Lektion 8 oder
Das Gerücht vom Nadelmann

Tyrrin Hexenkater mitten im Katzenradau im Klassenzimmer
„Nein! Nicht der Nadelmann!“, jaulte jemand laut, deutlich und zum was-weiß-ich-wie-vielten Male …

„Nadelmann?“

„Nadelmann?“

„Nadelmann?“

„Ihich wihill nahach Hahahausehe!“

„Wo bin ich? Wo ist mein Frauchen?“

„Oh, das ist aber spannend hier.“

„Wer spricht da?“

„Ihich wihihihihill nihicht steherbähän!“

„Oh ... Ich glaube ich muss gleich ...“

„Alles, nur nicht der Nadelmann!“

„Huch? Wir kennen uns nicht. Wollen wir Freunde sein?“

„Ich will mein Fresschen ...“

„Was ist ein Nadelmann?“


Kaum hatte Lafenne den Raum verlassen, hatte es angefangen – und seit dem nicht mehr aufgehört. Ein fortwährendes Wirrwarr von Stimmen unterschiedlichster Tonlage, Lautstärke und Intonation.


„Ich will auch mein Fresschen!“

„Ihich wihill hihier rahahaus!“

„Oh, mich juckt da was ...“


Ich brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass diejenigen, die dort sprachen, jammerten und maulten, keine Menschen waren. Da war dieser Geruch, den ich nur zu gut kannte ... Dies hier war ein Zimmer voller Katzen. Gut. Genau genommen war es ein Zimmer voller Katzen in so etwas wie Taschenkisten.


„Oh nein ... Mir ist nicht gut ... Mein Fresschen ...“

„Ich hab auch Hunger!“

„Bist du neu hier? Ich bin auch neu hier. Wollen wir Freunde sein?“

„Ich hab Angst ...“

„Warum riecht es hier so komisch?“

„Oh, ist das mein Fresschen? Hm ... Ich glaube, das hatte ich heute schon einmal ...“

„Nein! Nicht der Nadelmann.“

„Nadelmann?“

„Nadelmann?“

„Nadelmann?“


Ein Zimmer voll mit Katzen in Kisten, die nicht zu überhören waren.

Aber was sollte ich hier? Hatte ich mich schon wieder hereinlegen lassen? Das letzte Mal, dass mir etwas Vergleichbares schon einmal widerfahren war ...

Und da fiel mir sofort ein Name ein. Ja, natürlich! Dieses Verhalten. Diese Vorschläge. Dieses Hinhalten

„Karel?!“, rief ich erbost – aber nicht in meiner Muttersprache.

Prompt war alles still. Weder von meinen Artgenossen, noch meinem stotternden Mitbewohner war auch nur ein Laut zu hören. Stattdessen erfüllte nun hellhöriges Schweigen, Gucken und Lauschen den ganzen Raum. Als sich dann jedoch nichts weiter ereignete ...


„Ich will nicht zu dem weißen Nadelmann!“

„Nadelmann?“

„Nadelmann?“

„Nadelmann?“


... ging der Lärm von vorne los.

Na schön, vielleicht war Karel doch nicht ganz so Schuld an meiner Misere – jedenfalls nicht alleine. Ich hätte es wissen müssen, seine schuhwerfende, mit Taschen entführende und nun auch noch radfahrende Schwester ...


„Ihihich wihihill nahahach Hahahausehehe ...“

„Oh je, oh je. Wo bin ich hier? Wo ist mein Frauchen?“


Wie bitte sollte ich bei so einem Radau denn auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen? War es bei meiner Familie und Old Lady etwa auch so laut gewesen? – Nein. An so etwas würde ich mich zweifelsfrei erinnern. Mit diesen Katzen stimmte etwas nicht. Das musste es sein ... Pah, Nadelmann ...


„Huch! Wir kennen uns noch nicht. Wollen wir Freunde sein?“

„Ich will mein Fresschen ...“

„Da kommt wer!“


Und schon war wieder alles still.

Da waren Schritte. Viele Schritte. Viele menschliche Schritte, die auffällig klackerten und sich einer der Türen zu diesem Zimmer näherten.


