Lektion 10 oder
Erwachsen?

Sie saß lediglich da und rührte sich nicht. Dabei bestand dazu keinerlei Notwendigkeit.



Im Gegensatz zu mir und allen anderen Katzen in diesem Raum durfte sie in einem flachen Liegekörbchen sitzen, welches – und da verwette ich bis heute meine Schnurrbarthaare drauf – mit Sicherheit sehr bequem war und noch angenehmer raschelte. Nichtsdestotrotz hätte sie es jederzeit verlassen können. Da war kein Gitter, kein Gurt und kein gar nichts. Warum also tat sie es nicht und ließ stattdessen all diese Sachen der Menschenfrauen über sich ergehen? Hier musste es doch irgendwo Ecken geben, die sowohl einfach besser, als auch interessanter und vielleicht sogar weniger puderig duftig waren. Was war es, das Sissi dort vorn an Ort und Stelle hielt?

Ich betrachtete sie aufmerksam und leckte geduldig meine Pfote.

Die Menschenfrau ohne Gesicht redete stetig weiter auf die jungen Menschenfrauen ein, was mich nun allerdings nur noch wenig interessierte. Ich beobachtete, wie meine Schwester mit ihrem Blick den Bewegungen und Gesten der gesichtslosen Dame folgte und gelegentlich in den Raum abschweifte. Dass sie mich dabei wahrnahm oder überhaupt entdeckte, glaubte ich jedoch nicht. Dafür geschah viel zu viel in diesem mit Menschen und Katzen angefülltem Zimmer.

Plötzlich sagte die Dame ohne Gesicht etwas Abschließendes, worauf die jungen Frauen im Chor „Vielen Dank, Madam von Blauenros!“ erwiderten. Dann standen alle von ihren Plätzen auf, redeten erquicklich durcheinander und nahmen ihre in Taschenkörben und -kisten verstauten Katzen mit sich. Auch durch meine Taschenkiste fuhr ein jäher Ruck, als Lafenne sich den Tragegurt über die Schulter legte und mich aufhob. Sie sprach noch ein paar übellaunige Worte mit Rommi und Elfi, verließ im Unterschied zu ihnen allerdings nicht das Zimmer. Genauer gesagt stand Lafenne nur wenige Minuten später völlig allein mit mir in der Taschenkiste, Sissi auf dem Liegekörbchen und der Frau ohne Gesicht im Raum.

„Lassen Sie Ihren Schützling hier bei Sissi“, sprach die Dame, „Sie wird ihm Gesellschaft leisten, während wir uns in meinem Büro unterhalten.“

„Jawohl, Madam“, erwiderte Lafenne mit kaum merklichem Unbehagen und folgte erst der Anweisung und dann der Dame durch die Tür aus dem Zimmer.

Was diese Menschenfrau wohl mit ihr vorhatte ...? Menschen an sich waren des Öfteren ja schon mit Vorsicht zu genießen. Aber was für eine Vorsicht gebot sich erst bei einer Menschenfrau, die in aller Öffentlichkeit ein falsches Gesicht zur Schau stellte?

„Tyrrin?“

Und was hatte überhaupt diese fragwürdige, ja nahezu zeremonielle Ansammlung zu bedeuten? Es fehlte eigentlich nur noch, dass hier irgendwo so ein Hutmensch auftauchte. Andererseits hatte es unter den Hutmenschen, die mir bisher begegnet waren, keine Menschenfrauen gegeben ... War das hier etwa auch so eine Burschenschaft? Aber mit all den Katzen ... Das würde ja bedeuten ...

„Tyrrin, bist du das?“

„Ich will wieder zu Old Lady“, maulte ich meine Schwester durch die Gitter meiner Taschenkiste an. „Das mit den Menschen ist mir nichts.“

„Old Lady?“, fragte Sissi sichtlich verwundert. Dann verkniff sich ihr Gesicht zu einem Ausdruck der rätselnden Vermutung. „Meinst du Mutters Menschenfrau?“

„Ja“, sagte ich. „Old Lady ist ihr ...“ Ich verbesserte mich. „Sie nennt sich so.“

„Ich kann mein Frauchen ganz gut leiden“, räumte Sissi ein. „Meist duftet sie etwas streng. Aber daran gewöhnt man sich.“

„Du hast ein Frauchen?“, wurde ich neugierig.

„Ja, die ältere Menschenfrau, die mich hier hergebracht hat.“

„Was denn? Du meinst doch nicht etwa die Frau ohne Gesicht?“, stutzte ich.

„Warum nennst du sie so?“, entgegnete Sissi leicht gekränkt. Anscheinend mochte sie die Frau wirklich.

„Sie ist ein Mensch, der sich sein Gesicht aufmalen muss, um unter den anderen Menschen nicht aufzufallen“, offenbarte ich meine Vermutung.

