Lektion 5 oder
Das blaue Herz des Drachen

„Und du bist dir wirklich sicher, dass da ein echter Drache drinne ist?“

Tyrrin Hexenkater - Die Geschichte in der Geschichte: Das blaue Herz des Drachen

Ich betrachtete das eine von diesen Büchern, das Karel seinem Stapel entnommen und vor mir auf den Tisch gelegt hatte. Es war weder besonders dick, noch war es besonders schön. Das fast ins Gelbliche wechselnde Papier darin wurde von etwas umfasst, das mich stark an äußerst zähe menschliche Haut erinnerte. Es war braun, mehr oder weniger, wobei sich gerade an den Kanten des Buches dunkle mit helleren Brauntönen abwechselten. Hinzu kamen leichte bis tiefe Kratzer und wieder diese unkenntlichen Zeichen, derer sich die Menschen in unmittelbarer Nähe von Büchern nur zu gern bedienten.

„Also für mich sieht das nicht nach einem Drachen aus“, bemerkte ich nüchtern. „Drachen sind groß und gefährlich. So ein richtiger Drache passt da doch nie im Leben rein.“ Ich ließ meinen Blick über die anderen Bücher auf dem Tisch schweifen. „Oh, aber das da! Dieses Buch sieht sehr groß und sehr gefährlich aus! Außerdem riecht es so eigenartig ...“

„D-das liegt daran, d-dass das ein St-tudienbuch für angewandte A-alchemielehre ist“, wandte Karel auf meinen Vorschlag hin ein.

„Almenieleere ...?“

„D-darin geht es um, G-gase, Flüssigk-keiten und Feststoffe, d-die miteinander g-gemischt und erhitzt w-werden.“

„Also keine Drachen?“

„K-keine Drachen.“

„Hm ... – und was ist mit dem Buch da?“

N-nein“, sprach Karel mit ungewohntem Nachdruck und nahm das schmale braune Buch von eben in die Hand. „D-das hier ist ein Buch mit Drachen.“

„Aber die anderen Bücher sind viel größer ...“, bemerkte ich.

„D-die Größe sagt n-nichts über den Inhalt, also die G-geschichte darin aus“, erwiderte er mit erhobenem Zeigefinger.

„Ach ja?“ Ich sah wiederholt und äußerst zweifelnd auf diese recht spärliche Sammlung von Papier „Und woher willst du wissen, dass es ausgerechnet in diesem Buch Drachen gibt?“

„W-weil das Buch d-den Titel A-antologie d-der Draconis sapientissimae herausg-gegeben v-von Vorfried L-losenstein t-trägt.“

Ich betrachtete Karel einen – sehr – geduldigen Moment, um abzuwarten, ob er mir doch noch eine Antwort auf meine Frage gab. „Und woher willst du wissen, dass es ausgerechnet in diesem Buch Drachen gibt?“, wiederholte ich schließlich dann doch noch einmal mein Begehren.

Jetzt sah er mich einen geduldigen Moment lang an. Aber anstatt mir, wie es die menschliche Etikette gebot, zu antworten, ließ er mein Anliegen zum zweiten Mal links liegen und schlug dieses magere Ding von einem Büchlein auf. Ein alter aber erhabener Duft lag plötzlich in der Luft und noch bevor ich meine Entrüstung über Karels mangelhafte Manieren kundtun konnte, fing er auch schon mit dem Erzählen einer Geschichte an ...


D-das blaue Herz des Drachen – Eine Sage a-aus den alten Grothlanden.


Es war nicht mal ein Satz. Aber etwas an Karels Vortragsweise verwunderte mich. Ja, sie war auf einmal so befremdlich, klang distanziert und monoton, fast als wären es nicht seine Worte, die er hier doch – für seine Verhältnisse – klar und deutlich von sich gab.

Trotzdem – liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen – klang es auch nicht schlecht und ich entschloss mich, seiner Erzählung fürs erste zu lauschen. Immerhin wurde bist jetzt wenigstens ein Drache schon einmal erwähnt ...


„E-einst gab es einen jungen Berg“, sprach Karel weiter. „G-glühend vor Leben und voller T-temperament, wie es die geduldige Erde nur selten ist. U-und so lebendig wie es diese besondere Erde war, k-kam es schon bald, d-dass sie aus sich selbst ein L-leben schuf und es still in ihrem Inneren v-verwarte.“

