Lektion 35 oder
Das Wesen einer Schmatzkröte

Da läuft's dem Hexenkater aber kalt den Nacken runter ...
So, ich hatte genug. Das beschloss ich jetzt.

Ich wollte zurück in mein Spielzimmer. Wenn ich hier schon nicht wegkam, dann war ein ansprechendes Ambiente doch wohl das Mindeste, was ich erwarten konnte!

Ich bekräftigte dies, so gut ich konnte, indem ich mich verbal bemerkbar machte – also indem ich selbst für meine Verhältnisse recht unbeholfen miaute – und mit ausgestreckten Krallen die gesamte Fläche meines Verschlages bearbeitete. Je länger ich dies tat, desto energischer und fahriger wurden meine Bewegungen. Nicht, dass meine Bemühungen auf diesem kalten, glatten Material überhaupt irgendwelche Spuren hinterließen ...

„Na, na. Chrjob“, hörte ich Brunert unter meinen Pfoten schmatzen. „Wer wird den gleich die Beherrschung verlieren. Chrjob.“ Er gluckste tief und kehlig, als ob er sich dabei an sich selbst verschluckte. „Wem nicht mehr Zeit bleibt, der sollte diese lieber in ruhigen Gedanken mit sich – chrjob, und nur mit sich – verbringen.“

Ich schnaubte abfällig. Wäre meine Zunge von diesem Krötensekret nicht so träge gewesen, ... Also ich hätte ihm mit Sicherheit etwas erzählt, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen. Ja, ich hätte diesem Kröterich so was von geantwortet!

Stattdessen war es Brunert, der mir selbstgefällig auf Fragen antwortete, die ich nicht gestellt hatte.

„Beruhige dich, Katerlein. Chrjob“, würgte der Kröterich. Ich nahm wahr, wie er in dem Fach unter mir herum tappte. „Du bist nicht das erste Kätzchen in dieser prekären Lage, chrjob, chrjob. Und sei versichert, chrjob, du wirst auch nicht das letzte sein.“ Er kicherte schluckend.

„Chrjob. Weißt du, warum du hier bist? – Nein? – Chrjob. – Ahnst du, wer ich bin? – Nein? – Chrjob!“ Der Kröterich schnorchelte so aufgeregt, dass ich es geradezu vor mir sah, wie sich sein zähflüssiges Sekret durch seine Atemwege zwängte. „Ich habe auf dich gewartet, chrjob. Sehr lange, chrjob, chrjob. – Dabei habe ich doch einen solchen Appetit ...“

Unter mir erklang ein trockenes Platschen und ich bemerkte, dass einer von Brunerts verwachsenen Fingern durch eines der Löcher in der Bodenplatte griff und meine Pfote berührte!

Ich sprang hoch, sprang weg, stieß gegen den Deckel und drängte mich so weit von dieser Kröte weg, wie es mir in der Enge möglich war.

Brunert lachte klebrig.

„Ei, ei, chrjob. Du bist ein besonderes kleines Katerchen. Chrjob. Das weiß ich, chrjob, chrjob. Ich bin schon gespannt, wie es sein wird, wenn ich dich, deine Reste ...“
Irgendwo unter mir tropfte etwas auf das Material dieser verborgenen Vorrichtung. Es roch nach Gier und nach Geifer. Das beruhigte mich nicht. Und verglichen mit allem, was ich bisher erlebt hatte ... Also, an meiner Erfahrung mit der Damenhandtasche war das hier schon sehr, sehr nahe dran ...

„Du fragst dich sicher, chrjob: Warum ist er so. Warum tut er mir das an? Chrjob.“ Der Kröterich ahmte meine Stimme nur wenig glaubhaft nach und zog belustigt über sich selbst seinen Schleim in der Nase hoch.

„Ich sagte dir doch, ich war nicht immer so gewesen. Chrjob. Einst war ich eine gewöhnliche Schmatzkröte, chrjob, die friedfertig von den Resten und Hinterlassenschaften anderer Kreaturen lebte ... Chrjob. Eines Tages jedoch fand ich einen ganz besonderen Rest, chrjob. Es war auf dem Kompost dieses Hauses. Chrjob.“

