Lektion 4 oder
Der vermeintliche Sinn des Lernens mit Papier

Tyrrin Hexenkater mitten im Papierkrieg„Na schau mal, was ich hier schönes habe ...“

Mein Assistent – sofern er dieses Titels überhaupt noch würdig war – baumelte doch tatsächlich mit etwas vor meiner Nase herum, das er soeben aus einem dieser Toilettenhäuser erstanden hatte. 

Offenkundig glaubte er allen Ernstes, dass er damit seine wie auch Karels grobe Unzulänglichkeit mir nichts, dir nichts überspielen konnte!

„Das hast du dir nur eingebildet“, hatte er gesagt. „Dinge, die in den Schatten sprechen, gibt es nicht“, hatte er gesagt. „Gib ruhig zu, dass du Angst im Dunkeln hast“, hat er gesagt. Und obendrein noch Karels beklommenes Gesicht, weil er mit Sicherheit ganz genau das Gleiche dachte und sich nur davor scheute, es mir gegenüber laut zu äußern ...


Was zum Kuckuck sollte dieses Herumgewedel mit diesem hässlich rosig-grauen Ding in seiner Hand?! Das machte mich noch ganz wuschig. – Na toll! Und zu allem Überfluss nahm sich mein – ehemaliger – Assistent auch noch so ein dünnes Metallstück zur Hand und machte dieses wurstartige Ding kaputt, sodass ...

Ich schnupperte.

„Na? – Komm, das magst du doch ...“

Da quoll etwas aus dieser äußerst fraglich gefärbten Wurst heraus. Es roch süßlich, aber würzig herb und einfach so ... Eh ich mich versah, stellte ich fest, dass mir das Wasser im Maul zusammenlief.

„J-joscha, s-sei vorsichtig. E-er g-guckt so m-m-merkwürdig“, jammerte Karel, der mich nur dank unserer zuvor getroffenen Abmachung zu unserer Unterkunft begleiten durfte.

„Was ist das?“, sagte ich knapp und auf meine Selbstbeherrschung bedacht. Der Duft, der von dieser sämigen Paste ausging machte mich gerade zu kirre.

„Möchtest du probieren?“ Joscha grinste.

Ich schwieg – und ergänzte dieses Schweigen mit einer höchst unbeeindruckten Geste, welche dieses fragliche Objekt meiner wachsenden Begierde mit größtmöglicher Verachtung strafte. So zumindest war der Plan ...

Joscha lachte laut auf.

Schön ... Vielleicht war mein Plan nicht ganz so ausgereift, wie ich es angenommen hatte.

Ich hatte nur noch Augen für dieses zähflüssige, schmackhaft schnuppernde Wunder …


Wie kam es, dass ich mich plötzlich in Karels Zimmer wiederfand? Noch dazu mit einem wohlig deftigen Geschmack auf der Zunge und Karel einen letzten Rest Paste vom Kragen leckend ...?

„Ich habe doch gesagt, dass ein bisschen Leberwurst die Sache wieder ins Lot bringt“, feixte Joscha, während er sich mit einem Tuch die Finger säuberte und es dann an Karel weiter reichte.

Was war geschehen?

Ich schrak zurück in eine aufrechte Position, sah zu Karel, der mich mit beunruhigter Erwartung beobachtete, schleckte mir links und rechts den gefühlten Rest der Wurstpaste aus dem Schnurrbart und sprang direkt von Karels Schulter aus auf meinen, ausschließlich mir eigenen Hochsitzplatz. Eigentlich hätte ich, dermaßen vollgefressen wie ich war, nichts lieber gemacht, als mich genau dort hingelegt und ein ausgiebiges Schläfchen gehalten. Allerdings erforderten die gegenwärtigen Umstände meine volle Aufmerksamkeit, weshalb ich mich bewusst aufrecht hielt und gerade hinsetzte.

Karel wischte sich mit dem Tuch über Hals und Gesicht und begann dann systematisch seine Kleidung damit abzurubbeln, wohingegen Joscha seine Arme in die Seite stemmte und selbstgefällig grinste.

„Für einen ersten Versuch an Informationen heranzukommen, war das doch gar nicht mal so schlecht“, sagte er schließlich. „Ich werde mich morgen auf den Weg zum Vermieter machen. Vielleicht kann der uns mehr sagen. – Du sagtest ja, dass du die Nase lieber in die Bücher stecken wolltest.“

Karel nickte. „D-die Prüfung b-beim Buschkopf.“

„Von dem hab ich schon gehört“, bekannte Joscha mit wehem Verständnis.

