskieren.“

Karel wollte zwar etwas Unwilliges erwidern, aber Josch kam ihm gerade so zuvor.

„Wenn wir dort etwas finden, das meine Vermutung bestätigt, gehen wir dieser Sache genauer nach“, erklärte er ruhig. „Sollte da nichts sein, gebe ich Ruhe. Einverstanden?“

„W-wir können n-nicht ... I-ich meine, ich k-kann nicht weg“, erwiderte Karel und sah kurz mit einem Kopfnicken zu mir, ohne mich richtig anzusehen und dann wieder zu Joscha. Dieser wiederholte die Geste, nur dass er schließlich Karel ansah.

„Ist es so schlimm?“, fragte er und musterte mich einen Moment um Einiges eingehender.

„Was ist schlimm?“, wollte ich wissen, da mir dieses Verhalten meiner Mitmenschen so überhaupt gar nicht zusagte.

„A-ach, nichts“, ruderte Karel rasch zurück. Joscha hingegen schenkte mir reinen Wein ein.

„Karel meint, du hättest seit Neuestem Angst im Dunkeln und willst nachts nicht mehr alleine sein.“ Mein Noch-Assistent auf nun äußerst verschärfter Bewährung betrachtete mich mit einer derart unverhohlenen Neugier, die ich an ihm des Öfteren gegenüber Karel beobachtet hatte.

„Angst im ...?!“, fuhr ich hoch. „Ich habe doch keine Angst im Dunkeln!“

Ich gebe zu, eventuell war ich seit meiner Begegnung mit diesem besitzergreifenden Finsterdings vor ein paar Tagen ein bisschen vorsichtiger geworden, wenn die Nacht hereinbrach – und mit ihr die sie so gewissenhaft begleitenden Schatten. Aber Angst im Dunkeln ...

„D-du hast gesagt, d-dass ich dich nicht alleine lassen soll, w-weil d-dich sonst das sch-schwarze Monster h-holt ...“

„Aber ich habe keine Angst im Dunkeln“, stellte ich richtig. Nur weil ich mich hin und wieder bewusst von einigen besonders düsteren Ecken in Karels Zimmer, welches zum Abend hin davon erheblich mehr als am helllichten Tage aufzuweisen pflegte, distanzierte, war das noch lange kein Grund für eine derart windige Behauptung.

„Das schwarze Monster?“ Joscha kicherte. „Du solltest ihm nicht so viele Gruselgeschichten vorlesen.“

„Was sind Gruselgeschichten?“, hakte ich prompt nach. „Kommen darin Drachen vor?“

„Gut, ich schätze, dass wir diese Ursache damit verwerfen können“, raunte Joscha amüsiert.

„D-drachen gibt es in diesen Geschichten sehr selten“, beantwortete Karel meine Frage. „S-sie sollen Angst machen und h-handeln zumeist von Dingen, d-die Furcht einflößen, w-wie Geistern und m-mysteriösen Wesen und Sachen, d-die Angst, Sch-schrecken und m-manchmal auch den T-tod bringen.“

„ ... den Tod bringen?“, wiederholte ich mangels einer konkreten Vorstellung.

Es klopfte.

„Wenn man vom Teufel spricht ...“, meinte Joscha.

Neugierig sah ich zur Tür, worauf Karel sich erhob, um diese zu öffnen, was ihm auch ganz gut gelang – zumindest wenn man davon absah, dass eine Menschenhand ihn am Kragen packte, ihn mit einem kräftigen Ruck aus dem Zimmer zog und die Tür hinter ihm ins Schloss knallte.

Ich sah erwartungsvoll zu meinem mir verbliebenen Assistenten, der ruhig an dem mit Büchern und Papier verstellten Tisch von Karel lehnte.

„Was habe ich dir gesagt?“ Er grinste und zwinkerte mir zu.

Dann wandte ich meinen Blick erneut zur Tür, die so schnell auf sprang, wie sie sich wieder schloss, wobei sie unterdessen Karel und Lafenne ins Zimmer befördert hatte. Karel wirkte wie gewohnt verwirrt und auch Joscha konnte sich einer verrätselten Miene nicht erwehren. Ganz anders Lafenne. Diese stürzte den erhobenen Zeigefinger voraus gerichtet nämlich auf mich zu, sodass ich glatt im Eifer des Gefechts meine Ohren streng nach hinten zog und mich mit rasant gesträubtem Pelz und Buckel mindestens ein, zwei Nummern größer machte.

