Lektion 6 oder
Das Prinzip der Gefälligkeit

Sie war wieder da.




Da machte man mal nur für einen kurzen Moment die Augen zu – und dann so etwas ... Ohne die leiseste Regung – geschweige denn Erklärung – stand sie da. Direkt neben mir. Diese Tasche.

Jawohl, es war genau diese eine Tasche, die mein bisheriges Verhältnis zu allen anderen Taschen von jetzt auf gleich verändert hatte. Dieser Geruch nach einem Hauch von draußen, dieser puderigen Duftigkeit und nach einer gewissen Person, welche mich die wahre Bedrohung von menschlichen Schuhen gelehrt hatte, war unverkennbar.

Wie geladen sprang ich auf, sofort bereit, mich gegen jeden fliegenden Schuh und Taschenangriff zu verteidigen.

Wie kam dieses Ding überhaupt hier her?! Und noch dazu auf meine eigens für mich reservierte Bettdecke, deren Nutzung ich selbst Karel nur äußerst widerwillig für seine nächtlichen Schläfchen gestattete? So tief konnte ich doch nun auch wieder nicht geschlafen haben – obwohl mich Karels Geschichte, die er mir auf meinen Auftrag hin angeblich aus diesem dicken Almeniebuch vorgelesen hatte, alles andere als mit Spannung gefesselt hatte. Anstelle von Drachen hatte sie von sehr merkwürdigen Fremdartigkeiten berichtet, die mir so gar nicht verständlich werden wollten. Ich wurde den leisen Verdacht nicht los, dass Karel sich mit Absicht so ein langweiliges Zeug ausgedachte, nur um mich zu ärgern. Na schön, vielleicht hatte mich diese eintönige Aufreibung – und der Verzehr der Es-tut-mir-leid-dass-ich-nichts-Neues-über-Old-Lady-herausgefunden-habe-Leberwurst, die mein vorläufiger Wieder-Assistent auf Probe mir nach seinem jüngsten, aber erfolglosen Ausflug zu diesem Vermieter mitgebracht hatte – womöglich doch etwas schläfriger gemacht, als ich es für möglich gehalten hatte ... Und – eventuell – hatte ich den Einmarsch dieser Tasche vielleicht ein kleines bisschen verschlafen.

Das war allerdings noch lange kein Grund, sie hier einfach so und ohne jedwede Sicherheitsvorkehrung auf meinem Bett zurück zu lassen. Und je länger ich dieses sackähnliche Gebilde mit äußerstem Argwohn betrachtete, desto mehr fühlte ich mich in meiner Annahme bestätigt, dass etwas Furchtbares passiert war.

Aber, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, denkt ja nicht, dass ich mich ohne Weiteres mit so einem Schicksal abgefunden hätte. Kater, der ich war, begann ich, mich zutiefst geduckt und mit größter Vorsicht an die Tasche heranzuschleichen und sie langsam zu umkreisen. Und kaum hatte ich dies dreieinhalb Mal getan ...


„Was weiß ich, warum sie so etwas tun!“, tat sich die eine Tür in diesem Zimmer auf. „Mich auf so einen dämlichen Lehrgang schicken. – Einen Lehrgang nennen sie so etwas heutzutage. Aber dass man das in unserer modernen Gesellschaft überhaupt noch unterrichten darf! – Warum schicken sie dich eigentlich nicht auf einen Lehrgang? Du kriegst nicht mal einen einfachen Satz in einem Stück heraus!“

„A-ähäm ...“

„Siehst du? Genau das meine ich nämlich.“


Gefahr! Sämtliche Alarmglocken schrillten in meinem Kopf kreuz und quer durcheinander. – Ich hatte es gewusst! Etwas Furchtbares.

Eben noch lauernd auf dem Bett, war ich nun zu jedem Angriff und jeder Verteidigung bereit – oben, ganz oben auf dem höchsten Platz auf meinem Katzenbaum. Jetzt sollte sie mal versuchen, mich zu kriegen und in ihre angeblich reglose Tasche zu stopfen oder mich mit einem Schuh zu bewerfen. Nur um meiner bloßen Entschlossenheit einen entsprechenden Ausdruck zu verleihen, baute ich mich zu extra großer Größe auf, sträubte meinen Pelz, zog den Kopf zurück und legte die Ohren an. Ja, ich war zu wirklich allem bereit. Dieses Mal würde mich nichts davon abhalten, mein Revier zu verteidigen!

