Lektion 7 oder
Wie Menschen nicht schlafen

„Tyrrin, was hast du jetzt wieder gemacht?“

Mama war aufgesprungen und offenbarte einen aufgebrachten Eindruck.

„Äh ...“, sagte ich und warf einen verunsicherten Blick über den Rand des Körbchens, hinab auf den Boden.

„Ist sie ...? Ist sie etwa ...?“, stammelte Sissi, wie so oft den Tränen nahe.
Tyrrin hat Mist gebaut
„Ach was, von so etwas stirbt man nicht!“, widersprach ich bissig. „... oder, Mama?“

„Nun ...“ Mama suchte nach den richtigen Worten. Doch dann zog sie die Tat der Rede vor und sprang aus dem Körbchen.

So geschmeidig – wie es nur uns Katzen eigen ist – und mit erfahrener Achtsamkeit umrundete sie das Objekt ihrer Neugier in gebührendem Abstand. Prompt kullerten wir allesamt hinterher. Kurti hatte derweil heftig zugelegt, sodass unser Schlafkorb vornüber kippte und mit uns durch die Stube rollte.

Dann taten wir es Mama gleich – na ja, mehr oder weniger, und nicht besonders systematisch.
Gespannt beobachteten wir den reglosen Körper vor uns, in angemessener Distanz versteht sich.
Hubert-Josef war so sehr in sein Gleichzeitig-Gucken-und-Schleichen vertieft, dass er versehentlich auf Betti auflief. Diese schrak in einem haarsträubenden 540-Grad-Drehsprung auf und fauchte alles an, was sich bewegte. Beinah brachte sie damit die ganze Mission zum Scheitern!

Zu unserem Glück passierte nichts.

Mama hatte sich von uns am weitesten vorgewagt und erreichte bereits das Kopfende. Doch es dauerte nicht lange, bis ich aufschloss. Unauffälliges Anstarren und zeitgleiches Anpirschen beherrschte ich indessen aus dem Effeff.

Noch immer schien Mama sehr besorgt.

„Und?“, fragte ich.

Mama schwieg, schlich näher heran und setzte ihre Untersuchung fort.

Also trat auch ich heran. Hinter mir trat wieder eines meiner Geschwisterchen auf ein anderes und wurde mit giftigem Gequietsche bestraft.

Da lag sie, reglos, friedlich, völlig unbescholten – Old Lady.

„Das macht sie doch öfter“, stellte ich enttäuscht fest. Na schön, ein bisschen erleichtert war ich auch.
Mama schenkte mir einen verständnislosen Blick.

„Na, in ihrem Körbchen!“, erklärte ich. „Dem großen kantigen Kasten in ihrem ... äh ... Revier.“

„Woher weißt du ...?“, begann Mama, hielt dann jedoch inne. „Das ist nicht dasselbe, Tyrrin.“

Sie sprach ruhig, aber nicht weniger beunruhigt.

Aufmerksam neigte ich meinen Kopf zur Seite. Ein Schauer erfasste mich, ganz plötzlich. Ich schüttelte mich und bekämpfte den spontanen Juckreiz mit einem meiner Hinterläufe. Dann sah ich Mama wieder fragend an.

„Nun ...“, sprach sie besonders sorgfältig, „Menschen schlafen nicht auf dem Boden.“

„Auch nicht, wenn gerade die Sonne darauf scheint?“, hakte ich neugierig nach.
Erneut hatte ich Mama auf dem falschen Fuß erwischt.

„Na ja ...“, überlegte sie. „Wahrscheinlich gibt es auch Ausnahmen.“ Sie sann noch einmal nach. „Aber ganz bestimmt fallen Menschen nicht einfach so um. Menschen legen sich immer etwas drunter – wenigstens.“

Ich nickte begreifend.

„Ist sie ...? Ist sie etwa ...?“, fing Sissi schon wieder an und schniefte.

Keiner traute sich zu antworten. Alle sahen wir auf die der Länge nach am Boden befindliche Menschenfrau.

„Sie atmet“, stellte Mama fest und seufzte befreit. Sogleich brach unter uns allen eine freudige Erleichterung hervor. Wir atmeten auf. Sissi schniefte – dieses Mal vor Freude.
Also dann ...

„Mama, was ist atmen?“, fragte ich.

Dank der allgemein positiven Laune wurde meine Nachfrage nicht mit dem üblichen „Tyrrin!“ honoriert. Im Gegenteil. Mama lächelte gutmütig – und antwortete: „Siehst du, wie sich ihre Brust ganz leicht hebt und wieder senkt?“

Ich sah hin, erkannte den Vorgang und nickte.

„Sie atmet“, fuhr Mama fort. „Sie holt Luft und stößt sie wenig später wieder aus. Menschen brauchen das, um zu leben.“

Ein erstauntes Raunen glitt durch unsere Runde. Fasziniert beobachteten wir das gleichmäßige Auf und Ab und Auf und Ab und AUF ...

Jetzt wurde es spannend.

Die Brust der Menschenfrau hob sich – erheblich deutlicher als die vorangegangenen Male. Alle drängelten wir uns näher heran. Jeder wollte besser sehen. Jeder schob sich vor. Jeder verhakte sich. Kurti trat mir auf den Schwaz, zurückfauchen konnte ich jedoch nicht – ich hing mit dem Kopf in der falschen Richtung fest.

„HUAHHÄCHÄ!!!“

„Hcccchhhhh!“

Rumps.

Plump.

„Miiiäächr!“

Old Lady war aufgewacht – und wir hingen in einem flauschigen Mopp aus samtigen Pfötchen, pelzigen Ohren und ungeduldig zuckenden Schwänzchen fest und zusammen.

Vor lauter Schreck hatten wir uns völlig – und damit absolut hilflos – ineinander verknotet und verhakt.

>> weiter mit Lektion 8 (Band 1) >>

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