Lektion 40 oder
Entschuldigung

Also, ich bin ja nicht nachtragend. Zumindest nicht ohne guten Grund und nicht länger, als es die allgemeine Etikette gestatten würde. Karel war nun einmal ein Sonderling und es war an mir, trotz meines zarten Alters von nur einigen Monaten charakterliche Größe zu zeigen.


Nachdem ich Karel mit einer angemessenen Zeit des Schweigens gestraft hatte ... – Nicht, dass dieser Umstand irgendwie mit der viel länger als angekündigt anhaltenden Wirkung des Schmatzkrötensekrets auf meiner Zunge zusammenhing oder gar damit, dass ich keine Lust verspürte, Karel – oder sonst einem Menschen – in aller Peinlichkeit zu erklären, wie es denn dorthin gekommen war ...

Aber wo war ich? ... Ach ja, nachdem ich Karel die ganze Nacht lang mit ausdrucksvollem Anschweigen ein schlechtes Gewissen gemacht und er mir mein Kissen, meine Sandkiste und etwas abgestandenes Futter mit der Begründung Kantine in seiner mir wohl vertrauten Zimmerbude zurechtgemacht hatte, übte ich mich in Nachsicht. Das heißt, hätte er nach seinem Erwachen in den späteren Morgenstunden eine Unterhaltung führen wollen, hätte ich mit Sicherheit geantwortet. Allerdings war Karel nicht besonders gut in solchen Sachen, sodass schließlich wir beide schwiegen. Doch wir taten dies einander tolerierend. Nach all der Aufregung war es für das Erste sogar durchaus angenehm.


Karel machte gerade seinen Kram mit diesem verdächtig raschelig knisterndem Zettelzeug auf seinem Tisch. Ich hatte die Fensterbank annektiert und sah hinaus, versunken in die verschiedensten Gedanken zu Old Lady, Karel und meinem nächsten Fluchtversuch.

Ja, genau, ich hatte meine Rückkehr zu Old Lady noch lange nicht aufgegeben. Im Gegenteil. Ich hatte bei meinem Ausflug in die Burschenschaft einiges gelernt. Zum Beispiel wusste ich jetzt, dass die Dinge, die ich durch ein Fenster sah, nicht allein der Beleuchtung oder gar der Unterhaltung dienten. Ein Fenster war eine durchsichtige Wand, die mir den Blick nach draußen bot. Schon bei meinem Ausbruch aus diesem Raum ins Freie war mir dieses überall verteilte Grünzeug verdächtig bekannt vorgekommen. Kein Wunder, denn alles, was ich die Tage zuvor durch das Fenster beobachtet hatte, war ja die weite Welt da draußen gewesen. Und jetzt sah ich sie wieder vor mir. Die vielen grünen Flächen und kugeligen Gebilde, die großen rotbraunen oder hellgrauen Blöcke, das weite manchmal weiß durchzogene Blau oder Grau darüber. Und all die Bewegung. Da waren Punkte, die zu fliegenden Wesen anwuchsen, und diese kleinen Menschenfiguren, die sich auf hellen, braungrauen Streifen zwischen dem Grünzeug tummelten.

Hätte ich das nur früher gewusst. Die große, weite Welt lag vor mir und Old Lady musste irgendwo dort zu finden sein. Ich nahm mir vor, die Suche nach ihr bei meiner nächsten Flucht besser anzustellen – weniger kopflos und mehr mit Rücksicht auf meine Orientierung. Apropos ...


„Wo ist die Burschenschaft?“, wandte ich mich an Karel, welchem vor Schreck sogleich der ständig alles mit Linien bekleckernde Holzstab aus der Hand fiel.

„W-w-was?“ Er sah mich überfordert an. „D-du sprichst ja w-wieder.“

„Ich möchte wissen, wo die Burschenschaft ist“, präzisierte ich in aller Höflichkeit und blickte bedeutend durch das Fenster. Karel sprang übereifrig auf, brachte jede Menge Zeug auf seinem Tisch zum Rascheln und beugte sich zu mir an die Scheibe vor.

„D-dort drüben“, sprach er und zeigte auf einen mit vielen grauen Elementen versehenen Block auf der gegenüber liegenden rechten Seite hinter dem Grünzeug.

„Verstehe“, sprach ich und merkte mir diese Information vorsorglich für meinen nächsten Fluchtplan.

