Lektion 11 oder
Erklärungsbedarf

Tyrrin Hexenkater mitten im Absprung
Das Gitter schwang zur Seite – und ich preschte geradezu heraus.

Aus meiner Taschenkiste, direkt über den Tresen, von ihm herunter und in den nächstbesten schattigen Spalt zwischen diverse muffige Kisten aus sprödem Holz und Pappe. Und dann tat ich noch einmal, wie mir geheißen. Ich beschwerte mich, so laut ich konnte: „Was – ist – das – hier! Ich – will – wieder – zurück – nach – Hause! Ich – will – zu – Old – Lady!“

Alles verlief haargenau nach Plan.


„Also schön. Du willst da hin. Wir gehen da hin. Gefallen ist immerhin Gefallen“, hatte Lafenne nach einigem Hin und Her auf meinen Wunsch erwidert. „Und du bist dir sicher, dass du keine Leberwurst haben willst? Oder eine Jagdwurst oder Salami?“

„Was ist eine Jagdwurst oder Salami?“ Tatsächlich hatte ich erst einen Moment überlegt, mich dann aber doch eines Besseren besonnen. „Nein. Ich will sofort da hin. – Bring mich da hin. Gefallen ist Gefallen.“

„Wie der werte Herr Kater wünscht.“

Und sofort hatte das Radfahren wieder angefangen ...
„Aufhören! Aufhören!“ Selbstverständlich hatte ich mich intensiv beschwert und protestiert. Gut, mit diesem schüttelnden Auf und Ab hätte ich mich ja vielleicht noch anfreunden können. Aber dieses Klingeln und Klappern und Poltern und – nicht zu vergessen – dieses Quietschen!

„Ja, ja, ich lass mir beim nächsten Mal etwas Besseres einfallen ...“, hatte Lafenne mir unter der Ohren betäubenden Geräuschkulisse schließlich zugestanden.

„Nächstes Mal?!“

Eh ich mich versah, war dieses Klappern und Quietschen plötzlich so gut wie weg gewesen und nur ein unstetes Rütteln hatte mich und meine Taschenkiste danach ab und an durchfahren. Doch was immer sich soeben von einem Augenblick zum nächsten verändert hatte, es war ganz klar zum Besseren gewesen.
„Was willst du da überhaupt?“, hatte sich Lafenne erkundigt, kaum dass besagte Ruhe eingetreten war. Begleitet worden war diese übrigens von raschen Schritten, die darauf hingewiesen hatten, dass die junge Menschenfrau neben mir hergegangen war. Meinem Einwand hatte sie allerdings keine Beachtung geschenkt. „Wenn ich Karel richtig verstanden habe, war dein letzter Besuch dort keine schöne Erfahrung gewesen – und das nicht nur für dich.“

„Sie haben mich gestört!“, hatte ich mich gerechtfertigt. „Ich war noch nicht fertig gewesen.“

„Hinter einem Haufen von Kisten voller Eisenwaren?“ Sie hatte gelacht. „Was hast du dort eigentlich gemacht? Warst du auf der Suche nach der Kieskiste deiner zarten Kindheit?“

„Das geht dich gar nichts an“, hatte ich vielleicht etwas zu schroff erwidert. Trotzdem hatte ich da meine ehrlichen Zweifel, dass ausgerechnet Lafenne meine Suche nach Wen-N verstanden hätte. Der Spott von Joscha und Karel hatten mir in dieser speziellen Frage mehr als ausgereicht. „Du sollst mir nur den Gefallen tun und basta!“

„Schon gut. – Ich bin mir sicher, dass der Mann im Laden sich sehr freuen wird, dich ein neuerliches Mal in seinem Geschäft begrüßen zu dürfen.“
„Meinst du?“ Etwas an dem Ton in ihrer Stimmer war merkwürdig gewesen.

„Ich meine, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, wenn du für ihn eine Erklärung parat hättest.“

„Eine Erklärung?“

„Sprechende Katzen sind nicht jedermanns Sache.“ Anschließend hatte sie eine kurze Pause zum Überlegen gemacht. „Die Menschen mögen Dinge, die sie erklären können. Und sprechende Katzen lassen sich selbst in unserer heutigen Zeit nur sehr schwer, geschweige denn sinnvoll erklären.“

„Oh. – Aber wie soll ich erklären, ohne zu sprechen?“

„Hm. Unter diesen Umständen ist es demnach wohl das Beste, wenn du mir das Erklären überlässt.“ Dann hatte sie sich herunter gebeugt und mir durch das Gitter der Taschenkiste hindurch zugezwinkert. „Allerdings benötige ich deine Hilfe.“

