Lektion 36 oder
Mein Vielleicht-Glückstag

„Chrjob, chrjob. Da stimmt was nicht. Chrjob! Nein, etwas stimmt da bei Weitem nicht, chrjob, chrjob, chrjob ...“ 

Unruhig umhertapsend murmelte Brunert dieses Mantra vor sich hin – immer schneller, je mehr sich uns dieser Besucher näherte.

Ein Schnappschuss. - Darauf war der kleine Hexenkater nicht vorbereitet. ^^
Die Schritte waren menschlich – keine Frage – und folgten ausgesprochen zügig aufeinander. Der Mensch war eindeutig in Eile. Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass diese rasante Gangart sich nicht so anhörte, wie es gewöhnlich der Fall hätte sein müssen. Der Schall, der sie zu uns trug, klang zurückhaltend und gedämpft. Da näherte sich ein Jemand, der nicht entdeckt werden wollte.

Auch Brunert hatte das Begriffen. Doch was ihm Anlass zur Sorge bot, weckte in mir, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen ... In mir weckte es einen Moment der Hoffnung und – zugegeben – auch der Schadenfreude.

Die Schritte verlangsamten sich, kaum dass sie unser Zimmer betreten hatten. Sie hielten kurz inne und gingen dann, als gäbe es nichts mehr zu befürchten, auf uns oder besser die Apparatur, in der wir uns befanden, zu. Irrte ich mich oder war diese Schrittfolge ...

Brunert schnaubte vor Anspannung und murmelte etwas vor sich hin, wie: „Was will der hier, chrjob? Was soll das, chrjob? Das war nicht so geplant, chrjob, chrjob ...“


Plötzlich ein Rascheln, ein reibendes Geräusch. Die schwere Decke über mir schlug hinfort und überfiel mich mit – für den Moment – viel zu hellem Kerzenlicht.

Wie es den Anschein hatte, war der Anblick, den ich unfreiwillig bot – mit den zusammen gekniffenen Augen, der gerümpften Nase, der verzogenen Schnute und den schief gestellten Ohren – eine recht unterhaltsame Erscheinung. Unser Besucher konnte sich ein verhaltenes Lachen zumindest nicht verkneifen.

Da fiel mir auf: Ich kannte dieses Lachen – aus der Damenhandtasche, von meinem ersten Besuch in der Burschenschaft. Ich sah noch etwas verschwommen, aber immerhin schon etwas klarer, zu meinem Gastgeber auf. Der junge blonde Menschenmann trug einen dieser äußerst fragwürdigen Hüte, wie ich ihn bereits von Karel kannte – nur mit dem Unterschied, dass der Hut diesem Menschen gewissermaßen stand ...

„Es tut mir leid, dass ich dich in diese Lage gebracht habe“, sagte er ruhig und mit einem schüchtern charmanten Lächeln auf den Lippen.

Er wirkte wieder so anders, als noch bei unseren letzten Begegnungen. Ich erinnerte mich an Melancholie und etwas wie eine gegen ihn selbst gerichtete Unzufriedenheit. Verglichen damit machte mein Gastgeber nun allerdings den Eindruck, als wäre er mit sich im Reinen und zu etwas entschlossen, das unter Umständen verheerende Konsequenzen nach sich ziehen konnte.

„Ich brauche dich, um etwas zu testen“, fuhr der junge Menschenmann überlegend fort. Er sah sich im Zimmer um. „Du kannst mir nicht zufällig sagen, wo ich hier so etwas wie einen Schwindel finde, oder?“ Er lachte nervös über seine eigene Frage und senkte seinen Blick wieder zu mir.

Ich sah ihn an – so fest ich es nur vermochte. Er bemerkte meinen Ausdruck und betrachtete mich mit fragender, aber begreifender Miene.

Wenn ich schon nicht in der Lage war, meine Zunge für menschliche Worte zu gebrauchen, so hatte ich doch genug Zeit meines Lebens mit Menschen verbracht, um ihre Denkweise in den Grundzügen zu begreifen. Ich benutzte meinen Blick, um mich zu verständigen. Also sah ich meinen Gastgeber an. Dann senkte ich meinen Blick, hinab auf die durchlöcherte Bodenplatte meines Verschlages, unter dem die argwöhnische Kröte hockte, und sah ihn anschließend wieder einen längeren Moment lang an. Etwas in dem jungen Mann hatte meine Botschaft wahrgenommen und angefangen, mein Verhalten einzuordnen. Ich half dem nach, indem ich den Vorgang einige Male wiederholte. Von Mal zu Mal kam mein Gastgeber dem Verstehen näher.

Unbewusst ballte er eine Hand zur Faust, als wollte er etwas Unwirkliches ergreifen, trat dann aber kopfschüttelnd einen Schritt zurück und damit heraus aus meinem Sichtfeld.

„Ach, was mache ich hier eigentlich?“, raunte er und seufzte. Dann beugte er sich vor und griff nach dem dicken Stoff der dunklen Decke, die sich noch immer über den halben Tisch ausbreitete.

„Wie dem auch sei“, sprach er. „Ich werde etwas ausprobieren.“ Er lächelte wieder und ich entdeckte einen Hauch von Zuversicht. „Und vielleicht ist heute ja doch dein Glückstag.“

Dann zog er den schweren Stoff über die in den Tisch eingesenkte Vorrichtung – und mich – noch bevor ich einen neuerlichen Versuch der Verständigung unternehmen konnte.

Ich wollte protestieren, aber da hörte ich bereits, wie sich das Geräusch seiner Schritte weiter durch den Raum bewegte. Unter mir knurrte Brunert etwas, das nach „Ich weiß, was du vorgehabt hast, chrjob ...“ klang.

Doch dann ...

BLING! PLING! BLENG! PLENG! BLANG! PLANG! BLONG! PLONG! BLUNG! PLUNG!
Eine aufmerkende Ruhe folgte.

„Chrjob, was tut er da?“, regte der Kröterich sich leise grollend auf.
Ich lauschte nur.

Es klapperte metallisch, ein paar mal, aber weit weniger klangvoll. Dann vernahm ich nur noch, wie mein Gastgeber das Zimmer verließ und sich Brunert über dieses merkwürdige Benehmen brüskierte. „Warum hat er es schon jetzt gespielt? Chrjob, chrjob. Es ist viel zu früh. Chrjob. Noch nicht einmal die Worte wurden heut gesprochen, chrjob, chrjob, chrjob ... Was für ein Unruhestifter!“

>> weiter mit Lektion 37 (Band 1) >>

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