„Sch-schau mal! Joscha i-ist da unten“, rief Karel in zurückhaltender Freude, die plötzlich in ahnende Besorgnis umschlug. „A-aber w-was ...?“

„Mein Gastgeber?“, erkundigte ich mich und begann die vielen kleinen Menschen nach ihm durchzusehen. Ich entdeckte ihn und verstand sofort, was Karel so besorgte.

„Das ist meins!“, rief ich protestierend.

Mein Gastgeber – oder Joscha, wie er unter seinesgleichen wohl genannt wurde – trug mein und ihn um mehrere Kopflängen überragendes Spiel-Spaß-und-Freude-Kletter-Ding auf seinem Rücken. Er kam näher. Und dann war er verschwunden!

„D-dein was?“ Karel betrachtete mich, als verstünde er die Welt nicht mehr.

„Warum hat er das?“, fragte ich so aufgeregt wie vorwurfsvoll.

„A-äh“, erwiderte Karel, lehnte sich dann aber doch lieber erneut an das Fenster heran. Ich tat es ihm gleich.

„Wo ist er hin? – Das ist doch meins!“, zeterte ich und stiefelte dabei das Fensterbrett auf und ab und um Karel herum, während dieser sich kopfschüttelnd immer näher an die Scheibe drückte.


Es klopfte.

Beide hielten wir mit dem, was wir taten, inne.

„Ist er das?“

Es klopfte noch einmal.

„J-ja!“, rief Karel und eilte zur Zimmertür. Kaum war diese nur einen Spalt breit offen, drängelte sich auch schon eine mit weichem Stoff bespannte Sitzplatte, gefolgt von einem mit hellem Bast umwickeltem Gestänge und weiteren Platten sowie Gestängeteilen in den Raum hinein.

„Entschuldige, dass ich dich so überfahre, Karel. Das Ding ist verdammt unhandlich und schwer.“

Das war mein Gastgeber! Dort, irgendwo unter dem ganzen Bast, Stoff und Gestänge-Sitzplatten-Gerüst!

Mühselig keuchend trug er mein Spaß-Spiel-und-Freuden-Spektakel aus der Burschenschaft – oder zumindest einen Teil davon – in unsere kleine Zimmerbuchte.

„Da vorne steht es bestimmt hervorragend“, schnaufte Joscha.

Karel war zu perplex, um etwas auf das, was hier geschah, zu antworten. Er schloss langsam die Tür – wortlos.

„W-was ...?“, fing er sich endlich, sobald das fragwürdige Gebilde zwischen Bett und Tisch direkt am Fenster Aufstellung bezogen hatte. Ich traute meinen Augen nicht.

„Ein Katzenbaum“, keuchte Joscha grinsend. „Eine Entschuldigung, für die entstandenen Unannehmlichkeiten der vergangenen Tage.“ Er zwinkerte mir zu. „Nur zu“, sprach er mich an und klopfte auffordern mit der flachen Hand auf eine der brusthohen Sitzflächen.

Ich ließ mich nicht noch einmal bitten. Also sprang ich mit einem adretten Satz mitten in das noch nach der Burschenschaft schnuppernde Gerüst hinein und ging auf Entdeckungstour.

„Es mag sein, dass ich sie nicht davon abhalten kann, diese dämlichen Rituale zu ehren einer Kröte abzuhalten“, sagte Joscha. „Aber ich werde dafür sorgen, dass dieses Mistvieh so schnell keine Katze auf den Tisch mehr bekommt. Wie es heißt, ist der Kamin im Wartezimmer leicht außer Kontrolle geraten ...“ Er hob unschuldig die Schultern. „Tja,  und dies hier ist das einzige Stück, das auf wundersame Weise in einem verwertbaren Zustand geblieben ist.“

„A-aber“, bemühte Karel sich um einen Einwand.

„Karel, hab dich nicht so.“ Joscha schlug ihm locker auf die Schulter. „Das gehört zur artgerechten Katzenhaltung. Im Grauen Weiher hat man sich Jahrzehnte lang sehr ausgiebig damit beschäftigt – zwecks Stressvermeidung und so ...“

Karel betrachte ihn ohne jeden Funken Verständnis.


Ich hingegen steckte gerade in einer überfürsorglich weich gepolsterten Mulde fest und versuchte mich mit einiger Mühe aus ihr herauszuwinden.