Der Blick mit dem Sissi mich besah, war mehr als distanzierend. Dann gähnte sie und legte sich in ihrem Körbchen nieder, welches bei ihrer Bewegung leise, aber fein und genüsslich raschelte.

„Du bist immer noch sonderlich“, bekannte sie.

„Und du bist immer noch eine Heulsuse“, gab ich ihr Kontra, wobei meine Schwanzspitze zweimal unruhig zuckte.

„Das stimmt doch gar nicht“, widersprach sie geringfügig, aber erkennbar schockiert. „Ich bin jetzt erwachsen.“

„Was ist denn ein Erwachsen?“

„Nein, man ist erwachsen“, korrigierte Sissi mich. „Das ist, wenn man seine Mutter verlässt und ein eigenes Frauchen oder Herrchen hat. So hat es Mutter mal erklärt.“

„Hm ...“, überlegte ich. „Ich denke erwachsen sein ist nicht unbedingt das, was ich sein möchte. – Ich möchte viel lieber zu Old Lady zurück.“

„Aber sie ist doch schon Mutters Menschenfrau“, räumte Sissi ein.

„Na und? Ich mag Old Lady.“

„Ist dein eigenes Frauchen denn so schlimm?“

„Wer? Lafenne?“, meinte ich, einen kleiner Seufzer verlautbarend. „Sie ist nicht mein Frauchen. Sie hilft mir nur, Old Lady zu finden, weil ich ihr helfe.“

Sissi kniff schon wieder ihre Augen zusammen ...

„Weiß sie davon?“

„Sie schuldet mir einen Gefallen, wie es die Menschen sagen“, erklärte ich nicht ganz ohne Stolz. „Und seit vorhin sind es sogar zwei.“

„Warum bleibst du nicht einfach bei ihr?“, erkundigte sich Sissi. „Das wäre bestimmt nicht viel anders, als ein Leben bei Mutters Menschenfrau.“

Auch wenn in mir bereits eine brodelnde Welle der Empörung heranwaberte, riss ich mich zusammen. Woher sollte meine Schwester auch von meinem Schicksal wissen?

„Sie wirft mit Schuhen nach mir“, sagte ich ruhig und gefasst.

„Oh, nein.“ Sissi sah mich mit großen Augen an.

„Andauernd steckt sie mich in Taschen oder in diese ... diese ...“ Ich sah mich ein wenig herablassend in meinem komfortablen Tragekäfig um. „ ... in diese Taschenkiste.“

„Ojemine.“ Sie richtete sich auf und dieses Mal sprach aus ihrer Geste echte Anteilnahme.

„Und so etwas wie ihren Bruder hast du auch noch nicht gesehen.“

Hinreichend entsetzt hatte sie sogar eine Pfote vor ihrer Brust verschränkt.

„Ein Wunder, dass sich dein Frauchen auf diese Sache mit dem Gefallen überhaupt eingelassen hat.“

„Die Verhandlungen mit ihr waren wirklich nicht leicht“, bestätigte ich.

„Dabei hat Mutters Menschenfrau doch so sehr darauf geachtet, dass wir in die Hände eines guten Frauchens oder Herrchens gelangen. Mutter hatte das immer wieder betont, sobald die ersten Menschen ihr Frauchen besucht hatten, um einen Blick auf uns zu werfen.“

„Daran erinnere ich mich gar nicht“, überlegte ich laut.

„Das überrascht mich nicht“, meinte sie heiter. „Du hattest nur Augen für Mutters Menschenfrau und bist ihr auf Schritt und Tritt gefolgt, um deine sonderlichen Sachen zu machen ...“ Sissi lachte.

„Ich habe sie verstanden!“, regte ich mich auf ein Neues auf.

„Na schön.“ Sissi rollte mit den Augen. „Aber wenn ihr euch so gut verstanden habt, warum hat sie dich dann so einem grauenvollen Frauchen gegeben?“

„Das ist es ja“, sprach ich verschwörend.

Sissi beugte sich vor, um mich besser verstehen zu können.

„Ich glaube nicht, dass Old Lady mich aus freien Stücken an diese Menschen abgegeben hat.“

„Was, nicht? Aber warum sollte sie?“

„Ich weiß es nicht genau“, gab ich zu. „Allerdings ist sie seitdem spurlos verschwunden.“

„Nein ...“, hauchte Sissi.

„Damit nicht genug“, sprach ich weiter, „fehlt von ihren Räumen jede Spur. Das Haus ist noch da, aber dort, wo ihre Räume waren, hat nun ein anderer, ein Fremder, ein Menschenmann seine Räume. – Alles, was von Old Lady zurückgeblieben ist, ist nicht mehr als ein Hauch ihrer Duftnote. Unser Körbchen, Old Ladys Sessel, unsere Spielecke, Mama – alles ist fort.“

„Was denn? Auch Mutter?“ Erwachsen oder nicht. Sissi stieg langsam das Wasser in die Augen.