„Sag kein Wort, solange sie im Zimmer ist“, hielt sie mich mit Nachdruck an. „Hast du das verstanden?“

Da ich zu sehr um meine Sicherheit bangte, nickte ich. Und so etwas nannten die Menschen also eine Gruselgeschichte? – Den Gedanken dahinter verstand ich nicht ...

Dann huschte die junge Menschenfrau zur Tür zurück und öffnete sie auf die Art und Weise, wie es für gewöhnlich in diesem Zimmer gehandhabt wurde.

„Rommi, du kannst reinkommen.“

Und dann stand sie da. Es war eine der jungen Frauen von neulich – und sie hielt so einen Taschenkorb in ihren Händen ...

„Oh ... Guten Tag.“ Anders als bei dem ersten Mal, dass ich ihr begegnet war, wirkte sie unsicher, wie sie sich in unserem Zimmer umsah und erst Karel, dann Joscha, dann mich und anschließend wieder Karel mit schüchternem Blick besah.

„Rommi, das ist mein Bruder“, half Lafenne ihr auf die Sprünge, indem sie nach einander mit der Hand auf jeden von uns deutete. „Tyrrin kennst du ja bereits. Und das ist ... nun ...“

„Joscha von Hegenberg“, ergänzte Joscha seinerseits erheitert.

„Karel, Joscha, das ist Rommella Licherstudt.“

„Was wer?“, entfuhr es der Erwähnten. Obwohl die dunkelblond gelockte Menschenfrau bestimmt im gleichen Alter wie Lafenne sein musste, machte sie einen weit jüngeren Eindruck. „Seit wann nennst du mich so?“ Sie wirkte ehrlich schockiert.

„Schon gut“, bemühte sich Lafenne um einen versöhnlichen Tonfall. „Bitte sprecht sie nach Möglichkeit mit Rommi an, wenn ihr nicht in ewig währende Ungnade zu fallen wünscht.“

„Warum sagst du immer so etwas?“

„Sehr erfreut“, erwiderte Joscha.

„S-s-s-sehr e-erf-freut“, setzte Karel nach.

„Meine Güte, ohne Tragekiste bist du ja noch viel hinreißender“, rief die neue junge Frau ungeachtet der Worte ihrer Mitmenschen und stürmte unumwunden mit ausgestreckte Hand auf mich zu.

Was war nur los mit diesen Menschenfrauen?!

Ja, Lafenne hatte mich gebeten nicht mit ihr zu sprechen und, um ehrlich zu sein, war mir in diesem Moment keineswegs danach. Ich hatte mehr als genug damit zu tun, vor ihr zu flüchten.

In letzter Sekunde gelang es mir gerade noch rechtzeitig, von meiner Sitzplattform zu hechten und in behändem Zickzack durch das bastumwickelte Gestänge meines Spiel-, Spaß- und Kletterturmes in eine der bis auf ein Loch völlig geschlossenen und mit weichem Stoff bespannten Kisten zu schlüpfen. Zu meiner Beruhigung war die Öffnung zur Rückseite und damit nahezu auf Fensterhöhe ausgerichtet, sodass ich vor den aufdringlichen Berührungen der jungen Menschenfrau sicher war und gleichzeitig nicht Gefahr lief, schon wieder in einen dunklen Schatten und damit womöglich an so ein Finsterdings zu geraten.

„Oh, ich glaube, ich habe ihn verscheucht ...“, stellte Rommi peinlich betroffen fest.

„Er ist da etwas eigen“, bemerkte Joscha sich deutlich erkennbar ein Lachen verkneifend.

„Nun sag' meinem Bruder schon, warum du hier bist.“

„Herrje, das ist richtig“, rief Rommi, worauf ich ein zuckendes Geräusch vernahm, auf welches ein gedämpftes und unbeholfenes Tappen folgte, begleitet von einem in seinem Ton mir gut bekannten „Huch, wo bin ich denn hier?“, das die Menschen vielleicht nicht verstehen mochten, ich dank meiner Muttersprache hingegen schon.

„Das ist Pichel.“

„G-guten Tag, Pichel.“

„Meinst du, dass es gut für ihn ist, wenn du ihn so durchschüttelst“, meinte Joscha.

