Lektion 9 oder
Wie Mensch sich vorstellt

Katze wird gestreichelt
„Wie heißt du?“, sprach Old Lady.

„Triiuhm“, sagte ich.

„Trium?“, fragte Old Lady in Erwartung einer Bestätigung.

Interessiert sah ich sie an – um nicht zu sagen: „Hä?“ Doch das hatte Old Lady mir bereits erfolgreich abgewöhnt.

Wir beide sprachen so viel miteinander, wie nur irgend möglich – den lieben langen Tag. Old Lady brachte mir Worte und ihre Bedeutung bei und – darauf legte sie besonderen Wert – gab mir ständig eine sehr, sehr wichtige Lektion in gutem menschlichen Benehmen. Der Ausdruck 
„Hä?“ zählte beispielsweise nicht dazu. Also verwendete ich die gleichbedeutende und offiziell anerkannte Version ...

„Wie bitte?“, sagte ich.

„Ist dein Name Trium?“, fragte Old Lady geduldig.

Schockiert rümpfte ich die Nase und schüttelte den Kopf.

„Mein Name ist ... T ... Tierum“, sagte ich dieses Mal mit weitaus mehr Bedacht.

„Ah, du heißt also Tierum.“

Mh ... Aus ihrem Mund klang das immer noch nicht richtig.

„Ich heiße ... Trinn!“

„Oh, Trinn ist dein Name!“

Nein, nein, das stimmte auch nicht. Vor lauter Kopfschütteln entfuhr mir ein leises Schnauben.

„Wie? Nicht richtig?“, sagte Old Lady voller Mitgefühl. „Versuche es noch einmal, aber langsamer, Silbe für Silbe, Laut für Laut. Dein Name ist wichtig, weißt du? Er sagt allen anderen, wer du bist. Deshalb ist es besonders wichtig, dass du ihn gut und sauber aussprichst, sodass er von jedem gut verstanden wird.“

Ich nickte und merkte es mir.

Old Lady strich mir sanft über den Kopf. Ein Schauer der Aufregung erfasste mich. Plötzlich fing ich an, mich heftig zu putzen, stoppte abrupt und sah aufmerksam zu ihr auf.

„Na? Los, noch ein Versuch“, ermutigte sie mich – und ich gehorchte ...

„Mein Name ist“, begann ich meinen Satz und überlegte dann, womit genau ich anfangen sollte ... T ... dann Y ... dann R ... dann I ...

„Tyrieh ...“, setzte ich an, hielt dann aber inne. Nein, das war's noch nicht.

T, dann Y, dann R ... und dann noch mal ein R! Dann I ... und dann zum Abschluss N.

„Tyrrin“, schoss es aus mir hervor.

„Dein Name ist Tyrrin?“

Das klang richtig. Ich nickte freudig – und schaffte es gerade so, meinen natürlichen Putzzwang zu unterdrücken.

„Oh, das ist auch ein ziemlich schwieriger Name.“ Old Lady streichelte mich erneut. „Aber ein Name, der für Neugier spricht – und für Einfallsreichtum.“ Sie lächelte. „Der Name passt zu dir.“

Mir schwoll glatt die Brust vor Stolz, bis ich merkte, dass Old Lady höchst erwartungsfroh zu mir herüber blickte.

Ich sah unverblümt zu ihr zurück.

„Und? Mein Name?“, soufflierte sie mir leise zu.

So ganz begriff ich's trotzdem nicht ...

„Äh ... Menschin?“, rief ich.

„Bitte, was?“

„Nein ... Frau! Menschenfrau?“, verbesserte ich mich.

Sie betrachtete mich eingehend, erst musternd, dann verstand sie.

„Du kannst mich Old Lady nennen“, räumte sie ein.

„Ohld Lädi“, wiederholte ich gelehrig.

„Old Lady“, sagte Old Lady ruhig.

„Old Lady“, sprach ich ihr aufmerksam nach. „Das klingt komisch“, stellte ich fest.

Ihr Blick wirkte amüsiert – im Unterschied zu ihren Worten.

„Tyrrin!“

Ich hatte also etwas falsch gemacht. Ich konnte nicht sagen, was es war. Doch wenn Mama ausschließlich meinen Namen sagte, war das so gut wie immer der Fall. Und eines kann ich euch sagen, liebe Mädchen und Jungen, liebe Kätzlein und Katerchen, meinen eigenen Namen bekam ich lebenslang sehr oft zuhören.

„Tyrrin, das gehört sich nicht.“

Ich sah sie an, putzte mich am Oberschenkel und sah sie wieder an.

„Das heißt nicht komisch.“ Old Lady hob belehrend ihren Zeigefinger. „Wenn sich dir jemand vorstellt – und sich der Name komisch anhört, dann sagst du: Das ist aber ein ... interessanter Name.

„Interes-sant.“ Ich nickte.

„Also lautet der ganze Satz?“

„Das-ist-aber-ein-in-te-res-san-ter-Name?“, rezitierte ich.

„Du musst die Pause vor dem Wort interessant noch etwas ausdehnen, aber im Großen und Ganzen klang das schon recht vernünftig.“

„Ich verstehe“, gab ich ihr zu verstehen. Das war übrigens auch eine von diesen Wendungen, auf welche die Menschen einen gewissen Wert zu legen schienen. Und das hatte ich sogar ganz ohne Old Ladys Hilfe herausgefunden. Hin und wieder verfielen Menschen – beziehungsweise Old Lady – in nicht enden wollenden Erklärungsbedarf. Wenn man Pech hatte, konnte dieser bis zu mehreren Stunden andauern. Zum Glück war ich schon ziemlich früh auf diese besondere Formulierung gestoßen. „Ich verstehe“ – damit gab man seinem Gegenüber nämlich zu verstehen, dass es sich wieder einmal verplappert hatte und man selbst inzwischen genug von seiner eigenen Zeit geopfert hatte. Sehr praktisch, wie ich finde – vor allem da Old Lady nach diesen Worten immer überaus dankbar lächelte und nickte.


Doch wo war ich stehen geblieben ... Genau.

Ich beendete mit einem höflichen „Ich verstehe.“ den Redeschwall von Old Lady.

Sie lächelte und nickte.

„Gut“, sagte sie, „dann lass es uns noch einmal von vorn probieren.“

Ich nickte, setzte mich aufrecht hin und wartete auf mein Stichwort.

„Wie heißt du?“, sprach Old Lady.

„Mein Name ist – Tyrrin“, sagte ich.

„Oh, das ist ja ein sehr schöner Name“, erwiderte sie und winkte mir ermutigend zu.

„Äh ...“, sprach ich, „Und ... wie heißt ... du?“

„Du kannst mich Old Lady nennen“, sagte sie und begann erneut zu winken.

„Das ist aber ein – interessanter Name“, meinte ich.

Old Lady klatschte aufgeregt.

„Siehst du, Tyrrin, wie einfach das ist?“, rief sie. „Noch ein paar Verfeinerungen an deiner Aussprache und wir können dich in die richtig vornehme Gesellschaft einführen ...“

„Ich verstehe“, sagte ich.

>> weiter mit Lektion 10 (Band 1) >>

Schon gewusst? ^_^

Das erste große Tyrrin Hexenkater-Abenteuer "Dieses Hutmenschenkomplott" kannst du jetzt auch in der gedruckten Taschenbuchausgabe und als eBook lesen! ^o^

Kommentare