Lektion 9 oder
Maßvolle Fürsorge

„Wohlan, die Damen. Da es nun jede von Ihnen versteht, auf sich zu achten, kommen wir nach unserer Übung des angemessenen Erscheinens zu unserer zweiten Lektion, der maßvollen Fürsorge.“

Maßvolle Fürsorge - jetzt drückt der Hexenkater die Schulbank - Die Spaltlichtpost Tyrrin Hexenkater Band 2

Die ältere Menschenfrau redete langsam und sorgfältig betonend, wobei sie vor den Tischen, an denen die jungen Frauen mit ihren Katzen saßen, auf und ab schritt. Die Art, wie sie sprach, war anders, aber ihre Stimme und dieser eigenwillig schwere Geruch erinnerten mich mit Nachdruck an unsere erste Begegnung. An und für sich lag diese nur ein paar Monate zurück. Doch so jung, wie ich damals gewesen war, erschien mir dies wie eine Ewigkeit. Es war zu hause bei Old Lady gewesen. Und nur ein einziges Mal. Das war die Menschenfrau, die erst mit mir gesprochen hatte und dann ganz plötzlich umgefallen war, worauf Old Lady ihr versehentlich das falsche Gesicht kaputt gemacht hatte. Es bestand kein Zweifel. Das da war die Frau ohne Gesicht.

„Wie ich sehe, haben die Damen ihre jeweiligen Schützlinge mitgebracht“, sprach die Gesichtslose erhaben weiter. „Kann mir eine von Ihnen eine Auskunft über den Verbleib von Fräulein Bleusette geben? – Ja, Fräulein Karenis.“

„Bleusette hat mit ihrem Schützling kurz den Waschraum aufsuchen müssen, Madam. Anscheinend ist dem Tier die Anreise nicht so gut bekommen, Madam ...“

„Ich verstehe“, sagte die Frau mit dem falschen Gesicht. „Ich danke Ihnen für diesen Hinweis, Fräulein Karenis. Bitte klären Sie Fräulein Bleusette nach der Stunde über die versäumten Inhalte auf.“

„Sehr wohl, Madam.“

„So denn, die Damen, wollen wir mit der neuen Lektion beginnen.“ Die Frau ohne Gesicht drehte uns ihren Rücken zu und kratzte mit ihrer weiß überzogenen Hand ein paar helle Zeichen an die dunkle Stirnseite des Raumes. Es waren wieder diese Zeichen, welche die Menschen auf ihren Schildern und in ihren Büchern verwendeten. Nur waren sie in diesem Fall nicht schon da, sondern entstanden erst, wenn die Frau mit einem klackenden und streichenden Geräusch darüber strich.

„Maßvolle Fürsorge“, sagte die Frau dann mit ihrem aufgetragenen Gesicht an die Gruppe gewandt. „Für die moderne Dame in den kultivierten Kreisen von heute braucht es weit mehr als eine passende Erscheinung, um in der Gesellschaft angemessen geachtet zu werden. Es gibt zahllose Feinheiten und Unscheinbarkeiten. Eine Dame braucht demnach ein höchstes Maß an Einfühlungsvermögen und sie muss ein feines Gespür dafür entwickeln, um es bei ihren Handlungsentscheidungen im rechten Umfang zu gebrauchen.“

Lafenne schnaubte leise. Als ich mich zu ihr umdrehte, entdeckte ich, dass ihr Ausdruck genau demjenigen ähnelte, mit welchem sie mich anfangs um diesen Gefallen hier gebeten hatte. Da war Trotz, Unwillen und etwas zutiefst Verborgenes, das mich an meine eigene Hilflosigkeit bei der Rückkehr zu Old Lady erinnerte. Zwar konnte ich bis jetzt nicht einmal raten, was es mit dieser fragwürdigen Ansammlung von Katzen und Menschenfrauen auf sich hatte. Trotzdem begriff ich genug, um zu sehen, dass auch Lafenne keineswegs mit der gegenwärtigen Lage zufrieden war.

