Lektion 38 oder
Ungnade

Da hilft auch kein Zetern. Die Ungnade des Tyrrin Hexenkate ist unerbittlich.
Es half ihm auch nichts, wenn er mit dem Finger auf mich zeigte! Ich hatte langsam aber sicher die Nase voll von diesem Hutmenschen. Andauernd redete er in einer unverständlichen Spezialsprache, ließ es zu, dass ich in Taschen gesteckt oder mit Schuhen beworfen wurde – und jetzt das.


Nein, ich wollte diesen Karelmenschen nicht mehr sehen. Also drehte ich mich so ungnädig, wie es ich es in diesem beengten Klarsichtzylinder nur konnte, von ihm weg. Sollte er doch in aller Ruhe mein Hinterteil betrachten und sein „D-d-d-das i-i-ist m-m-mein ...“ vor seinen Kameraden getrost dahin plappern. Mit mir nicht mehr! Kaum zu glauben, dass mir dieser eigenartige Hutmensch unter all diesen anderen Hutmenschen auch nur ein klein wenig gefehlt hatte ...

Jemand gab ein zischendes Geräusch von sich, worauf ich vernahm, wie Karel sich beruhigte. Der ältere in Robe und Schmuck gekleidete Hutmensch betrachtete das Treiben hinter mir mit abgekühlter Fassung. Schließlich nickte er jemandem zu und setzte zu einer neuerlichen Ansprache an.

„Ahnen des Grauen Weihers“, sagte er mit blecherner Strenge. „Seht, wer euch um Rat und Weisung fragt. Leitet uns, eure jungen Brüder, und jene, die es werden wollen. Geleitet uns. Betraut uns. Empfangt uns. Wir stehen in eurer Pflicht und zahlen für das, was zu tun sein wird mit unserem heißen Blute.“

Dann trat der – ich nenne ihn der Einfachheit halber einmal – Zeremonienhutmensch vor und an meine Tisch-Behälter-Apparatur heran, griff mit der rechten Hand an deren Randkante und drückte die Kuppe seines Zeigefingers geübt, aber demonstrativ langsam in eine der dort aufgereihten, feinen dunklen Nadeln.

Es roch nach Blut. Brunert geriet in ein leises erregtes Knurren, das mein letztes bisschen innerer Ruhe verfliegen ließ.

Doch das war erst der halbe Spaß. Zu allem Überfluss taten es die anderen Menschen mit Hut dem Zeremonienhutmenschen in gleicher Weise nach – nur vielleicht ein wenig schneller. Hinter meinem Rücken hörte ich Karel beunruhigt etwas stammeln. Es gab anscheinend eine Rangelei, die jedoch ein rasches Ende fand, als Karel mit einem gezischten „A-a-au!“ dann endlich doch klein beigab.

Der ganze Raum war nun von einem süßlich metallischen Geruch erfüllt, was diese Hutmenschen allerdings nicht weiter zu stören schien. Um ehrlich zu sein, hatte ich sogar den Eindruck, dass sie den Geruch, ja, die Atmosphäre, die sie hier in wenigen Minuten geschaffen hatten, gar nicht wahrnahmen.

Der Zeremonienhutmensch nickte wieder jemandem zu und zu meiner Linken öffnete sich in der Gruppe ein Spalier, der mir den Blick auf eine Kommode mit einem eigenartigen Kasten darauf preisgab. Dieser Kasten war aus Holz, so viel konnte ich sehen. Merkwürdig waren allerdings diese zehn nebeneinander aufgelegten Metallplatten. Doch dann versperrte mir wieder so ein Hutmensch die Sicht. Er hielt in einer Hand einen langen, dünnen Stock mit einem kleinen, stoffüberzogenen Ball am oberen Ende. Ein komisches Spielzeug ...

„Wir bekennen uns“, rief der Zeremonienhutmensch laut, aber absolut leidenschaftslos. „Unser Selbst ist eins mit dem Grauen Weiher. Es ist an der Zeit. Wir lassen die Stimmen des Grauen Weihers ehrfürchtig in diesen Hallen erklingen!“


BLING! PLANG! BLUNG! PLENG! PLONG! BLONG! PLUNG! BLANG! BLENG! PLING!

