Lektion 7 oder
Meine erste Abenteuerreise

Eines musste man ihr lassen. Sie war immer für etwas Neues gut.

Tyrrin Hexenkater macht sich auf den ersten Weg zu seiner ersten Abenteuerreise

Trotzdem. Nur weil ihre neue Tasche jetzt aus dünnem Holz bestand und kantig war und über ein paar Gucklöcher mit einem Einsatz aus Metallgitter verfügte, war sie nicht weniger eine Tasche. – Woran ich das merkte, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen? Dieses Behältnis hatte eindeutig einen Tragegurt und sogar einen Henkel! Vielleicht war es auch etwas zwischen Tasche, Korb und einem Schrank oder so, aber der Anteil zwischen Korb und Tasche überwog durchaus mit gewissem Abstand.

Dennoch gab ich mich vorerst einmal unwissend. „Wozu soll das sein?“

„Ich muss dich mitnehmen“, antwortete Lafenne. „Und der Mann in diesem Laden meinte, dass dies die komfortabelste Art für einen Ausflug mit einem Kater wie dir wäre.“

Ich sah zu Karel – und der verstand sofort.

„M-meinst du nicht, d-dass du ihn einfach auf dem A-arm oder so tragen könntest?“

Lafenne seufzte. „Ich habe die Vorschriften für diesen Lehrgang nicht gemacht.“ Dann kniete sie nieder, neben diese Taschenkiste. „Ja schau mal, wie toll es darin ist“, sprach sie mit ungewöhnlich hoher Stimme. Sie entfernte eines der Metallgitter von einer der kleineren Seiten der Taschenkiste und drehte mir die Öffnung hin.„Da ist sogar ein Kissen drin – und ein kleines Spielzeug.“

Sie griff mit einer Hand hinein und drückte auf das Polster, welches dabei ein leichtes Knistern von sich gab. Danach zog sie an einer kleinen Bastkordel, die von der Deckplatte der Taschenkiste baumelte und schon bei der leichtesten Bewegung ein zartes Klingen verlauten ließ.

Ich beobachtete dieses Schauspiel mit äußerster Skepsis und bemühte mich, meinem Drang in diese Höhle zu kriechen, auf dem raschelnden Polster Probe zu sitzen und diese Kordel genauer zu untersuchten, zu widerstehen.

Denk an den Gurt, rief ich mir ins Gedächtnis. Es ist immer noch eine Tasche! Und du weißt genau, was Menschen mit solchen Taschen machen ...

„Darauf falle ich ganz bestimmt nicht rein“, entschied ich, worauf sich auch Karel auf den Boden kniete und tat, was seine Schwester soeben bereits vorgemacht hatte.

„G-guck mal, w-wie schön das knistert.“ Und es knisterte.

Ich konnte nicht anders und wiegte meinen Kopf einige Male nach links und dann nach rechts. Eine Unruhe regte sich in meinem Hinterteil. Doch noch bevor es sich vom Boden lösen konnte, gelang es mir, sein plötzliches Eigenleben zu unterbinden. Stattdessen putzte ich mich rasch an meiner Hüfte.

„Hm ...“, rang ich mit mir. „Nein. Ich falle darauf nicht rein.“

„W-willst du ihm n-nicht doch die Leberwurst ...“, flüsterte Karel Lafenne verhalten zu.

„Damit er unterwegs in die Kiste ...?“, fuhr sie ihn tuschelnd an. „Nix da, der Mann im Laden war da mehr als deutlich. Kein Futter vor der Reise.“

„Eine Reise?“, wiederholte ich. „Was für eine Reise?“

„Schön, der Ausdruck Reise ist wahrscheinlich übertrie ...“

„E-es ist eine A-abenteuerreise“, fiel Karel seiner Schwester ins Wort. Und täuschte ich mich oder sah er auf einmal ausgesprochen unschuldig aus?

Außerdem beschlich mich der Eindruck, dass ich nicht der Einzige war, der dies bemerkt hatte. Auch Lafenne bedachte ihren erst mit Skepsis und dann mit einem winzigen frechen Lächeln auf den Lippen.