„Diese maßvolle Fürsorge sollen sich ebenso die Damen in diesem Lehrgang aneignen“, führte die Gesichtslose weiter aus. „Aus diesem Grund habe ich die Damen in der vergangen Woche gebeten, einen sogenannten Schützling bei sich aufzunehmen, welcher Ihnen größtes Einfühlungsvermögen abverlangen und Sie vor ein sehr überlegtes Einschätzen Ihrer Handlungen gegenüber diesem Schützling stellen wird. Kaum ein Wesen, welches auf Erden wandelt, wäre dafür besser geeignet als die klassische Haus-, Wald- und Wiesenkatze.“

Es klopfte.

„Herein.“

Die Tür öffnete sich und die junge Menschenfrau aus der hinteren Reihe betrat samt Taschenkorb den Raum.

„Bitte entschuldigen Sie meine Abwesenheit, Madam. Lumi hat einen sehr empfindlichen Magen und sein Frühstück nicht so gut vertragen.“

„Es gibt immer einen Schützling, auf den das zutrifft, meine Gute. Nehmen Sie platz, Fräulein Bleusette. Wir haben mit der nächsten Lektion bereits begonnen.“

„Ihich wihihihill wieder nach Hahausehehe ...“, jaulte es aus der schlichten Holzkiste auf dem vor mir gelegenen Nachbartisch, während sich die junge Menschenfrau peinlich berührt an ihren eigenen begab.

„Alles gut, Katze“, flüsterte die angesprochene Elfi-Frau ihrer maulenden Kiste zaghaft zu.

„Ihre Aufgabe, meine werten Damen, wird es sein, sich in Ihren jeweiligen Schützling einzufühlen“, kam die Frau ohne Gesicht zu ihrem Anliegen. „Und es wird ebenso Ihre Aufgabe sein, Ihren Schützling anzuleiten und dabei seinem Wesen gerecht zu werden. – Ja, Fräulein Lafenne?“

Die junge Frau hatte abwartend – ja beinahe lauernd – ihren Arm gehoben und ließ diesen nun energisch sinken.

„Ist es nicht etwas früh, um uns auf die Rolle als Mutter und liebende Ehefrau vorzubereiten, Madam?“ In ihrem Ton befand sich etwas Schneidendes und etwas, das einem unmittelbaren Vorwurf gleichkam.

„Lafenne“, raunte Rommi am Tisch neben uns in der Reihe. Doch Lafenne beachtete sie nicht. Ihre Aufmerksamkeit galt ausschließlich der Frau ohne Gesicht. Diese wiederum betrachtete sie ernst und geduldig.

„Kann mir eine der Damen weitere Gelegenheiten nennen, welche eine maßvolle Fürsorge erfordern?“, wandte sich die Gesichtslose an die anderen Frauen in der Gruppe. „Fräulein Marit?“

„Die Krankenpflege und die Behandlung von Patienten wären eine plausible Möglichkeit, Madam von Blauenros.“

„In der Medizin“, präzisierte die Dame. „Sehr gut, Fräulein Marit. – Fräulein Elfi?“

„Auch die Haltung anderer Tiere bietet dazu Gelegenheit, Madam.“

„Das stimmt, Fräulein Elfi. – Fräulein Dagena?“

„Im Warenverkauf und Betriebswesen wird ebenso Einfühlungsvermögen abverlangt, Madam“, sprach die junge Frau ganz links in der ersten Reihe.

„Können Sie das genauer erörtern, Fräulein Dagena?“, erkundigte sich die Dame mit einem ohne Frage aufgetragenen, aber ermutigenden Lächeln.

„Sehr wohl, Madam“, bestätigte Dagena. „Mein Vater sagt immer, man müsse sich sowohl in die Kundschaft als auch in die Angestellten hineinversetzten, wenn ein Geschäft gut und gewinnbringend laufen soll. Er sagt, dass es wichtig ist, sich ihre Wünsche anzuhören und diese nach bewusster Abwägung für die weiteren Geschäftsentscheidungen zu berücksichtigen. Das ist wichtig, um möglichst viele Waren an die Kundschaft zu veräußern.“

„Sieh an“, nickte die Frau ohne Gesicht. „Da spricht die Kaufmannstochter. Vielen Dank, Fräulein Dagena.“ Dann wandte sie sich noch einmal an Lafenne. „Wäre ihre Frage damit beantwortet, Fräulein Lafenne?“

Die junge Frau betrachtete sie misstrauisch bedenkend, enthielt sich aber einer Antwort.