„Der damals noch lange nicht so alte Herr Brettwood hatte ihn dort fortgeworfen. Chrjob, chrjob. Dieser Rest schmeckte nicht sonderlich anders, als die Reste, die ich sonst ins Maul bekam. Chrjob, aber er machte etwas mit mir, chrjob. Ließ mich verstehen. Chrjob. Ließ mich begreifen. Chrjob. Und ich begriff jedes mal mehr, wenn Herr Brettwood einmal im Monat und mitten in der Nacht frische Reste auf dem Kompost ablud. Chrjob. Nicht viel, chrjob, nur eine Hand voll, aber es reichte, chrjob. Ich verstand und begann auf den regelmäßigen Besuch zu warten. Chrjob. Herr Brettwood bemerkte mich. Chrjob, irgendwann sprach er zu mir ... Chrjob. Wie es schien, chrjob, war er sehr unzufrieden. Mit sich selbst. Mit seiner Familie, chrjob, die sich seit Generationen im Dienste dieses Hauses abmühte, chrjob, chrjob. Schließlich sprach ich zu ihm, chrjob. Und auch er verstand, chrjob ... sodass wir eine Übereinkunft schlossen. Chrjob. Seitdem sitze ich hier, chrjob. Jedes Mal, wenn sie sich treffen, tue ich mich gütlich an dem, was übrig bleibt, chrjob, und richte ihnen im Gegenzug nur ein paar aufgetragene Worte von Herrn Brettwood aus. Chrjob.“

„Zu gegeben, chrjob“, räumte der Kröterich brummend ein. „Hier und da, chrjob, habe auch ich mal einen Wunsch eingeflochten, chrjob. – Immer nur kaltes totes Fleisch, ja, oder Gemüse ... Wenn ich schon Wochen lang in dunklen Ecken hocken muss, darf es ruhig auch mal etwas Frisches, etwas Warmes sein, chrjob, chrjob.“

Ich spürte, wie Brunert im Verschlag unter mir vor Erregung zitterte, und machte den Fehler nach unten zu sehen. Durch die Löcher in der Holzplatte funkelte mich ein Paar boshaft glänzender Kreuzaugen begierig an. Ich schob mich, so weit ich es vermochte, an den Rand meines begrenzten Freiraums.

„Ja, chrjob, dachte ich, chrjob“, fuhr Brunert tückisch mit seiner Erklärung fort. „Warum nicht das Schmackhafte mit etwas Gerechtigkeit verbinden?“ Der Kröterich gluckste hämisch über seinen perfiden Scherz, den ich noch zu verstehen versuchte.

„Weißt du, Katerchen, chrjob, Katzen habe ich an sich noch nie gemocht. Chrjob. Stolzieren selbstgefällig umher. Chrjob. Sind in einem Moment lieb und hacken einem hinterrücks ins Bein, sobald sie haben, was sie wollen, chrjob. Und bist du mit ihnen nicht gut Freund oder bereit, ihrem Willen zu entsprechen, chrjob, dann wird dir der Kopf mit Zahn und Klaue halt zurechtgerückt, chrjob, chrjob. – Nein, chrjob, das ist nicht die feine Art der Schmatzkröten. Chrjob.“

Brunert schwieg, was mich dazu verleitete, einen neuerlichen Blick hinab zu werfen – wo ich viele kleine gleichmäßig aufgereihte Reflexionen entdeckte. Es waren die vom Speichel feuchten Krötenzähne, die im halbschattigen Restlicht dieser Verschlagvorrichtung schimmerten. Brunert grinste.

Gerade wollte ich mich fragen, wovon genau er sprach. Ich hatte ihm doch nie etwas Derartiges getan. Doch da schmatzte Brunert mit seiner endlosen Antwort schon voran.

Ich würde dir natürlich niemals etwas Derartiges antun, chrjob. Schmatzkröten fügen anderen Lebewesen keinen Schaden zu. Chrjob. Wir sind Aasfresser und nehmen nur, was sich uns bietet, chrjob, chrjob.“ Keuchend kichernd unterbrach der Kröterich sich selbst. „Allerdings spricht nichts dagegen, chrjob, dass man seinen neu gewonnenen Verstand benutzt, um dieses Angebot mit etwas Hilfe zu erweitern. Chrjob. – Was glaubst du, chrjob, wann ich meine Meinung über Katzen geändert habe? Chrjob.“

So, wie Brunert mir diese Frage stellte, wollte ich die Antwort gar nicht wissen. Doch ihm etwas erwidern, konnte ich ja gerade nicht.

Als ob der Kröterich meine Gedanken erahnte, brach er in kehliges Gelächter aus und wurde abrupt stumm. Sowohl er als auch ich ... Wir hörten die Schritte eines Menschen. Und so viel war sicher: Dieser Herr Brettwood-Personalmensch war es nicht. Dafür waren die Schritte viel zu schnell.

>> weiter mit Lektion 36 (Band 1) >>

Schon gewusst? ^_^

Das erste große Tyrrin Hexenkater-Abenteuer "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^

Kommentare