„Ich will nicht zu dem weißen ... Oh ...“


Die eine Tür sprang auf und eine Welle junger Menschenfrauen schwappte schnatternd, fiepend und vergnüglich kichernd in unseren Raum hinein. All die vertrauten Gerüche meiner Artgenossen wurden sogleich von einer pulverigen teils leichten, teils schweren, teils frischen, teils süßlichen Duftpalette überschwemmt, die mir für einen Moment glatt die Orientierung raubte.


„Oh nein, Lumi! Du hast doch nicht etwa wieder ...?“, rief eine sanfte Frauenstimme. „Ich habe doch gerade erst alles frisch bezogen ...“

„Du hättest ihn vorher eben nicht füttern dürfen“, sagte eine andere Frauenstimme besserwissend.

„Ich will nicht zu dem weißen Nadelmann!“, ertönte wieder ein betagtes Katzenjammern.

„Ist schon gut Mona, ich bin ja bei dir“, sagte noch eine junge Frau, diesmal aber sehr fürsorgend. „Willst du mit ihm kurz in den Waschraum, Bleusette? Wir richten Madam von Blauenros aus, was passiert ist.“

„Danke dir“, sagte die junge Frau mit sanfter Stimme und nahm die mittlere der drei Taschenkisten beziehungsweise -körbe aus der Reihe hinter mir mit sich aus dem Zimmer.

„Da bin ich wieder“, ließ Lafenne sich auf den Stuhl an meinem Tisch nieder. „Und? Wie verstehst du dich mit deinen Artgenossen.“

„Hallo, mein kleines Pichelchen“, quiekte eine junge Frau gleich neben uns.

„Oh, wir kennen uns noch nicht. Wollen wir Freunde werden?“, miaute es hell und fröhlich aus dem Korb mit Drahteinsatz zurück.

„Ja, ich freue mich auch, dich zu sehen“, erwiderte die junge Frau darauf.

„Es sind alle sehr komisch hier“, antwortete ich Lafenne so, dass sie mich verstand. „Der da ...“ Ich sah zu dem benachbarten Korb mit Tisch und Menschenfrau. „Er vergisst ständig alles.“

„Ja, du bist so ein liebes Pichelchen“, quietschte die Frau erneut.

Lafenne musste lachen. „Rommi, mein Kater meint, dass deiner nicht ganz richtig im Kopf ist.“

„Gar nicht wahr“, erwiderte unsere Nachbarin bedrückt. Doch dann erhellte sich ihre Miene. „Ist das der von deinem Bruder?“ Sie betrachtete mich mit Neugier und ihren großen hellen Augen durch den Gittereinsatz meiner Taschenkiste.

„Scht. Sag das nicht so laut“, maßregelte Lafenne sie leise.

„Der ist ja vielleicht niedlich.“ Dann sah sie schelmisch zu Lafenne. „Aber ich glaube nicht, dass er so etwas Gemeines sagen würde.“

„Ihich wihihill nahach Hahahausehe!“

„Schon gut Katze. Lange dauert es nicht mehr“, flüsterte eine weitere junge Menschenfrau in die maulende Holzkiste auf dem Tisch vor uns.

„Das klingt ja herzzerreißend“, meinte Rommi sorgenvoll.

„Er ist das nicht gewohnt“, erklärte die junge Frau. „Und ich hatte nicht die Zeit, die richtige Ausstattung zu besorgen. Nächste Woche wird es hoffentlich nicht ganz so schlimm für ihn.“

„Wo hast du ihn eigentlich her?“, wollte Lafenne wissen. „Ich dachte, bei euch im Haus sind keine Haustiere gestattet?“

„Mein Vater hat mit dem Vermieter gesprochen“, erklärte die junge Frau mit einer beruhigenden Hand auf der groben Kiste. „Für die Zeit des Lehrgangs sei es wohl kein Problem. Also hat mir mein Onkel einen Kater von dem Gutshof vor der Stadt, wo er im Sommer immer arbeitet, mitgebracht. Allerdings hat das Tier nie einen richtigen Namen erhalten und das einzige Wort, worauf er hört, ist Katze.“

„Hm, womöglich ist er ja nicht ganz im Reinen mit seiner naturgegebenen Bestimmung“, vermutete Lafenne grinsend.