„Doch reden wir nicht weiter darüber“, tat Joscha Karels Unverständnis mit geschäftiger Dringlichkeit ab, wobei er aus seiner Umhängetasche ein graues, laut knisterndes Flatterblatt hervorzog und es mit ein paar geübten Handgriffen zu einer erstaunlichen Größe entfaltete.

„Die Zeitung von heute“, sagte er und zeigte für Karel sichtbar auf eine besondere Stelle dieses raschelnden Materials.

„D-der Gemeindevorsitzende v-von Altw-wald ist z-zurück get-t-treten“, las Karel halblaut ab. Anschließend fiel sein befürchtender Blick auf Joscha. „S-soll d-das heißen, d-dass das, w-was g-gestern Ab-bend a-angew-wiesen wurde, h-heut sch-schon p-p-p-passiert ist?“


Ich war wieder frei! Und ich hatte sogar den Angriff eines ungestüm umherbaumelnden Plüschbällchens nach einer erbitterten Rangelei und einem Beinahe-Absturz erfolgreich niedergeschlagen! Nur eine knappe Nasenlänge trennte mich von dem, was ich im Moment mit Abstand am unerbittlichsten begehrte ...


„So ist es“, bestätigte Joscha ernst. „Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wieder etwas Ähnliches geschehen wird.“ Er kam Karel verschwörend nahe. „Wir müssen mit äußerster Vorsicht und größtem Bedacht vorgehen, wenn wir den Grauen Weiher in seine Schranken weisen wollen. Andernfalls sind wir die Nächsten, die als Schlagzeile in der Zeitung erscheinen.“

„W-w-wir?“


Da war ich nun. Ganz oben.

Ich sah alles. Die Welt da draußen und das Zimmer mit den beiden Menschen darin. Das hier würde er sein, so lange ich gezwungen war, an diesem Ort zu bleiben. Ja, er war es: Mein Platz.


„Ich habe mir ein Zimmer in diesem Wohnheim besorgt. Es befindet sich am anderen Ende des Korridors, gleich auf dieser Etage“, setzte Joscha die Erklärung seiner Pläne fort.


Ich beobachtete ihn und Karel.


„Es wäre zu gefährlich, weiterhin in der Burschenschaft zu wohnen.“
„Ge-gefährlich?“


Doch. Zum Beobachten eignete sich mein neuer, alter Platz hervorragend. Aber wo waren meine Manieren ...


„Vielen Dank“, sagte ich. „Ich nehme die Entschuldigung an.“

Und dann war es still.

Vermutlich lag es daran, dass Joscha aufgehört hatte, unentwegt auf Karel einzureden. Stattdessen stand ihm nun der Mund halb offen – und er sah mich an.

„T-tyrrin i-ist e-etwas ...“, bemühte sich Karel um ein paar begründende Worte.

„Mein Onkel hatte recht,“ unterbrach ihn der junge blonde Menschenmann in abwesender Stimmlage. „Die Zeremonie. Man weiß nie, was sie tatsächlich bewirkt, wenn man sie verändert ...“

„Oh, n-nein“, widersprach Karel. „D-der w-war schon i-immer so. E-er hat das b-bei d-der K-k-k-kräuterfrau ge-gelernt.“

„Sie heißt Old Lady!“, berichtigte ich.

„S-sie hat mir T-tyrrin a-anvertraut, be-bevor sie v-v-verschwunden ist.“

„Sie ist verschwunden?!“, rief ich mit einem Mal besorgt und überfordert von dieser Neuigkeit.
Joscha betrachtete erst Karel und dann mich.

„Eine Frau, die Katzen das Sprechen beibringt?“, raunte er. Sein Ausdruck war inzwischen gänzlich frei von der anfänglichen Verblüffung. Im war überdeutlich anzusehen, dass er jetzt eins und eins und noch mehr zusammen zählte. „Meint ihr, Old Lady könnte uns helfen, dem Grauen Weiher seine Kraft zu nehmen?“

„Old Lady weiß alles!“, verkündete ich – mehr aus Sorge als aus handfester Überzeugung. Wohingegen sich Karel lediglich ein unbestimmtes „Ähä-äm ...“ abrang.

Joscha lächelte mit Gewissheit.

„Wenn dem so ist“, sagte er, „dann sollten wir sie besser sehr bald finden.“

Ende Band 1

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