„D-doch nicht nur in dem jungen Berg b-begann etwas Eigenes und Neues zu entstehen. Wo L-leben ist, f-findet auch anderes Leben hin. U-und obwohl der junge Berg i-in seinem Herzen v-vor Hitze und u-ungestümer Eigensinnigkeit n-nur so brodelte, m-machte sich das andere Leben d-dieser Welt daran, an s-seinen f-felsigen Flanken und Hängen h-heimisch zu werden. Eh er s-sich versah, befand sich der junge Berg i-inmitten zahlloser Arten v-von Pflanzen und Getier – und m-mitten unter diesen auch die M-menschen. U-und es waren die Menschen, die e-es als einzige verstanden, sich d-das reichhaltige Leben, w-welches sie besaßen und w-welches sie in jeder Form umgab, für s-sich nutzbar zu machen. E-ebenso waren es die Menschen, d-die den jungen Berg selbst z-zu ihrer neuen Heimstatt erkoren, ihre H-häuser in sein Gestein schlugen und s-seine Minerale für ihre Zwecke g-gebrauchten. Und sch-schließlich waren es auch die Menschen, d-denen der junge Berg das G-geheimnis um das n-neue Leben in seinem Herzen p-preisgab.“

„N-nie zuvor hatten die Menschen etwa Schöneres gesehen. D-der junge Berg offenbarte ihnen ein Geschöpf w-weit g-größer als die Menschen und ihr Wesen s-selbst. E-es war so t-temperamentvoll und heiß v-vor Leben, wie d-das glühende und zugleich feste Gestein, w-welchem es entstammte. Es schimmerte i-in den gleichen F-farben und war so wild darauf, sein L-leben in die Tat zu bringen, d-dass es seine w-weiten Schwingen aufspannte und sich, k-kaum dass die kleinen Menschen es erb-blickt hatten, um d-der grenzenlosen Freiheit Willen v-von dem jungen Berg erhob und mit feurigem Eifer und st-teineskalter Stärke in die Lüfte schwang.“

„D-die emsigen Menschen nannten dieses Geschöpf Der Drache. E-er war ihnen Schutzgeist und Inspiration zugleich und s-sie sahen voller Respekt und Ehrerbietung z-zu ihm auf. Zu d-diesem Wesen, w-welches dem feuerheißen Berg gleich G-generationen von ihnen überlebte und sie seit s-seinem Erscheinen fortwährend b-begleitete. Die Menschen v-vermehrten sich, s-sie starben, wurden geboren, z-zogen fort und zogen hinzu u-und sie lernten von dem Drachen, d-der wiederum von ihnen lernte. D-der junge Drache war fasziniert, w-wie schnell und kurz die M-menschen lebten und wie sie es d-dennoch schafften, sich ü-über ihre Generationen hinweg z-zu entwickeln, N-neues zu entdecken u-und zu verstehen. S-sogar das Feuer, welches d-dem Drachen wie auch dem jungen Berge sch-schon von Anbeginn zu eigen war, m-machten sie sich auf ihre eigene, mannigfaltige u-und ganz menschliche Art gefügig. Und s-so ergab es sich mit der l-langen, langen Zeit, dass sich der Drache i-in das vor j-jungem Leben und altem Geist nur so sprühende M-menschenvolk verliebte.“

„Irgendwann jedoch – n-nach unzähligen Jahren einer für u-ungestüme Erden nur kurzen Ruhe – e-ereilte den jungen Berg etwas, d-das alles auf dieser Welt in seiner J-jugend überfällt. E-es war der Wunsch nach W-wachstum und Veränderung. T-tief in seinem Zentrum spürte der junge Berg, w-wie es in ihm zog und drängte. E-er wollte plötzlich etwas tun, w-wachsen, s-sich erheben und b-begann seiner Natur zu folgen. E-er reckte u-und er streckte sich, s-sodass seine Hänge und Flanken erzitterten und alles L-leben mit ihnen.“

„E-erden und Berge brauchen Zeit u-und noch war nicht viel geschehen. Aber a-als ein Geschöpf des jungen B-berges aus Feuer und aus Stein ahnte d-der gereifte Drache, w-welch Unheil schon s-sehr bald passieren würde.“

D-dir wird nichts geschehen, versicherte der junge Berg d-dem bejahrten Drachenkind. D-du bist wie ich und aus dem g-gleichen Stoff gemacht. H-hast zwei Herzen – eines rot, heiß und f-fordern wie das Feuer und eines a-aus solidem kalten Stein – ein b-beseelendes Gleichgewicht aus jugendlichem Drang und l-langer, stetiger Dauer.

A-aber was ist mit dem Menschenvolk?, w-wandte der Drache in großer Sorge ein. E-es ist nicht dafür gemacht, d-dem Feuer stand zu halten.

Es w-wird wieder kommen, wenn s-sich das Feuer im Gestein beruhigt hat u-und ihre Vorfahren vergessen sind, e-erwiderte der junge Berg.“

S-sollen etwa all ihre Entdeckungen und Erkenntnisse verlorengehen, r-rief darauf der gesetzte Drache aufgebracht. Was wäre das für eine V-verschwendung!

M-menschen leben schnell. Menschen st-terben schnell. N-noch schneller aber neigen s-sie dazu, das Gewesene z-zu vergessen und d-dieses Vergessene unermüdlich v-von Neuem zu entdecken, sp-prach der Berg in seinem j-jugendlichen Leichtmut. D-du und ich hingegen, wir l-leben langsamer, sterben länger u-und wissen uns an das, w-was war, zu erinnern. W-wir sind es nicht, die i-in Verschwendung leben. J-jeder haben wir unsere Natur u-und es ist die Natur der Menschen nur f-flüchtig auf der Welt zu wandeln.