„Obwohl“, räumte die junge Menschenfrau ein. „Wenn dich etwas auf dieser Reise erwartet, dann sind es viele Abenteuer.“

Warum wollte ich dem, was sie sagte, nicht so recht Glauben schenken?

„Was sind das für Abenteuer?“, erkundigte ich mich.

„Hm, was weiß ich.“ Sie legte sich nachdenklich einen Finger auf die Unterlippe. „Wahrscheinlich Gefahren, unbekanntes Terrain, merkwürdige Kreaturen. Es wird viele abenteuerliche Dinge zu erleben geben, bei denen du mich begleiten wirst.“

„Und du flunkerst auch nicht?“, hakte ich misstrauisch nach.

Sie hob gelobend eine Hand und legte sich die andere auf die Brust. „So etwas würde ich doch niemals tun.“

„Würde sie?“, richtete ich meine Frage ernst an Karel, der überrumpelt sein Gesicht verzog und grade mal ein wirres „Ä-ä-äh ...“ herausbekam.

„Wusste ich's doch!“

„Ist ja schon gut. Vielleicht bin ich nicht immer ganz ehrlich zu dir gewesen. Aber was diese kleine Reise ... diese kleine Abenteuerreise anbelangt, wird es für dich bestimmt viel Neues zu entdecken geben. – Ich dachte immer, kleine Kater, so wie du einer bist, seien sehr neugierig und stets lustig auf ein spannendes Abenteuer.“ Und dann sagte Lafenne etwas, das mich ganz unerwartet in meinem Innersten berührte, „Oder hast du vielleicht Angst, mein kleiner Tyrrin-Kater? Ist diese Welt noch ein Stück zu groß für dich?“

„Ich hab doch keine Angst!“, rief ich aus tiefster Überzeugung. „Ich will die Welt sehen. Und ich muss Old Lady finden. Da habe ich doch keine Angst.“

„So spricht ein wahrer kleiner Hexenkater“, erwiderte die junge Menschenfrau mit Anerkennung und einem bedenklich zufriedenen Lächeln auf den Lippen. „Los. Dann lass uns aufbrechen, kleiner Tyrrin. Die Abenteuer und die Welt da draußen warten.“

„Einverstanden“, bestätigte ich. „Aber ich steige nicht in diese Taschenkiste.“


Nicht schon wieder ...

Sie hatte mich doch tatsächlich zum wiederholten Mal in ihre Tasche gesteckt!

Aber so verwerflich dieser Umstand auch war, jetzt in diesem Moment juckte es mich nicht. Mich juckte es auch nicht, dass Karel mit seinem durch und durch verdatterten „F-f-f-f-fenni!“ bei der Verteidigung meiner Wenigkeit gegen seine Schwester vollkommen versagt hatte. Es kümmerte mich ebenfalls nicht, dass diese sonderbare Taschenkiste im Vergleich zu der letzten Tasche, in der ich gereist war, einige willkommene Annehmlichkeiten aufwies. Und das, worum ich mich erst recht einen feuchten Streuklumpen scherte, war, was denn so ein Radfahren oder ein Kopfsteinpflaster war! Ich wollte nur, dass es jetzt sofort gefälligst aufhörte!


„Ja, ja, ja, ist doch gut. Dafür schulde ich dir einen weiteren Gefallen“, erwiderte Lafenne unliebsam auf meine fortwährende Beschwerde, nachdem sowohl das Radfahren als auch das Kopfsteinpflaster beendet worden waren. „Aber hättest du dich nicht so lange geziert, hätte ich nicht so rasen müssen. – Scht. Und nun sei still.“

„Wieso?“, maulte ich, immer noch das Klingeln der Radfahrgeräusche, des Kopfsteinpflasters und dieser ach so unterhaltsamen Spielglocke am Bastfaden in den Ohren.

Lafenne sah mich durch eines der großen vergitterten Gucklöcher der Taschenkiste an. Sie hatte sich zu mir herabgebeugt.

