Lektion 5 oder
Meine erste Geschichte

Kleine Katzen lauschen einer Geschichte

„Der Pfau und die Schwalbe.“

Nein, bin ich schön, seufzte der Pfau.“ Old Lady umschmeichelte theatralisch mit den Händen ihr Gesicht.

Ach, bin ich herrlich, sprach der Pfau und schlug sein prachtvolles Rad, sodass ein schimmerndes Farbenspiel entbrannte. Grün, blau, golden – sein glänzendes Federkleid leuchtete in jedem nur denkbaren Kolorit.“

Wahrlich, du bist schön, staunte die kleine Schwalbe“, Old Lady hatte ihre Stimmlage erhöht und flüsterte nun voller Ehrfurcht.

Ja, ich bin wunderbar, nicht wahr?, stolzierte der Pfau am Weiher entlang und genoss sein Spiegelbild in dem kristallklaren Wasser.“

Hast du je etwas so Schönes gesehen?, sprach der Pfau zur Schwalbe und schlug sein schweres Rad behäbig auf und zu und auf und zu ... So erhaben ließ er es in der Sonne glänzen und die langen Federn an einander rauschen.“

„Oh, wie bin ich doch hinreißend, hauchte der Pfau.“

Ja, wie zauberhaft schön du doch bist, bewunderte ihn die kleine Schwalbe. Geschickt flatterte sie um das wallende Gefiedermeer herum und genoss den fabelhaften Anblick.“

„Jetzt warf auch der Pfau einen Blick auf den zierlichen, kleinen Vogel. Aus seinem Gebaren sprachen nun Hochmut und bedeutungsloses Mitleid.“

Old Lady hatte sich in ihrem Sessel aufgesetzt, hob erhaben ihren Kopf und seufzte mit gekünstelter Teilnahme.

Was für ein armselig Ding du bist, sprach der Pfau und ließ sein Gefieder jetzt noch schillernder erstrahlen. Hast kaum Farbe. Hast kaum Federn. Hast kaum Flügel. Ja, du bist ja kaum ein Vogel!

„Bedrückt ließ sich die kleine Schwalbe auf ein nahes Zweiglein nieder.“ Old Lady machte sich klein, „Ob auch ich einmal so schön sein werde?

„Eindrucksvoll schlug der Pfau mit seinen breiten Flügeln und stellte sich in Pose.“

In dieser Herrlichkeit kann man nur geboren werden, erwiderte der Pfau, nicht jeder taugt zu einem Leben in so nahtloser Erlesenheit. Manche werden nie gesehen. Zu unscheinbar. Zu klein. Zu geschwind. So wie du.

„Traurig sank die Schwalbe in sich selbst hinein.“

„Da sprang der Fuchs aus dem Gebüsch hervor!“ Old Lady sprang von ihrem Sessel auf. Wir zuckten allesamt zurück.

„Schon war die Schwalbe in der Luft und flatterte aufgeregt umher. Auch der Pfau schlug schwer mit seinen weiten Schwingen. Doch es war zu spät. Kaum war der Pfau mit seinen Beinen in der Luft, hatte ihn der Fuchs sogleich am Rad gepackt, seinen Rücken bezwungen und ihm die Kehle durchgebissen.“

Aber Herr Reineke, rief die Schwalbe zu dem Fuchs, Warum hast du das getan, er ist doch viel zu schön!

Nicht schöner als jedes andere gute Mahl, wenn man großen Hunger hat, widersprach der Fuchs. Schön viel, schön fett, schön saftig und vor allem gut zu sehen und zu fangen.

„Seht ihr Kätzchen“, fuhr Old Lady nun in eigenen Worten fort. „Gespielte Größe und grundlose Fassade werden leicht verhängnisvoll, wenn man diese nicht zu lenken weiß. Also merkt euch die Moral dieser Geschichte.“

Ich, Tyrrin, merkte sie mir.

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