„Oh, nein“, lachte Rommi. „Es macht ihm nichts aus. Er ist nämlich ein kleiner Rabauke, wisst ihr? Bei uns daheim läuft und springt er sehr viel. Er poltert ständig irgendwo gegen. Besonders Vaters geliebte Glastüren und Wandfenster haben es ihm angetan.“

„Ah ... ja ...“

„Komm zur Sache, Rommi.“

„Ja, doch. Verzeihung“, sprach die junge Frau. „Pichel ist zwar sehr aufgeweckt und lieb und ausgesprochen neugierig ... Andererseits macht er oft den Eindruck ... Nun es scheint, als wäre er äußerst – begriffsstutzig ... Jedenfalls wenn man das über eine Katze überhaupt so sagen kann ...“

„Das kann man“, bestätigten Joscha und Lafenne wie aus einem Mund sowie Karel mit entsprechender Verzögerung. Tatsächlich wunderte es mich, weshalb ich mich von dieser Reaktion so unterschwellig angesprochen fühlte.

„Nun, wenn das so ist ... – Lafenne hatte gemeint, dass es vielleicht helfen könnte, wenn Pichel ein bisschen Zeit mit deinem Kater verbrächte. Wir haben keine anderen Katzen und da du Tyrrin ebenfalls alleine hältst, täte ihm die Gesellschaft von seinesgleichen auch ganz gut ...“

Joscha unterdrückte neuerlich ein Lachen.

„Und? – Was sagst du, Karel?“

„A-ähm ... E-einverstanden?“

„Oh, das ist wunderbar. – Ich danke dir!“, freute sich die junge Menschenfrau.

„So, und nun stell ihn hier ab und lass uns gehen“, drängte Lafenne.

„Äh-ah ... W-w-wie ...?“

„Wo wollt ihr hin?“, fiel Joscha Karel rasch ins Wort. „Karel und ich wollen ohnehin einen Ausflug zum Schauhof machen und danach könnten wir ...“

„Ist die Uhrenschau nicht erst in ein paar Tagen?“, erkundigte sich Lafenne.

„Schon ...“, meinte Joscha leicht überrumpelt. „Aber die Vorbereitungen beginnen meist schon etwas früher ...“

„Das klingt interessant. – Nicht wahr, Rommi?“

„Meinst du?“

Ich hörte, wie Lafenne – wahrscheinlich – Rommi mit einem bedeutungsschweren Blick etwas zu verstehen gab.

„Oh, doch. Natürlich“, begriff diese im Unterschied zu mir. „Das ist bestimmt sehr aufschlussreich.“

„A-aber T-tyrrin m-mag zur Z-zeit nicht g-gern alleine ...“

„Er ist doch gar nicht alleine“, räumte Joscha ein.

„Wenn es dir nichts ausmacht, lasse ich Pichel aus dem Tragekorb, damit die beiden sich ein wenig ...“

„Das ist ein hervorragender Einfall, Rommi“, rief Lafenne.

Dann hörte ich nur noch zweimal ein leises Klick, wie Karel sich an der unfertigen Ausformulierung einer Erklärung versuchte und wie irgendwann die Zimmertür unter einer Vielzahl menschlicher Schrittfolgen erst auf und anschließend etwas übereilt und abgelenkt herangezogen wurde.

Plötzlich waren alle Menschen fort.

Wenig verwundert über dieses fragwürdige Benehmen, welches ich mittlerweile in dieser und ähnlicher Form gewohnt war, schüttelte ich den Kopf. Wenigstens hatte ich nun einen Moment, die neu gewonnene Ruhe zu genießen und die große weite Welt ein Weilchen durch das Fenster zu betrachten.

Die Helligkeit des Tages hatte ihren Höhepunkt um die Mittagszeit, wie es die Menschen nannten, schon seit Längerem überwunden und das heute beinah lückenlose Blau färbte sich langsam in das seichte Violett der ...

Ich schrak auf. Die Nacht war drauf und dran hereinzubrechen – und mit ihr die Dunkelheit und jede Menge Schatten! Und alle meine Menschen waren plötzlich weg!


Tapp ... Tapp ... Tapp ...

Ganz leise und kaum zu hören.

Tapp ... Tapp ...
Da war etwas. Das hörte ich. Es schlich langsam über den Zimmerboden.

Tapp ... Tapp ... Tapp ...
Der Schatten?

Tapp – Wupp – Tapp – Wupp ...
Mein Kletter-, Spiel- und Kratzgestell, in dem ich hockte, wackelte bei jedem Laut.

Ich kauerte verschreckt mich zusammen und machte mich ganz klein.

„Huch? Hoppla! Wo bin ich denn hier?“

Das war kein Schatten.

Tapp – Wupp – Tapp – Wupp – Tapp – Wupp.
Ich streckte den Kopf aus meinem Kistenloch. – Und erblickte diesen Pichel-Kater ... Aber ... Ja, ich traute meinen Augen nicht! – Da saß er doch auf meinem Platz!

>> weiter mit Lektion 13 (Band 2) >>

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