„D-da verstand der betagte Drache, d-dass in dem roten, heißen Herzen des jungen Berges ein g-ganz anderes Feuer brannte u-und dass sein solides Herz aus k-kaltem, dunklen Erz bestand, w-welches viel näher an d-der Ewigkeit pulsierte. D-dem entsprechend länger hatte der Berg zu wachsen, z-zu leben und irgendwann auch das Z-zeitliche zu segnen.“

„D-das rote Herz des Drachen allerdings h-hatte schon lange jeden Wunsch n-nach Veränderung verloren u-und sein hell schimmernd blaues Herz aus k-kaltem klaren Stein hatte die Führung in seinem Innern übernommen. D-der Drache war alt geworden. Als er j-jedoch zurück sah, a-auf sich und sein Leben, s-seine Taten und T-tatenlosigkeiten blickte, d-da wurde ihm gewahr, dass er im Vergleich zu den G-generationen von Menschen, die er überlebt u-und zugleich für ihr schaffen s-so bewundert hatte, w-weit weniger hinterließ, das man vergessen o-oder woran man sich erinnern konnte. I-ihn beschlich ein Gefühl, wie er es schon viel zu oft, b-bei alten Menschen gesehen hatte, d-die kurz vor ihrem Ableben bemerkten, d-dass die kurze Zeit ihres Lebens ihnen abhanden g-gekommen war, ohne dass sie wussten wofür.“

„D-der Drache hatte die Menschen beobachtet, v-von ihnen gelernt und mit ihnen gelernt. D-doch nun stellte er sich diese Frage. – W-wofür?“

„E-ein Hieb von Wehmut und wütendem Trotz d-durchfuhr sein rotes Herz und ließ es so kraftvoll wie sch-schon lange nicht mehr schlagen. U-und noch bevor der junge Berg seiner B-bestimmung folgen und sich mit laut berstendem und g-glühenden Gestein verändern konnte, k-kam der Drache ihm zuvor. E-ehe das rote, heiße Herz des Berges d-die Heimstatt der Menschen erfassen und a-all ihre Bewohner in Vergessenheit geraten ließ, sch-schenkte der Drache ihnen s-sein kaltes Herz a-aus altem, hartem Stein, w-welsches in stetigem b-blau gleißenden Schimmer jedweder n-noch so glühenden Veränderung des jungen Berges zu w-widerstehen vermochte. Anstatt d-den Lebensraum der Menschen zu zerstören, b-begann das geschmolzene G-gestein des jungen Berges d-diesen zu umschließen und St-tück für Stück in s-seine irdenen Tiefen hinabzuführen.“

„D-dort im Inneren des j-jungen Berges l-lebten sodann Menschen fort – s-so heißt es. I-im sanften Schimmerlicht und Schutz d-des auf lange Beständigkeit b-bedachten blauen Drachenherzens. V-von dem Drachen selbst sagt man, er h-habe sich mit seinem w-wieder leidenschaftlich heißen Herzen a-als einer der ihren u-unter das M-menschenvolk gemischt und g-gemeinsam mit ihm G-gewesenes bewahrt und E-erinnernswertes geschaffen. Und a-a-auch heißt es, d-die Menschen von einst l-lebten noch heut in diesem Berge, g-geschützt vorm schnellen Leben u-und fern ab des Selbstvergessens. G-gesehen unter andern Menschen h-hat man sie aber schon l-lang nicht mehr. – E-ende.“


Ich sah Karel an, so wie ich ihn die ganze Zeit lang angesehen hatte. Nicht ein einziges Mal hatte es von diesem Buch zu mir aufgeschaut. Doch nun endlich hob er seinen Kopf und er lächelte.

„U-und?“, fragte er.

„Das alles soll da wirklich drin gewesen sein?“ Ich musterte die aufgeschlagenen Buchseiten mit allerhöchster Skepsis. Genau wie die Papierseiten davor, waren auch diese mit kleinen schwarzen Zeichen nur so übersät. Das hatte ich die ganze Geschichte lang haargenau beobachtet. Keine Spur von irgendwelchen Bergen, Drachen oder auch nur einem Menschen. Da war gar nichts! – Dachte Karel etwa wirklich, dass ich mich so leicht hinters Licht führen ließ?

Nix da! Nicht mit mir. Geschichte, Drachen und Feuerberge gut und schön. Aber das alles in einem kleinen Buch und auf diesem Papier? – Ich wusste sehr wohl, was hier lief, und beschloss, Karel umgehend mit der bitteren Wahrheit und meinem scharfen Blick für das Wesentliche zu konfrontieren.

„Das hast du dir doch eben gerade ausgedacht!“

>> weiter mit Lektion 6 (Band 2) >>

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