Lektion 32 oder
Die Spore und der Eichbaum

Die Geschichte von der Spore und dem Eichbaum
„Und wie lange müssen wir hier jetzt noch warten?“

Es lässt sich in der Tat nur schwer verbergen, liebe Kätzlein und Katerchen, liebe Mädchen und Jungen. Die gelassene Geduld gehörte erst nach vielen Jahren der Reife zu meinen Stärken.

„Sei still, chrjob!“, schmatze der Kröterich. „Oder willst du, dass sie uns finden? Chrjob! – Und hör auf da in der Holzwolldämmung herumzuwühlen! Chrjob, chrjob!“

„Brunert, es ist hier soooo laaaaang ...“

„Ist ja gut! Chrjob, chrjob, chrjob!“ Die dickliche Schmatzkröte wackelte hastig mit ihren dünnen Vorderärmchen. „Gibst du Ruhe, wenn ich dir eine Geschichte erzähle? Chrjob?“

„Das würdest du tun?“, rief ich voller unverhoffter Vorfreude und Entzücken. Meine letzte Geschichte lag schon so lange zurück. Old Lady hatte sie damals mir und meinen Geschwistern erzählt, aber seit ich bei Karel war ... Also, er taugte nicht sonderlich zum Geschichtenerzähler ...

„Es ist doch immer dasselbe mit euch, chrjob“, raunte der Kröterich mit scheelem Blick.

„Nun mach schon!“, drängelte ich.

Brunert seufzte tief, wurde ganz flach – was ich mit gewisser Neugier, aber auch Sorge beobachtete – und pumpte sich dann zu seiner beinahe doppelten Größe auf. Er wirkte plötzlich gar nicht mehr träge und unförmig – und dieser unerbittliche Ausdruck in seinen schwarzen Kreuzaugen entriss mich von jetzt auf gleich jedweder Behaglichkeit.

„Chrjob: Die Spore und der Eichbaum“, sagte der Kröterich so leise, dass nur ich es zu hören vermochte.

Ich war schon jetzt beeindruckt.


„Chrjob. Einst stand ein Eichbaum auf einer weiten Höhe, chrjob. Sein Stamm und die Krone waren so groß, dick und mächtig, wie es nur den stärksten und ältesten Eichbäumen gelingt. Chrjob, denn alt, chrjob, ja alt das war er. Generationen von Pflanzen-, Tier- und Menschenleben hatte er überlebt, chrjob, ganze Jahrhunderte, Dynastien und Epochen. Chrjob, chrjob. Doch so lange, wie er lebte, chrjob, war er von Dekade zu Dekade immer einsamer geworden. Chrjob, Wälder waren um ihn herum gewachsen, chrjob, und irgendwann gerodet worden. Chrjob, chrjob, Städte hatten sich um ihn geschlungen, chrjob, und waren an sich selbst in Krieg und blutiger Schlacht zerbrochen. Chrjob.“

„Die Zeit hatte das Land des Eichbaums ausgelaugt, chrjob. Und ausgehungert, wie der Boden war, wuchsen darauf nur Dreck und Staub und nichts, chrjob, das dem Eichbaum ein Gefährte hätte werden können, chrjob. Allein seine Wurzeln gingen tief genug, um das so rare Grundwasser und die lebenswichtigen Salze im Boden zu erreichen. Chrjob.“

„So vereinsamte der Eichbaum, chrjob, chrjob, wurde traurig, chrjob, um nicht zu sagen depressiv, chrjob, vermochte es aber nicht zu sterben. Also lebte er, chrjob ...“


„Das ist eine merkwürdige Geschichte“, unterbrach ich den Kröterich.

„Ruhe, chrjob“, entschied dieser im Gegenzug. Er räusperte sich – und fuhr dann ungehindert fort.


„Jahrhunderte der Einsamkeit gingen ins Land, chrjob, bis eines zarten Frühlingstages ein lauer Wind aus dem fernen Westen eine winzige Spore auf die Anhöhe des riesenhaften Eichbaums trug, chrjob.“

Hilf mir, rief die Spore, chrjob. Hilf mir. Chrjob.“

„Der alte Eichbaum konnte sein Glück kaum fassen, chrjob, chrjob.“

Fang mich auf, rief die Spore, chrjob. Und der Eichbaum fing sie, ehe der laue Westwind sie wieder von ihm fort und in dem sicheren Tod entgegen wehen konnte. Chrjob.“

„Voller Liebe nahm der Eichbaum die Spore in seinem Blattwerk auf, chrjob, gab ihr Nahrung, Schutz und jede nur mögliche Zuneigung. Chrjob. Die Spore gedieh, breitete sich aus, chrjob, wuchs und verwuchs in seinen dichten Ästen. Chrjob. Sie lauschte den zahllosen Geschichten und Erzählungen des Eichbaums, chrjob, und sie schätzte ihn, chrjob, chrjob. Sie schenkte ihm Kinder, Tausende von winzigen Sporen, chrjob, die sich ihren sicheren Platz im Geäst, den Blättern und in der Borke des alten Eichbaums suchten und sein Leben untereinander teilten. Chrjob.“

„Es dauerte kaum ein Jahr, chrjob, da hatte der Eichbaum all seine Qual und Einsamkeit beinahe voll und ganz vergessen, chrjob. So viele lebendige Stimmen und Gedanken durchdrangen ihn, chrjob, chrjob. Und es dauerte kein weiteres Jahr, chrjob, bis er bemerkte, dass er sich trotz dieser reichen und lebhaften Fülle mehr und mehr entleerte, chrjob.“

Ich sterbe, chrjob, stellte der Eichbaum eines Tages fest.“

Ich weiß, antwortete die Spore, chrjob. Das ist der Grund, weshalb ich lebe.

„Chrjob. Der alte Eichbaum seufzte, Doch warum tust du das? Chrjob.“

Du bist ein Eichbaum. Ich bin ein Sporenpilz, sagte die Spore, chrjob. Das habe ich schon immer so gemacht. Chrjob. Das ist der Lauf der Dinge, chrjob, und am Ende bleiben nur Staub und Sporen. Chrjob, chrjob, chrjob.“

Ich verstehe, sprach der Eichbaum – chrjob – und starb.“

„Chrjob, es dauerte nicht lange, bis von Westen her ein lauer Wind aufkam, chrjob, und kräftig durch die starren Eichbaumblätter wehte, chrjob. Die Spore samt ihrer inzwischen Millionen Kinder und Kindeskinder, chrjob, ließ sich auf ihn ein, ließ sich erheben und auf den luftigen Wogen in die unbekannte Ferne tragen. Chrjob.“

„Zurück blieb nur das unbelebte Ast- und Wurzelwerk des einsam ins riesenhafte gewachsenen Eichbaums, chrjob, das sich von Jahr zu Jahr fortwährend zu Staub zersetzte, chrjob, bis es schließlich ganz verschwunden war – chrjob, chrjob – und sich durch den toten Schmutz eine robuste Eichel ihren Weg in ein neues Leben suchte. Chrjob.“


Brunert schwieg. Er war offenbar in einer Art Erwartung, die ich ihm gegenüber zu erfüllen angedacht war ...

„Das ... war die Geschichte?“, fragte ich – mit bewusster Vorsicht – kleinlaut.

„Das war sie, chrjob“, bestätigte der Kröterich mit belehrendem Bedacht.

„Oh ...“, sagte ich. „Ja, dann ... Meinst du nicht, dass darin noch etwas Platz für einen Drachen wäre ...?“

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