Lektion 34 oder
Wie ich mich, ohne es zu ahnen, in einen Komplott verstrickte

Ach je, wo ist der kleine Tyrrin Hexenkater denn nun hineingeraten?
Ich wollte was sagen, doch ich konnte nicht. Ich wollte was machen, doch auch dazu war ich nicht in der Lage. Ich hing nur da, wie ein träger Schluck Wasser und sah dem alten Menschen trotzig in das von nächtlichen Schatten überwucherte Gesicht.

„Wertes Katzentier, Ihr werdet anderen Orts dringlichst erwartet.“ Es war der Personalmensch. Aber wie hatte er sich so geschwind bewegen können? Und noch viel wichtiger war, wie hatte er mich gefunden?

Er hielt mein Nackenfell in festem Griff und mich nur eine Hand breit vor seinem Gesicht. Dieses wirkte so ungerührt wie immer, vielleicht – aber auch nur vielleicht – noch einen Tick selbstgerechter als bei unserer letzten Begegnung.

„Wie ich sehe, seid Ihr trotz all der vergangenen Strapazen wohl auf“, sagte der Menschenmann in altersbedingter Mühsal „Gut gemacht Brunert.“ Ich horchte auf. „Ich war bereits in Sorge, dass der heutige Abend nicht plangemäß erfolgen könnte.“

Mein Blick fiel auf den Boden. Ich suchte die im Dunkeln schimmernden Fliesen nach der Kröte ab. Dieser Kröterich ...

Aber so, wie ich da hing, und ohne zusätzliches Licht war es mir schier unmöglich ihn zu finden. Eine hilflose Wut stieg in mir auf. Ich wollte mich befreien. Ich wollte beißen. Ich wollte etwas sagen, mich zu Wort melden und widersprechen. – Meiner Kehle entglitt nur ein schrilles Quietschen.

Da ging der alte Personalmensch langsam in die Knie, dass seine alten Knochen nur so knirschten und noch lauter knackten. Ich beobachtete, wie er mit der anderen Hand seinen Gehstock beiseite stellte und nach etwas auf dem Boden griff. Es patschte einige zaghafte Male, worauf der alte Mann etwas Dunkles aufhob und in die Innentasche seines Sakkos verfrachtete. Dann nahm er sich wieder seinen Stock und schob sich stöhnend in den Stand hinauf.

Schließlich sagte er, „Gehen wir“, und ging langsam – ja, sehr, sehr langsam – aus der Küche heraus und auf den Korridor hinaus. Hier umfasste uns eine noch tiefere Dunkelheit. Lediglich das ein oder andere gelblich schimmernde Lampenlicht, das aus den am Boden befindlichen Türspalten der abgehenden Zimmer schlich, gab dem nun endlos erscheinenden Gang hier und da eine Kontur. Hinzu kam eine nächtliche Stille, die das knarzende Schlurfen des Personalmenschen um ein gefühltes Vielfaches verstärkte. Doch da ...

Irrte ich mich? Nein, es war da. Ich hörte ein leises und kehliges Glucksen.

Woher es kam? Einordnen konnte ich dies nicht genau. Es kam von irgendwo hinter mir. Jedenfalls klang es nicht nach dem alten Menschenmann – er machte zumindest nicht den Eindruck, dass er überhaupt ab und an mal lachte.

„Beruhige dich Brunert“, sagte der Alte beinahe noch langsamer, als er mühselig voranschlurfte.
„Chrjob, ja, Herr Brettwood. Chrjob.“

Ich wollte neuerlich Protest anmelden, bekam allerdings nichts weiter als ein erbostes „Miiiii ...“ heraus.

„Schhht. Seid ruhig wertes Katzentier“, sprach der Personalmensch gediegen. „Von meiner Seite droht Euch keinerlei Gefahr. Das versichere ich Euch.“

Aber ich wollte mich nicht beruhigen und zappelte – so sehr ich es unter den gegebenen Umständen vermochte ...

Das glucksende Lachen hinter mir setzte wieder ein.

„Du machst es nervös, Brunert“, sagte der alte Mensch. „Besser du hältst dich bedeckt, bis wir da sind. Du kennst den Ablauf und deine Aufgabe für dieses Mal.“

„Chrjob. Ich habe verstanden, Herr Brettwood“, hörte ich den Kröterich gehorsam schmatzen. Dies war jedoch nicht das Beunruhigendste, an seiner Art sich zu gebaren. Ich spürte, wie Brunerts breites, bezahntes Krötenmaul nur so grinste – und wie sich dieses Grinsen in die beinah doppelte Breite zog, als wir durch einen von dickem Stoff verdeckten Durchgang auf eine noch düstere Treppe gelangten, die uns in ein feucht kaltes Untergeschoss mit unfreundlich harten Mauern führte.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis uns ein unstet flackernder Lichtschein aus einem Raum entgegen schimmerte ... Viel Zeit mich umzusehen bekam ich jedoch nicht.

Mit gemächlicher, aber geübter Bewegung steckte der alte Personalmensch erst Brunert in ein tief in einen Tisch eingelassenes Gefäß und legte eine dunkel gebeizte, dünne Holzplatte mit zahllosen kleinen Löchern darüber. Dann setzte er mich hinein und machte meinen letzten Fluchtweg mit mehreren Klemmen und einer Glasplatte dicht, die genau acht schmale, kreisrund angeordnete und irgendwie schräg in das Glas geschnittene Schlitze besaß und mit der Tischoberfläche in einer Ebene abschloss.

Anklagend sah ich den alten Menschenmann durch die Platte hindurch an. Allerdings bewegte ihn das kaum. Tatsächlich schien er so unbeeindruckt, wie er es immer tat.

Also unterbrach er unser Blickduell, indem er eine schwere dunkelrote Decke über den Tisch, diese mehr als nur höchst fragwürdige Apparatur und mich im Kern des Ganzen legte ...

>> weiter mit Lektion 35 (Band 1) >>

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