„Und was ist mit mir?“, reichte ich pflichtbewusst Beschwerde ein. „Ich will auch mit!“

„Meinst du wirklich, dass das angesichts der heutigen Ereignisse eine gute Idee ist?“, wandte Joscha ein. „Außerdem haben Vermieter sehr oft die Angewohnheit, eine Abneigung gegen Haustiere zu haben, weißt du? Na ja, und da Katzen im Allgemeinen nun einmal ...“

Ich neigte den Kopf verständnislos zur Seite. „Haustiere?“

„Ähm ... Wie wäre es, wenn du dir unterdessen von Karel diese Sache mit den Schriftzeichen und den geschriebenen Wörtern erklären lässt?“

„W-was?“

„Seine Bücher sind voll davon. Und bestimmt kannst du eine ganze Menge lernen, wenn Karel dir zeigt, wie das mit der Bedeutung geht.“

Ich leckte mir sorgfältig die Pfote, strich sie mir über den Bart und tat so, als ob ich einen Moment überlegte.

„Nein“, entschied ich dann. „Ich will mitkommen.“


Papier ... Was hatte dieser Mensch immer nur mit diesem Papier? Und woher hätte ich wissen sollen, dass dieser andere Mensch noch eine weitere Leberwurst in seiner Tasche zu verbergen hatte?!

Sie hatten mich nach Strich und Faden hereingelegt. Ja, genau. So richtig hinterhältig hereingelegt. – Mit einer Leberwurst! Dabei hatten sie genau gewusst, dass ich nie im Leben im Stande gewesen wäre, eine Leberwurst einfach so abzulehnen oder gar zu verschmähen ...

Also saß ich nun hier – vor einem riesigen Stapel Papier, der sich in mehrere mit buntem Papier zusammengebundene Blöcke gliederte. – Aber ich trug es mit Fassung.

Karel nannte diese bunten Blöcke aus mir unerfindlichen Gründen Bücher und neigte für gewöhnlich dazu, stundenlang über ihnen zu brüten, so denn ich ihm die Ruhe dafür ließ. Was ausgerechnet ich jetzt damit anfangen sollte oder wie dieser muffige Berg von Blättern mit diesen mir schleierhaften Symbolen und Zeichen der Menschen zusammenhingen, wollte mir partout nicht begreiflich werden.

Allerdings entdeckte ich spontan ein gewisses Zettelblatt, das sich eindeutig von dem Rest des Stapel absetzen wollte. Gut zur Hälfte hing es auf etwas mehr als meiner Augenhöhe aus den anderen Papieren ... Da!

Ich schlug danach.

Es hatte sich bewegt. Und nur um ganz sicher zu gehen, dass es seine Lektion gelernt hatte, schlug ich noch ein paar Mal mehr danach.

„W-was machst du da?“, erkundigte sich Karel, der soeben mit einem weiteren Papierstapel ins Zimmer kam.

„Es wollte flüchten“, erklärte ich nicht ganz ohne Stolz, „Ich habe es aufgehalten.“

„A-ach so.“ Er stellte den neuen Stapel neben den anderen und besah sich diesen frechen Papierflüchtling. Dann zog er ihn mit einem festen Ruck heraus und warf einen genaueren Blick darauf. „D-das ist nur ein Notiz von demjenigen, d-der das Buch zuvor a-ausgeliehen hatte.“

Anschließend zerknüllte er den Zettel mit einem lauten Rascheln und Knistern und warf ihn achtlos in den extra dafür vorgesehenen Papiereimer.

Ich sprang quer über den Tisch und direkt an seine Kante. Ich wollte den zur Rechenschaft gezogenen Übeltäter noch wenigstens eines rechtschaffenen Blickes würdigen. Obwohl, ich an Karels stelle hätte diesen beinah kugeligen Papierball gern für eine weitere Weile seine gerechte Strafe spüren lassen und ihn mindestens einige Male quer durch das Zimmer gescheucht. – Aber verstehe einer dieses Menschenvolk …

„W-was interessiert dich am meisten?“, sagte Karel in meinem Rücken.