„Aber ich habe jemanden gefunden, der mir vielleicht bei der Suche nach Old Lady helfen kann.“

„Oh, wirklich?“

„Ich bin mir nur noch nicht sicher, wie ich ihn ausfindig machen soll ...“

„Oh. Das ist schade ...“

Doch dann kam mir ein Gedanke.

„Vielleicht kannst du mir dabei helfen, ihn zu finden.“

Sissi sah mich einen Moment lang an. Ein bisschen ertappt. Ein bisschen in vager Befürchtung. „Vielleicht ...“

„Es ist nämlich so, dass wir in Old Ladys Räumen nicht allein gewesen sind“, nahm ich ihr unbestimmtes Angebot gleich an.

„Ich weiß“, nickte Sissi. „Da waren Mutter, Rolli, Hubert-Josef, ...“

„Ich meine, abgesehen von unserer Familie und Old Lady“, unterbrach ich sie.

„Oh ... Noch jemand ...?“ Sissi rutschte etwas beklommen auf ihrem Platz in dem guten Liegekörbchen umher. Es raschelte leise. „Du meinst, jemand fremdes?“ Sie schluckte.

„Es nennt sich Wen-N und weiß alles über uns. Vom Tag unserer Geburt bis zu unserem Auszug. Ich bin ihm neulich in einem Schatten von Old Ladys ehemaligen Räumen begegnet. – Weißt du vielleicht, etwas über Wen-N oder wo ich es finden kann?“

„Oh ...“ Sissi wirkte mit einem Mal erleichtert. „Nein. Tut mir leid.“

Irrte ich mich oder lächelte sie ein bisschen?

„Hm ... Ich verstehe“, sprach ich und wechselte unverblümt das Thema. „Sag mal. Weißt du, wozu das alles hier gut sein soll?“

Sissi betrachtete mich neugierig.

„Ich meine, weißt du, was die Menschen hier mit ihren Katzen machen?“

Sie verwandte einen kurzen Blick in das sowohl menschen- als auch so gut wie katzenleere Zimmer.

„Bisher habe ich das auch noch nicht so ganz verstanden“, sagte Sissi. „Mein Frauchen belohnt mich jedes Mal, wenn ich hier brav sitzen bleibe. Sie ist auch ansonsten immer sehr gut zu mir. Aber was das mit den anderen Menschen soll ... Sie machen es einfach und sind eben so.“ Sie schenkte mir ein beschwichtigendes Lächeln. „Mir ist schon einmal etwas Ähnliches mit Menschen widerfahren“, erzählte ich. „Es nannte sich Burschenschaft und erst war es dort auch sehr angenehm und es ging mir sogar ganz gut. Aber dann ...“

„Was war dann?“, hakte Sissi hastig nach.

„Sag mal“, meinte ich etwas ausholend. „Dir ist hier nicht zufällig ein gewisser Schmatzkröterich mit dem Namen Brunert über den Weg gelaufen, oder?“

„Äh ... Nein“, sprach sie etwas betreten und Ungutes erahnend.

Eh ich jedoch die Gelegenheit bekam, ihr mehr dazu zu sagen – was ich mir unter anderen Gegebenheiten zuvor allerdings auch noch einmal gründlich überlegt hätte – platzte bereits Lafenne ins Zimmer.

„Diese alte Schachtel“, schnaubte sie mit zusammengebissenen Zähnen, während sie mich samt Taschenkiste von dem großen Tisch an der Stirnseite des Raumes riss.

Sissi und ich bekamen gerade noch so die Möglichkeit, uns ein paar hilflose Blicke der Verwirrung zuzuwerfen. Und dann war ich auch schon aus dem Zimmer, auf dem Flur ...

„Diese Schnepfe ... Diese Spinatwachtel ... Diese Planschkuh ...“

Und schon hatten wir auch das Haus verlassen.

„Darf ich jetzt wieder sprechen?“, rief ich durchgeschüttelt, wie ich war – und landete mit einem lauten Poltern auf dem hinteren Teil dieses Radfahrgeräts.

„Meinetwegen“, murrte Lafenne. „Und? Hast du dich schön mit der netten Mieze von Madam unterhalten?“

„Sie ist meine Schwester“, murrte ich zurück.

„Ach, das auch noch“, seufzte Lafenne, wobei plötzlich ein flüchtiges Lächeln ihre Lippen streifte.„Dann lass uns bloß ganz schnell von hier verschwinden.“ Sie machte ein paar schnelle Bewegungen, als sie meine Taschenkiste auf dem Radfahrgerät festschnallte. „Hast du einen Wunsch, was wir als nächstes machen sollten?“

Ich weiß, sie meinte diese Worte nur im Scherz. Trotzdem. Sie hatte mich gefragt.

„Ich will sofort meinen Gefallen haben.“
>> weiter mit Lektion 11 (Band 2) >>

Schon gewusst? ^_^

Den ersten Band des Tyrrin Hexenkater-Abenteuers "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^


Kommentare