Lektion 3 oder
Wen-N

Ich hatte große Mühe und es brauchte ein gehöriges Maß an Konzentration, um die Zweifel an meinen eigenen Sinnen abzuschütteln. War da etwas? Hörte ich wirklich, was ich zu hören glaubte? Oder handelte es sich vielleicht doch nur um einen bizarren Traum?

Mit wem unterhält sich unser Tyrrin Hexenkater da im Dunkeln?

Es war schließlich mein Instinkt, der mich anhielt, meiner Wahrnehmung zu trauen, auch wenn meine Wahrnehmung lediglich aus einem Hauch von einem Geräusch bestand, das vielfach verstärkt vielleicht wie ein zaghaftes Kichern geklungen hätte. Aber nichtsdestotrotz, mein Instinkt sagte mir, dass es da war.


„Nun sag schon“, entschloss ich mich für die Flucht nach vorn. „Woher kennst du meinen Namen?!“

Da! Das Stimmchen kicherte erneut.

Ich sah mich um, sah bis auf eine monotone Dunkelheit allerdings nichts, dass auf jemanden in meiner Nähe hindeutete. So leise wie dieses Kichern war, musste es jedoch irgendwo aus meiner unmittelbaren Umgebung kommen.

„Schau hier hin“, rief das Stimmchen in seiner kaum wahrnehmbaren Art. Und es lachte wieder.

„Wo bist du?!“ Ich merkte, dass ich unbewusst eine leicht geduckte Haltung eingenommen hatte. Ich sah mich gezielter um, versuchte jede noch so kleine Regung, jeden winzigsten Kontrast – so es denn etwas derartiges gab – zu erkennen. Ich witterte. Aber der moderige Geruch, den die Kisten rings um mich verströmten, überdeckte jede nur denkbare dezente Spur.

„Schau genauer“, ermutigte mich das Stimmchen. Und das tat ich. Ich sah so gut und haargenau hin, wie ich es mir dir Finsternis erlaubte. Ich konzentrierte mich, war entschlossen.

Das Stimmchen brach in schallendes Gelächter aus. – Also, sofern man bei dieser kaum hörbaren Lautstärke überhaupt von schallend sprechen konnte. Die Art, wie dieses Stimmchen lachte, erkannte ich ich sofort. Es lachte mich aus – und konnte dabei kaum an sich halten.

„Wie du schielst!“, pfiff das Stimmchen in den höchsten Tönen und setzte sein Gelächter fort.

Aber, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Jungen und Mädchen, ein echter Hexenkater lässt sich von so etwas nicht beirren. Schon gar nicht, wenn er dabei ist, etwas herauszufinden, das nur den Wenigsten bekannt ist.

Ich sah noch genauer hin. Sah dort hin, woher diese fiepsenden Kicherlaute kamen. Ich atmete tief durch und versteifte mich darauf zu erkennen ...

Die Dunkelheit. Sie flackerte – oder verschwamm. So genau vermochte ich das nicht einzuordnen. Mir war plötzlich, als sähe ich durch ein kugelrundes Wasserglas, das unkontrolliert auf und ab wippte.

Aber Moment mal! Ich tat einen Schritt zurück und richtete meine Aufmerksamkeit nicht durch sondern auf dieses rundliche Gebilde aus einem Hauch von Nichts. Denn mehr war es ja auch wirklich nicht. – Na ja, sah man einmal davon ab, dass sich am unteren Ende dieses Schattens einer leicht schief geratenen Glaskugel je zwei dünne und nicht weniger halbwirkliche Ärmchen und Beinchen anschlossen.

Also, ich musste schon zugeben, dass diese anscheinend freilebende Sinnestäuschung – ließ man die exorbitant überdimensionierten Größe des Kopfes einmal außer Acht – durchaus eine gewisse Ähnlichkeit hatte mit ...

„Bist du ein Mensch?“, fragte ich.

Das Gelächter verstummte, womit auch die zappelige Auf- und Abbewegung des Kopfes ihr jähes Ende fand, was es mir wiederum nicht leichter machte, meinen neugewonnenen Gesprächspartner vor dem Rest der Düsternis zu unterscheiden.

„Seh', ich etwa so aus?!“, maßregelte mich das Stimmchen flüsternd leise, aber höchst pikiert.

„Du benutzt ihre Sprache und ...“ Ich blickte nur zur Kontrolle ein weiteres Mal in den Schatten „Oder bist du vielleicht ein kleiner Mensch? – Einer von diesen ... Wie heißen sie noch gleich ...?“

Nein“, versicherte das Stimmchen mir in einem Wort.

Ich schnaufte, zum einen etwas beleidigt, zum anderen ein kleines Stück enttäuscht über diese mangelnde Informationsbereitschaft. „Dann sag mir wenigstens, woher du meinen Namen kennst“, forderte ich maulig und prompt kicherte das Stimmchen wieder hübsch vergnügt.

„Ich könnte dir sagen, dass ich deinen Namen kenne, weil der nervöse Menschenjunge dich mit ihm benannt hat, kurz nachdem ihr dieses Haus betreten hattet.“ Es kicherte noch einmal und mir wurde klar, dass diese Sache mit dem eigenen Namen, den man nicht in die falschen Hände geben durfte – das hatte Old Lady mir unmissverständlich eingebläut –, sich über kurz oder lang schwieriger gestalten könnte, als ich es je anzunehmen gewagt hätte. Wenn ich wieder mit Karel in seiner Zimmerbuchte war, würde ich dringlichst ein ernstes Wörtchen mit ihm reden müssen. Es war auch immer dasselbe mit ihm ...

