Lektion 31 oder
Das Versteck unter dem Küchenschrank

„Chrjob, hier her. Komm hier her, chrjob, chrjob.“

Ich sah mich um.

Niemand war zusehen.

Wie viele Korridore und Zimmer ich hinter mir gelassen hatte, wusste ich nicht. Fest stand nur, weiter ging es nicht. Die einzige andere Tür in diesem mit Gerüchen und Aromen überfüllten Raum war zu und meine Verfolger waren mir schon zu dicht auf den Fersen.

Da ist der kleine Tyrrin Hexenkater auf der Flucht ...

„Chrjob, los komm schon, chrjob, chrjob!“, hörte ich erneut jemanden flüstern. „Hier drüben, chrjob! Katerchen, hier drüben, chrjob, chrjob!“

Und da sah ich es. Nicht weit von mir, aus einem dunklen, schmalen Spalt neben einer zu kurz gemessenen Unterschrankblende ragte ein rot-schwarz-grün gesprenkeltes Ärmchen hervor und winkte mich zu sich.

„Chrjob, chrjob, chrjob. Komm schnell her Katerchen, chrjob, chrjob. Hier kannst du dich verstecken. Chrjob. Hier finden sie dich nicht, chrjob!“ Die Stimme klang feucht und dünn – von dem durchgängigen Schmatzen mal ganz abgesehen. Auch konnte ich mir nicht vorstellen, was für ein Mensch dort unter dem Schrank wohl auf mich warten mochte. Trotzdem schlug ich das Angebot nicht aus. Die Zeit drängte und ich quetschte mich mit aller Mühe durch den engen Spalt, hinter dem mich eine konturlose Dunkelheit empfing.

„Jetzt sei still, liebes Katerchen, chrjob, chrjob. Sei still, damit sie uns nicht hören, chrjob!“, sagte die Stimme in dem schwarzen Nichts, bevor ich selbst zu Wort kam. Doch ich tat sehr gut daran, den Mund zu halten. Denn kaum war ich in der Dunkelheit versteckt, stand auch schon ein Mob hektisch debattierender Menschenmänner in der Tür.

„In der Küche?“, sagte der eine.

„Hier ist das Vieh nicht“, meinte ein anderer.

„Vielleicht versteckt es sich“, räumte ein dritter ein, worauf alle in den kleinen Raum ausschwärmten. Ich hörte, wie sie an unserem Schrank vorbeigingen, wie sie schlichen, ja, wie sie regelrecht auf dem Boden krochen. Ich bewegte mich nicht und schloss die Augen. Wenn ich schon nichts sah, war es mein Gehör, das es mir ermöglichte, jeden ihrer Schritte nachzuvollziehen.

Dann rief jemand: „Verdammt noch mal, hier ist es nicht. Suchen wir woanders weiter.“ Und sie alle sprangen auf, eilten aus der Küche und setzen ihre Mission in den nächsten Zimmern fort.

„Gutes Katerchen, chrjob“, sagte die dünne Stimme in der Dunkelheit, die dank der Gewöhnung meiner Augen an die Lichtlosigkeit mittlerweile nicht mehr ganz so düster war.

Da sah ich sie direkt vor mir. Sie war nicht besonders groß, aber dafür ziemlich breit und in der Gänze mit einem feuchten Glanz überzogen. Grau wie alle Schatten hier, aber in unterschiedlich getupften Nuancen saß vor mir eine schlitzäugige Kröte und guckte mich mit ihren dunklen, undeutbaren Kreuzaugen an.

„Danke, dass du mir geholfen hast“, sagte ich trotzdem. Immerhin hatte Old Lady mich ja gut erzogen – na ja, obwohl ich mich just in dem Moment fragte, ob menschliche Höflichkeitsrituale auch gegenüber einer Kröte geeignet waren.

„Keine Ursache, chrjob“, schmatzte die Kröte und verzog ihr breites Maul zu einem verschlingenden Grinsen, das – sofern ich es bei den Lichtverhältnissen richtig sah – einige Reihen kleiner spitzer Zähne entblößte.

„Du kannst ja sprechen“, sagte ich in einem verhaltenen, aber recht neugierigen Flüsterton. Man konnte ja nie wissen, ob meine Verfolger doch noch einmal zurückkehrten.

„Das wollte ich gerade von dir sagen, chrjob.“ Die Kröte bedachte mich mit einem sehr selbstzufriedenen Blick. „Chrjob, du bist ein besonderes Kätzchen, wie? Chrjob, chrjob. Kein Wunder, dass sie dich hier her gebracht haben, chrjob.“

„Du meinst die Menschen“, mutmaßte ich. „Einer von ihnen hat mich vor ein paar Tagen in dieses Haus mitgenommen. Doch ich muss weiter. Ich muss Old Lady finden.“

„Das besondere Schmusekätzchen einer mysteriösen alten Dame. Chrjob“, sinnierte die Kröte. „Es gibt so viele Wege, wie es anfängt ... Chrjob.“

„Wie was anfängt?“, wollte ich genauer wissen.

Die Kröte wandte sich leicht von mir ab und bedachte mich mit einem wissenden Seitenblick „Chrjob. Ich war nicht immer so. Chrjob. Früher war ich eine ganz gewöhnliche Schmatzkröte, chrjob, chrjob. Sorglos, chrjob, mit dem zufrieden, was ich besaß, chrjob, und mir nichts weiter bewusst als dem Bedürfnis nach Essen und Schlaf. Chrjob.“ Die Kröte schmatzte kläglich, was einem Seufzen irgendwie sehr ähnelte. „Doch dann kam dieser Mensch, chrjob, und brachte mich hier her, chrjob, sodass ich von Mahl zu Mahl anders wurde.“

„Haben sie dich auch drei Tage lang in diesem Spiel- und Kletterraum eingesperrt und ganz allein gelassen?“, ging ich mitfühlend auf die Kröte ein.

Der Ausdruck auf ihrem breiten Gesicht wirkte plötzlich wenig begeistert, verzog sich danach aber zu einem neuerlichen Grinsen.

„Mein Name ist Brunert“, stellte der Kröterich sich förmlich vor und reichte mir zum Gruß einen seiner verwachsenen Vorderläufe. Ich betrachtete die feucht glänzende Gliedmaße – unschlüssig, was ich damit machen sollte. Dann hob ich den Gruß erwidernd eine Vorderpfote. So etwas hatte ich mal bei den Leuten gesehen, die bei Old Lady zu Besuch gekommen waren.

„Freut mich, dich kennenzulernen“, sagte ich. „Das ist ein sehr – interessanter Name. Mein Name ist Tyrrin.“

„Tyrrin, chrjob.“ Der Kröterich nickte. „Tyrrin der Kater, also, chrjob.“

„Und?“, fragte ich mit einem leicht verlegenen Blick in die dunkle und daher wenig aufregende Umgebung. „Was machen wir jetzt?“

„Chrjob, wir warten ab, Tyrrin“, schmatzte Brunert langsam. „Erst einmal warten wir ab.“

>> weiter mit Lektion 32 (Band 1) >>

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