Lektion 18 oder
Maßstäbe

Wie der Hexenkater grinst ... Sehr verdächtig ...
Es dämmerte schon zum Tagesanbruch und dieser Mensch mit ohne Hut schlief tatsächlich immer noch!

Aber wen wundert das? So hatte er mich den ganzen letzten lieben langen Tag auf Trab gehalten. Ständig hatte er auf seinem Stuhl an diesem mit weiß-gelben Schichten übersäten Tisch gesessen und alles Mögliche um-, über- oder durchgeblättert. So was von nervig!

Dieses Geknister und Geraschel konnte einen regelrecht in den Wahnsinn treiben, wenn man sich mal hingebungsvoll auf den wohlverdienten Schlaf konzentrieren wollte. Immer wieder musste ich aufpassen, aufmerken und aufsehen, um zu gucken, was dieser Mensch da vor sich hin trieb. Damit nicht genug, stand er auch noch regelmäßig auf, lief durch die Gegend – mal ging er einfach im Kreis, mal verschwand er für ein paar Minuten aus dem Zimmer und kam sehr erleichtert wieder und einmal blieb er sogar für mehr als eine halbe Stunde weg, wobei er mir anschließend etwas Undefinierbares vorsetzte, das ich ernsthaft essen sollte ... Er nannte es „Kantine“.

Hatte Old Lady so etwas auch gemacht? Also, ich weiß ja nicht ...

Zwar hatte sie sich jede Nacht in ihr Zimmer eingesperrt, das – so viel hatte ich durch meine regelmäßigen Guerillastreifzüge in dieses Areal mitbekommen – eine ähnlich halbhohe Fläche wie dieses Zimmer hier enthielt. Jedoch hatte ich Old Lady nie darauf liegen sehen.

Dieser Karel-Mensch war mir inzwischen zwar etwas vertrauter geworden, aber er erschien mir weiterhin reichlich merkwürdig.


Oh ... Er regte sich ... Das wurde ja auch Zeit.

Interessiert beobachtete ich, wie sich der Rhythmus seiner Atmung veränderte. Das zusätzlich aufgepolsterte Kopfende der Liegefläche eignete sich dafür hervorragend als Beobachtungsposten.

Dann drehte er sich um – einfach so – und damit weg von mir! Das passte mir nicht. Also schlich ich um seinen Kopf herum und setzte meine Beobachtung geduldig fort.

Er rümpfte die Nase und zog sich murrend die Decke über das Gesicht ...

Hab ich's doch gewusst! Mama hatte immer genau das Gleiche gemacht – nur mit ihren Pfoten anstelle einer Bettdecke.

Er hatte mich bemerkt und ignorierte mich!

Lautstark dröhnte ein wuchtiges Donnern von der Zimmertür. Und das, noch bevor ich mir eine passable Jagd-unter-der-Bettdecke-Strategie zurechtgelegt hatte.

Karel saß plötzlich aufrecht in seinem Bett – und ich vor lauter Schreck darunter.

Es hämmerte erneut. Die Tür flog beinahe aus den Angeln. Irgendetwas sehr, sehr Großes wollte offenkundig hier hinein.

„J-ja ... b-bi ...“

„Mach auf, Karel. Ich bin‘s!“, brüllte jemand von draußen.

„Ein Drache“, flüsterte ich in unguter Erwartung. Doch Karel sprang auf und hastete im flatternden Nachtgewand zur Tür.

„Mach nicht auf!“, rief ich – und rückte ein Stück zurück. Karel hielt sogar inne und sah sich verschlafen nach der Ursache für diese Warnung um.

„Los Karel, mach auf!“, dröhnte es von der anderen Seite der Tür. Es klang weder freundlich, noch nach geschäftiger Eile. Es klang nach einem Befehl – und Karel reagierte. Er öffnete die Tür.

Ich blieb, wo ich war, bereit zum Angriff – und zur Flucht, sofern sie denn nötig würde.

„Was denn?“, hörte ich den Eindringling in bulligem Tonfall sagen. „Wieder bis in die Nacht gebüffelt, wa?“

„Si-sieht ... w-w-wo-wohl s-so ...“

„Schon gut, Kleiner.“ Der Eindringling lachte. Ich mochte es nicht, wie er lachte. „Hauptsache du bist fertig.“ Er lachte noch einmal.

„Oh ... j-j ...“, begann Karel, eilte jedoch, noch bevor er fertig gestammelt hatte, zu dem Tisch, wo er in den weiß-gelblichen Zettelunterlagen umherwühlte, sich an einem Fluch versuchte und noch hektischer in den Papieren grub.

„Was denn?“, wurde der Eindringling ungeduldig.

„E-entsch-sch-schuldige“, presste Karel mit Mühe hervor, während er emsig dieses flatterige Papierzeug sortierte. Keine Ahnung, was er daran so toll fand. Ich hatte mich letzte Nacht eingehend damit beschäftigt und diese Dokumentdinger untersucht – ja, sogar das eine oder andere Teil davon im Kampf erledigt –, aber so richtig schlau geworden, war ich daraus nicht.

„D-die K-k-ka-Katze ... i-ich ... Mo-mo-ment“, plapperte er.

Auf einmal gab sich der Eindringling gelassen.

„Ha!“, lachte er so laut auf, das ich unter dem Bett zusammenzuckte. „Du machst es uns nicht leicht mit dir, Karel. Wenn es schon an so einer Kleinigkeit scheitert ...“

„H-hier!“, rief Karel. Ich hörte ein fülliges Knistern, wie von einem dicken Stapel aus Papier. „A-alles f-f-f-fertig.“

„Oh, in dem Fall“, lachte der Eindringling. Er lachte dreckig. „Dann sehen wir uns morgen Abend.“

Die Tür schlug zu. Der Eindringling war fort. Karel atmete erleichtert auf.

Ich wusste, dass Karel mir komisch vorkam, wobei ich ihn im Großen und Ganzen eigentlich doch mochte. Denn jetzt verstand ich, was es bedeutete, jemanden nicht zu mögen. Dieser Eindringling eben ...

Mein Instinkt sagte mir, er war nicht gut. – Und ich brauchte mich nicht einmal dazu entscheiden. Ich mochte ihn von vornherein schon nicht.

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