Lektion 19 oder
Das Mädchen

„Toll, Lafenne.“ Die Tür ging auf. „Da hast du dich wieder in einen Mist hineinziehen lassen. Papapaast dududu bibibitte auf mameine Kakatze auf? Und ich sag auch noch ja. So ein Knallkopf aber auch. Dieser Möchtegern-Haudegen – und er glaubt das auch noch. Typisch Mann. Übernimmt Verantwortung, weil ihm ein Paar hübscher Äuglein etwas vorklimpert. Und wer darf das nun wieder ausbaden?“

Ganz neu: Ab jetzt hat der Hexenkater offiziell Frauenprobleme.

Mitten im Zimmer stand plötzlich eine Menschenfrau. Sogar ein von der jungen Sorte. Nun gut, sie stand nicht wirklich im Zimmer, viel mehr rannte sie kreuz und quer darin herum. Außerdem tat sie verschiedene Dinge, wie etwas ablegen, aufnehmen oder umplatzieren – und dabei redete sie ununterbrochen, bis ...

„Oh, hallo“, sagte sie.

Da hatte ich doch glatt vergessen, unter dem Bett in Deckung zu gehen. Jetzt sah sie mich mit ihren großen braunen Augen an.

Ich sah zurück. Ihren Blick konnte ich nicht deuten. Zu meiner Verwunderung schweifte er längs von meiner Vorderseite ab zu meinem Hinterteil. Ich hatte es gerade erst in einer anatomisch perfekten Kuhle in die Bettdecke eingepasst.

Sie seufzte.

„Oh, Mann. Ich hoffe, du hast da keine Überraschung hinterlassen“, raunte sie und machte sich daran, am Bettzeug herum zu zupfen.

„Überraschung?“, wiederholte ich etwas abgelenkt, weil ich versuchte trotz der Zupferei meine Position zu halten.

Das Zupfen hörte auf. Die Frau richtete sich auf und trat selbstbewusst einen Schritt zurück.

„So ein ...“, fluchte sie. Offensichtlich war sie von irgendetwas wenig begeistert.

„Toll, Karel“, rief sie. „Das hast du gut gemacht. HA. HA. Da hast du die blöde Lafenne ja mal richtig verulkt und darfst jetzt dem Verein der gehobenen Wichtigtuer beitreten. Los, komm raus, Karel. Du hattest deinen Spaß.“

„Karel ist nicht da“, sagte ich.

Sie bedachte mich mit einem giftigen Blick.

„Er ist schon eine ganze Weile fort“, erklärte ich, „Das macht er öfter – und sogar mehrmals am Tag!“

Sie trat nun wieder einen Schritt an mich heran, kniete nieder, legte ihre verschränkten Hände vor mir auf die Bettkante und kam mir mit ihrem Gesicht so nahe, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. Ihr Ausdruck erweckte den Anschein, als wolle sie mich prüfen. Doch ich guckte noch prüfender zurück.

„Daas iist niicht meehr luustiig, Kaaaareeel“, rief sie sehr laut und gedehnt. Ich legte vor Schreck die Ohren an und kniff die Augen fest zusammen.

Dann stand die Menschenfrau auf, stemmte ihre Arme in die Hüfte und wandelte ungeduldig gelassen im Zimmer umher.

„KAAAREEEL!“, rief sie erneut und nicht besonders freundlich.

„Du bist merkwürdig“, sagte ich zu ihr.

Sie sah mich zwar kurz an, ignorierte mich dann aber.

„KAAAREEEL!!!“

Doch dann begriff ich. Diese Menschenfrau musste besonders sein. Also besonders im Sinne von sonderlich. Denn ganz offenkundig verstand sie die menschliche Sprache nicht – welche ich für meinen Teil inzwischen ziemlich gut beherrschte. Meinem neuen Mitbewohnermenschen hatte ich sie sogar recht erfolgreich lehren können. Daher griff ich zu meiner bewährten Unterrichtsmethode.

„KAAAREEL IIIST NIIICHT DAAA“, sagte ich so verständlich wie nur irgend möglich.

Mein Plan ging auf. Die Menschenfrau sah mich wieder an. Ja, sie betrachtete mich – immer noch wenig erfreut, aber mit echtem Interesse. Ich beging den nächsten Schritt.

„MAAAIIN NAAAAMEEE IIIST TYRRIN.“

„Na toll, jetzt ist das Ding auch noch kaputt“, murmelte sie und rollte mit den Augen.

„Was ist kaputt?“, wollte ich wissen.

Jetzt sah sie mich wieder an, diese Mal aber anders. Dann kam sie auf mich zu, packte mich im Nacken und hob mich hoch. Eingehend musterte sie mich. Ich musterte zurück.

„Was hat er mit dir angestellt?“, raunte sie mehr zu sich als zu mir. Außerdem verstand ich sowieso nicht, worauf sie hinaus wollte. Daher wiederholte ich mich noch einmal – nur zur Sicherheit.

„Mein Name ist Tyrrin“, sprach ich.

„Das sagtest du schon“, meinte sie abwesend.

„Äh ... und wie heißt du?“, fuhr ich mit der Unterhaltung fort.

„Lafenne“, sagte sie. „Lafenne Mutwill.“

„Lafenne Mutwill“, wiederholte ich gehorsam. „Das ist aber ein interessanter Name.“

„Aha“, meinte sie und setzte mich auf dem Bett ab. „Ähm, Karel hat dir nicht zufällig gesagt, wo er hin wollte?“

Ich schüttelte den Kopf. – Doch ich wusste eines. Old Lady hatte einmal gemeint, dass bestimmte Leute Unfug mit meinem Namen treiben wollten, wenn sie es böse mit mir meinten. Aber bei dieser Menschenfrau war ich mir sicher.

Mein Instinkt sagte mir, sie ist in Ordnung.

Ich stellte fest: Ich mochte sie.

>> weiter mit Lektion 20 (Band 1) >>

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