„Aber ich will doch nicht zum Nadelmann ...“, jammerte es in bekannter Weise aus dem übernächsten Kistenkorb in unserer Tischreihe, worauf Karenis ein behutsames „Schhhhh ...“ erwiderte und ihre Hand langsam in dem Behältnis bewegte.

„Da Ihnen hiermit eine langfristige Übung bevorsteht“, setzte die Frau mit dem falschen Gesicht ihre Ausführungen fort, „werden die Damen zur nächsten Stunde einen Aufsatz über die Beobachtungen an Ihrem jeweiligen Schützling verfassen. Des Weiteren werden sie sich bemühen, auf Ihren Schützling einzugehen und sich ihm gegenüber bewusst zu verhalten. Fürsorge bedeutet ebenfalls anzuleiten und keinesfalls bei jeder Kleinigkeit nachgiebig zu sein. Versuchen Sie dies bei Ihren Beobachtungen zu berücksichtigen und bewerten Sie, wie Sie in diesem Zusammenhang handeln würden. Die Damen erhalten zuvor eine erste Einschätzung der Schützlinge, die Ihrer eigenen Beurteilung als Grundlage dienen soll. – Haben die Damen, die Aufgabenstellung bis hier hin verstanden?“

Die jungen Frauen nickten, obwohl Lafenne eine gehörige Portion Argwohn ins Gesicht geschrieben stand. Dann machte sich die Gesichtslose daran, nacheinander in die einzelnen Taschenkisten und Tragekörbe hineinzugucken, worauf sie jedes Mal vertraulich ein paar Worte an die dazugehörige junge Menschenfrau richtete. Diese wiederum begann danach entweder sogleich mit einem dünnen Stab auf einem Stück Papier herumzukratzen oder in gleichsam vertraulicher Manier mit der gesichtslosen Dame zu sprechen und dann mit dem Stab auf dem Papier herumzukratzen.

„Ihich will nach hausehehehe!“, schallte es der Frau mit dem falschen Gesicht entgegen, als sie den Deckel der schmucklosen Holzkiste auf dem Tisch vor mir öffnete. Aber noch bevor Elfi zu einer zögerlichen Entschuldigung ansetzten konnte, ging die Dame strikt ihrem Prozedere nach, dem auch Elfi umgehend folgte.

Kaum dass dies geschehen war, stand die Frau ohne Gesicht auch vor meiner Taschenkiste und blickte sorgsam interessiert zu mir herein. Ich gewann den Eindruck, dass diese Menschenfrau trotz ihrer eigenartigen Maskerade sehr wohl wusste, was sie sah. Ich fühlte mich auf einen Schlag durchschaut, gab mir jedoch Mühe, mir dieses Gefühl nicht weiter anmerken zu lassen. – Ob sie mich erkannte? Ich denke nicht. – Ich erwiderte ihren Blick. Ganz ruhig. Nur meine Schwanzspitze zuckte leicht. Wenn etwas geschah, war ich bereit.

„Sie haben da einen klugen und ausgesprochen neugierigen Kater, Fräulein Lafenne“, sagte die Dame sondierend. „Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass er haargenau weiß, was er will. Und das aus gutem Grund. – Unterschätzen Sie ihn nicht und achten Sie auf ein Verhältnis auf Augenhöhe, um weiteres Misstrauen zu vermeiden.“

Ich begriff nicht recht, wovon die feine Dame ohne Gesicht dort redete und wozu diese eigenwillige Prozedur dienen sollte. Andererseits erschienen mir ihre Worte gewissermaßen einleuchtend.

Doch so wie Lafenne reagierte, war sie diesbezüglich zweifelsfrei anderer Meinung.

