Lektion 28 oder
Beharrlichkeit

Da ließ er mich doch tatsächlich und einfach so in Ruhe!

Also, ich war von meinen bisherigen Begegnungen mit Menschen ja so einiges gewohnt, aber so etwas ...

Dieser Mensch hatte mich gesehen und mir KEINE – jawohl, absolut gar keine – Aufmerksamkeit geschenkt!

Tyrrin Hexenkater hält Blickkontakt.

Ich setzte mich auf. Der alte Menschenmann in Schwarz war gerade auf dem besten Weg mein Zimmer zu verlassen. Ich beobachtete ihn – eindringlich, beharrlich, absichtlich. Ganz genau, ich guckte ihn – nur – an. Aber ich wusste, was ich tat. Und ich wusste, was passieren würde, wenn ich es nur lange genug tat. Denn das passierte meistens, wenn ich so etwas tat ...

Der dreibeinige Menschenmann blieb langsam stehen und drehte sich noch langsamer zu mir um. Er sah mich an. Geschafft!

Ich sah zurück – und ich verharrte.

Er verharrte.

Ich bedachte ihn mit einem abfällig schmalen Blick.

Er bedachte mich mit einem abfällig schmalen Blick.

Ganz offensichtlich besaß dieser Mensch in diesem Spiel bereits eine gewisse Übung. Mein Karel-Hutmensch wäre spätestes nach zwei Minuten des beharrlichen Anstarrens nervös eingeknickt und hätte mir alles mögliche an Futter angeboten – nun ja, je nachdem, was die Kantine gerade so hergab.

Aber dieser alte Mensch da ... So langsam er sich auch bewegen mochte, er war verdammt gewieft. Denn sofern man ihn nicht – wie ich gerade – herausforderte, zeigte er es nicht.

Jedenfalls fand ich es jetzt erst einmal an der Zeit, ausnahmsweise die Initiative zu ergreifen. Ich sprang aus meinem Körbchen auf das nächstgelegene Podest.

Der alte Menschenmann behielt mich weiterhin im Auge, genau so wie ich ihn.

Ich sprang zum nächsten Podest, noch eins weiter und weiter. Den Mann in Schwarz ließ ich nicht aus meinem Blick, bis ich ihn zu gut zwei Dritteln umrundet hatte.

Immer noch sah er mich an. Er war sichtlich unbeeindruckt. Doch ich wahr wohl abwechslungsreich genug, um ihn am langsamen Davonschlurfen zu hindern.

Endlich saß ich auf seiner Augenhöhe. Der Gleichmut wich jedoch keineswegs aus seinen Zügen. Also beäugten wir uns in dieser Position noch eine geraume Weile, bis er schließlich eine Augenbraue hob und die Hälfte seiner hohen Stirn in tief gefurchte Falten legte.

„Sehr wohl weiß ich, dass Euch nach weit mehr Zerstreuung in sozialer Weise ist, wertes Katzentier“, sprach der alte Mensch geschwollen in seiner nasalen Tonlage. Ich hatte große Mühe seine Ausdrucksweise zu verstehen. Doch der Eile halber fand ich mich vorerst damit ab, die meisten seiner Worte bestimmt irgendwie doch in einen richtigen Zusammenhang eingeordnet zu haben.

„In diesem Hause obliegen mir Pflichten, die derzeit keinen Aufschub dulden“, fuhr er gehoben fort „Gern richte ich den jungen Herren des Hauses aus, dass Euer Wohlbefinden sich seit dem gestrigen Abend wahrhaftig verbessert hat.“

Gut, ich gestehe es euch und mir ja ein ... Was auch immer der alte Mensch da sagte, ich arbeite heute noch daran, die genaue Bedeutung zu erfassen.

Da ich also schon damals ohne jede Ahnung oder Antwort war, starrte ich den Mann in Schwarz erst einmal nur weiter an. Kein Wunder, dass er sich wenig später in allmähliche Bewegung setzte und langsam – ja, in etwa so fließend wie eine quellende Kartoffel – zur schweren Holztür und aus dem Zimmer tappte.

>> weiter mit Lektion 29 (Band 1) >>

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