„Ab jetzt musst du mir den Gefallen tun, um den ich dich gebeten habe“, sagte sie leise und sachlich. „Das ist wichtig. Verstehst du?“

Ich bedachte sie mit einem ungnädigen Blick, begriff aber, dass ich jetzt meiner Pflicht zu folgen hatte. Gefallen für Gefallen war die Devise. Und jeder Gefallen, der mir vonseiten dieser Menschenfrau zustand, brachte mich womöglich näher zu Old Lady.

„In Ordnung“, sagte ich.

„Gut“, fuhr Lafenne fort. „Ab sofort sagst du kein einziges Wort mehr. Miau oder ähnliches ist in Ordnung, aber bitte sprich nicht mehr. Ich sage dir, was du sonst noch tun musst, wenn es soweit ist. – Hast du das auch verstanden?“

Ich nickte.

„Sehr schön.“ Sie lächelte und ich stellte fest, dass ich dieses Lächeln mochte. Dann richtete Lafenne sich wieder auf, schnallte meine Taschenkiste von diesem klappernden Ding, auf dem sie mich hier her gebracht hatte, und trug mich in eine sehr große Ausgabe von diesen Häusern.

Während unserer Anreise hatte ich nicht viel von der Welt außerhalb meiner Taschenkiste mitbekommen. Doch nun, wo ich mich in Ruhe umsah, entdeckte ich, dass sich dieser Teil der Welt nicht maßgeblich von demjenigen unterschied, den ich bereits kannte. So viel zum Thema Abenteuerreise. Da war besagtes Haus, das vielleicht etwas größer war, als die Exemplare, die ich bisher gesehen hatte. Dafür ließ es aber reichlich Platz für dieses ganze Grünzeug, das ich tagtäglich auch von Karels Zimmerfenster aus beobachtete.

Lafenne betrat das Haus durch eine große dunkle Tür, die neben einem schwerfälligen Knarren auch ein liebliches Läuten verlauten ließ und uns den Weg in einen – ich würde sagen – Flur eröffnete. Natürlich hatte ich bereits schon ein paar Flure gesehen und war sie sogar entlang gelaufen. Allerdings hatte dieser Flur so etwas an sich, was mich an den Inhalt von Lafennes anderer Tasche erinnerte. Alles besaß ein sanftes Schimmern und ein puderiger Duft lag in der Luft. Da sich Lafenne jedoch nicht daran störte, beschloss ich, es ihr für den Anfang gleich zu tun, und tat wie mir geheißen. Ich schwieg, lauschte und beobachtete.

Lafenne hatte einen schnellen Schritt und sie legte an Geschwindigkeit zu, je länger der Flur sich hinzog.

„Oje, wir sind schon jetzt spät dran“, raunte sie, kurz bevor sie vor einer hellen Tür anhielt und klopfte.

Nichts geschah.

Lafenne klopfte noch einmal. Doch als wieder nichts passierte, öffnete sie die Tür und trat geschwind ins Zimmer. Es ging so schnell, dass ich nicht recht mitbekam, wo genau wir nun eigentlich gelandet waren. Jedenfalls bestand kein Zweifel daran, dass Lafenne mich beziehungsweise die Taschenkiste irgendwo abgestellt hatte.

„Ich bin bald zurück“, flüsterte sie mir kurz angebunden zu und verschwand durch eine andere Tür aus diesem Zimmer. Ich brauchte nicht lange, um zu bemerken, dass sich in diesem Raum neben meiner eigenen noch weitere Taschenkisten sowie einige Körbe und gewöhnliche Kisten befanden. Kurios war nur, dass jede von ihnen auf je einem Tisch mit einem Stuhl davor stand ...

„Ich will nicht zu dem weißen Nadelmann!“, jaule plötzlich eine Stimme, die mir zwar fremd war, deren Sprache ich aber aus meinen noch sehr jungen tagen kannte.

>> weiter mit Lektion 8 (Band 2) >>

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