Lektion 25 oder
Menschliche Wärme

Er setzte sich einfach auf mich drauf.

Gut – nicht auf mich direkt, sondern auf dieses hölzerne Bett-Stuhl-Gebilde, das mir vor dem Wetter Schutz bot.

Es war ein Mensch. Und wenn ich mich auf meine bisherigen Erfahrungen verlassen durfte, war es sogar ein Menschenmann.

Hexenkater unter der nächtlichen Parkbank

Ja, ganz eindeutig! Er hatte weder eine große Tasche noch warf er einen Schuh nach mir. Stattdessen lehnte er sich zurück, ließ dem Regen freien Lauf und seufzte.

Erst jetzt, wo ich wieder halbwegs im Trockenen saß, merkte ich, dass mein Fell komplett durchnässt war und mir die feuchte Kälte bis in meine Knochen drang. Ich schüttelte mich – heftig, um mich der Nässe zu entledigen. Der Erfolg hielt sich jedoch sehr in Grenzen, da mir nun die kalte Luft durch die aufgestellten Haare huschte. Vor Kälte zitternd sah ich auf, spürte die Wärme, die der Körper des Menschenmannes in meine Richtung ausstrahlte.

Natürlich, Old Lady hatte mir beigebracht, dass manche Leute es nicht gut mit mir meinen würden, wenn sie meinen Namen wussten. Doch was sollte schon passieren, wenn ich diesbezüglich einfach still schwieg? Ich hatte es schließlich schon mit einem wenig sprachbegabten Hut-Menschen und seiner schuhwerfenden sowie kleine Kater in Taschen stopfenden Schwester aufgenommen ...

Womöglich wollte Old Lady mich nur auf die Probe stellen, indem sie mich bei diesen beiden ließ, kam es mir in den Sinn. Sicher wollte sie nur testen, ob ich ihre Lektionen umsetzte und aus meinen Fehlern lernte.

Wie viel schlimmer als diese beiden Exemplare konnten Menschen schon noch sein? Wichtig war anfangs ja nur, dass ich meinen Namen schön für mich behielt.


Selbstbewusst schüttelte ich mich erneut – um umgehend die luftig kalte Quittung für meinen neuerlichen Fehler zu kassieren. Wenn auch vor kalter Luft im Pelz nur so zitternd, nahm ich mich zusammen, stand auf und schlich achtsam auf die Beine des Menschenmannes zu.

Seine Kleidung war nicht besonders dick. Ich witterte regelrecht die Wärme, die seinen Körper gleichmäßig durchfloss. Sanft strich ich – erst mit dem Kopf und dann mit meiner Seite – an seinem Hosenbein entlang, bis ich darunter seinen warmen Körper spürte. Oh ja, das war viel angenehmer als die kalte Trockenheit, die mich unter dieser merkwürdigen Sitzgelegenheit umhüllte. Ich genoss die Wärme – und stellte fest, dass ich unwillkürlich schnurrte.

Ein scharfer Ruck durchfuhr das Bein, änderte jedoch nichts an seiner Position. Ich nahm wahr, wie sich der Menschenmann nach vorne lehnte, und sah auf, wo ich in ein Paar heller Augen blickte. Ihr Ausdruck zeugte von Überraschung, aber auch von Selbstbewusstsein und einer tiefgründigen Stimmung. Somit dauerte es nicht lange, bis die Überraschung einem ehrlichen Interesse wich.

„Wo kommst du denn her?“, fragte die Stimme eines jungen Mannes. Wie der Rhythmus seiner Schritte kam auch diese mir bekannt vor, fraglich war nur, woher ... Sie klang sympathisch, enthielt ein charmantes Lächeln sowie einen dezenten Witz.

Sehr behutsam griff der junge Mann nach mir. Er hob mich auf Augenhöhe und betrachtete mich sowohl leicht verträumt als auch mit zarter Neugier. Ich erwiderte seine Beobachtungen und stellte fest, dass dieser Menschenmann kaum älter als Karel war – nur war er sich seiner Selbst viel sicherer, weniger verspannt und beherrschte offenkundig die menschliche Sprache.

„Oh. Warum schielst du denn so?“, lachte er leise auf – und entriss mich zugleich meinen Überlegungen. „Dir ist bestimmt kalt, nicht wahr?“

Es war warm in seinen Händen. Ich merkte erst jetzt, dass ich immer noch vor Nässe und Kälte zitterte. Doch so angenehm es auch war, etwas in mir hielt mich davon ab, ihm vollends zu vertrauen. Also beschloss ich, nichts zu sagen – obwohl ich ihn natürlich hätte etwas fragen können. Ich sah ihn weiter an. Sein Blick wurde klarer und damit weniger verträumt, fast so, als wäre ein Schleier von seinem Geiste abgefallen.

„Komm“, sagte der junge Mann ruhig und ohne jeden Zweifel. „Wir suchen uns jetzt ein warmes Plätzchen, an dem du in Ruhe trocknen und einen Bissen zu dir nehmen kannst.“

Achtsam – und damit nicht so ruppig wie eine gewisse Menschenfrau – schob er mich in die Innentasche seines Mantels. Plötzlich geschützt vor jedem Wind und Wetter sog ich sogleich die Wärme auf. Ich schmiegte mich wonnevoll hinein, bis das Rauschen des Regens mit einem Male leiser wurde und etwas laut knarrend hinter uns ins Schloss krachte.

Jetzt wusste ich, wo ich war und in welchen Zusammenhang ich diesen Menschenmann einzuordnen hatte. Der mir nun sehr wohl bekannte Rhythmus seiner von einem hohlen Knarzen begleiteten Schritte bestätigte mich in sämtlichen Befürchtungen.

Ich war dort, wo kleine Kater besser nichts zu suchen hatten. Ich war wieder in der Burschenschaft.

>> weiter mit Lektion 26 (Band 1) >>

Schon gewusst? ^_^

Das erste große Tyrrin Hexenkater-Abenteuer "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^

Kommentare