„I-ich glaube , e-er kennt dich noch“, stellte Karel zu mir aufblickend fest.

Auch die Schuhwerfende sah zu mir hoch. Doch anstatt etwas zu sagen, atmete sie einmal tief durch, fast einem Seufzer gleich, der auch bedenklich viel von einem Schnauben hatte.

„Was willst du hier?“, erwiderte ich und fügte ein nicht weniger markantes Schnauben hinzu.

Ihre Augen richteten sich auf Karel, wobei sich ihr Mund zu einem dünnen Strich verschmälerte.

D-du wolltest ihn um etwas bitten.“ Karel hob entschuldigend die Schultern.

Sie schloss darauf die Augen und seufzte noch einmal, tiefer und mit einem vernehmbaren Ton des ungeduldigen sich Sammelns und Ruhe Bewahrens.

„S-sei nett, Fenni“, mahnte Karel halblaut. Ich sah, wie ihm tatsächlich ein schadenfrohes Grinsen nur kurz, kaum merklich und für ihn völlig wesensfremd über das Gesicht huschte.

Ich wurde stutzig. Aber es gab mir auch ein flüchtiges Gefühl von selbstsicherer Gefasstheit, sodass ich mich hoch oben auf meiner gepolsterten Platte langsam und bedächtig setzte.

Als die Schuhwerfende ihre Augen öffnete, wanderte ihr Blick wieder auf mich. Er war abwägend und sachlich.

„Du musst mir einen Gefallen tun“, sagte sie ernst.

Ich betrachtete die junge Menschenfrau mit Argwohn und aufmerkend, was vor allem daran lag, dass sich ihre Worte irgendwie fehlerhaft sortiert anhörten.

„Das heißt, du musst mir gefallen ... denke ich“, stellte ich richtig und wandte mich dann an Karel. „Hat sie auch so einen Sprachfehler?“

Er lachte.

„Ich meine, ich möchte dich um eine Gefälligkeit bitten“, schritt die Schuhwerfende ein. Und als ich sie erst verständnislos und dann wiederum Karel um Hilfe ersuchend anguckte, fügte sie hinzu, „Du sollst etwas tun, was mir hilft.“

„Wieso?“, fragte ich, nun über ihr Anliegen im Bilde.

Sie gab schon wieder dieses schnaufende Seufzen von sich und bedachte ihren Bruder mit einem Ausdruck, der seinen verhaltenen Lachanfall jäh beendete.

Karel räusperte sich.

„D-du bist der Einzige, der ihr b-bei ihrer Aufgabe helfen k-kann, Tyrrin“, erklärte er. „O-oh, und es t-tut ihr sehr l-leid, d-dass sie so gemein z-zu dir gewesen ist.“

„He!“, fauchte die Schuhwerfende ihrem Bruder rasch ins Ohr. „Musstest du ihn daran erinnern?“

Ich musterte die beiden Menschen mit einer kühlen Distanz und – dank meiner hoch erhobenen Position – sogar ein bisschen von oben herab.

„I-ich glaube nicht, d-dass er das vergessen hat“, widersprach ihr Karel.

Die Schuhwerfende schob trotzig ihr Kinn nach vorne und atmete tief ein.

„Sie sieht nicht aus wie jemand, der sich entschuldigen will“, merkte ich an.

„Na, schön es tut mir leid“, gab sie endlich kleinlaut nach.

„Was genau tut dir leid?“, beharrte ich.

„Das mit den Schuhen und der Tasche und alles, womit ich sonst noch gemein zu dir gewesen bin.“ Sie leierte mehr, als dass sie sich aufrichtig entschuldigte.

Dennoch beendete ich schließlich ihr Dilemma. „Ich verstehe.“

„Und? – Tust du mir jetzt diesen einen Gefallen?“

„Als sich das letzte Mal jemand bei mir entschuldigt hat, habe ich einen Katzenbaum bekommen. Oder mindestens eine Leberwurst“, sagte ich, worauf sie eisigkalt zu Karel sah, der sogleich für sie einsprang.