„Was denn, schon wieder? – Ich dachte, du solltest mir einen Gefallen tun.“

„Das ist ein Gefallen, den ich um deines Gefallens Willen von dir brauche.“

„Häh? – Oh, ich meine: Wie bitte?“

„Soll ich dir nun helfen oder nicht?!“

„Hm ... Ja ... Doch ...“

„Gut.“ Lafenne war plötzlich so ein Lächeln auf die Lippen geraten, aus dem eine kleine, aber freudige Hintertücke sprach. „Ich möchte nämlich, dass du ein bisschen so tust, als ob ...“

Danach hatte sie mir ihren Plan erklärt, hatte mir gesagt, was ich tun sollte, um dort weiter zu machen, wo ich einst unterbrochen worden war. Und ich hatte schließlich genau so gehandelt, wie sie es mir aufgetragen hatte, sodass ich mich nun genau dort wiederfand, wo ich eben war.


„Sehen Sie, Herr Barstadl?“, hörte ich Lafenne jenseits der Wand aus Kisten und Kartons sagen. „Alles nur modernste Automatik und keine Hexerei. – Ein bemerkenswertes Spielzeug, nicht wahr?“

„Kaum zu glauben, was diesen kleinen blauen Männchen aus den zerstreuten Südregionen alles entfällt und gelingt“, raunte der bereits angegraute Menschenmann hinter seinem Tresen.

Obwohl Lafenne ungewohnt charmant und aufgeweckt auf ihn eingeredet hatte, bevor sie meine wohl durchdachte Freilassung in die Tat umgesetzt hatte, war der Barstadl-Mann weiterhin sichtlich nervös. „Weshalb hatten Ihr Bruder und sein Begleiter neulich nichts in der Art erwähnt?“

Lafenne seufzte – und schüttelte bestimmt ihren Kopf dabei. Denn genau so klang dieses gewisse Seufzen.

„Glauben Sie mir, Herr Barstadl. Die jungen Männer von heute sind mit Ihrer Generation nicht zu vergleichen.“

„Was denken Sie, wie alt ich bin?“, erkundigte sich der Menschenmann pikiert.

„Jedenfalls ...“, wechselte Lafenne rasch das Thema. „Ich brauche etwa einen Meter von dem feinen Kontaktkabel mit aufgedampfter Isolierung. Oh, und haben sie auch diese neuen Harzplatinen mit Leitintarsien? Seit mein Bruder dieses Spielzeug in den Händen hatte, fällt es andauernd auf seine Werkseinstellung zurück. Und ich würde das gern reparieren bevor unsere Cousine zu Besuch kommt und es wieder mitnehmen will. Da fällt mir ein ... Für meine Fachstudien könnte ich außerdem ein paar filigran Filigrangewinde und Feinbleche gebrauchen.“

„Nun ...“, zögerte der Barstadl-Mann.

„Und? Haben Sie so etwas hier?“

„Äh ... Nicht auf Lager. Aber über den Katalog ließe sich vielleicht etwas Passendes anfordern.“

„Ach wirklich?“, frohlockte Lafenne beherzt. „Kann ich vielleicht einen Blick hinein werfen? Nur ganz kurz. Bitte ...“

„Äh, natürlich. – Ich muss nur nach nebenan ...“

„Oh, ich komme gerne mit.“

Ein unbeholfenes Schrittmuster ertönte, gefolgt von dem zuschnappen einer Tür. Die zwei Menschen hatten das Zimmer verlassen.

Das musste ich Lafenne zugutehalten. Auch wenn ihr Gefallen mich einiges gekostet hatte, so war er es dennoch jedes bisschen davon wert. Ich war allein in Old Ladys altem Wohnzimmer, das seit meinem letzten Besuch so gut wie alles von ihrer Spur verloren hatte.

„Wen-N. Wo bist du, Wen-N?“, kam ich sofort zur Sache und schlich aufmerksam hinter den Kisten und Kartons entlang. Ohne Zweifel war ich nicht mehr weit von dem Ort entfernt, wo ich Wen-N zuletzt beziehungsweise zum ersten Mal begegnet war. „Wen-N, zeig dich. Ich bin es, Tyrrin. Ich muss dich etwas fragen.“

Ich spitzte die Ohren und lauschte, wartete auf ein Zeichen, einen Laut von Wen-N, diesem unscheinbaren Wesen, von dem ich nicht einmal sagen konnte, was es eigentlich war.

Ich beruhigte mich und betrachtete die Dunkelheit, suchte nach diesem unwirklichen Flackern, das sich wie ein Schatten ohne Licht von dem Grau in Grau der Umgebung abhob.

„Wen-N“, flüsterte ich so leise, dass ich selbst größte Mühe hatte, mich zu hören. Aber da war nichts. Also schritt ich voran.