Kraftvoll hatte der Hutmensch mit dem Stock auf den Kasten mit den Platten draufgehauen. Aber so raumgreifend das klingende Ergebnis auch gewesen war, die fürchterlich erhabene Stimmung wichtigen Geschehens war dahin. Stattdessen erfüllten nun Schuld, ahnende Anspannung und unschuldige Verwirrung den Zeremonienraum.

„Naaach-ein-an-der“, flüsterte jemand, während der Stock bewehrte Hutmensch verzweifelt und nach Hilfe suchend um sich blickte – und schließlich an sich selbst in höchstem Maße zweifelnd zur Wiedergutmachung ausholte.

BLING! PLANG! BLUNG! PLENG! PLONG! BLONG! PLUNG! BLANG! BLENG! PLING!


Es half nichts.

Etwas stimmte nicht, so viel hatte selbst ich begriffen – zumal mir die melodisch absteigende Klangfolge, die mein Gastgeber Brunert und mir bei seinem einsamen Besuch dargeboten hatte, in der Tat eher zusagte.

Auf der Suche nach einer Erklärung sah ich zu meinem Gastgeber herüber. Er stand gleich neben Karel, der sich mit seiner irritierten Miene nahtlos in die Hutmenschenallgemeinheit einpasste.

Mein Gastgeber jedoch ... Er lächelte. Es war kein breites oder gar offensichtliches Grinsen. Es war eine in diesem Durcheinander kaum wahrnehmbare Geste der Verschlagenheit und Schadenfreude.
Ich wandte mich um, damit ich sehen konnte, wem dieser Ausdruck galt ...

Wie es sich zeigte, fiel meine Wahl rasch auf den Zeremonienhutmenschen. Die eiserne Missbilligung in seinen Augen sprach Bände.


„Chrjob, chrjob. Es steht der Graue Weiher, chrjob. Denn Weiher leben und sie fließen nicht. Chrjob!“

Das war Brunert. Aber obwohl er nicht anders klang als sonst, außer vielleicht etwas lauter, hatten seine Worte eine unerwartet nachdrückliche Wirkung. Ich sah den Hutmenschen an, dass sie nun – hier und da sehr erleichtert – dem Schmatzen dieser Kröte lauschten.

„Chrjob. So nehmt dieses Mal unsere Worte an“, fuhr Brunert fort.

Ich wollte einen Blick zu ihm hinab werfen, um ihn besser einzuschätzen. Doch die Umgebung war zu hell, als dass ich in der Düsternis zu meinen Pfoten etwas zu erkennen vermochte.

„Erstens, chrjob. Der Gemeindevorsitzende von Altwald wird zu einem Problem. Chrjob.“

Was machte dieser Kröterich da unten? Wie zog er die Hutmenschen in seinen Bann? Und wovon redete er überhaupt?!

„Zweitens, chrjob. Gegenüber Marktland ist fortan Toleranz zu wahren. Chrjob, chrjob.“

Noch einmal sah ich mich in der ach so faszinierten Runde um. Waren sie denn alle nicht im Stande zu begreifen, was hier vor sich ging?

„Und drittens, chrjob. Der Federrundhut ist ab sofort nicht mehr das geheime Erkennungszeichen der Grauen Weihers von Redberg. Chrjob.“

Da fiel mir auf, dass mein Gastgeber mich aufmerksam beobachtete. Karel stand weiterhin von so gut wie allem abgelenkt daneben und schaute – vermutlich auf der Suche nach dem Ursprung von Brunerts Stimme – zur Decke. In Anbetracht der Umstände hielt ich es daher für das Beste, den Blick meines Gastgebers zu erwidern – und alternierend auf die durchlöcherte Platte zu meinen Pfoten und wieder zu ihm aufzusehen. Sodass er schließlich ... Ich bemerkte, wie ein Ruck der Erkenntnis ihn durchfuhr und sein Blick auf der Konstruktion unter dem sichtbaren Zylinder haften blieb. Ein freier, wilder Gedanke regte sich in seiner Miene ...

„So gehet nun hinfort, chrjob, und erweiset dem Grauen Weiher, chrjob, das Zeichen eurer Aufrichtigkeit ... Chrjob, chrjob, chrjob, chrjob. Heh, heh! Chrjob, chrjob, was tust du denn da?!“

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