Ich wandte mich um, sah ihn an. „Ich möchte wissen, wo Old Lady ist.“

„J-ja“, sprach er, „A-aber das meinte ich nicht. W-was oder worüber m-möchtest du sonst n-noch etwas wissen?“ Er legte seine Hand auf den größeren der beiden Papierstapel.

„Hm.“ Ich musterte diesen reichlich misstrauisch. „Wozu braucht man sowas?“

Karel lächelte bestätigt, hob seine Hand und senkte sie noch einmal auf diesen Stapel.

„D-das hier ist aufbewahrtes Wissen“, erklärte er. „B-bücher bringen uns bei, was wir noch nicht wissen.“

„Hm ...“, überlegte ich. „Old Lady hat mir alles beigebracht.“

„D-das mag sein ...“, räumte Karel ein. „A-aber auch Old Lady hatte ihr W-wissen z-zweifellos aus Büchern. O-oder wenigstens von e-einem Lehrer, d-der sie unterrichtet hat. U-u-und der hat bestimmt auch sein W-wissen aus B-büchern erlernt.“

„Was ist ein Lehrer?“, fragte ich.

„E-ein Lehrer ist jemand, d-der einem anderem etwas b-beibringt. S-so, wie Old Lady d-dir Dinge beigebracht hat.“

„Also ist Old Lady mein Lehrer“, verstand ich.

„D-deine Lehrerin. S-so nennt man die F-frauen, die unterrichten.“

„Ich verstehe“, sagte ich. „Man braucht kein Papier, wenn man einen Lehrer hat.“

„A-äh, n-nein“, erwiderte Karel und hob leicht überfordert seine Hände. „E-ein Lehrer g-gibt dir das Werkzeug, damit du lernen u-und verstehen kannst.“

„Hm ...“

„O-old Lady hat dich unsere Sp-prache gelehrt. D-diese Sprache ist das W-werkzeug, m-mit dem du mehr ü-über die Menschen u-und die Welt lernst.“

„Gut, dann lerne ich ab jetzt, indem ich nur noch spreche“, entschied ich mit siegessicherem Blick auf die beiden sichtlich eingeschüchterten Papierstapel.

„A-a-aber m-möchtest d-du d-denn g-gar nicht m-m-mehr wissen?“, bemerkte Karel plötzlich ganz erschüttert.

„Mehr wovon?“, fragte ich.

„N-nun, m-mehr von allem ...“

Ich beobachtete den Menschen einen Moment. „Ich verstehe“, sagte ich, wobei ich hoffte, dass er meine höflich verpackte Botschaft, dieses Thema endlich abzuschließen, richtig deutete.

Fehlanzeige. Denn jetzt sah Karel mich mit einer bedenklich erwartungsfrohen Miene an. Und ich wiederum hatte keinen Schimmer, was genau er nun wieder von mir erwartete. – Ich will ja nicht kleinlich sein, aber manchmal war die Verständigung mit diesem Menschen regelrecht zum Haareraufen ...

Da Übung glücklicherweise dann letztendlich doch noch so etwas wie einen Meister machte, beendete Karel nach einigen Minuten des unschlüssigen Einanderansehens eben dieses.

„D-du kannst aus Büchern a-auch ohne die Hilfe eines L-lehrers lernen, v-verstehst du?“, beharrte er auf diesem – für meinen Geschmack – schon mehr als nötig ausgedehnten Thema. „D-du könntest alleine lernen. O-ohne meine Hilfe ...“ Ich wurde hellhörig. „... D-du könntest mehr über die Welt erfahren, m-mehr über die Menschen, mehr über d-deinesgleichen. D-du könntest so leichter herausfinden, w-wo Old Lady sein könnte.“

Ich beobachtete ihn mit aufmerksamem Schweigen und ließ ihn fortfahren.

„W-weist du, Tyrrin. E-es gibt einfach zu viele Geschichten, d-die ein Mensch alleine g-gar nicht kennen kann. D-deshalb st-tehen sie in Büchern ...“

„Geschichten ...?“

„J-ja, Geschichten“, wiederholte Karel auf seine Erklärung versteift. „U-und wenn d-du sie ...“

„Die Bücher bestehen aus Geschichten?“

„J-ja ... S-so in etwa ...“

„Etwa auch Geschichten, in denen richtige Drachen vorkommen?“

>> weiter mit Lektion 5 (Band 2) >>

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