Lektion 21 oder
Wie ich das Heimweh erlernte

„Ich wohn‘ doch nicht bei Karel!“, schnaubte ich.

„Wie du willst“, tat Lafenne meine Worte ab.

„Dann müsste ich ja länger da bleiben!“, protestierte ich. „Und irgendwer müsste es Old Lady sagen. Sie macht sich doch Sorgen, wenn ich nicht wieder nach Hause komme.“

„Ich merke schon, du weißt Bescheid“, sagte Lafenne ungerührt. Irgendetwas sagte mir, dass sie nicht unbedingt das meinte, was sie wirklich sagte.

Der kleine Tyrrin Hexenkater ist besorgt ...

Ich überlegte zur Sicherheit noch einmal, ob ich etwas übersehen hatte, kam dann aber zu folgendem Schluss: „Mh ... äh ... nein.“ Die Nase rümpfend schüttelte ich den Kopf. „Obwohl ...“

„W ... W-w-w-was ... s-s-s-s-soll ... d-d-d-d-d ...“, stotterte mir jemand dazwischen. Er brach seine Rede jedoch selber ab. Ich vermute mal, dass dieser Jemand gerade wen anderes entdeckt hatte und davon nicht sonderlich begeistert war.

Ich hörte Schritte. Sie klangen hohl sowie zugleich gediegen, überhastet und unregelmäßig.

„F-f-f-f ...“

„Spar dir dein Fenni“, rief Lafenne – ich vermute mal – Karel wütend entgegen.

Noch jemand anderes lachte. Ein Menschenmann, jedoch nicht derjenige, den Lafenne auf die Suche nach Karel geschickt hatte. „Ist das deine Freundin?“

„W-w-was ...“, stammelte Karel.

„Was ich hier mache?“, beendete Lafenne seinen Satz. „Ich passe auf meinen Bruder und seinen unschuldigen Schützling auf!“

„W-w-wo ...?“

„Darüber sprechen wir später“, unterbrach sie ihn. „Danke, dass du ihn hergebracht hast“, sagte sie blechern.

Jemand lachte belustigt. „Keine Ursache“, sagte der Menschenmann, „Wenn es weiter nichts ist?“

„Jetzt komm Karel.“

Und das Gerüttel ging von vorne los.

Das hatte man davon, wenn man in einer Tasche saß ...

Ich bekam kaum mit, was geschah. Ein abgehacktes „H-he-he-he ...“. Wieder ein dunkles Knarren, das mit einem lauten Krachen abschloss. Noch mehr und noch heftigeres Geschüttel ... Bis mich endgültig jedwede Orientierung verließ.

Mir muss wohl das Bewusstsein für eine Weile abhandengekommen sein. Jedenfalls fand ich mich irgendwann in einem völlig reglosen Beutel wieder. Irrte ich mich oder spürte ich in der Tat so etwas wie festen Untergrund unter meinen Pfoten?

Und dann all dieses Taschengerümpel um mich herum ... Das eine oder andere Döschen oder Tinkturfläschen musste sich geöffnet haben, zumindest schnupperte es ziemlich stark – ja, wonach eigentlich?

Die einengende Spannung war vollkommen aus dem Stoff der Tasche gewichen, sodass es für mich nun ein Leichtes war, sie aus eigener Kraft zu verlassen. Noch etwas wackelig auf den Beinen schob ich meinen Kopf hinaus.

Ich befand mich auf dem Bett. Vor mir saß ein ziemlich geknickter Hutmensch namens Karel auf seinem Stuhl. Im Zimmer umher lief eine sehr aufgebrachte Menschenfrau: Lafenne.

Wo war ich hier nur hergeraten? Was hatte Old Lady sich dabei gedacht?

Lafennes Worte fielen mir wieder ein. „Du wohnst doch jetzt bei Karel“, hatte sie gesagt.

Nein, wenn ich mir das alles hier so ansah, konnte das nicht sein ... Ich richtete mich auf, schob die Brust hervor und den Kopf leicht zurück.

„Ich will sofort nach Hause“, rief ich, so laut ich konnte.

Die beiden Menschen waren plötzlich still und sahen mich – ich konnte nicht in Worte fassen wie – einfach nur an.

Heute weiß ich, dass es Mitleid war.

>> weiter mit Lektion 22 (Band 1) >>

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