Lektion 39 oder
Das Bewährte

Damit hatten sie wohl nicht gerechnet ...
Warum? ... Wieso? ... Heheh! – Nicht schon wieder ...

Ein Beutel! In einen BEU-TEL hatte er mich gesteckt!

Und ... und dann gehörte dieser Beutel auch noch Karel!


Ich war verwirrt. Und das lag noch nicht einmal daran, dass sämtliche Hutmenschenmänner um mich herum ihre Hüte abgenommen hatten und nun in bizarr hohen Tönen quietschten oder „Ein Frosch!“, „Pfui!“, „Igitt!“ oder „Was ist das?!“ kreischten.

Warum hatte mein Gastgeber mir so etwas angetan? Erst hatte er mich aus diesem durchsichtigen Verschlag befreit und dann wie ein Stück Wäsche und der Bemerkung „Pass darauf auf, und nicht entkommen lassen!“ dem völlig verdatterten Karelmenschen in die Hände gedrückt. Zu meinem Glück im Unglück war der Beutel nicht besonders groß, sodass ich mich unter Zuhilfenahme meiner Klauen und Krallen zurechtrücken und wenigstens den Kopf aus diesem Leinensackgebilde stecken konnte.

Tja, und das Schauspiel, welches sich mir sogleich bot – also, es war schon irgendwie drollig. Mein Gastgeber hatte sich neuerlich an der Vorrichtung in dem Tisch zu schaffen gemacht. Brunert chrjobte aufgeregt irgendwelche Sachen vor sich hin, die ziemlich viel mit Notdurft und wohl den entsprechenden menschlichen Körperteilen zu tun hatten. Der nun hutlose Zeremonienhutmensch sagte kalt, streng und sehr nachdrücklich solche Dinge, wie „Herr von Hegenberg. HERR VON HEGENBERG. JOSCHA!“. Ich vermutete mal, dass er damit meinen Gastgeber ansprach.

Nun, und was die anderen – ehemals – Hutmenschen anging, ich schätze, sie beobachteten genau wie ich, was als Nächstes passieren würde – zumindest so lange, bis es dann passierte.

Kaum hatte mein Gastgeber die durchlöcherte Holzplatte aus dem Glaszylinder gelöst, stand der rot-schwarz-grün gesprenkelte Schmatzkröterich mit ihm auf Augenhöhe in der Luft. Der junge Menschenmann schrak still zurück, noch ehe Brunert in seinem Sprung an Höhe verlor. Doch sobald der Kröterich patschend das dunkle Holz der Tischplatte berührt hatte, um Kraft für seinen nächsten Sprung zu sammeln, brach unter den umstehenden Menschenmännern ein schockiertes Zetern und Gekreische aus – liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen, oh, es schallte mir nur so in den Ohren. Aber es wurde etliche Male lauter, als Brunert sich voran bewegte, runter vom Tisch und Richtung Ausgang.

Eben noch so gut wie auf der Flucht – einige hatten es tatsächlich aus dem Raum geschafft – tat sich nun eine Gasse in der Gruppe von Menschen auf. Mit schnellen Hüpfern hastete der Kröterich an Karel und mir vorbei, durch das Spalier hindurch und aus dem Zimmer.

Mein Gastgeber rief, „Hinterher!“

Es dauerte eine, vielleicht zwei Sekunden des Abwägens, bis die Menschengruppe dieser Anweisung folgte. Aber nicht einmal eine viertel Minute später war der Raum völlig menschenleer. Eilige Laufschritte hasteten die ferne Treppe im Gang hinauf. Zurückgeblieben waren nur mein Gastgeber, der Zeremonienhutmensch und meine Wenigkeit auf dem Arm von Karel.


„Ich gehe davon aus, du hast jetzt, was du wolltest?“, sagte der ältere Zeremonienhutmensch stählern und erfahren ruhig.

„Hast du gesehen, was ich meine?“, erwiderte mein Gastgeber vor Aufregung lauter als beabsichtigt.

„Ich habe gesehen, dass die Zeremonie auf sehr kindische Art sabotiert wurde und ihr dabei eine Abscheulichkeit entsprungen ist.“ Der Zeremonienhutmensch ohne Hut schloss das Buch, aus welchem er während der Zeremonie gelesen hatte, und legte es auf den Tisch. Dann sah er meinen Gastgeber erforschend an. „Sei froh, dass es nur so weit und nicht schlimmer gekommen ist. Man weiß nie, was diese alten Rituale bewirken können, wenn sie unbedacht verändert werden.“ Er sprach mit meinem Gastgeber gewissermaßen familiär vertraut, ja, wie mit einem Familienmitglied, das es trotz aller Blutbande zu belehren galt und welches dennoch verstehen sollte.

„Aber es ist genau dasselbe passiert wie immer“, beharrte der junge Mann. „Und das, obwohl ich die Tonfolge verändert habe.“ Mein Gastgeber schnaufte abfällig. „Selbst dieser Geist unserer Ahnenbrüder klang genau wie jedes andere Mal davor. Er hatte sogar den gleichen blöden Sprachfehler. – Ich sage dir, Onkel, dieses Krötenwesen hockt in dem Apparat und trifft Entscheidungen, die wir selbst in die Hand nehmen sollten. Wie kommt dieses Vieh dort überhaupt hinein? Ich meine, es hat eine eigene in den Tisch eingebaute Vorrichtung!“ Mein Gastgeber zeigte auf die mit dem Tisch verbundene Apparatur.

„Es ist ein Auffangbehälter für die anfallenden Flüssigkeiten“, erklärte der Zeremonienhutmensch nüchtern. „Diese Vorrichtung gab es schon, als ich dem Grauen Weiher beigetreten bin. Sie soll schlicht und einfach die Ästhetik des Rituals wahren. Im Übrigen hatte der Geist schon damals diesen Sprachfehler – wie du es nennst. Und das ist gute dreißig Jahre her. Keine Kröte, egal wie begabt sie ist, bleibt dermaßen lange am Leben.“

„Du willst es einfach nicht hinterfragen“, stellte mein Gastgeber bitter fest.

„Weil es eine sabotierte Zeremonie war, die alles Mögliche hätte bewirken können“, widersprach der ernste Menschenmann. „Und jetzt sag den Jungen, dass sie die Suche nach diesem Unfall beenden und sich zur Nachtruhe begeben sollen.“

Dann sah er plötzlich zu mir – beziehungsweise zu Karel. „Du wirst kein Mitglied des Grauen Weihers, Junge. Dieser Bund lebt von dem Zusammenhalt seiner Brüder. Doch bis auf meinen launischen Neffen würde wahrscheinlich niemand sonst auch nur einen Tag lang zu dir halten. – Die Katze kannst du behalten, wenn du willst.“

Der Zeremonienhutmensch schickte sich an zu gehen und ich bemerkte, wie mein Gastgeber, wütend die Fäuste ballte. Da hörte ich, dass Karel hinter meinem Rücken einmal tief durchatmete ...

„A-aber das i-ist m-mein Kater!“, rief er dem Menschenmann überraschend selbstsicher hinterher.

Er sprach doch nicht etwas von mir? Ich hielt es plötzlich für zwingend erforderlich, gegen diese Anmaßung zu protestieren.

„Ngnia!“

Leider wirkte Brunerts Schmatzkrötensekret immer noch und lähmte mir die Zunge.

>> weiter mit Lektion 40 (Band 1) >>

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