„Aber weißt du, Tyrrin“, fuhr das Stimmchen fort. „Tatsächlich kenne ich deinen Namen schon seit dem Tag, an dem du ihn bekommen hast.“ Wieder lachte es belustigt.

So, und nun war ich mir nicht ganz sicher, ob ich das Wesen richtig verstanden hatte, ob ich jetzt besser ein flaues Gefühl haben sollte oder ob unter Umständen sogar ein erbostes Schockiertsein angebracht war. Außerdem traf mich der Gedanke an Karels eventuelle Doch-Unschuld in dieser Namensfrage ausgesprochen unvorbereitet.

„Hä? – Oh, ich meine: Wie bitte?“

„Ich habe dich früher oft beobachtet“, erzählte das Stimmchen frech beschwingt. „Nun ja, jedenfalls bis du eines Tages aus diesem Haus gebracht worden bist.“

„Äh ... Ach ja ...?“, meinte ich weiterhin unsicher, was ich von diesen Informationen halten sollte. Glücklicherweise hatte Old Lady mir ein paar menschliche Gepflogenheiten für derartige Zwischenfälle im Zuge der menschliche Kommunikation beigebracht, die mir für diese – wenn auch recht menschenarme – Situation als nicht weniger angebracht erschienen.

„Und ... wie heißt du?“, fragte ich gemäß erlernter Vorgabe.

„Wen-N“, sagte das Stimmchen, womit der Nutzen besagter Vorgabe sich auch schon erschöpft hatte.

„Was wenn?“, erkundigte ich mich notgedrungen.

„Mein Name ist Wen-N“, gab mit das Stimmchen zu verstehen.

„Einfach nur Wen-N?“

„So ist es.“ Ich glaube, die unstete Erscheinung zwischen den Schatten nickte bestätigend.

Hah! Ab hier wusste ich wieder, was ich zu sagen hatte: „Das ist aber ein – interessanter Name.“

„Vielen Dank“, erwiderte Wen-N, „Es freut mich, dich endlich auch auf diese Weise kennenzulernen.“

Just in dem Moment fiel dann bei mir doch der Groschen und es gelang mir eins und eins, wie folgt, zu kombinieren: Wen-N war offenkundig schon vor mir hier gewesen. Und Wen-N war hier gewesen, während ich in diesem Haus bei Old Lady gelebt hatte. – Und Wen-N war auch hier gewesen, nachdem ich Old Lady ohne jedwede Zustimmung meinerseits verlassen hatte und bei diesem Karel-Menschen in seinem Einraumzimmer einquartiert worden war!

Das bedeutete, dass – wenn es irgendwo in der großen Weiten jemanden gab, der mir mehr über Old Ladys Verschwinden oder ihren Verbleib erzählen konnte – eigentlich nur Wen-N …


Ein grobes Poltern riss mich laut aus der Erkenntnis.

Die Schritte von Menschen und eine Tür sprang auf.

„E-entschuldigen Sie d-ie Unannehmlichk-keiten.“

„Und vielen Dank für die Adressdaten des Vermieters. Wir geben uns Mühe, Sie in nächster Zeit nach Möglichkeit nicht weiter zu behelligen.“

Joscha und Karel hatten Old Ladys ehemaliges Privatzimmer und den Barstadl-Mann darin verlassen.


Doch wo war ich stehen geblieben ...

„Wen-N, kannst du mir sagen, wo ich Old Lady finden kann?“

Anstelle einer zaghaften und kaum vernehmbaren Antwort donnerte mir das Rumpeln von mit Metallteilen gefüllten Kisten in den Ohren. Selbst wenn ich die nötige Konzentration aufgebracht hätte, um Wen-Ns Worte wahrzunehmen, hätte ich nicht mehr den aufmerksamen Geist gehabt, um deren Inhalt zu verarbeiten. Darüber hinaus war ich unter all dem Lärm nicht einmal in der Verfassung, Wen-Ns beinah komplett transparente Gestalt in den nun wieder durch und durch gleichförmig erscheinenden Schatten auszumachen. Und dann war da auf einmal auch noch dieses Licht – und ...

„Na schau mal, wen wir da haben“, grinste mich Joscha freudig an.

„T-Tyrrin“, ergänzte Karel sichtbar erleichtert.

Ich hingegen war mit dieser Situation beileibe nicht zufrieden. Nein! Und ganz bestimmt nicht ausgerechnet jetzt! Also machte ich auch ein mehr als überdeutlich offenes Geheimnis daraus.

Grimmig – und hier und da etwas verstaubt – sah ich die beiden Menschen an. Ich atmete einmal tief und sehr gut hörbar durch, setzte den unerbittlichsten Blick auf, den ich zu bieten hatte …

„Na toll! Nur wegen euch ist Wen-N jetzt weg!“

>> weiter mit Lektion 4 (Band 2) >>

Schon gewusst? ^_^

Den ersten Band des Tyrrin Hexenkater-Abenteuers "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^

Kommentare