„Lafenne b-besorgt dir eine Leberwurst. U-und eine neue D-decke.“

„Was soll das?“, maßregelte ihn die junge Menschenfrau in scharfem Flüsterton.

„D-du musst ihm e-entgegen kommen, w-wenn du etwas von ihm haben willst.“

Die Schuhwerfende beobachtete mich eingehend. „Also gut. Leberwurst und Decke. Ist das eine angemessene Entschuldigung?“

„Hm“, überlegte ich betont sorgsam, „Ich denke schon.“

„Da wir nun quitt sind“, sprach sie weiter, „Wärst du so gut, mir eine Gefälligkeit zu erweisen?“

„Ich habe zu tun“, lehnte ich ihre Bitte ab, wie es Karel schon unzählige Male mit meinen getan hatte, wenn ich unterhalten werden und er lieber über diesen Büchern kauern wollte. Außerdem musste ich unbedingt Old Lady finden. Oder wenigstens dieses Wen-N-Wesen, das mir mit Sicherheit mehr über Old Ladys Verbleib verraten konnte als Karel und Joscha, die sich anstatt sie zu suchen mit irgendwelchen Büchern, die ich mir angucken sollte, oder etwas, das sich Vermieter nannte, beschäftigten. Ich hatte weder Zeit noch Geist etwas für Menschen zu tun, die mich in Taschen gesteckt und mit Schuhen beworfen hatten und sich außerdem nicht einmal halbherzig bei mir zu entschuldigen vermochten. Ein kluger Kater muss wissen, wie er seine Prioritäten setzt – und das waren meine.

„Kaaareeeel ...“, sagte die Schuhwerfende klingend hell und lang gedehnt, aber mit einem energisch brodelnden Funkeln in ihrem Blick.

„W-weißt du, Tyrrin?“, schlug er sich auf ihre Seite. „M-mit den G-gefälligkeiten hat es etwas besonderes auf sich.“ Trotzdem hörte ich ihm zu. „W-wenn du jemandem e-einen Gefallen erweist, a-also ihm auf seine B-bitte hin etwas Gutes t-tust, hast du bei ihm e-eine Gefälligkeit gut.“

„Karel ...“, sang die Schuhwerfende diesmal in gedämpfter Tonlage.

„Das heißt, wenn ich ihr so einen Gefallen tue, muss sie mir den auch antun?“, erkundigte ich mich zum besseren Verständnis.

„S-so ist es.“

„Aber was ist, wenn ich nicht will, dass sie mir den Gefallen selbst antut?“

„O-oh, d-du kannst dir den Gefallen a-aussuchen und ihn einfordern, w-wenn du ihn g-gebrauchen kannst.“

„Karel!“, flüsterte ihn seine Schwester harsch von der Seite an. Doch er schenkte ihr keine Beachtung.

„Einen Gefallen für einen Gefallen also“, meinte ich abwägend.

„G-genau.“

Was konnte es schaden so einen Gefallen, wie es die Menschen nannten, bei dieser schuhwerfenden Person gut zu haben? Vielleicht konnte mir ihre rohe Art bei der Suche nach Old Lady irgendwann einmal von Nutzen sein ... Also gut ... Für Old Lady!

„Wenn das so ist, dann stimme ich zu“, gab ich bekannt. „Ich tue dir einen Gefallen.“
„Oh, sehr schön ... Ich danke dir ...“, sprach Lafenne, die ihr Glück wohl noch nicht ganz zu fassen schien.

„K-keine Sorge, e-er wird dich schon nicht auf den M-mord von jemandem ansetzen ...“

„Bring ihn noch auf Gedanken!“, pfiff sie ihren Bruder an.

„So. Und was soll ich jetzt machen, damit dir geholfen ist?“, mischte ich mich in das unruhige Getuschel ein.

„Äh ... Nun ... Das ist an sich ganz einfach“, fing sich Lafenne in ihrer gewohnten Sachlichkeit. „Du tust jetzt für eine gewisse Zeit genau das, was ich dir sage.“

>> weiter mit Lektion 7 (Band 2) >>

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