„Das ist eine Katze“, sprach die junge Frau in lässigem Trotz auf ihrem Stuhl zurückgelehnt und mit den Armen vor der Brust verschränkt. „Wozu soll es bitte gut sein, mit einem Haustier ein Verhältnis auf Augenhöhe anzustreben?“

Moment mal. Sprach sie da etwa von mir? – Ich bedachte die Lafenne mit einem scharfen Blick durch das Metallgitter meiner Taschenkiste. Und sie konnte vielleicht so was von Glück reden, dass dieses Gitter zwischen uns war ... Ich sah genau, dass sie mich bemerkte – und mich zeitgleich mit purer Nichtachtung bedachte.

„Ein Haustier, wie Sie es nennen, Fräulein Lafenne, ist weit gnädiger darin, Ihnen Ihren herablassenden Habitus zu verzeihen. Von einer Erprobung Ihrer maßvollen Fürsorge am Menschen, würde ich Ihnen derzeit abraten, wenn Sie die unabdingbaren Konsequenzen nicht in Kauf nehmen wollen.“

Ich bemerkte, dass Lafenne ihre Hände unter den verschränkten Armen zu Fäusten ballte und ihre Lippen zu einer schmalen Linie zusammenbiss.

„Ich möchte Sie nach dem Unterricht in mein Sprechzimmer bitten, Fräulein Mutwill“, sagte die Dame schließlich und ging zum nächsten Tisch, ohne die Reaktion der jungen Frau abzuwarten.

Bis die Frau ohne Gesicht ihren Rundgang beendet hatte, war Lafenne von ihrer angespannt abwartenden Körperhaltung nicht ein kleines bisschen abgewichen. Ihr war überdeutlich anzumerken, dass etwas in den Worten der älteren Menschenfrau gewesen war, das sie irgendwie getroffen hatte. Das fiel sogar unserer Tischnachbarin ins Auge. Zumindest lies Rommis unsicher besorgte Miene etwas in der Art vermuten. Lafenne aber starrte nur ins Leere und bekam davon nicht viel mit.

„Die Damen wissen nun, worauf es bei der Wochenaufgabe für daheim ankommt“, sprach die Frau mit dem falschen Gesicht, sobald sie wieder vor der Gruppe stand. „Mir ist wohl bewusst, dass sie bereits jetzt mit ihren Schützlingen unterschiedlich weit sind und im Verlauf der nächsten Tage unterschiedlich weit kommen werden. Doch ganz unabhängig davon ist es für Sie in jedem Fall erforderlich, ein vertrauensvolles Verhältnis zu entwickeln, wenn Sie Ihre Fähigkeiten anhand dieser Aufgabe erweitern wollen. Dass Ihr Vertrauensverhältnis auf dem richtigen Wege ist, werden die Damen irgendwann daran erkennen, dass Sie diesen Unterricht mit Ihrem Schützling ohne die Zuhilfenahme einer Transporttasche besuchen können. Zuvor wird es Ihnen jedoch noch Einiges an Geduld abverlangen. Selbst die Vorbereitung meines eigenen Schützlings auf diesen Unterricht hat nach dem Dahinscheiden meiner seligen Minka – möge sie in Frieden ruhen – einige Wochen gedauert. Aber, wie die Damen sehen, ist es möglich, wenn Sie es nur wollen.“

Die Frau ohne Gesicht trat einen Schritt zur Seite und just in diesem Moment wurde mir klar, dass ihr Besuch damals bei Old Lady ja einen Grund gehabt hatte. Dort vorne auf dem breiten Tisch vor dieser dunklen Wand saß ohne sich zu rühren eine kleine weiße Katze. Eine kleine weiße Katze, die ich nur zu gut als die Heulsuse kannte ...

Es war meine Schwester – Sissi.

>> weiter mit Lektion 10 (Band 2) >>

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Kommentare

  1. Hallo Platti,

    hihi, also DAS war jetzt also die Auflösung. Doch keine Katzenausstellung. *g* Na das kann ja heiter werden. *lach*

    LG Steffi

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    1. Hallo Steffi,

      oh ja, so richtig heiter wird's auf jeden Fall noch. ^.~

      Liebe Grüße
      Platti

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