Lektion 37 oder
Der graue Weiher

Ich weiß nicht, wie es Brunert ging, aber merkwürdige Apparatur hin oder her, ich bekam langsam Hunger

Gut ... Eigentlich wusste ich sehr wohl, wie es Brunert in dieser Hinsicht ging ...

Das ist doch mal was. Da steht der kleine Tyrrin Hexenkater einmal so richtig im Mittelpunkt.
Doch anstelle mich mit Brunerts Essgewohnheiten näher auseinander zusetzen, hielt ich es vorerst für das Beste, mich lieber auf das sogar unter diesen Umständen fragwürdige Verhalten meines Gastgebers zu konzentrieren. Es hatte den Kröterich sichtlich nervös werden lassen, sodass dieser immer noch angespannt vor sich hin brubbelnd umhertappte. Dabei war der junge Menschenmann schon vor einer guten Weile verschwunden ...

Was hatte er wohl damit gemeint, dass heute vielleicht mein Glückstag war? Und – um mal eine Frage zu stellen, die mich ganz ehrlich schon etwas länger beschäftigte – warum hatte ich so einen Glückstag überhaupt nötig?!


Ein Poltern in der Ferne. Es kam mit Sicherheit aus dem Korridor. Schon wieder ein Mensch?

„Chrjob, es geht los, chrjob, chrjob. Sie kommen, chrjob!“, unterbrach Brunert seine erboste Meckertirade.

„Wer?“, fragte ich, ohne daran zu denken, dass ich stattdessen gerade mal ein karges „Gnä?“ hervorbrachte.

Es waren viele Menschen. Weit mehr als zwei oder drei, dessen war ich mir sicher, als sie von einem weichen Rauschen begleitet den Raum betraten und sich um uns herum – oder besser um den Aufbau, der uns beinhaltete – verteilten.

Ein heftiger Ruck durchfuhr plötzlich die Vorrichtung. Offensichtlich war jemand sehr zielstrebig gegen uns gelaufen und bereute es dem „A-a-aua ...“ nach zu urteilen umgehend. Ich hielt mich gerade noch so aufrecht auf den Pfoten. Unter mir konnte sich Brunert ein leises Murren im Sinne von „Immer dasselbe, chrjob.“ allerdings nicht verkneifen.

Ein Moment der abstimmenden Stille folgte. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass es einer dieser Momente war. Immerhin war der ganze Raum nun voller Menschen, die erfahrungsgemäß nicht wirklich für ihre zurückhaltende Geräuschkulisse bekannt waren.

KRAACK! Klack, klack, klick, klack, klick, klack, klick, klick, klick, klack ...

Ich bewegte mich. Also nicht ich mich selber. Die Apparatur, in der ich festsaß, geriet ratternd in Bewegung. Der zylindrische Verschlag wackelte und zitterte und rastete schließlich hölzern krachend ein.

Schon wieder so ein Moment dieses verständigen Schweigens. – Ich hatte spontan das Bild vor Augen, wie jemand einem anderen Jemand zunickte und vielleicht seinen Arm auf eine bestimmte Weise hob.

Dann wurde es wieder hell – ohne Vorwarnung, viel zu schnell und viel zu hell, als dass ich mich auf Anhieb daran hätte gewöhnen können. Zum Glück wusste ich dieses Mal, was mich nach der kurzzeitigen Blindheit erwarten würde. Wenigstens hatte ich das angenommen ...


Kaum war ich von der schweren Decke freigelegt, stimmte eine monotone sowie Anweisungen und Distanz gewohnte Herrenstimme eine Rezitation von einigen sehr geschwollen klingenden Worten an. Viel verstand ich nicht. Neben solchen Sachen wie Erinnerung, achten, Rat und Geleit, sprach die Stimme mehrmals auch von einem grauen Weiher, Trübungen, Verwachsungen und einer neuen Reinheit. Zweifelsohne klang die Rede zusammengenommen schon sehr pathetisch und wichtig.

Merkwürdig war nur, im Unterschied zu meiner letzten Abdeckung sah ich diesmal mehr. Und damit meine ich nicht diese mehr als zwei Dutzend Gestalten in nachtgrauer Robe mit so etwas wie einer unförmig ausgebeulten Kapuze an ihrem oberen Ende. Wie ich feststellte, sah ich nun mehr, weil ich jetzt gewissermaßen auf dieser mysteriösen Vorrichtung saß. Dieses Klacken und Rattern musste irgendwie dafür gesorgt haben, dass der Zylinder, in dem ich hier hockte, herauf gefahren war. Jedenfalls lag die Bodenplatte, unter welcher Brunert sich verbarg, nun mit der Tischfläche auf gleicher Höhe.