„Was soll denn das heißen, Lafenne?“, erwiderte Rommi mit hoch rotem Kopf.

„Ach, nun hab dich nicht so“, tat sie deren Aufregung ab und wandte sich an unsere andere Nachbarin. „Der Kater wird schon wissen, was er will, Elfi.“

Die junge Frau nickte.

„Nein, ich will nicht zu dem weißen Nadelmann!“

„Karenis, kannst du nicht dafür sorgen, dass das aufhört?“, beschwerte sich die besserwissende junge Frau in einer der hinteren Ecken des Zimmers. „Auf die Dauer ist dies mehr als störend.“

„Glaubst du, ich lass sie das mit Absicht machen, Marit?“, erwiderte Karenis, die ihren Platz mit Taschenkorb gleich neben Rommi eingenommen hatte. „Alles fein, mein Monamäuschen.“

„Was ist ein Nadelmann?“, fragte ich Lafenne im Flüsterton.

„Ein was?“, sagte sie mit zusammen gebissenen Zähnen lächelnd, während sie so tat, als ob sie der Unterhaltung der anderen Frauen lauschte.

„Ein Nadelmann“, wiederholte ich leise. „Die dort hinten redet unaufhörlich davon. Und ein paar der anderen scheinen ihn auch zu kennen.“

„Nadelmann ...“, überlegte sie leise und mit leicht abwesendem Blick.

„Was sagst du, Lafenne?“, horchte Rommi auf.

„Vielleicht hat sie Angst, dass sie zum Tierarzt muss?“, vermutete Lafenne deutlich lauter als im vorangegangenen Gespräch.

„Aber wir sind hier nicht beim Tierarzt!“, tönte es besserwissend durch den Raum.

„Ach, wer redet denn mit dir, Marit?“, revanchierte sich Lafenne.

„Das ist gut möglich“, meinte Karenis mit besorgtem Blick in die Korbtasche. „Unser letzte Arztbesuch ist gar nicht so lange her. Und besonders glimpflich ist es dabei nicht verlaufen ...“

„Ich will nicht zu dem weißen Nadelmann!“, jaulte Mona markerschütternd.

„Was ist ein Tierarzt?“, hakte ich noch einmal genauer nach.

„Das ist ein Mensch der kranke Tiere wieder gesund macht“, flüsterte Lafenne in heimlicher Hast.

„Vielleicht hilft es, wenn du das Türgitter aufmachst und sie ein bisschen betuddelst?“, schlug Rommi vor.

„Aber warum haben sie dann so eine große Angst vor diesem Nadelmann?“, wollte ich wissen.
Lafenne lächelte und zuckte mit den Schultern. „Auch viele Menschen gehen nicht sehr gern zum Arzt. Aber eine vernünftige Erklärung gibt es dafür nicht.“

„Wieso muss ich zum Nadelmann ...?“, jammerte Mona nun kleinlaut und vorwurfsvoll enttäuscht.

„Ist schon gut meine Maus“, redete Karenis fürsorglich auf die betagte Katzendame ein, während sie ihre Hand langsam und gleichmäßig in dem Taschenkorb bewegte.

„Ihich wihihihill nahahach Hahausehehehe!“

Lafenne seufzte und lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. „Warum machen wir das hier eigentlich? – Alles in allem ist das hier doch nur antiquiert und obendrein Tierquälerei.“

„Seien Sie vorsichtig, wenn sie laut aussprechen, was Sie denken, Fräulein Mutwill“, ermahnte eine Stimme, die dunkler als die der jungen Frauen klang und mir leise bekannt vorkam.

Sofort saßen sie alle still an ihrem Platz und nur noch eine Menschenfrau stand gut sichtbar an einem großen schnörkeligen Tisch, auf den sie soeben etwas abgestellt hatte ... Ich konnte nicht sehen was es war. Allerdings achtete ich auch nicht darauf. Denn im Moment interessierte mich viel mehr, woher ich diese Stimme kannte. Doch das klärte sich, sobald sie sich zu den jungen Frauen und damit auch zu mir umdrehte. Es war die Frau ohne Gesicht.

>> weiter mit Lektion 9 (Band 2) >>

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