Lektion 12 oder
Der Gentleman

Tyrrin Hexenkater kriegt Besuch
Ich war allein im Zimmer. Old Lady hatte etwas in der Küche zu schaffen. Und Mutter beobachtete sie dabei.
Ich war gerade drauf und dran, mich einer unerhört und einfach so herumliegenden Wollmaus an die Kehle zu werfen, als ...

„Pruchärach! Pruäharchuh!“

Auf einmal stand ein riesiger Berg in der Tür – prustend, hustend, ächzend, stöhnend ...
Von einer Sekunde zur nächsten hatte ich einen agilen Satz zur Seite gemacht, mich auf die äußerten Spitzen meiner Zehen gestellt, den Rücken zum Buckel gespannt, mein Fell bis zum Bersten gestäubt – und mich erfolgreich zu meiner doppelten Größe aufgeplustert.

„Pruchäharch ... Wer bist du denn?“

Ich fauchte und tippelte ein paar Schrittchen zurück.

„Hrchä! Verstehe.“

Ich beruhigte mich von jetzt auf gleich. Der Berg sprach wie ein Mensch! Und wo waren meine Manieren ...

„Mein Name ist Tyrrin.“

„Sehr erfreut, Hurächah!“

„Und wie ist dein Name?“

„Nicht wichtig ... chrährrr!“

„Oh“, stutzte ich, „Das ist aber ein ... interessanter Name.“

„Anscheinend bin ich richtig, chruchrg“, sagte der Mensch. „Hier wohnt doch die alte Frau aus dem Fremdland? – In der Tat also ne Hexe ... Was schielst du so? Chruhärcha!“

„Äh ... Wie bitte?“

„Sach ma, bist du sowas wie ein Papagei, der nur Geräusche von sich gibt, oder verstehst du wirklich, was ich sage?“

Ich sah den Menschen an. Er hatte Haare im Gesicht, viele davon waren grau und weiß. Und dann hing ihm so viel Haut von den Wangen ... Also gesund sah das nicht aus.

„Was ist ein Papagei?“, fragte ich.

„Tyrrin!“, stürzte Old Lady herein.

„Redseliges Kerlchen“, sagte der Mensch.

„Pardon?“

„Der kleine Hexenkater ... Huärcha!“

„Was ist denn nun ein Papagei?“

„Tyrrin!“

„Ein bunter Vogel mit vorlautem Mundwerk.“

„Ein bunter Vogel?“

„So einer wie du, nur mit Federn.“

„Hä? – Ich meine: Wie bitte?“

„Besonders helle ist er ja nicht.“

„Er ist nur jung und sehr neugierig“, entgegnete Old Lady. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Junge Frau, ich such die alte Hexe, die hier wohnen soll. Sie ist eine Landsmännin von mir, wenn ich recht gehört habe.“

„Oh, Sie haben recht gehört“, bestätigte Old Lady. „Und die alte Hexe steht vor Ihnen.“

„Mädchen, ich suche nicht die Schülerin. Chuercha! Ich will die Meisterin dieser Hexenküche sprechen.“

„Auch diese steht bereits vor Ihnen“, sagte Old Lady mit verständnisvollem Sanftmut. „Ich vermute, es geht um Ihren Husten?“ Sie machte sich auf zum Regal über ihrer Mixtur-Theke.

„Der Husten klingt wirklich furchtbar“, merkte ich an.

„Du zählst doch höchstens dreißig Winter“, stellte der Mensch fest.

„Im nächsten Jahr, um genau zu sein“, präzisierte Old Lady und zerrieb etwas Scharfes in ihrem Mörser. „Sie haben ein gutes Auge.“

„Chuhahäraha ...“, räusperte sich der Mensch. „Du weißt schon, dass der Name, den sie dir hier gegeben haben, deine Landsleute heftig in die Irre leitet, Mädchen?“

„Wer sagt, dass die Leute mich so genannt haben“, erwiderte Old Lady geschäftig bei der Arbeit.

„Wie heißt du wirklich?“

„Old Lady!“, antwortete ich eifrig.

„Das ist nicht ihr Name, kleiner Hexenkater. – Hurahärsch! – So nennt man sie hier nur.“
Prüfend legte ich meinen Kopf zur Seite.

Old Lady bedeutet in meiner Sprache Alte Dame. Doch deine Meisterin ist noch lange nicht so alt, um diese Anrede ernsthaft zu verdienen.“

„Aber warum nennt man sie dann so?“

Der Mensch sah zu Old Lady und grinste.

„Das, kleiner Hexenkater, ist eine sehr, sehr kluge Frage“, raunte er mir heiser zu. „Warum nennt man eine junge Frau in ihren besten Jahren eine alte Dame?“

„Weil die Menschen hier meine Muttersprache nicht verstehen und sich an der wahren Bedeutung dieser Worte nicht weiter stören“, gab uns Old Lady zu verstehen.

„Aber dein Name ist wichtig!“, warf ich entrüstet ein. „Deshalb muss man ihn immer gut und richtig aussprechen können, damit ihn alle anderen auch verstehen. Das hast du mir selbst gesagt.“

„Ach, hat sie das? Chrächrua!“ Der fremde Mensch lächelte – aber freudlos.

Old Lady kippte den Inhalt des Mörsertigels in ein kleines Leinensäckchen.

„Ja, Tyrrin“, sprach sie. „Dein Name ist wichtig. Doch manchmal muss man besonders aufpassen, wem man ihn verrät. Nicht jeder, der deinen Namen kennt, hat mit ihm etwas Gutes im Sinn.“

„Ich ... ähm ... verstehe ...?“, meinte ich unsicher.

Dann sagte Old Lady etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand. Es war die Menschensprache – daran hatte ich keinen Zweifel. Jedoch gehörten die gesprochenen Worte nicht zu denen, die ich bereits kannte.

Der Mensch lachte trocken und hustete eitrig. Er antwortete in ähnlich fremden Worten, die Old Lady erwiderte, während sie ihm das kleine Leinensäckchen überreichte. Schließlich sagte der Mensch „Danke“ und grinst dreckig zu mir herüber.

„Wer bist du?“, platze die Neugier aus mir heraus.

„Nenn‘ mich Young Gentleman“, sprach er mit rauem Gelächter und ging.

Verwundert sah ich Old Lady an. Sie war irgendwie anders. Heute würde ich sagen, sie wirkte älter. Denn ihre Züge waren so ernst und voller Sorge.

„Old Lady?“, fragte ich vorsichtig.

„Ja?“

„Wie ist dein echter Name?“

„Kleiner Tyrrin“, sprach sie und kniete vor mir nieder. Liebevoll strich sie mir mit ihrer Hand über den Kopf. „Es ist für uns beide besser, wenn du ihn erst einmal nicht erfährst.“

>> Weiter geht es mit Lektion 13 (Band 1) >>

Schon gewusst? ^_^

Das erste große Tyrrin Hexenkater-Abenteuer "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^

Kommentare

  1. Hallo ihr beiden, falls ihr zwischen den spannenden Katzengeschichten vielleicht Lust habt 11 kleine Fragen zu beantworten, würde ich mich sehr freuen, denn ich möchte gerne einen Award an euch weitergeben =)
    ganz liebe Grüße und ein schönes und entspanntes Osterfest

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Cool! Danke! ^///^
      Das ist echt lieb von dir! Klar, die 11 kleinen Fragen lassen sich einrichten. ^.~
      Liebe Grüße und auch dir einen fleißigen Osterhasen ^.^
      Platti

      Löschen

Kommentar veröffentlichen