Die Folge dessen, jetzt sah ich alles. Denn wie sich herausstellte, war nicht nur der über mir gelegene Deckel mit den Schlitzen aus klarem, dickem Glas. Auch die Wände meines Gefäßes waren so angelegt, dass ich durch sie hindurch sehen und gesehen werden konnte. Allein die acht regelmäßig angeordneten, rötlich schimmernden Metallstangen, die mit dem Behälter senkrecht aus dem Tisch gewachsen waren, behinderten kaum merklich meine Aussicht. Erst auf den zweiten Blick stellte ich fest, dass sich diese Metallelemente über mir verjüngten und in den filigranen Klammern endeten, die eigentlich das Einzige waren, was mich in diesem Behälter und von der Fluch abhielt.

Was meinen neugewonnenen Ausblick anbelangte, so eröffnete mir dieser die Sicht auf eine dunkle Tischfläche mit runder, massiver Platte, an deren Kante sich zahllose kleine, schwarz schimmernde Spitzen gerade mal eine Pfote hoch aus dem Holz erhoben. Dahinter stand – egal in welche Richtung ich mich wandte – die besagte und den mit flackernden Kerzen verstellten Raum nur so überfüllende Gruppe von unförmigen Kapuzenpersonen. Aber das war noch nicht alles. Wer auch immer hier zu wohnen pflegte, hatte es außerdem für nötig befunden, an die mit dunkelgrau schimmerndem Stoff bezogenen Wände zusätzliche dunkle Laken anzubringen. Dabei war bis auf eine einzige silbergrau glitzernde Wellenlinie nichts weiter darauf abgebildet. Lediglich an einer Wand entdeckte ich dann tatsächlich doch noch so etwas wie Farbe. Na ja, es handelte sich viel mehr um eine bunt geflickte Decke, bei der jemand augenscheinlich nicht in der Verfassung gewesen war, die einzelnen Flicken auch nur wenigstens ein bisschen ähnlich zu gestalten.

Gut, als Kater hatte ich bisher nie viel Sinn für Einrichtung und Mobiliar beweisen müssen. Aber selbst das karge und zugemüllte Zimmer von Karel besaß ein angenehmeres Ambiente. Und was hatten die Leute in dieser Burschenschaft – oder wie auch immer sie sich nannten – gegen Fenster?!

Was genau trieben diese fragwürdigen – ja, regelrecht dubiosen – Gestalten hier eigentlich? Es war mitten in der Nacht und ich sah ganz genau, wie einige von ihnen träge schwankten oder sich vor Müdigkeit aneinander abstützen. Einzig das eine Exemplar – das mit dem dicken Buch und der klobigen, gelblich glänzenden Metallkette – wirkte bei dem, was es tat, als verstünde es wirklich etwas von dem, was hier passierte ...

Das war jedenfalls gar kein Vergleich zu der vermummten Erscheinung auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, die sich irgendwie fehlerhaft vermummt hatte. Die Kapuze – oder so ... – bedeckte im Unterschied zu den anderen Gestalten nämlich auch die Vorderseite dessen, was ich unter Umständen als Kopf eingeordnet hätte. Allerdings wirkte dieser spezielle Vertreter der unkenntlichen Gemeinschaft auch nicht besonders ehrfurchtgebietend, während er übernervös einen Hut in den Händen knetete, den ich genau so schon einmal vor Längerem gesehen hatte ...


Doch da flutete auf einmal die Gestalt mit dem Buch und der Kette mein Gehör.

„Brüder und Anwärter des Grauen Weihers offenbart euch!“, rief diese in aufweckend strengem Ton, sodass ein rasches Zucken des Erwachens durch die verhüllte Gruppe ging und eine Kapuze nach der anderen einen menschlichen Kopf mit je so einem Hut entblößte. Auf einmal saß ich in mitten einer Ansammlung von jungen Menschenmännern, nur der durch seine Utensilien erkennbare Redner war mehrere Jahre älter.


Erneut sah ich mich um. Da war mein Gastgeber! Er half gerade dem einen, mit der falsch getragenen Kapuze, sich aus dieser zu befreien. Wie sich herausstellte, hatte dieser Mensch seinen Kopf doch tatsächlich in einen Sack gesteckt ...

Ja, aber war das denn die Möglichkeit?! Ich hätte wissen müssen, dass er es war, der hinter meiner misslichen Lage steckte!

Ich dachte noch, Jetzt sieh mich bloß nicht so entgeistert an! Da fing er auch schon an mit seinem „Ty-ty-ty-tyrrin!“

>> weiter mit Lektion 38 (Band 1) >>

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