Lektion 2 oder
Barstadl

„Möchten die Herren nun etwas kaufen oder nicht?“

„Ä-äh-em ...“

„Vielleicht ...“, fiel Joscha Karel rasch ins Wort. „Was genau gibt’s denn hier, ... Herr Barstadl?“

Da sitzt der Hexenkater nun im Dunkeln - Illustration von Mie Dettmann

Ich atmete ein paar Mal tief durch und beruhigte mich langsam. Auch wenn diese Kisten um mich herum einen eigenwilligen Geruch verströmten, war die Dunkelheit, die sie mir spendeten, eine wahre Wohltat. Außerdem bekam ich so die Gelegenheit, die drei Menschen bei ihrem Gespräch zu belauschen.


„Dies ist ein Eisenwarenhandel“, sagte der fremde Mensch kehlig knurrend. „Hier gibt es Eisenwaren.“ Der Mann klang nicht sonderlich erbaut über die Anwesenheit meiner Begleiter, geschweige denn geduldig.

„Oh“, erwiderte Joscha, „Das ist bestimmt sehr faszinierend ...“

„Hier gibt es Schrauben, Muttern, Nägel, Unterlegscheiben, Scharniere, Federn, Werkzeug und verschiedene Metallersatzteile.“

„D-das da ist e-ein s-sehr schöner B-b-bohrer.“

„Das ist ein Präzisionskompaktbohrgerät mit geschliffenen Faltstahlbohrelementen aus Marktland.“

„Das klingt wirklich nach einem sehr schönen Bohrer.“

„Darf ich ihn für die Herren einpacken?“, erkundigte sich der Fremde mit unfreundlicher Höflichkeit.


Was machten diese Menschen da?


„W-was i-ist da in den K-kisten?“, wechselte Karel schließlich das Thema.

„Feinmechanische Einzel- und Ersatzteile.“

„Dürfen wir sie uns etwas genauer ansehen, ... äh ... Herr Barstadl?“

Joscha machte vorsorglich einen zaghaften Schritt in meine Richtung.

„Suchen die Herren etwas Bestimmtes?“


Gut, sie vermittelten dem flüchtigen Betrachter eventuell den Eindruck einer Unterhaltung. Aber wenn man nur für einen Moment ein kleines bisschen genauer hinhörte, sagte keiner dieser drei Menschen, was er tatsächlich sagen wollte ...


Obwohl Joscha und Karel gerade nicht einen Laut von sich gaben, beschlich mich der Verdacht, dass sie just in diesem Augenblick versuchten, möglichst unschuldig und arglos auszusehen ...

„Wenn die Herren hier nichts kaufen wollen, nehmt gefälligst die Katze mit und verschwindet.“

... und allem Anschein nach waren die beiden darin nicht besonders glaubhaft.

„A-ä-ä-ähm ...“, versuchte Karel sich an einer kläglichen Ausflucht.

„Die Tür ist da, wenn ihr sie sucht“, räumte der Mann mit nachdrücklicher Ruhe ein.

„Nun, die Sache ist die, ... Herr ... Barstadl“, wandte Joscha ein. „Wir haben da noch ein kleines ... Problem mit unserem ... Kater ...“

Der Barstadl-Mann seufzte unwirsch und machte sich daran – wahrscheinlich in einem seiner Regale – herumzuwühlen.

„Irgendwo hier habe ich doch noch einen achtachsigen Winkelgriff mit hydraulischer Bedienungsvorrichtung ... Eigentlich ist er für die Wartung und Reinigung von schwer erreichbaren Engstellen gedacht. Aber für eine Katze sollte er nicht weniger geeignet sein.“

„A-a-aber ...“

„Nix da. Ihr stellt mir bestimmt nicht mein halbes Geschäft auf den Kopf. Ich erkenne Möchtegernhandwerker und mittellose Studenten, wenn ich sie sehe. – Man muss das kleine Biest unvorbereitet erwischen, bevor es spitzkriegt, was ihm blüht. Bei Ratten funktioniert es jedenfalls prächtig.“

Etwas polterte wie kleinteiliges Metall auf Holz.

„Himmel, was zum ... Was ist das?“

„E-e-eigentlich w-w-w-wollten w-wir n-n-n-nur ...“

„Keine Bange. Ich stelle den Herren die Dienstleistung in Rechnung“, sagte der Mann geschäftig und kam festen Schrittes auf mich zu.


Was zum Kuckuck passierte da draußen?! – Aber, wenn ich genauer darüber nachdachte ... Nein. So neugierig war ich nun auch wieder nicht, dass ich mir das zu allem Elend obendrein noch angucken musste. Stattdessen regte sich in mir dieses unbestimmte Gefühl, welches einen für gewöhnlich ereilt, wenn man nicht richtig zugehört hat und herausbekommen will, welche Frage einem das Gegenüber soeben gestellt hat.