Hinter den muffigen Kisten gab es mehr Zwischenräume und Spalten, als ich bei meinem ersten Besuch hier wahrzunehmen imstande gewesen war. Lautlos tastete ich mich von Karton zu Karton, von Kiste zu Kiste, von Ecke zu Ecke, von Abzweigung zu Abzweigung. Aber auch dort gab es nichts. Kein Flackern, kein Kichern, keinen blassen Hauch von einem Gefühl, dass mich jemand beobachtete. So düster diese zahllosen Schatten in den Spalten auch wurden, da war niemand, der auf mich wartete.

Wen-N war nicht mehr hier – und das galt ebenso für meine bisher einzige ernstzunehmende Möglichkeit, vielleicht Genaueres über Old Ladys Verbleib herauszufinden.

Unbehaglich enttäuscht, ratlos und geschafft von den verwirrenden Erlebnissen, die dieser Tag an der Seite von Lafenne mit sich gebracht hatte, schlich ich langsam dorthin zurück, wo ich in dieses möhlig verstaubte Labyrinth hineingestiegen war, vorbei an allen Ecken, Kanten, Kisten und Kartons ...

Ich grübelte entmutigt vor mich hin. Was nun? – Aber konnte das wirklich stimmen, dass ich mit Wen-N auch die Chance, Old Lady zu finden, vorerst verloren hatte? War es richtig die Hoffnung für heute aufzugeben?

Da fiel mir plötzlich auf, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Jungen und Mädchen, dass ich bereits alles andere als aufgegeben hatte. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf meinem Rückweg noch einmal alles genau – wenn nicht sogar noch genauer – ansah und eingehend betrachtete, jede Ecke, jeden Schatten, jeden Schlitz und jeden Spalt. Und so kam es, dass ich aus meinem linken Augenwinkel plötzlich ein wahrhaft restloses Schwarz entdeckte. Es hockte ruhig in einem schmalen Spalt – gerade breit genug, dass ich mich mit Kopf und Oberkörper hineinzwängen konnte – zwischen einer ölig erdig versetzten Holzkiste und einem metallisch feuchten Karton, der seinen Inhalt schon eine geraume Weile lagerte. Da saß eine regelrecht zehrende Finsternis, die bei ihrem bloßen Anblick zu der Annahme verleitete, dass sie einen, wenn man ihr zu nahe kam, anstandslos verschlingen würde.

„Wen-N?“, hauchte ich in dieses Bild von einem Nichts hinein, wobei ich mühevoll meinem Instinkt widerstrebte, genau das besser sein zu lassen.

War das wirklich nur ein Schatten, den ich vor mir sah? Oder kam ich Wen-N vielleicht auf die Spur, wenn ich mich nur einen winzigen Augenblick länger mit diesem Dunkel beschäftigte? – Nur einen ganz, ganz kurzen Moment ...

Old Lady hätte mit Sicherheit gewusst, was in so einer Lage zu tun gewesen wäre. Doch sie war jetzt nicht hier ...

Ich ließ meinen Instinkt entscheiden. Ich lauschte nur noch einmal. Nichts. Hörte nur noch einmal ein klein wenig genauer hin. Nichts. Ich sah nur noch einmal schnell hinein. Nichts. Ich fühlte nur noch einmal ganz rasch und kurz in diese undurchdringliche Schwärze ... Nur noch ein kleines Stückchen ... Weiter, nur noch ein winziges bisschen ... Nichts. – Bis auf ein Gefühl, als wenn ich sanft und sacht gezogen würde.

Ich schrak zusammen, verkrampfte plötzlich jeden Muskel, fauchte, keifte, drängelte mit gesträubtem Fell und rund gewölbtem Buckel einen guten Schritt zurück. Als jedoch mein Blick auf meine Vorderpfoten fiel, bemerkte ich erst, dass diese jetzt im Schatten standen und nur etwas, aber merklich tiefer, als der Holzboden es in diesem Zimmer gestatten sollte, in die Schwärze eingesunken waren.

Ich sprang soweit es ging zurück, ohne zu wissen, wohin genau ich mich bewegte, und prallte mit einem lauten Krachen gegen die Wand, an der ich bis eben noch so unbekümmert wie ahnungslos entlang gegangen war. Doch diese Einsicht interessierte mich gerade nicht. Als säße mir das Grauen selbst im Nacken rappelte ich mich auf und raste dem allmählich peinlich genervten „Kittykittykitty!“ von Lafenne entgegen, auf welches wir uns im Vorfeld als Zeichen geeinigt hatten, wenn es Zeit zum Aufbruch war. – Und das war es.

Nie wieder saß ich so schnell und so bereitwillig in Lafennes Taschenkiste wie an diesem einen Tage.

>> weiter mit Lektion 12 (Band 2) >>

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