Ich hörte ein blechernes Klappern, gefolgt von einem Quietschen, das mehrmals von einem lauten Klack-tsch! begleitet wurde und mit einem kräftigen Schnapp! ein jähes Ende fand.

„Also, da war sie nicht.“

Ein ratterndes Geräusch halte hinter den Kisten, zwischen denen ich hockte, entlang und endete mit einem giftigen Zischlaut.

Ich sah mich in meiner unmittelbaren Nähe um und prüfte, ob sich etwas verändert hatte. Aber da war nichts. Vielleicht war es aber auch nur zu dunkel.

„Herr, – Herr Barstadl“, mischte sich plötzlich Joscha ein. „Das ist doch nicht gefährlich, oder? – Also für den Kater, meine ich.“

„Das ist feinste Wertarbeit aus Marktland, junger Herr“, brummte der Barstadl in sein Tun vertieft. „Alles nur nach höchsten Sicherheitsstandards.“

„G-gilt d-das auch f-für d-denjenigen am v-vorderen Ende?“


Da schon wieder!


Klack-tsch! Klack-tsch! Klack-tsch! Klack-tsch! Klack-tsch!

„Duck dich!“, pfiff mir ein dünnes Stimmchen direkt ins Ohr.

Ich ging in Deckung. Und kaum lag ich so flach wie nur irgend möglich auf dem Boden, erklang bereits das nächste Klack-tsch! und ich spürte, dass etwas flüchtig meinen Rücken streifte.

Und nochmal. Klack-tsch! Klack-tsch! – Schnapp!

Was war das?! Ich wollte mich umsehen ...

„Bleib unten, Tyrrin“, flüsterte es mir erneut, nur diesmal in mein anderes Ohr.

„N ... hach! Schon wieder nichts“, hörte ich den Barstadl murren.

Was immer an mir vorbei gerauscht war, hatte mich noch nicht ganz passiert. Über mir und hinter meinem Rücken knatterte und ratterte es von Neuem. Es wurde lauter, glitt mit einem ruppigen Luftzug an mir vorbei und entfernte sich in die Richtung, aus welcher es ursprünglich gekommen war.


Das reichte mir.


Ich sprang auf, fauchte und schlug einige Male mit meiner Pfote nach ... Ja, nach diesem Ding eben. Was es auch war, es hatte es verdient – selbst wenn es nicht mehr da war.

„Was treibt ihr da?!“, rief ich erbost in die Außenwelt. „Wo ist Old Lady?! Was habt ihr Menschen mit ihr angestellt?!“

„Was ...? – Wer ...?“ Etwas Metallisches wurde verwundert auf den Boden abgelegt.

„D-das i-ist s-sein Frauchen“, erklärte Karel.

„Die Dame hatte vor Ihnen dieses Geschäft gemietet“, fügte Joscha hinzu. „Ist sie Ihnen vor Ihrem Einzug vielleicht begegnet? Oder ist Ihnen bekannt, wo sie hin wollte? – Um ehrlich zu sein ... Wir sind eigentlich nur wegen dieser Auskunft hier hergekommen.“

„A ... Ach so ...“ Der Barstadl klang etwas abwesend. „Wenn das so ist ... Womöglich sollten sich die Herren lieber an den Herrn Vermieter wenden ... Die Katze ... Die Katze, sie hat ...“

„Herr Barstadl, ich denke, wir trinken jetzt erst einmal einen schönen Tee.“

„U-und v-v-vielen D-dank für d-die Auskunft.“


Es polterte benommen und unbeholfen. Anscheinend waren Karel und Joscha mit dem Barstadl-Mann in Old Ladys ehemaliges Privatzimmer verschwunden. Doch auch wenn ich nicht recht wusste, was nun wieder ein Vermieter war, beschloss ich den Menschen vorerst nicht zu folgen. Ich würde mir später einfach alle notwendigen Details von Joscha berichten lassen. Wozu sonst hatte ich einen Assistenten?

Unterdessen nutzte ich meine neu gewonnene Abgeschiedenheit in der Finsternis, um mir über einige Dinge klar zu werden.

Wohin konnte Old Lady nur verschwunden sein?

Und während ich so über meine Pläne nachsann und die beruhigende Eintönigkeit der Schatten unbestimmt betrachtete, bemerkte ich, dass sich genau dort, wo bis auf tiefste Schwärze nichts sein sollte, etwas tat.

Mir fiel wieder dieses Stimmchen ein. Oder, war es doch nur meine Einbildung gewesen? Aber dann erinnerte ich mich an seine Worte ... Ganz gleich ob Trugbild oder nicht, es gab da eine Frage, die mir auf den Lippen brannte und deren Antwort mir wahrscheinlich nicht sonderlich behagen würde.
„Woher kennst du meinen Namen?“, rief ich in die unbewegte Dunkelheit.


Jemand lachte leise.

>> weiter mit Lektion 3 (Band 2) >>

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